Band 241, 2016, Titel: Künstler als Kuratoren: Manifesta 11, S. 118

Francesca Gavin

Zur Welt der Arbeit mit gewisser Vorliebe für Frauen

Ein Gespräch mit der Co- Kuratorin der historischen Ausstellung »Sites Under Construction«

Von Heinz-Norbert Jocks

Francesca Gavin, wurde von Christian Jankowski eingeladen, den historischen Part der Manifesta mit dem Titel „The sites under construction“ zu co-kuratieren. Sie ist Autorin, Kuratorin und Herausgeberin, arbeitet als Visual Arts Editor bei Dazed, außerdem als Redakteurin für die Magazine AnOther und Sleek Magazine, Kunst-Editor des Twin Magazine sowie Autorin für Publikationen wie Another Man, Vogue, Wallpaper, Elle, Guardian online und Timeout. Sie ist Kuratorin der Soho House group und konzipierte internationale Ausstellungen wie „The New Psychedelica“ in Eindhoven, „E-Vapor-8“ in New York und „The Dark Cube“ im Palais de Tokyo, Paris.  

Heinz-Norbert Jocks: Wie kam es zu der Einladung von Christan Jankowski?  

FRANCESCA GAVIN: Er hat mich im Herbst hinzugezogen. Zu dem Zeitpunkt hatte er bereits die Idee einer historischen Ausstellung im Kopf, sowohl als Rahmen wie auch als Kontrapunkt zu den eigens für die Manifesta in Auftrag gegebenen Arbeiten, über die er sich mit den partizipierenden Künstlern ausgetauscht hatte. Ich selbst betrachte diesen speziellen Teil der Manifesta als Versuch, das Ganze in einen konzeptionellen Kontext zu stellen. Wahrscheinlich ist die Höhlenmalerei von Lascaux die erste Darstellung von Menschen, die arbeiten, in diesem speziellen Fall von Jägern. Die Repräsentation des Motivs der Arbeit ist etwas für die Kunst durch die ganze Geschichte hindurch Wesentliches, einer von vielen roten Fäden. Eine wirklich umfangreiche Darstellung des Themas, also eine komplette Übersicht war von daher weder möglich noch beabsichtigt. So setzten wir den Akzent auf die letzten fünfzig Jahre, während die von Christian für die Manifesta in Auftrag gegebenen Werke für die Gegenwart, also für das Heute stehen. Er war also derjenige, der mich bat, seine Idee weiterzuentwickeln, ihm bei der Gestaltung zu helfen, die Organisation zu übernehmen und mich um die kuratorischen Abläufe zu kümmern. Meine Perspektive ist insofern eine andere als die Seinige, als dass ich keine Künstlerin, sondern Autorin und Kuratorin bin. Von daher unterscheidet sich mein Zugang zu der Thematik klar von seinem. Was uns verbindet, sind die sich überschneidenden Interessen. Der Humor ebenso wie der Wunsch, die Tore für ein möglichst breitgefächertes Publikum zu öffnen, und die Art und Weise, Werke thematisch zu betrachten. Um das Sujet möglich umfassend anzulegen, teilten wir die Ausstellung in elf thematische Felder. Dazu gehören „Von Jägern und Astronauten“, „Porträts von Berufen“, „Berufe in der Kunstwelt“, „Selbstporträts und Eigenwerbung“, „Arbeitswelten“ in Bezug auf das Umfeld des Arbeitsplatzes, „Kunst als Zweitberuf“, „Arbeitspause“ im Hinblick darauf, wie unsere Arbeitspausen durch die Arbeit definiert werden, „Künstler in anderen Berufe“, bezogen darauf, wie Künstler sich der Methoden oder Abläufe in anderen Berufen bedienen, und „Kunst als ein Zweitberuf“. Angesprochen wird da der mich persönlich faszinierende Tatbestand, dass Künstler nicht zwangsläufig ihren Lebensunterhalt mit Kunst bestreiten, was zur Folge hat, dass es noch andere als nur kunsthistorische Inspirationen und Einflüsse auf ihre Werke gibt. Weitere von uns im Helmhaus aufgeschlagene Kapitel betreffen die „Berufe in der Performance-Kunst“ sowie die „Kunst ohne Künstler“ vor dem Hintergrund der Frage, wie Werke ohne Künstler entstehen. Ein anderer Raum ist den „Berufen in Musik, Literatur und Film“ im Hinblick darauf gewidmet, wie Berufe in der Alltagskultur dargestellt werden. Das geschieht auf recht direkte Weise, und ist durchaus unterhaltsam.  

