Band 238, 2016, Kunstforum-Gespräche, S. 340

Jetzt steht Kunst an erster Stelle.

Curating Under Pressure I

Susanne Boecker sprach mit Alisa Prudnikova, der künstlerischen Leiterin der Ural Industrial Biennial of Contemporary Art

Im Herbst 2015 fand in Christchurch die Biennalen-Konferenz „Curating Under Pressure“ statt (siehe Kunstforum Band 237). Vier Jahre zuvor war die neuseeländische Stadt von einem verheerenden Erdbeben erschüttert worden. Noch Jahre nach der Katastrophe war das Zentrum von Christchurch ein Mix aus Brachland und Baustelle. Gleichwohl veranstaltete man die achte Ausgabe der SCAPE Biennale für Kunst im öffentlichen Raum. Diese Situation war Ausgangspunkt des mehrtägigen Symposiums über das Kuratieren unter kritischen Bedingungen.  

In jüngster Zeit sind zahlreiche Biennalen unter politischen Druck geraten, viele haben finanzielle oder auch strukturelle Probleme. Solche Krisensituationen können die Veranstalter zwingen, ihre Modelle grundsätzlich zu überdenken oder neue Organisationsformen zu entwickeln. Prinzipiell bieten Krisen und Katastrophen die Chance für einen Neuanfang, für Reflexion und Regeneration. Sie können Anlass sein, fest gefahrene Strukturen zu überdenken, neue Prioritäten zu setzen und Begriffe wie Fortschritt, Entwicklung, Wachstum oder Nachhaltigkeit neu zu definieren. Manchmal lassen die Brüche Strukturen bereits vorher vorhandener Probleme sichtbar werden und schaffen das Potenzial, alternative Modelle zu entwerfen. Kuratoren von Biennalen und anderen Kunst-Institutionen müssen lernen, mit dem Wandel umzugehen und in Situationen, in denen sich vieles ändert, entsprechende Projekte entwickeln. Das ist eine große Herausforderung.  

Kunstforum greift dieses Thema auf und wird in einer lockeren Serie Kuratoren und Verantwortliche verschiedener internationaler Biennalen und Institutionen für zeitgenössische Kunst zu Wort kommen lassen, die „unter Druck“ kuratieren müssen. Mit welchen Schwierigkeiten sind sie konfrontiert? Welche Strategien entwickeln sie? Natürlich sind die Situationen nicht vergleichbar: Eine Kuratorin im russischen Jekaterinburg wird mit anderen Problemen zu kämpfen haben als ihre Kollegin in Budapest, und in Bombay gibt es andere Schwierigkeiten als in Teheran. Die Serie „Curating Under Pressure“ beleuchtet die unterschiedlichen Bedingungen, unter denen zeitgenössische Kunst heute international ausgestellt wird.  

Die Ural Industrial Biennial of Contemporary Art in Jekaterinburg operiert an der Schnittstelle verschiedener kultureller, ökonomischer und politischer Entwicklungen. Sie begreift sich als strategische Intervention in die Verwandlung der Industriehauptstadt der UdSSR in eine postindustrielle Stadt. Dieser Prozess ist in Jekaterinburg im Gegensatz zu vielen anderen Städten der Welt nicht abgeschlossen. Ein erheblicher Teil der städtischen Ökonomie ist nach wie vor mit der Industrieproduktion verbunden, wodurch ständig Spannungen zwischen verschiedenen urbanen und sozialen Räumen entstehen. In die sich hier öffnenden interpretatorischen Lücken versucht die Ural-Biennale vorzustoßen. Die erste Ausgabe wurde 2010 von Cosmin Costinas, Ekaterina Degot und David Riff kuratiert. Kuratorin der zweiten Ausgabe 2012 war Iara Boubnova. Kuratoren der dritten Ausgabe 2015 waren Li Zhenhua und Biljana Ciric.  

Susanne Boecker: Jekaterinburg ist ja nicht gerade als Kunstzentrum bekannt. Wieso gibt es gerade hier eine Biennale für zeitgenössische Kunst?  

