Band 238, 2016, Ausstellungen: New York, S. 335

Magdalena Kröner

A Greater New York

MoMA PS1, New York, 11.11. – 7.3.2016

Eins muß gleich vorneweg gesagt werden: „A Greater New York“, momentan im MoMA PS1 in Queens zu sehen, ist die wichtigste Ausstellung der Stadt.  

Bislang funktionierte die seit ihrer Premiere im Jahr 2000 alle fünf Jahre stattfindende Gruppenausstellung vor allem als Leistungsschau; wie eine gut gedüngte Petrischale für den Markt, in der, teils direkt aus den Abschlussklassen der Kunstschulen, jene jungen Talente gezüchtet wurden, die kurz darauf in die großen Galerien und auf die Biennalen einzogen. Zu ihrer zweiten Ausgabe im Jahr 2005 gerierte sich „Greater New York“ im Nachgang der Ereignisse des 11. September 2001 betroffen und erging sich in einer zwar verständlichen, jedoch einseitig ins Politische verschobenen Auswahl an Kunst.  

Und jetzt? Wird der Sucher vom Mikrokosmos New York so weit weggezogen, das über die unmittelbare, kleinteilige Gegenwart aktueller Kunstproduktion hinaus plötzlich Vergangenheit und Zukunft der Stadt und ihrer Kunst und den gewandelten Bedingungen ihrer Entstehung sichtbar werden. „A Greater New York“ schaut auf die Ränder, das Vergessene und nie Bekanntgewordene, aber ebenso auf Aktuelles, das bislang darauf wartete, gesehen zu werden.  

Gezeigt wird Alt und Neu: Alvin Baltrops „The Piers“ für die er in den 70er und 80er Jahren die Schwulen- und Stricherszene an den verlassenen Piers am Hudson River fotografierte oder die eigentümlichen Formen körperlicher Nähe, die Jimmy DeSana zur gleichen Zeit in performativen Fotografien festhielt. Zu sehen ist auch ein erstaunlich historisch anmutendes New York, wie es die Fotografin Rosalind Fox Solomon in den 70er Jahren fotografierte. Auch Gordon Matta Clarks „structural cuts“ dürfen nicht fehlen. Matta Clarks gleichzeitig brachiale und subversive Einschnitte, quer durch ganze Etagen eines Hauses hinweg, wirken mittlerweile fast romantisch: diese Art von Eingriffen wäre heute, in einem von Immobiliengiganten unereinander aufgeteilten und generisch bebauten New York kaum mehr möglich. Die Brachen, Übergangsräume und Leerstellen, die sich einer künsterischen Neubesetzung und Überschreibung anbieten, verschwinden in geradezu atemberaubendem Tempo, seit Bürgermeister Bloomberg im Jahr 2005 begann, die bislang in der Stadt geltenden „Zoning Regulations“ zu lockern und neue Bebauungsflächen zu erschließen – so geschehen im Lauf der letzten Dekade im ehemailgen Künstlerviertel Williamsburg, heute eine der teuersten Adressen der Stadt. In Zeiten einer radikalen Gentrifizierung, die die Grenzen Manhattans längst hinter sich gelassen hat, und ohne Unterschied die vier anderen Boroughs Bronx, Queens, Brooklyn und Staten Island erfaßt hat und damit nicht zuletzt die Künstler immer mehr an die Ränder der Stadt und damit in die Unsichtbarkeit drückt, scheint es umso wichtiger, mit Nachdruck daran zu erinnern, was New York einmal war, was es mittlerweile ist und was es sein könnte, wenn irgendwer mal auf die Künstler hören würde.  

Das macht die Arbeiten Matta Clarks aktuell, aber ebenso auch das filmische Tagebuch des 1989 mit 41 Jahren gestorbenen Nelson Sullivan, der jeden seiner Wege durch die Stadt mit einer Handkamera festhielt. Oder das immer gleiche Graffiti-Tag „The SAMO© „ den Roy Colmer im Jahr 1979 fotografierte. Er wurde von den Künstlern Basquiat, Al Diaz und Shannon Dawson als Protest gegen das Ende des Punk und zunehmende Kommerzialisierung der Stadt und auf Mauern und Türen gesprüht. Das Chaos und die unbesetzten Flächen, die diese Künstler in ihren Arbeiten zeigen, sind verschwunden, und so hilft die Kunst, daran zu erinnern, was die Stadt noch vor drei, vier Dekaden war: ein nicht unbedingt sicherer, aber lebendiger und erschwinglicher Ort, an dem Künstler sich ausprobieren konnten, sogar in SoHo, wo heute nur noch das Wohn- und Atelierhaus von Donald Judd an der Spring Street (mittlerweile ein Museum) an die sozialen und künstlerischen Experimente erinnert, die zu jener Zeit hier möglich waren.  