Inwiefern?  

Ja, dazu gehören unter anderem Lieder zu verschiedenen Berufen, die von Charles Mingus „The Clown“ bis hin zu „9 to 5“ von Dolly Parton reichen, oder Bücher, die Berufe im Titel tragen. Im Pavillon of Reflections werden darüber hinaus Filme vorgeführt, die entweder sich auf Berufe beziehen oder mit solchen betitelt sind. Unsere Vorstellungen von Arbeit sind stärker durch die Alltagskultur als durch unsere eigenen Erfahrungen geprägt. Der Feminismus, der durch Filme popularisiert wurde, ist dafür ein gutes Beispiel. Erst durch diese wurde meiner Generation vor Augen geführt, wie eine Frau ihre Arbeit quittiert oder von Zuhause abhaut. Was auch immer der Beruf einer Frau sein mag, ob sie als Prostituierte oder Briefträgerin tätig ist, die Frauenbilder werden uns in der heutigen Medienwelt vor allem über Filme und Populärkultur vermittelt. In dem Zusammenhang fällt mir der Song „Private Dancer“ von Tina Turner wohl nicht nur deshalb ein, weil er zum Ohrwurm wurde, sondern auch, weil sie die Schweizer Staatsbürgerschaft annahm und in Zürich lebt. Der Raum, von dem ich gerade spreche, ist zwar klein, aber wichtig und spiegelt nicht nur Christians und mein persönliches Interesse wider. Er wirft auch eine allgemeine Frage auf, nämlich die, wie Kunst das Leben beeinflusst.  

Nun findet die historische Ausstellung an unterschiedlichen Standorten statt, im Löwenbräuhaus, in der Kunsthalle Zürich, dem Migros Museum for Contemporary Art, der LUMA Stiftung und in dem bereits genannten Helmhaus. Könntest du einmal auf die Präsentationsform eingehen?  

Ja, präsentiert wird die Ausstellung auf einer mit einem Zürcher Architektenbüro entwickelten Gerüststruktur nach Art der sogenannten Petersburger Hängung. Das heißt, wir hängten alles nebeneinander, und zwar in Bezug auf die jeweiligen Themenfelder. Dabei besteht die gesamte Schau aus insgesamt elf Gruppenausstellungen, zusammengefasst unter dem Titel „Sites Under Construction“. Dieser ist so etwas wie ein Verweis auf den Baustellencharakter, der andeuten soll, dass die Ideen sich in Progress befinden. Denn der von uns getroffenen Auswahl ließen sich noch viele andere Werke hinzufügen. Diejenigen, auf die wir uns konzentriert haben, sind international, viele davon europäisch oder amerikanisch. Ein Glanzlicht ist sicherlich die Arbeit von Duane Hanson, hier wiedervereint mit einer als Hommage an seine monumentale Skulptur „Mittagspause“ (1989) verstehbaren Fotoarbeit von Sharon Lockhart aus dem Jahr 2003.  

Ein imaginärer Rundgang durch die gesamte, insgesamt 200 Werke umfassende Ausstellung ist unmöglich, aber vielleicht kannst du einige deiner Favoriten herausgreifen.  