Alisa Prudnikova: Eigentlich ist die Biennale eine logische Entwicklung unserer Arbeit. Seit 1998 fehlte der Ural-Filiale des Nationalen Zentrums für zeitgenössische Kunst (NCCA) ein geeigneter Ausstellungsraum. Wir hatten zwar ein Büro, aber keinen Raum, um unsere Projekte zur realisieren. Damals wurden wir von offizieller Seite gebeten, Ideen zu einer regionalen Identität des „Ural“ zu entwickeln. In dieser postsowjetischen Zeit ging es in Russland ja auch darum, die eigene Identität zu finden: Wer sind wir nach dem Kollaps der Sowjetunion? Wo und wie positionieren wir uns? Wie finden wir zu einer Bedeutung für uns?  

Über diese Überlegungen kamen wir zu den industriellen Räumen in Jekaterinburg. Unter dem Label „Art Factory“ organisierten wir mehrere Festivals. Das erste fand in einer stillgelegten Fabrikhalle statt, das war so eine Art Labor für zwei Wochen. Die Veranstaltung war sehr erfolgreich und überraschend populär. Obwohl die Fabrik weitab vom Stadtzentrum lag, kamen in der kurzen Zeit fast 4000 Besucher.  

Bei der zweiten Ausgabe des Festivals haben wir die Strategie geändert. Wir wollten nicht mehr in stillgelegte Fabriken gehen, sondern in solche, die noch in Betrieb waren. Wäre es für solche Fabriken interessant, mit uns zu kooperieren? Und wäre es nicht auch eine Möglichkeit, tiefer zu gehen und mit dem Ort zu experimentieren, die Arbeiter zu involvieren? Und das war wohl die inspirierendste Erfahrung überhaupt. Wir haben verschiedenste Formen der Zusammenarbeit von Künstlern und Arbeitern ausprobiert. Und es war absolut fantastisch zu erleben, was für tolle Ergebnisse dabei herausgekommen sind. Ab da haben wir gedacht, dass wir etwas Größeres brauchen. Nicht noch ein weiteres Festival, sondern eine größere Veranstaltung.  

Hattet Ihr ein bestimmtes Ziel vor Augen?  

Wir haben den Ehrgeiz, die regionalen Autoritäten dazu zu bringen zu verstehen, was es heißt, „Ural“ auch über die Kunst darzustellen. Für sie ist Kunst nämlich normalerweise eine marginale Praxis und sie kämen nie auf die Idee, uns als Kunstinstitution um etwas zu bitten. Sie denken nur: Okay, wir sollten etwas für die Kunst spenden – und gut ist. Aber uns beschäftigte von Anfang an die Frage, wie Kunst die Politik beeinflussen kann. Das war unser Hauptziel, als wir die Strategie für die regionale Entwicklung entworfen haben. Und vielleicht erst jetzt, mit der dritten Ausgabe der Biennale, kann ich sagen: Ja, es hat funktioniert. Weil uns die Vertreter der Regierung nämlich eingeladen haben, an der strategischen Entwicklung für die Region für 2030 mitzuarbeiten: „Wir möchten, dass Ihr Teil davon seid. Hier habt Ihr die Unterlagen, Ihr könnt sie bearbeiten.“ Genau das wollte ich erreichen.  

Und wie ist die Resonanz innerhalb der lokalen Kunstszene?  

Wir verstehen die Biennale als Plattform und wollten von Anfang an die bestehenden kulturellen Institutionen in das Programm mit einbeziehen. Neben dem Hauptprojekt gibt es Special Projects sowie ein Parallelprogramm. Das finanzieren wir nicht, aber wie laden andere Institutionen ein, unter dem Schirm der Biennale aufzutreten. In diesem Jahr haben 53 Institutionen an dem Parallelprogramm teilgenommen – in der ersten Ausgabe waren es gerade mal 12!  

Inzwischen findet alles „im Rahmen der Biennale“ statt. Das ist ein gutes Zeichen für uns, weil sich uns jeder anschließen möchte. Manchmal denke ich aber schon über meine eigene Zensur nach, weil ich nicht jedes Projekt toll finde. Und wir müssen das Programm auch in Zukunft wettbewerbsfähig halten. Bis jetzt war es offen und jeder war eingeladen, mitzumachen. Aber dem kann ich nicht mehr zustimmen.  

Ist das Label Biennale so attraktiv?  

Es ist schick geworden. Hinzu kommt, dass sich die Wahrnehmung von zeitgenössischer Kunst in Russland in den letzten zehn Jahren unglaublich verändert hat. Ich erinnere mich an meine Berufsanfänge vor zehn Jahren: Damals hat man eine Ausstellung gemacht und es kamen 20 Leute, die richtig Bescheid wussten, die Namen, Kontexte, Inhalte kannten. Jetzt liegt es irgendwie in der Luft, die Beschäftigung mit zeitgenössischer Kunst ist eine Art Lifestyle geworden. Das hat sicherlich auch mit Entwicklungen in Moskau zu tun, aber es passiert eigentlich überall in Russland. Vorher war Lifestyle vor allem Musik und Film. Jetzt steht Kunst an erster Stelle.  