Das Thema dieser vierten Ausgabe von „A Greater New York“ ist die Stadt; die im Alltag erlebte ebenso wie die ausgedachte und gefühlte Stadt. New York wird hier zum Schauplatz einer zeitgenössischen Archäologie, die Verlorenes und in den Gemengelagen eines von Willkür und manchmal auch einfach dem Zufall angetriebenen Kunstmarktes Vergessenes ebenso zutage fördert wie Kunst, die tatsächlich noch zu entdecken ist, wie etwa Loretta Fahrenholz Videoarbeit „Ditch Plains“. Unterlegt von zerfetztem, dumpfem Industrial-Sound wird die nächtliche Stadt von gespenstischen Tänzern bevölkert. Die mit leuchtenden Neondrähten umhüllten Performer sind bedrohlich, anziehend, vital: die imaginären Bewohner der nächtlichen Stadt, die von sich selbst träumt.  

„A Greater New York“ erzählt von den Möglichkeiten, für die New York einmal stand und von denen gegenwärtig nicht sicher ist ob es sie so in Zukunft geben wird. Dafür haben die Kuratoren Peter Eleey, Mia Locks, Thomas J. Lax and Douglas Crimp nicht nur eine Fülle verschiedener Ansätze mit einer Auswahl von 157 Künstlern zusammengetragen, sondern auch Kunst aus allen Genres: von Sozialem Realismus über Malerei, von Mode und Konsumkritik über dokumentarische Fotografie bis zu Post-Internet-Art: all das ist hier, weil es eine Vielfalt zeigt, die zu verschwinden droht, so schnell wie die kleinen Galerien und Off-Räume gerade aus dem Stadtbild Manhattans verschwinden.  

Die Kuratoren haben sich auf eine Suche gemacht, die gerade in dem, was und lange nicht mehr gesehen wurde, etwa John Ahearns „Maria and Her Mother“, Fragen und Antworten gleichermaßen sucht. Das lebensgroße Skulpturenpaar findet sich in einem Raum voller skurriler Figuren und Chimären, wie man ihn im PS1 wohl so noch nie gesehen hat. Das genaue Gegenteil von Sozialem Realismus auf der einen Seite und alberner Verspieltheit auf der anderen sind die minimalistischen Objekte von Scott Burton, die nur auf den allerersten Blick wie schicke Designermöbel wirken. Mit Burton, der im Jahr 1989 mit nur fünfzig Jahren starb, ist hier ein Künstler wieder- oder neu zu entdecken, dessen Werdegang so wohl nur in New York der ausgehenden 60er Jahre möglich war. Der Dramatiker, Essayist und Kritiker für Publikationen wie Artnews begann Ende der 60er Jahre, als Künstler und Performer zu arbeiten. Ab den 70er Jahren bezog er verstärkt selbst entworfene Möbel in seine Performances mit ein, die er als „pragmatische Skulpturen“ beschrieb.  

Bevor man es als „sentimental“ und „didaktisch“ kritisiert, ein Werk wie das Burtons hier zu zeigen, wie es einige lokale Kritiker taten, sollte man kurz innehalten, und sich die Fragen ansehen, die dieses Oeuvre bis heute aufwirft: Was sagt ein so seltener und auf so vielfältige Weise produktiver Werdegang aus über bis heute geltenden Konventionen der Kunstszene? Und: Wäre eine solche Karriere heute noch in New York möglich, oder vielleicht doch eher an anderen Orten des Landes wie dem mittlerweile tatsächlich erschwinglicheren Los Angeles?  

Burtons Möbel waren einst gedacht als Stolpersteine für einen funktionalisierten öffentlichen Raum – und interagieren darin auf überraschenderweise mit dem 2015 entstandenen „Magic Mountain“ von Lutz Bacher, einer Anhäufung gefährlich wirkender Teile, die den Weg versperren, auch wenn sie nur aus Schaumgummi sind. Solche Dialoge aus Gestern und Heute ergeben sich überall in der Schau. Dass das gelingt, liegt in der Art in der Inszenierung: ein ständiges, den Betrachter forderndes Hin- und Herspringen zwischen Stilen und Epochen von einem Raum zum nächsten. So entgeht die Schau ihrer eigenen Musealisierung ebenso wie einer willkürlichen Zuspitzung auf marktgängige Trends.  

