Band 240, 2016, Titel: Get involved! , S. 28

Get involved!

Partizipation als künstlerische Strategie

Herausgegeben von Max Glauner

Am 13. April 2016 ging das nationale „Freiheits- und Einheitsdenkmal“, im Volksmund kurz „Einheitswippe“, bachab. Nach einem Parlamentsbeschluss 2007, zwei Wettbewerben, aus denen 2009 der Entwurf der Stuttgarter Szenografen Milla & Partner und der Berliner Choreografin Sascha Waltz „Bürger in Bewegung“ als Sieger hervorging, kippte der Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages das Monument an der Spree aus Kostengründen. Waren für den Entscheid allein pekuniäre Gründe ausschlaggebend? Wohl kaum, denn allzu aufdringlich huldigte die riesige Schale, die durch das partizipative Hin und Her ihrer Besucher von da nach dort hätte kippen sollen, einer zeitgeistigen Spektakelarchitektur, die den Vorgängen 1989 wohl kaum ein angemessenes Bild verliehen hätte.  

„Get involved! Partizipation als künstlerische Strategie“ wartet also mit keinem ganz neuen Thema auf. Doch wie dringend eine Auseinandersetzung damit ist, zeigt nicht nur der Umstand, dass eine Vielzahl von Veranstaltungen in Sachen Kunst auf eine aktive Mitwirkung des Publikums setzen – von der vergangenen 56. Venedig Biennale bis hin zur bevorstehenden Manifesta11 in Zürich. Vielmehr steht die künstlerische Produktion in Konkurrenz zu höchst erfolgreicheren Teilhabeunternehmungen wie dem Web 2.0 und neoliberalen Ökonomien, denen die Kunst häufig unreflektiert zuspielt. Die Situation wird dadurch noch verschärft, dass auf der Seite der Theorie Reflexionsmüdigkeit eingetreten ist. Die kritische Durchdringung partizipatorischer Formate bleibt defizitär.  

Wir möchten daher mit diesem Band zu einer erneuten, kontroversen Bestandsaufnahme einladen. Sieben Autorinnen und Autoren stellen sich dieser Aufgabe, gespiegelt in Interviews mit den Künstlern EVA KÖNNEMANN, MATHILDE TER HEIJNE, ULF AMINDE, CHRISTIAN FALSNAES und GEORG KLEIN sowie der Kuratoren AMELIE DEUFLHARD und GIOVANNI CARMINE.  

Die Einführung markiert zwei grundlegende Differenzen des Partizipationsbegriffs. Einmal die Differenz, mit der sich Partizipation in Religion und Spektakel von der Kunst unterscheidet. Dieser Unterschied zeichnet sich durch ein „Mittendrin-und-draußen“ aus und damit durch eine Verweigerung von Teilhabe. Die zweite Differenzierung betrifft die Unterschiede der Partizipation als Interaktion, Kooperation und Kollaboration, die an praktischen Beispielen erläutert werden.  

Vertiefend fächert der Berliner Philosoph CHRISTIAN KUPKE im anschließenden Essay die ontologische Problematik des Teilhabebegriffs, seine Allgegenwärtigkeit, anhand der Differenz von Idee und Ideal der Partizipation auf und macht diese an drei künstlerischen Positionen deutlich.  

Da die Debatte um die Partizipation heute meist geschichtsblind geführt wird, folgen den zwei ersten systematischen drei historische Texte. Den Anfang macht der Kulturwissenschaftler CHRISTOPH ASENDORF, der einen Bogen vom Barock über das 19. Jahrhundert in die Unterhaltungsindustrie der Gegenwart schlägt und damit zeigt, dass Partizipation kein exklusives Thema unserer Tage darstellt.  

Auch die Medientheoretikerin und Kuratorin INKE ARNS setzt die Vergangenheit und Gegenwart in ein Verhältnis, wenn sie Nikolai Evreinovs Massenspektakel der Erstürmung des Winterpalais mit Jeremy Dellers „The Battle of Orgreave“ als Reeanacments und damit die Konstruktion der Dekonstruktion von Geschichte gegenüberstellt.  

Die Kunstwissenschaftlerin SABINE SANIO gibt im Anschluss Einblick in die Ursprünge partizipatorischer Praxis in der Kunst der 1950er- und 1960er-Jahre, insbesondere bei John Cage und Georges Brecht, Pioniere spielerischer und politisch-reflektierter Verfahren, die Veränderung und Zufall dem Publikum überlassen.  

Welche Strategien und Formate, Ästhetiken und Zielsetzungen politisch ambitionierte Kunst heute verfolgt, zeigt der Kunstkritiker RAIMAR STANGE in einem repräsentativen Ausschnitt. Wie weit politisch, sozial engagiert, oder bloß clever auf der Klaviatur des Partizipativen unterwegs, dem geht der Kunstkritiker und Kurator HOLGER KUBE VENTURA in seinem Aufsatz zu dem Chicagoer Künstler Theaster Gates nach, eine für das Thema Partizipation im 21. Jahrhundert eminent wichtige Künstlerpersönlichkeit, an der sich die Konfliktlinien zwischen Kunst, Kommerz und sozialem Engagement für die zukünftige Entwicklungen der Thematik paradigmatisch konturieren.  

So öffnen auch die beiden abschließenden Texte die Frage nach Partizipation als künstlerische Strategie noch einmal: Bewegen sich das Theater und die bildende Kunst zunehmend aufeinander zu? Spielen performative Formate in Museen, Projekträumen und Galerien nicht eine immer größer werdende eine Rolle? Welche Perspektiven das Theater heute einnehmen kann, zeigt die Theaterwissenschaftlerin Mira Sack, während wir mit Inke Arns im Web 2.0 angelangt sind und der Frage nachgehen, was es heißt, wenn der Algorithmus ruft:  

 

„Get involved!“  

 

 

 

Autor
Weitere Personen
Ulf Aminde

* 1969, Stuttgart, Deutschland

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Christoph Asendorf

* 1955, Deutschland

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John Cage

* 1912, Los Angeles, Verein. Staaten; † 1992 in New York, Verein. Staaten

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Giovanni Carmine

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Jeremy Deller

* 1966, London, Grossbritanien

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Amelie Deuflhard

* 1959, Stuttgart, Deutschland

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Nikolai Evreinov

* 1879, Moskau, Rußland; † 1973 in Paris, Frankreich

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Christian Falsnaes

* 1980 , Kopenhagen, Dänemark

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Theaster Gates

* 1973, Chicago, Verein. Staaten

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Mathilde ter Heijne

* 1969, Straßburg, Frankreich

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Georg Klein

* 1964, Öhringen, Deutschland

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Eva Könnemann

* 1973, Frankfurt am Main, Deutschland

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Christian Kupke

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Sabine Sanio

* 1958, Deutschland

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Raimar Stange

* 1960, Hannover, Deutschland

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Holger Kube Ventura

* 1966, Dreieich, Deutschland

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