Geht es dabei nur um das Dabeisein, um das Sehen und Gesehen-Werden?  

Nein. Es geht um das Verstehen. Die meisten Leute kommen, um die zeitgenössische Kunst zu verstehen. Die kommen und sagen: Ich verstehe nicht, was ihr an diesem gruseligen Zeug findet, aber erklärt es mir, bitte. Die kommen mit ziemlich aggressiven Gefühlen gegenüber diesem Bullshit, möchten aber dann mit Wissen ausgestattet werden. Wir haben Unmengen Anfragen von Schülern, die Bescheid wissen wollen. Wenn sie sich daten, möchten sie cool sein und Ahnung haben und über Kunst reden können. Manche schwänzen sogar die Schule, um sich hier Kunstwissen abzugreifen. Sie brauchen das Vokabular, um mitreden zu können. Das ist sicher einer der größten Erfolge der dritten Biennale. Im Vergleich mit den vorherigen Ausgaben kann ich sagen: Ja, wir haben das öffentliche Publikum gewonnen.  

Dabei mussten wir die Biennale in diesem Jahr mit extrem gekürztem Budget organisieren. Wir hatten nicht einen einzigen Rubel für Werbung. Nichts. Unsere größte Sorge war, dass die Ausstellung ein totaler Flopp wird, weil wir nicht in Werbung investieren konnten. Das war furchtbar. Was macht man, wenn man kein Geld hat? Man benutzt die Social Media Kanäle, Facebook, Instagram und so weiter. Wir haben uns Gedanken gemacht, in welcher Sprache wir über diese Kanäle mit den jungen Leuten kommunizieren sollten – und es hat tatsächlich funktioniert.  

Social Media ersetzen aber kein pädagogisches Vermittlungsangebot ...  

Natürlich nicht. Inspiriert von der letzten Manifesta (die 10. Ausgabe der europäischen Wanderbiennale fand 2014 in St. Petersburg statt) haben wir ein spezielles Mediatoren-Programm aufgelegt. Wir haben deren Konzept nicht kopiert, sondern ein Programm entwickelt, dass genau auf die hiesigen Verhältnisse zugeschnitten ist. Man kann das intellektuelle Niveau von St. Petersburg mit dem von Jekaterinburg nicht vergleichen. Wir mussten unseren Mediatoren ein ganz anderes Wissen und eine andere Expertise vermitteln, weil schon die Basis eine andere war.  

Jetzt haben wir insgesamt fünfzehn super ausgebildete Leute. Sie haben diese Ausbildung kostenlos erhalten, mussten aber vorher einen Vertrag unterschreiben, in dem sie erklärten, dass sie während der zweimonatigen Ausstellungslaufzeit unentgeldlich für uns arbeiten. Wir sind die einzige Institution in Russland, die diese Ausbildung anbietet. Unsere Untersuchungen haben ergeben: Fast alle Besucher, die die Biennale auf eigene Faust besichtigt haben, sind mit einem negativen Gefühl gegangen. Aber fast jeder, der sie mit einem Mediator besucht hat, hat sie als positives Erlebnis wahrgenommen.  

Wie hoch ist Euer Buget?  

Wir haben ein Basis-Budget vom Kulturministerium der Russischen Föderation von 135.000 Dollar. Darüber hinaus erhalten wir 83.000 Dollar vom Kulturministerium der Ural-Region und 58.000 Dollar von der Stadtverwaltung von Jekaterinburg. Sobald dieses Budgets bewilligt sind, starten wir mit unserer Fundraising-Arbeit. Damit schaffen wir es, den Betrag ungefähr zu verdreifachen.  

Könnt Ihr mit diesem Budget auch internationale Künstler zeigen?  

Das hängt von der kuratorischen Strategie ab. Bei der ersten Biennale hatten wir ja ein noch kleineres Budget. Damals haben wir ausschließlich mit Kopien gearbeitet. Wir haben die Künstler gebeten, uns Werkanleitungen zu schicken oder Arbeiten per Fax oder solche, die man aus dem Netz downloaden konnte. Das war eine tolle kuratorische Erfahrung. Im Katalog gibt es keine Werkbeschreibungen, sondern Anleitungen, wie die Werke herzustellen sind. Es ging um Fragen der Produktion – auch im ganz wörtlichen Sinn.  