So entstehen auch Dialoge zwischen Werken einer älteren Malergeneration wie Robert Bordo oder Peter Saul mit dem, was gerade erst entsteht, so etwa mit den Malerei-Objekten des 1983 geborenen Greg Parma Smith. Seine, „Pop Art for A New Age“, wie er sie nennt, scheint ebenso gespeist aus dem Flirren des Internets wie der überall in der Stadt allgegenwärtigen Werbung. Smiths plastische Collagen entzünden sich aber ebenso an der surrealen Schönheit alltäglicher Gegenstände, wie sie Claes Oldenbourg oder Robert Lichtenstein wahrnahmen.  

Doch die meisten Besucher von „Greater New York“ halten sich in einem Raum auf, an dem sich das, was man aus dem Alltag kennt, zu einer dichten Collage versammelt. Die meisten reden miteinander, zeigen sich gegenseitig etwas, die museale Ruhe ist dahin. Halbtransparente Regale aus Kunstsoff sind eng gestellt, wie in den Delis, den Tante Emma-Läden der Stadt, und sie sind dicht bepackt mit Gegenständen: Ein Wecker. Ein Kartenspiel. Ein Wasserkessel. Schlüssel. Kleiderbügel aus Aluminuim. Eine altertümliche Packung Kekse. Die Installation „KIOSK“ des gleichnamigen Künstlerduos bietet sich in einer Remiszenz an Ready-Made und Kapitalismus Deutungen am leichtesten an; ein Trick, der trivial anmuten mag, aber funktioniert: sofort entstehen Geschichten, werden alte und neue Erzählungen generiert, in Echtzeit und von Angesicht zu Angesicht.  

Stumm und staunend begegnet das Publikum hingegen den in einem abgedunkelten Raum gezeigten Miniaturstädten, die der 1984 geborene Brooklyner Künstler Ajay Kurian aus gefundenen Plexiglasobjekten baut. Hübsch anzuschauen ist das, improvisiert, chaotisch, bunt, aber hinter Glas wie ein kostbares Exponat oder eine Reliquie. Diese magischen, glitzernden Städte lassen sich nur aus der Ferne bewundern – vielleicht wie die Stadt New York irgendwann selbst.  

Diese Schau hat, über ihre vielfältige, nur durch mehrere Besuche fassbare Präsenz aber noch eine andere Stärke: sie weist wie keine andere zuvor über sich hinaus, in die Zukunft, auf die fünfte Ausgabe von „Greater New York“ im Jahr 2021. Wie sieht die Stadt in fünf Jahren aus? Welche Themen werden dann wichtig sein? Und was wird eine ganz andere, aber hoffentlich ebenso vielschichtige und provozierende Auswahl an Kunst uns dazu zu sagen haben?  

Autor
Magdalena Kröner

* , Düsseldorf, Deutschland

weitere Artikel von ...

Wichtige Personen in diesem Artikel
Weitere Personen
John Ahearn

* 1951, Binghamton, Verein. Staaten

weitere Artikel zu ...

Alvin Baltrop

* 1948, New York, Verein. Staaten

weitere Artikel zu ...

Robert Bordo

* 1949, Montreal, Kanada

weitere Artikel zu ...

Scott Burton

* 1939, Greensboro, Verein. Staaten; † 1989 in New York, Verein. Staaten

weitere Artikel zu ...

Roy Colmer

* 1935, London, Grossbritanien

weitere Artikel zu ...

Jimmy DeSana

* 1949; † 1990

weitere Artikel zu ...

Loretta Fahrenholz

weitere Artikel zu ...

Donald Judd

* 1928, Excelsior Springs, Verein. Staaten; † 1994 in New York, Verein. Staaten

weitere Artikel zu ...

Ajay Kurian

* 1984, Baltimore, Verein. Staaten

weitere Artikel zu ...

Gordon Matta-Clark

* 1943, New York, Verein. Staaten; † 1978 in New York, Verein. Staaten

weitere Artikel zu ...

Peter Saul

* 1934, San Francisco, Verein. Staaten

weitere Artikel zu ...

Collier Schorr

* 1963, New York, Verein. Staaten

weitere Artikel zu ...

Greg Parma Smith

* 1983

weitere Artikel zu ...

Rosalind Fox Solomon

* 1930, Highland Park, Verein. Staaten

weitere Artikel zu ...

Nelson Sullivan

* 1947, Verein. Staaten; † 1989 in New York, Verein. Staaten

weitere Artikel zu ...