Band 238, 2016, Ausstellungen: Hamburg, S. 245

Michael Stoeber

Sarah Moon

»Now and Then«

Deichtorhallen Hamburg, 27.11.2015 – 21.02.2016

Als „Königin der Unschärfe“ hat eine Rezensentin Sarah Moon bezeichnet, nachdem sie ihre retrospektive Ausstellung in den Hamburger Deichtorhallen gesehen hatte. Auch wenn das griffige Etikett als Kompliment für die Manier der Verfertigung ihrer Werke gemeint war, hört und liest es die Fotokünstlerin zu Recht nicht gerne. Nicht allein, weil es anscheinend das Erste (und leider oft schon das Letzte) ist, was vielen Kritikern zu ihren Bildern einfällt, sondern auch, weil es ganz einfach nicht stimmt. Für Moon klingt Unschärfe wie ein Aufnahmefehler. Sie arbeitet aber als Fotografin nicht mit Fokusunschärfen, sondern häufig nur mit langen Belichtungszeiten. Dann kommt es, zumal wenn es bei Außenaufnahmen windig ist, zu Bewegungsunschärfen, die Moon nicht unlieb sind, weil sie mithelfen, eine Stimmung des Unwirklichen, Flüchtigen und Ephemeren zu evozieren, an der ihr für ihre Bilder gelegen ist. In einem bei Thames & Hudson erschienenen Buch ihrer Fotografien schreibt Moon im Vorwort: „ I’ve always known that I haven’t seen anything until I have seen beyond appearances. And I’ve always known that I have to close my eyes before opening them.“ Das schöne Bild des Augenschließens als Prolog, um zum wahren Akt des Sehens vorzustoßen, erinnert an die Praxis der Mystiker, die ihre Augen vor der Welt verschließen, um sie am Ende deutlicher zu erkennen. Und Moons Erklärung, mit ihrer Fotografie nicht am Schein der Dinge kleben, sondern mit platonischem Impetus zu ihrem wie auch immer gearteten Sein vordringen zu wollen, bezeugt ihre Absicht, den ikonischen Status der Fotografie zu überwinden, der ja nicht nur ihr Glanz, sondern zugleich auch ihr Elend ist.  

Wie gut ihr das gelingt, führt ihre Ausstellung „Now and Then“ in den Deichtorhallen vor Augen. Sie zeigt die ganze Bandbreite der Werke der 1941 geborenen, in Frankreich und England aufgewachsenen Künstlerin, die heute immer noch eine begehrte Fotografin ist. Zur Modebranche findet sie bereits mit 16 Jahren. Marielle Warin wird als Model auf der Straße entdeckt, posiert bald darauf für internationale Haute-Couture-Schauen, und Irving Penn, Helmut Newton und Guy Bourdin fotografieren sie. 1967 beginnt sie, selbst professionell zu fotografieren. Sie hat sich die Technik autodidaktisch angeeignet, und ein befreundeter Fotograf von L’Express schätzt ihre Bilder. Eines Tages fällt er krankheitsbedingt für einen Auftrag aus und empfiehlt sie an seiner statt. Ihre Aufnahmen gefallen und werden gedruckt. Sie sind der Auftakt zu einer einzigartigen Karriere. Aus dem Model mit dem Namen Marielle Hadengue wird die Modefotografin Sarah Moon. Anfangs arbeitet sie mit der Modedesignerin Barbara Hulancki in Swinging London zusammen. Später prägt sie durch ihre unverwechselbaren Bilder das Gesicht des Modelabels Cacharel, dann folgen Chanel, Dior, Comme des Garçons und andere. Sie ist die erste, die mit großer Empathie zarte und fragile Kindfrauen in Szene setzt, die für eine ganze Generation junger Mädchen zum Vorbild werden. Sie wirken nicht nur romantisch, träumerisch und melancholisch, sondern scheinen auch von großem Eigensinn und Selbstbestimmungsdrang geprägt. Mit der sanft subversiven Kraft, die von ihnen ausgeht, berühren Sarah Moons Models einen Nerv der Zeit, korrespondiert ihre Attitüde doch rein äußerlich mit dem rebellischen Geist der politisierten Jugendlichen aus dem Jahr 1968.  