Das mache ich gerne. Besonders vernarrt bin ich in den Raum zu den „Zweitberufen“ mit einer Arbeit von Evelyne Axell. 1935 im belgischen Namur geboren, in ihren 30ern durch einen Autounfall gestorben, ursprünglich Schauspielerin, wechselte sie in ihren 30ern die Karriere, wurde von Magritte unterrichtet und machte sich einen Namen als sehr frühe Repräsentantin der europäischen Pop Art, die, graphische Werke kreierend, ausgeschnittene Plastikelemente in ihre Werke einbezog. Sie ist ein Protobeispiel für eine vergessene Künstlerin, die, obwohl sie in ihrer zweiten Karriere sehr einflussreich war, nicht in den Kunstkanons einging. Für eine Künstlerin, wie sie eine war, kann ich mich begeistern. Die meines Erachtens beste Videoarbeit aller Zeiten zeigen wir in dem Raum zu Künstlern, die andere Berufe ausüben. Dort zeigen wir Adrian Pipers „Funk Lessons“. Dieser Film handelt davon, wie sie Studenten in Berkeley das Tanzen beibrachte, wobei es enormen Spaß bereitet, diese Körperkunst der Bewegung zu beobachten. Über ihre Tätigkeit als Tanzlehrerin hinaus, erkundet sie die Darstellung schwarzer Kultur und geht der Idee nach, wie das Schwarzsein mit Musik und Tanz verbunden wurde. Begleitet wird das Ganze von wunderbaren und witzigen Textzeilen wie beispielsweise: „Weiße Leute können tanzen“. Geboren wurde Adrian Margaret Smith Piper 1948 in New York. Eine unglaublich starke Künstlerin, die derzeit ihr Comeback erleben darf. Eine andere, auf die Grundidee der Ausstellung abgestimmte Arbeit von Anne Collier aus der Serie „Woman with a Camera“ („Frau mit Kamera) lenkt die Aufmerksamkeit darauf, wie Frauen als Arbeitende repräsentiert werden. Zu dem Zweck refotografierte sie Aufnahmen von Frauen aus Zeitschriften und Büchern. Diese platzierten wir neben Werken von Yto Barrada, die, 1971 in Paris geboren, sich vor allem mit Fotografie, Video und Skulptur befasst. Auf solche Kombinationen von neuen und älteren Werken kommt es mir an, weil die alten durch die neuen zum Leben erweckt werden und die neuen mehr Tiefe per Kollaboration gewinnen. Auf diese Weise kommuniziert nicht nur alles miteinander. Darüber hinaus wird eine breitere Diskussion darüber ausgelöst, wie wir durch das, was wir beruflich machen, definiert werden. Du wirst mit deiner Profession so sehr identifiziert, dass sich daraus die Frage ergibt, ob du dein Beruf bist, und wenn nicht, wer du jenseits davon bist. Andere mir am Herzen liegende Werke sind den Themen „Arbeitswelten“ oder „Arbeitsumfelder“ zugeordnet, darunter auch Andreas Gurskys Bild der Siemens Fabrik. Interessant ist, dass die Idee der Fabrik in vielen Arbeiten auftaucht, obwohl das Arbeiten kaum noch in einem solchen Umfeld stattfindet. Ich frage mich, was der Arbeitsplatz überhaupt bedeutet. Wie er definiert wird? Was wir uns unter einem Büro vorstellen? Zu diesem Aspekt der Ausstellung zeigen wir, obwohl die Wahl für den Raum nicht so zwingend ist, ein großartiges Werk des Fotografen Trevor Paglen. Er legte Wert auf diese fotografischen Aufnahmen von NSA-angezapften Kabeln, die tief unten am Meeresgrund des Atlantiks verlaufen und das Internet verkörpern, das wir gewöhnlich für etwas Ephemeres halten und uns als etwas Ungreifbares in der Luft vorstellen. Dagegen wird es hier auf einmal buchstäblich als etwas Gegenständliches fassbar und so konkret wie die in Miami, New York und New Jersey wieder herauskommenden Kabel am Meeresboden. Tatsächlich ist unsere digitalisierte Arbeitswelt etwas Handfestes und ganz Konkretes, obwohl wir darin etwas Nichtexistierendes oder Nichtexistentes sehen. Dieses Werk verdeutlicht neben anderen im Grunde, wie sich die Arbeit verändert. Dazu gebe ich dir noch weitere Beispiele, wobei ich dazu neige, mir die Werke weiblicher Künstler herauszupicken. Gehen wir über zum letzten Raum „Kunst ohne Künstler“ und greifen uns da die digitale Videoarbeit von Mark Leckey über die Entstehung einer Skulptur von Louise Bourgeois heraus. Dort tropft eine seltsame gelb-rosafarbene, fast gummiartige Kugel. Auf mich übt es einen großen Reiz aus, der Idee nachzugehen, wo die Arbeit existiert, wenn der Raum des aktuellen Herstellungsablaufs des Künstlers verschwindet und du es in eine andere Rolle stellst und wo die Arbeit ist, sobald der Computer zu arbeiten aufhört? Insgesamt haben wir so unglaublich viele Künstler, darunter die traditionellen Outsider und auch Künstler, die mit vertrautem Material arbeiten wie ein Kalender aus dem Vatikan mit gutaussehenden Priestern als Bestandteil des Raums über Eigenwerbung.  

Du hast zwar über die Themen geredet, nicht aber darüber, warum sie so wichtig sind. Wie kam es zur Auswahl der Werke?  

