Band 238, 2016, Ausstellungen: Wien, S. 304

Ursula Maria Probst

Olafur Eliasson

»Baroque Baroque«

Winterpalais des Prinz Eugen von Savoyen, Belvedere, Wien, 21.11.2015 – 6.3.2016

Die Interventionen und Installationen des dänisch-isländischen Künstlers Olafur Eliasson in der Ausstellung „Baroque Baroque“ spielen mit unseren physischen und psychischen Befindlichkeiten, stellen unsere Wahrnehmung auf die Probe. Wie kaum einem anderen Künstler gelingt es Olafur Eliasson, Kunst, High-Tech-Design, wissenschaftliche und physikalische Forschungen mit der Archaik von Naturphänomenen zu verknüpfen und gleichzeitig zu entmystifizieren, indem dahinter verborgene Mechanismen und Konstrukte sichtbar gemacht und in einen neuen Kontext überführt werden.  

Seit 2008 wird die Fassade der Verbund Zentrale in der Wiener Innenstadt durch Olafur Eliasson’s permanente Intervention „Yellow fog“ während der Abenddämmerung in gelben Nebel getaucht. Das von Prinz Eugen von Savoyen (1663-1736) prachtvoll im barocken Stil ausgestattete und unlängst restaurierte und vom Belvedere, Wien als Ausstellungsraum adaptierte, geschichtsträchtige Winterpalais mit seinen opulenten Prunkräumen inspirierte Olafur Eliasson zur Präsentation von Installationen und Objekten, die sich mit den Übergängen zwischen Realitätsmodellen und Realität befassen. Das Aufeinandertreffen der klaren Ästhetik der Kunstwerke und des barocken Ambientes, die Überlagerung von Historischem und künstlerischer Intervention schafft kontrastierende Situationen durch die eine ästhetische Sensibilisierung und eine Erweiterung unserer Wahrnehmungsgewohnheiten gefordert ist.  

Die in Kooperation zwischen dem Belvedere, Wien, Thyssen-Bornemsiza Art Contemporary Collection, Wien und The Juan & Patricia Vergez Collection, Buenos Aires entstandene Ausstellung „Baroque Baroque“ verführt mit wissenschaftlich und physikalisch ausgetüftelten Lichtspielen und Spiegeleffekten dazu, durch Projektionen, Schatten, Reflexionen aktiv zu den Installationen in Beziehung zu treten. In einen Ozean von Farbe hinter dem sich die Intention verbirgt, unser Raumempfinden zu destabilisieren, werden wir im Eingangsvestibül durch die Lichtinstallation „Die organische und kristalline Beschreibung“ (1996) getaucht. Das von einem HMI-Projektor ausgestrahlte Licht wird über eine mit gelben und blauen Farbfiltern ausgestattete Welleneffektmaschine geworfen und gerät dadurch scheinbar in Bewegung und bewirkt ein entmaterialisiertes Fließen und eine radikale Transformation des barocken Raumes. In „Yellow corridor“(1997) im Aufgang zu den Prunkräumen im Obergeschoß gelangen gelbe Monofrequenzleuchten zur Anwendung, die in unserer Wahrnehmung eine hyper-detaillierte Sehkraft bewirken und beim Heraustreten aus der monochromen Umgebung ein bläuliches Nachbild erscheinen lassen. Die Vorstellung, dass eine Farbe immer von der Existenz einer anderen Farbe abhängt, schwingt hier mit. In diesem Switch zwischen Konstrukt und Illusion werden bewusst theatralische und entzaubernde Effekte gesetzt. Gleichzeitig wird unser dadurch ausgelöstes prekäres Verhältnis zum sichtbaren Raum verstärkt.  

Der andauernden Erforschung des Zusammenspiels von Licht, Wahrnehmung, Transformation und Dekonstruktion widmen sich auch Eliasson’s optische Maschinen und Installationen „Kaleidoscope“ (2001), „New Berlin Sphere“ (2009) und „Your welcome reflected“ (2003), deren Sogwirkung fasziniert. „New Berlin Sphere“ (2009) setzt sich aus zwei Sets von je zwanzig Spiralen zusammen, die sich um eine kugelförmige Oberfläche schrauben. Eine leuchtende Glühbirne im Zentrum wirft Farbschatten der inneren Segmente auf die Wände des umgebenden Raumes. Das Überschreiten der Grenzen zwischen Innen und Außen und die Erforschung der Wirkung von Farben auf unsere Wahrnehmung bilden einen wiederkehrenden Aspekt in Eliasson’s Werk. Die Installation „Kaleidoscope“ (2001) verdeutlicht als optischer Apparat durch facettierte Spiegelungen und Überlagerungen dieser Spiegelungen sowie durch prismatische Formen und Lichtbrechungen, wie leicht unsere Wahrnehmungen dekonstruiert und neu konfiguriert werden können und dass unser Wahrnehmungsapparat ebenso ein kulturelles Konstrukt wie ein anatomisches Vermögen ist.  

„Fivefold tunnel“ (2000) verbindet als freistehender, bogenförmiger Durchgang zwei Prunkräume der Enfilade miteinander und erweckt Assoziationen zu einem barocken Laubengang. Das aus einer fünffachen Symmetrie resultierende komplexe Muster widerspricht allerdings unseren Sehgewohnheiten. Als ortspezifische in situ Installation durchdringt ein durchgängiger Spiegel die Enfilade der Prunkräume und bewirkt durch Überschneidungen von gespiegelten und realen Räumen und dadurch ausgelöste irritierende Verdoppelungen ein Gefühl der Desorientierung. Mit einem an die Spiegelwand im Schlachtenbildersaal gehängten Halbring aus Messing treibt Olafur Eliasson in der Installation „Wishes versus wonders“ (2015) das teils paradox anmutende Aufeinandertreffen von Realität, Illusion und der opulenten Künstlichkeit des Saales weiter, steuert einem vorläufigen Höhepunkt entgegen.  

Laut Olafur Eliasson entstanden seine Arbeiten im Winterpalais aus der Überzeugung, dass es möglich ist, Realität zu konstruieren, getragen von der Vorstellung, dass Konstrukte und Modelle genauso real sind wie alles andere. Es ist eine Kunst, die gleichzeitig aufzeigt, wie manipulativ auf unsere Wahrnehmung und Psyche eingewirkt werden kann und dadurch ambivalente Empfindungen auslöst. Olafur Eliasson’s Studio ist längst eine multidisziplinäre Factory in der mehr als 90 Architekten, Künstler und Wissenschaftler intensiv zusammenarbeiten. 2012 gründete er mit dem Techniker Frederik Ottesen das Social Business Little Sun, das Solarleuchten produziert.  

Infos zu Olafur Eliasson (* 1967, Kopenhagen) unter www.kunstforum.de: 93 Artikel, 3 Gespr., 53 Ausst.rez., 165 Abb.  

Autor
Ursula Maria Probst

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Wichtige Personen in diesem Artikel
Olafur Eliasson

* 1967, Kopenhagen, Dänemark

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