Ihren eigentlichen, auch heute noch gültigen Stil entwickelt sie in den 1980er Jahren, als sie für japanische Modemacher wie Issey Miyake, Yohji Yamamoto und Rei Kawakubo fotografiert. Die Architektur ihrer Kleider inspiriert Moon zu kraftvollen Bildern, die gleichermaßen abstrakt und poetisch, minimalistisch und malerisch sind. Nicht das Mannequin ist auf ihnen der Star wie bei Peter Lindbergh oder Helmut Newton, sondern Model und Mode verbinden sich in symbiotischer Weise, um entgegen Zeitgeist und Personenkult in überdauernder Weise Schönheit, Anmut und Grazie ins Werk zu setzen. Moon operiert nie mit den groben Reizen sexueller Enthüllung. Auch nicht auf den Bildern ihres Pirelli-Kalenders, mit dessen Fertigung sie 1972 als erste Frau in dessen Geschichte beauftragt wurde. Wenn aus Moons samtenen, dunkeltonigen Aufnahmen ein Arm, Hände, Hals, Dekollete oder Gesicht hervorleuchten, dann eher als Ornament denn als erotisches Versprechen. Stets scheint ein Geheimnis auf ihren Fotografien zu liegen, das die Fantasie des Betrachters in diskreter Weise in Bewegung bringt. Das ist auch bei ihren Porträts, Blumen-, Tier- und Landschaftaufnahmen der Fall, denn Sarah Moon beschränkt sich in ihrer Kunst keineswegs auf die Modefotografie. Auch sie werden einer Metamorphose unterzogen, als kämen sie aus längst vergangener Zeit in unsere Gegenwart. Dabei ist es nicht selten, dass Ihre Vögel von drohendem Unheil zu künden scheinen, ihre Blumen wie blutende Wunden aufplatzen und auf ihren Landschaften der Schatten der Apokalypse liegt.  

Schönheit und Schrecken sind wie in Rilkes „Duineser Elegien“ Zwillinge im Werk von Sarah Moon. Das wird in Hamburg besonders deutlich in den drei Kabinetten, in denen die Künstlerin ihre Fotografien selbst gehängt hat, dicht an dicht und über- und nebeneinander. Und es wird noch deutlicher in ihren Filmen, die, begleitet von Polaroids, Filmstills und Drehbüchern, in verdienstvoller Weise einen Schwerpunkt dieser sehenswerten Ausstellung bilden. Vor allem, wenn Moon sich für sie durch Märchen von Hans Christian Andersen und Charles Perrault anregen lässt. Ihre filmischen Adaptationen breiten ein ebenso dunkles und düsteres wie poetisches und anmutiges Universum vor den Augen des Betrachters aus. In ihnen sind einmal mehr Kindfrauen oder Kinder die Protagonisten wie in „Cirque“ (2003), ein Film, der im Zirkusmilieu spielt und von Andersens „Mädchen mit den Schwefelhölzern“ inspiriert wurde. Oder wie in „Le Petit Chaperon Noir“ (2010), dem das Märchen vom „Rotkäppchen“ zugrunde liegt, das hier in stimmungsvollen, vom expressionistischen Stummfilm beeinflussten Schwarzweißbildern zum „Schwarzkäppchen“ wird. Sie stellen in ihrer Reinheit und Unschuld eine Art Gegenwelt dar zur brutalen und egoistischen Welt der Erwachsenen. Für diesen Teil ihrer Kunst mag eine Rolle gespielt haben, dass Sarah Moon, als Kind einer jüdischen Familie im französischen Vichy geboren, kaum auf der Welt, auch schon gezwungen war, vor den deutschen Besatzern zu fliehen. Denn wie man weiß, sind die frühesten Traumata eines Menschen die schlimmsten. Sie holen ihn immer wieder ein.  

Katalog in Vorbereitung  

Autor
Michael Stoeber

weitere Artikel von ...

Wichtige Personen in diesem Artikel
Sarah Moon

* 1940, Frankreich

weitere Artikel zu ...

Weitere Personen
Guy Bourdin

* 1928, Paris, Frankreich; † 1991 in Paris, Frankreich

weitere Artikel zu ...

Rei Kawakubo

* 1942, Tokio, Japan

weitere Artikel zu ...

Peter Lindbergh

* 1944, Lissa, Polen

weitere Artikel zu ...

Issey Miyake

* 1938, Hiroshima, Japan

weitere Artikel zu ...

Helmut Newton

* 1920, Berlin, Deutschland; † 2004 in Los Angeles, Verein. Staaten

weitere Artikel zu ...

Irving Penn

* 1917, Plainfield, Verein. Staaten; † 2009 in New York, Verein. Staaten

weitere Artikel zu ...

Yohij Yamamoto

* , Japan

weitere Artikel zu ...