Das war natürlich auch ein interessantes kuratorisches Statement für die Industrial Biennial of Contemporary Art. Es ging in der ersten Ausgabe ja um die Fragestellung was passiert, wenn die Arbeiter die Fabrik verlassen und „Kulturarbeiter“ kommen. Was es heißt, Werke zu produzieren und wie viel von der Logik der supereffizienten sowjetischen Produktion heutzutage noch möglich ist. Die zweite Ausgabe der Biennale war anspruchsvoller, um es mal so zu sagen. Darin ging es um die Frage, wie Kunst wirklich die Welt verändern kann. Ist Kunst wirklich so mächtig, wie Künstler das gerne hätten? Und in diesem Jahr haben wir als übergreifendes Thema „Mobilisierung“ gewählt. Das war eine logische Entwicklung aus den beiden vorangegangenen Editionen.  

Wirst Du in dieser Richtung weiter arbeiten?  

Ich halte Biennalen für konstante intellektuelle Plattformen. Und wenn wir das Thema der postindustriellen Entwicklung weiter verfolgen: Produktion, Appropriation, Mobilisierung – mal sehen, was wir bei der 4. Ausgabe problematisieren werden. Zum 100. Geburtstag der Oktoberrevolution vielleicht „Ist heute eine Revolution möglich?“ (lacht). Was bedeutet es, eine Revolution zu machen? Was halten wir für revolutionär? Was betrachten wir als wirklichen Erfolg nach revolutionären Aktionen? ... Also wir machen auf jeden Fall mit der Biennale weiter – es gibt keinen Grund, sie einzustellen. Leider gibt es in Russland keine Kultur der Förderung kultureller Veranstaltungen. Das ist das eine Drama. Das andere ist der absolut niedrige Level im Verständnis zeitgenössischer Kunstpraktiken. An diesen beiden Themen arbeiten wir uns vorrangig ab. Ich kann sagen, dass wir das ziemlich erfolgreich tun. Und wenn wir jetzt über die nächste Biennale reden, dann ist die größte Herausforderung für mich, diese Verhandlungen mit den bundesstaatlichen Autoritäten erfolgreich weiterzuführen.  

Orientierst Du Dich bei Deiner Arbeit an anderen Biennalen?  

Ich habe angefangen, mit anderen Biennalen zu kooperieren. So hat uns das Mediation-Programm der Manifesta sehr beeinflusst. Ich lerne eher konzeptionell. Von anderen Biennalen würde ich gerne lernen, wie man sich in kritischen Situationen verhalten kann. Weil wir uns ja fast alle mit Dingen befassen, die kritisch sind. Nicht unbedingt Katastrophe oder Desaster, aber etwas, mit dem wir kämpfen. Es gibt so viele Probleme, wie beispielsweise die Zensur.  

Ich habe eine Menge Fragen, die ich gerne mit anderen „Biennialists“ diskutieren würde. Deswegen habe ich auch so gekämpft und Gelder aufgetrieben, damit ein Komitee der International Biennial Association nach Jekaterinburg kommen konnte. Wir haben ja diese Arbeitsgruppen eingerichtet, die sich mit echten Probleme befassen und echte Antworten suchen. Ich wollte auch deshalb nach Jekaterinburg, um meinen Partnern, Förderern und Patrons zu zeigen: Schaut mal, in Havanna haben sie eine Biennale, in Poznan haben sie eine Biennale, auch in Yokohama haben sie eine! Warum machen die das wohl? Warum geben sie dafür Geld aus? Hört denen mal zu! Was sie für Erfahrungen gemacht haben und wie sie durch die Biennalen das Leben in ihrer Region verändert haben. Und schaut mal, wie wir im Kontext dieser Biennalen da stehen. Wie können wir da mithalten, wie uns entwickeln? Warum sollen wir nicht von anderen lernen? In Bezug auf die Inhalte, das Management, die Finanzen?  

Autor
Susanne Boecker

* 1961, Wuppertal, Deutschland

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Iara Boubnova

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Ekaterina Degot

* 1958, Moskau, Rußland

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David Riff

* 1975, London, Grossbritanien

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Li Zhenhua

* , Volksrep. China

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