Sowohl Christan als auch ich haben die Dinge, die ihn und mich interessieren, zusammengefügt. Als ich als Kuratorin dazu stieß, waren einige Dinge bereits da. Aber es gab einen Raum für Fabrikationen, den wir reduzieren mussten, sei es aus Platzgründen oder wegen des beschränkten Budgets. Wir wurden großzügig durch Galerien und Sammler unterstützt. Die Schweiz ist ein sehr schwieriger Ort für Ausstellungen und ein teures Pflaster zum Leben. Zürich ist eine Stadt, wo sich jeder des Geldes bewusst ist, sowohl wegen des hohen Mindestlohns als auch wegen der horrenden Preise. Am Geld als wiederkehrendes Thema kommt hier keiner vorbei. Weder diejenigen, die als Besucher kommen, noch die hier Wohnenden. Christian hätte für diese Stadt kein besseres Thema zur Diskussion stellen können als das „What People Do For Money“. Es ist eine allgemeingültige, hier aber stärker ins Mark treffende Frage. Während du hier in Zürich an der Ausstellung arbeitest und lebst, wirst du dir der Rolle des Geldes sehr bewusst und gelangst geradezu ganz selbstverständlich zu der Frage, was für Geld alles getan wird. In dem Zusammenhang ist Arbeit folglich ein naheliegendes Thema. Wir haben es jedoch mehrdeutig angelegt und nicht auf eine einzige Deutung zugespitzt. Um in das erste Thema „Von Jägern und Astronauten“ einzustimmen, zeigen wir einen Ausschnitt des auf Stanislaw Lems gleichnamigen Roman beruhenden, sowjetischen Science-Fiction-Films „Solaris” von Andrei Tarkowski von 1972. Die Handlung kreist unter anderem um einen weiblichen Alien und einem Astronauten in einer Bibliothek, umgeben von Brueghel Gemälden, welche wiederum Arbeit darstellen. Die Kollaboration zwischen Vergangenheit und Zukunft, Fantasie und Realität sowie zwischen Vorstellung und Sein ist so etwas wie ein Vorwort nicht nur für die historische Ausstellung, sondern auch für die Manifesta insgesamt. Im Rahmen der „Porträts von Berufen“, die sich so direkt wie möglich damit auseinandersetzen, wie Arbeit dargestellt wird, zeigen wir wirklich alles, sowohl Bilder vom Fußball als auch Fotografien von August Sander, in denen er sich den verschiedensten Berufsständen zuwendet. Mit dem nächsten Raum legen wir eine „Arbeitspause“ ein. Als wir den Raum über „Selbstporträts und Eigenwerbung“ andachten, gingen wir davon aus, dass sich Arbeit heute nicht mehr auf etwas Persönliches reduzieren lässt, sondern sehr viel mehr mit der Art deiner Selbstpräsentation zu tun hat. Nach dem Motto, das ist mein Job sowie meine Art und Weise, mich darzustellen. Uns interessierte es, wie beides miteinander verbunden ist.  

Also die Frage nach der Genesis der eigenen Autofiktion?  

Total, deshalb sind auch die Instagram Fotografien der 1967 geborenen, als Künstlerin interdisziplinär arbeitende Frances Starks mit dabei, die verdeutlicht, wie sehr sich alles überschneidet. Wir betrachten das innerhalb des Kunstkontextes. Wir warfen einen Blick darauf, wie Künstler in Berufe involviert sind, und befassten uns mit der Korrespondenz von Identität und Beruf. Das grundsätzliche Thema spaltete sich, je länger wir darüber nachsannen, in diese diversen Themenfelder auf.  

Dass ihr die Kunst in Verbindung mit Arbeit gebracht habt, hat wohl nicht nur mit der von dir beschriebenen Thematik, sondern auch damit zu tun, dass ihr ein größeres Publikum einbeziehen wollt.  

Ja, es war seit jeher mein Wunsch, sehr erfolgreiche Ausstellungen zu machen. Ich hasse die Idee, mit dem, was ich tue, nur die 100 Leser von Artforum anzusprechen. Mir kommt es darauf an, Ausstellungen so zu gestalten, dass sie ein möglichst breites Publikum anziehen. Christian und ich waren uns darin von vornherein einig. Neben konzeptionellen Werken, die schwerer lesbar sind, wollten wir sehr direkt verständliche haben. Wichtig ist es mir, Themen aufzugreifen, von denen sich Leute persönlich angesprochen fühlen, und Kunstwerke zu zeigen, in denen sie ihre eigene Arbeit widergespiegelt sehen. Deshalb die Präsentation von Werken über Friseure, Musiker, Metallarbeiter und Flugbegleiter.  

Übersetzt aus dem Englischen von Alexandra Skwara.

Autor
Heinz-Norbert Jocks

* 1955, Düsseldorf, Deutschland

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