Band 239, 2016, Ausstellungen: Wien, S. 275

Ursula Maria Probst

One, No One and One Hundred Thousand

Kunsthalle Wien, 19.2. – 22.5.2016

Was verstehen wir heute unter der Figur des Kurators, der Kuratorin? Wie können neue Formate des Kuratierens, eine neue Interpretationsartistik durch direktes Einbeziehen der AusstellungsbesucherInnen als AkteurInnen entwickelt werden? Wo liegt das Potential der Kunst in der Aktivierung anregender, querdenkerischer, kreativer Prozesse des Handels? „Es ist nicht wichtig, wie Kunst aussieht, sondern wie sie benutzt wird.“ Diesem Statement des Künstlers Franz West, der in seiner Ausstellung „Autotheater“ (2009), die BesucherInnen zum Mitmachen und nackt Ausziehen einlud, stellt der Kurator von „One, No One and One Hundred Thousand“ Luca Lo Pinto weitere Statements des Philosophen Jacques Rancière und des Situationisten Guy Debord gegenüber, die sich gegen einen passiven Voyeurismus im Umgang mit Kunst wenden und eine aktive Teilnahme von jedem fordern. Literarische Methoden der Gruppe Oulipo und deren Konzept der „Werkstatt für Potentielle Literatur“ durch die Entwicklung mathematischer „Strukturen“ als Inspiration für künstlerische Prozesse übersetzt Luca Lo Pinto in den Ausstellungskontext. Das Buch „Hunderttausend Milliarden Gedichte“ von Raymond Queneau, das dazu anregt, durch Neukombinationen von Sonetten 100 000 000 000 000 Gedichte zu verfassen, zieht Luco Lo Pinto als Manifest heran, ebenso wie ein Statement von Marcel Broodhaers laut dem eine Ausstellung viele Möglichkeiten enthält, die es zu erforschen gilt.  

„One, No One and One Hundred Thousand“ ist als Maschine für durch gewillte BesucherInnen entwickelte Settings konzipiert. Die Anleitung bzw. Gebrauchsanweisung dazu stellt klar, dass diese jeweils nur von einer Person arrangiert werden können, dass es weder zeitliche noch gestalterische Einschränkungen gibt, allerdings alle von den KünstlerInnen Darren Bader, Jason Dodge, Phanos Kyriacou, Adriana Lara, Jonathan Monk, Marlie Mul, Amalia Pica, Martin Soto Climent und Lina Viste Grønli für die Ausstellung produzierten oder adaptierten Werke einzubeziehen sind und Handschuhe getragen werden müssen. Appelliert wird an Vorsicht im Umgang mit den Kunstwerken. Das Resultat wird mit Polaroid-Kamera dokumentiert und an die Wand gehängt, ein digitales Foto kommt in den nach der Ausstellung erscheinenden Katalog. Nach der Dokumentation wird die Ausstellung sofort wieder demontiert. Auf Verpackungsmaterial im hinteren Raumabschnitt der Kunsthalle Wien Karlsplatz arrangiert, bilden die Werke infolge das Ausgangsmaterial für weitere Ausstellungen. Ein Angebot, dass von den BesucherInnen äußerst ambitioniert angenommen wird.  

Wandlungsfähigkeit und das Potential für unbegrenzte Präsentationsmöglichkeiten bildeten die Auswahlkriterien für die involvierten KünstlerInnen, deren Werke in den von den BesucherInnen gestalteten Settings teils zu einem Gesamtkunstwerk durchmischt werden und sich vom Modus einer Einzelpräsentation lösen. Das erste Setting wurde von Luca Lo Pinto selbst als offener Parcours gestaltet, der auch die spezielle Situation des Raumes als Glaskubus einbezieht. Das darauf folgende Setting ist von Amalia Pica, die auch als Künstlerin mit „Joy in Paperwork“ (2016) – Zeichnungen, die mit Stempel produziert wurden und die spielerisch mit diversen Hängeoptionen versehen sind – in das Projekt involviert ist. „What the living do“ (2016) lautet assoziationsreich der Titel der Arbeit von Jason Dodge, deren absurde Anhäufung von alltäglichem Abfall wie Verpackungsmaterialien oder Kronkorken im Raum verteilt werden kann. Die Objekte „Handle with handles“ (2016) von Phanos Kyriacou sind schwergewichtige Abgüsse von Wasserkanistern aus Terrakotta, deren Ensemble immer wieder in neuen Serien aufgestellt werden kann und die sich mit der Komplexität dessen befassen, wie wir heute unsere Welt decodieren, ohne dabei fixen Kategorien zu folgen. Darren Bader reflektiert in ihrer konzeptuellen Arbeit „8/12“ (2016) darüber, was Kunst sein könnte und welche Eigenschaften ihr zugeordnet werden. Die Arbeit besteht aus dem bloßen Titel. Die BesucherInnen können durch ihre eigenen Interpretationen zum Titel das Werk einbeziehen. „Opening Hours“ (2016) von Adriana Lara entzieht sich einer Materialisierung und spielt mit dem Zeitfaktor. Jonathan Monk eignet sich für „Jonathan Monk presents chairs and a coat rack by Franz West“ (2016) „Möbel“ und eine Skulptur von Franz West an und artikuliert durch diesen Akt der Appropriation, den er durch seinen Hut ergänzt den Gebrauchs- und Nutzwert von Kunst. Gleichzeitig als hölzerne Regale für Zimmerpflanzen funktioniert die mobile Buchstabeninstallation „AAHHAHAAHAHA“ (2016) von Lina Viste Grønli, deren Installation einem Bewegungsmodus folgt. Der Wandlungsfähigkeit von Kunst ist das Jalousienobjekt „Graffiti Blind“ (2016) von Martin Soto Climent auf der Spur, das je nach Platzierung im Raum verschiedene Formationen annimmt. Das flexible Potential von Materialien nützt auch Marlie Mul in ihrer Arbeit „Hammer“ (2016). Die aus Florenz kommende Designerin Daska Golova ist eine der bis dato 22 BesucherInnen, die mit den verfügbaren Kunstwerken eine Ausstellung gestaltet haben, begeistert folgt sie dem Konzept einer Ritualisierung, indem sie die Werke verdichtet im Raum zueinander in Beziehung setzt und gleichzeitig den unvollendeten und vergänglichen Charakter ihres Settings betont. Am nächsten Tag wird eine andere Besucherin den Möglichkeitsraum, den das Projekt bietet nützen und damit die Autorität der Figur des Kurators infrage stellen. „One, No One and One Hundred Thousand“ ist ein Projekt, dass durch das Aufeinandertreffen diverser AutorInnenschaften den Ablauf des Ausstellungsmachens unter äußerst inspirierende Vorzeichen setzt und zu weiteren, originellen kuratorischen Formaten aufruft.  

Autor
Ursula Maria Probst

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Weitere Personen
Martin Soto Climent

* 1977, Mexico City, Mexiko

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Guy Debord

* 1931, Paris, Frankreich; † 1994 in Bellevue-la-Montagne, Frankreich

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Jason Dodge

* 1969, Newton, Verein. Staaten

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Adriana Lara

* 1978, Mexico City, Mexiko

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Jonathan Monk

* 1969, Leicester, Grossbritanien

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Marlie Mul

* 1980, Utrecht, Niederlande

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Amalia Pica

* 1978, Neuquen, Australien

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Jacques Rancière

* 1940, Algier, Algerien

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Franz West

* 1947, Wien, Österreich; † 2012 in Wien, Österreich

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