Band 239, 2016, Ausstellungen: Berlin, S. 217

Claudia Wahjudi

Secret Surface

»Wo Sinn entsteht«

KW Kunst-Werke Berlin - Institute for Contemporary Art, Berlin, 14.2. – 1.5.2016

Eine Ehrensache ist es für viele Kuratoren, noch einmal groß aufzuschlagen, bevor sie eine Wirkungsstätte verlassen, und dabei auch an ihren Start an dem Haus zu erinnern. Eine Abschiedsschau dient als Resümee und Visitenkarte zugleich. Ellen Blumenstein, die im Juni die Berliner Kunst-Werke (KW) verlassen wird, zeigt am Ende ihrer dreijährigen Amtszeit die Gruppenausstellung „Secret Surface. Wo Sinn entsteht“. Knapp 50 Beiträge 26 internationaler Künstler und Künstlergruppen sollen auf drei Etagen eine „geheime, verborgene Oberfläche“ thematisieren, „wo Sinn entsteht“, wie der Untertitel grammatikalisch nicht ganz korrekt lautet. Im Englischen verspricht er noch mehr: „Where Meaning Materializes“, wo sich Sinn und Bedeutung materialisieren.  

Ellen Blumenstein verabschiedet sich, wie sie 2013 begann: thesenstark und offensiv. Die Verblendungen der Säle ließ die damals 36-jährige Berliner Kuratorin entfernen, damit wieder Tageslicht in die alte Fabrik dringen konnte und mit ihm das Straßenbild samt Fernsehturm und Synagoge. Kunst und Stadt gehören zusammen, meinte diese Geste. Auch später blieb die Kuratorin ihrem Interesse an Gesellschaft und Politik treu. So lud sie Renzo Martens mit seinem umstrittenen „Institute for Human Activities“ an die KW und diskutierte mit dem Künstler über das Entwurfsstudio für Schokoladenfiguren, das er auf einer Plantage in Kongo initiiert hatte.  

Wenn sich Blumenstein jetzt an das Thema Sinnsuche wagt, kann das nur ein diskursives Unterfangen sein in einer Zeit, da sich die öffentliche Debatte um Religionen, unter deren Deckmantel Terror und Kriege stattfinden, um westlichen Lebensstil und vermeintlich abendländische Werte dreht. Blumensteins Haltung zu diesem Komplex wird gleich in der ersten Halle deutlich: Sie ist dem Blick ins All gewidmet ist, doch Arbeiten, die die Suche nach einer göttlicher Ordnung thematisieren, finden sich hier nicht.  

Den Saal beherrscht ein großer rot und orangefarben lodernder Feuerball: „Die Sonne um Mitternacht schauen (Red), 2011-12, SDO/NASA“ (2010). Katharina Sieverding hat NASA-Aufnahmen von unserer Sonne in einem digitalen Film animiert, der so stark leuchtet, dass die Bilder zu wärmen scheinen. Um Sieverdings Beitrag gruppieren sich Fotos, Plastiken und Filme von Eduardo Basualdo, Gwenneth Boelens, Nora Schultz, Emily Roysdon, und Andy Holden, die Planeten, Sterne und Meteoriten, Himmel und Horizont, Entfernung und Zeit thematisieren. Das Universum erscheint hier als ein Projektionsraum für Sehnsüchte, Ängste und Fantasien, aber auch als unendliches Feld für wissenschaftliche Entdeckungen, und so schwant dem Betrachter vor allem, wie wenig wir Erdenbewohner darüber wissen.  

Ganz so rund zu einem Kapitel fügen sich die Beiträge auf den beiden oberen Stockwerken nicht. Dort geht es ähnlich plural zu wie in Blumensteins Zeit an den KW, als die Kuratorin immer wieder mehrere kleinere Präsentationen zugleich zeigte. Das sorgte für eine Vielfalt an Genres, Medien und Themen. So auch hier: Auf viel Raum, dennoch akustisch wie optisch dezent abgeschirmt, kann sich fast jede einzelne Arbeit entfalten, und spielt doch dem Ganzen zu: „Secret Surface“ zählt zu den Thesenausstellungen, in denen sich Kunst der Argumentation der Kuratierenden zu fügen hat.  

