Band 237, 2015, Biennalen, S. 399

Curating Under Pressure

Susanne Boecker berichtet von der Biennale-Konferenz in Christchurch, Neuseeland, 5.11.- 8.11.2015

Als man sich vor fünfzehn Jahren zur ersten Biennale-Konferenz in Kassel traf, war das Terrain überschaubar: Rund 20 internationale Großausstellungen gab es damals weltweit. Tendenz steigend. Inzwischen sind es über 160, und ein Ende der Entwicklung ist nicht abzusehen. Bis heute sind Biennalen das erfolgreichste Modell für die Ausstellung internationaler zeitgenössischer Kunst. Das ifa (Institut für Auslandsbeziehungen) hat diese Entwicklung in Kooperation mit verschiedenen Partnern über die Jahre mit weiteren Konferenzen begleitet. Die letzte – „Curating Under Pressure“ - fand Anfang November 2015 in Christchurch, Neuseeland, statt.  

Im Unterschied zu Museen, die als feste Institutionen mit Sammlungen agieren und somit über eine gewisse Stabilität verfügen, ist der Status Quo von Biennalen in den wenigsten Fällen gesichert. Die meisten funktionieren als temporäre Strukturen ohne fixe finanzielle, personelle, räumliche und organisatorische Basis. In dieser Offenheit liegt ihr Potenzial: Biennalen sind flexibel, können auf neue Situationen reagieren, ja entstehen manchmal sogar als Antwort auf Krisen, wie zum Beispiel die Gwangju Biennale oder Prospect New Orleans. Aber die fehlende Basisstruktur macht sie auch angreifbar. Gerade in jüngster Zeit ist es vermehrt zu Konfliktsituationen gekommen, sind Biennalen unter politischen Druck geraten – wie etwa die 13. Istanbul Biennale 2013, die Manifesta 10 in St. Petersburg oder auch die Sydney-Biennale mit einem Hauptsponsor, der an staatlichen Lagern für abgewiesene Asylbewerber beteiligt war.  

In eine Krisensituation geriet auch die Biennale von Christchurch, SCAPE Public Art. Nach einem schweren Erdbeben im September 2010 musste die geplante sechste Ausgabe verschoben werden. Im Februar 2011 folgte ein zweites, verheerendes Beben, bei dem 185 Menschen starben. 91 Prozent aller Gebäude der Stadt wurden beschädigt, 17.000 Häuser waren unbewohnbar. Am schwersten betroffen war die Innenstadt. Inzwischen sind hier 1240 Gebäude verschwunden – vom Erdbeben zerstört oder den Abrissbirnen von Grundstücksspekulanten zum Opfer gefallen. Heute, viereinhalb Jahre nach der Katastrophe, ist das Zentrum von Christchurch ein Mix aus Brachland und Baustelle. Gesichtslose Neubauten werden hochgezogen, Plakate versprechen Investoren großartige Renditen, eine botanische Stadtmöblierung sorgt für provisorisches Grün. 70.000 Menschen sind nach dem großen Beben weggezogen. Rund vier Fünftel der Bevölkerung, knappe 350.000, sind geblieben oder zurückgekehrt.  

Kann man, soll man in einer solchen Situation eine Biennale veranstalten? Die Antwort in Christchurch lautete: Ja. Nachdem die sechste Ausgabe gecancelt wurde, fand 2013 die siebte Ausgabe statt und in diesem Jahr wurde die achte Ausgabe realisiert. Unter dem Titel „New Intimacies“ zeigt Kurator Rob Garrett acht Projekte, u.a. von Judy Millar, Pauline Rhodes und Nathan Pohio. Er hofft, dass die Arbeiten den Bewohnern helfen, einen persönlichen und erinnerbaren Zugang zu dem komplett umgestalteten Zentrum ihrer Stadt zu finden.  

Vor diesem Hintergrund entwickelten Blair French (Kurator SCAPE 7) und Mischa Kuball die Idee, in Christchurch eine Biennale-Konferenz über die Ethik des Kuratierens zu veranstalten. Leonhard Emmerling (Goethe-Institut) griff diesen Vorschlag auf und initiierte das Projekt "Curating Under Pressure". Gemeinsam mit Elke aus dem Moore (Institut für Auslandsbeziehungen) und in Kooperation mit Creative New Zealand sowie der University of Canterbury realisierte er das Symposium, an dem er selber wegen Krankheit leider nicht teilnehmen konnte. War es in den ersten Biennale-Konferenzen darum gegangen, die – damals überschaubaren – Protagonisten und Fachleute der Szene an einen Tisch zu bringen, um grundsätzliche Fragen der Professionalisierung, Vernetzung und Kooperation zu diskutieren, wurden in den folgenden Konferenzen weitergehende inhaltliche Fragen erörtert. Dabei saßen nicht mehr nur die Organisatoren und Direktoren der Biennalen auf dem Podium, sondern auch Kuratoren, Künstler und Wissenschaftler. Bei der sechsten Konferenz in Christchurch wurde dieser Kreis nun noch einmal erweitert: Neben Vertretern und Aktivisten der örtlichen Kunstszene war auch die allgemeine Öffentlichkeit zur Teilnahme eingeladen.  