So gelangt der Besucher als nächstes zu Beiträgen, die die „geheime Oberfläche“ ans Licht holen. Eine Installation mit Apps und bedruckten Kissenbezügen von Ying Miao, Trisha Bagas Video, in dem Konzerte von Madonna und Fan-Posts im Netz erscheinen, Fotografien von Viktoria Binschtok und Spiros Hadjidjanos` interaktive Rauminstallation verhandeln den Kult um Popstars, Kleidung, Dekor und digitale Geräte.  

Doch die Welt der Dinge scheint die Sinnsuche nicht zu befriedigen, oder warum sonst sollte sich der Mensch, der im All kein Gegenüber findet, das ihn bestätigt, so obsessiv seiner selbst vergewissern wollen? So persifliert die Künstlergruppe Auto Italia South East in ihrer schrillfarbigen Filmmontage „My Skin Is at War with a World of Data“ (2012) den Trend zur manischen Verschönerung von Fingernägeln, Haut und Haaren. Und Frances Stark projiziert Sex-Chats auf zwei Wände hinter einer schickmodischen Sofaecke, „Osservate, Leggete con me“ (2012). Die Anmachprosa in kursiver Typo, zu denen Passagen aus Mozarts „Don Giovanni“ zu hören sind, gleicht dem Geflüster liebestoller Avatare, das nur Verschriftlichung der Nachwelt erhält.  

Trotz aller Sinnlichkeit will sich der versprochene Sinn aber nicht zeigen. Denn „Secret Surface“ konzentriert sich auf Formen der Repräsentation und vernachlässigt das Faktische. Dabei sind es doch jüngst vor allem Naturwissenschaftler gewesen, die neue Sinnzusammenhänge gefunden haben. Ihre Erkenntnisse über Menschheitsgeschichte, Anthropozän und Klimawandel haben sie freilich nicht von Oberflächen gewonnen, sondern aus den Tiefen von Ozeanen, Eis, Genen und All.  

Sinn kann sich aber auch deshalb nicht zeigen, weil die Schau eine Art existenzialistischer Weltsicht spiegelt. Ohne göttliches Gegenüber und Aussicht auf ein Leben im Jenseits muss der Mensch seinem Leben hier und jetzt Sinn geben oder aber sich die Sinnlosigkeit seiner Existenz eingestehen, mit den bekannten Folgen wie Angst und Ekel. Beide Möglichkeiten fehlen hier. So wirkt „Secret Surface“ wie ein Essay ohne Conclusio – was letztlich zum Charme der Ausstellung beiträgt. Denn zu Ende denken kann der Besucher durchaus allein.  

Wenn Ellen Blumenstein im Juni geht, hinterlässt sie ein gut aufgestelltes Haus. Mit der Erhöhung des Berliner Kulturetats 2016 und 2017 können die KW künftig zwei Ausstellungen im Jahr aus eigenen Programmmitteln bezahlen, heißt es aus der Direktion. Dafür, dass die Ausstellungen des Hauses streitbar bleiben, ist das eine gute Voraussetzung. Für den großen Rest muss der Nachfolger, die Nachfolgerin sorgen. Der Name soll Mitte März bekannt gegeben werden.  

Autor
Claudia Wahjudi

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Wichtige Personen in diesem Artikel
Ellen Blumenstein

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Weitere Personen
Trisha Baga

* 1985, Venice, Verein. Staaten

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Eduardo Basualdo

* 1977 , Buenos Aires, Argentinien

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Viktoria Binschtok

* 1972 , Moskau, Rußland

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Andy Holden

* 1982, Bedford, Grossbritanien

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Ying Miao

* 1985, Volksrep. China

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Emily Roysdon

* 1977, Verein. Staaten

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Nora Schultz

* 1975, Frankfurt, Deutschland

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Katharina Sieverding

* 1944, Prag, Tschechische Rep.

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Frances Stark

* 1967, Newport Beach, Verein. Staaten

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