Die Auftaktveranstaltung fand auf dem Marae in Rapati bei Christchurch statt. Hier begrüßten Vertreter der Maori die Teilnehmer in einer offiziellen Zeremonie. Anschließend gab es ein Barbecue im 2014 eröffneten Projektraum „North Projects“ sowie eine große geführte Tour durch die Innenstadt von Christchurch. Dieses ungewöhnliche Einstiegs-Programm vermittelte den Teilnehmern nicht nur die kritische Situation vor Ort, sondern brachte sie auch in intensiven Kontakt miteinander - eine wichtige Voraussetzung für die spätere Arbeit in Gruppen.  

Was kann Kunst in Krisensituationen leisten? Kann Kunst helfen, Traumata zu verarbeiten? Welche Möglichkeiten hat Kunst, um Verletzungen zu heilen, was kann sie leisten zur Stabilisierung, zum Wiederaufbau? Hat sie eine ethische Verpflichtung? Um diese Fragen drehten sich die Vorträge und Diskussionen der nächsten Tage. Vor der aktuellen Situation in Christchurch ging es zunächst um die Reaktion auf Naturkatastrophen. Blair French (Kurator SCAPE 7) und Rob Garrett berichteten von ihrem Ansatz, über Kunstwerke die Menschen wieder mit ihrem Lebensort in Kontakt zu bringen, ihnen zu helfen, die Vermeidungszone – was die Innenstadt für viele bis heute ist – wieder zu betreten und mit Leben zu füllen.  

Aus New York zugeschaltet schilderte Brooke Davis Anderson die Entwicklung von Prospect New Orleans. Die Biennale wurde 2008 von Dan Cameron ins Leben gerufen, um die durch den Wirbelsturm Katrina zerstörte Stadt zu revitalisieren. Mit ihrem architektonischen Erbe, der hervorragenden Küche und der touristischen Attraktivität schien ihm New Orleans bestens geeignet als Biennale-Ort. Was hat Prospect New Orleans mit seinen drei Ausgaben inzwischen erreicht? Im ersten Jahr wurden mit großen Summen viele Gebäude wieder hergerichtet, die zeitgenössische Kunst und allgemeine Kultur wird heute in der Stadt mehr geschätzt als vor der Naturkatastrophe, und in den kolonialen Altbauten haben sich zahlreiche Künstler angesiedelt (was bereits zur Gentrifizierung geführt hat). Jetzt sei es das Ziel der Biennale, die Stadt in einen Contemporary-Art-HUB zu verwandeln, so Anderson. Da mag man sich fragen, inwiefern die Biennale der einheimischen Bevölkerung hilft, über die Folgen des Wirbelsturms hinwegzukommen. Kreist die Kunst(-szene) doch nur um sich selbst?  

Azhari Aiyub wies auf den wichtigen Unterschied zwischen „human-made“-Desaster und Naturkatastrophe hin. Der indonesische Autor kennt beides: Er den Tsunami erlebt, bei dem in seiner Heimatprovinz Aceh 170.000 Menschen ums Leben kamen, und er hat an dem Aufbau des Museums of Aceh Human Rights mitgearbeitet, das an die Menschenrechtsverletzungen während der indonesischen Unabhängigkeitsbewegung in den 70er- bis 80er-Jahren erinnert. Die ebenfalls aus Indonesien stammende Syafiatudina sieht die posttraumatische Situation auch als Chance, denn in dieser existenziellen Phase entstehe ein neues Wir-Gefühl. Kunst könne helfen, das Trauma zu verarbeiten, indem sie die kollektive Verlust-Erfahrung der Menschen mit der Zukunft verbindet. Diesen Ansatz verfolgen auch die verschiedenen Museen und Kunst-Initiativen in Christchurch.  

„Curating Under Pressure“ – das Thema der Konferenz spielt auch an auf den enormen finanziellen Druck, unter dem viele Biennalen produziert werden. Auf Zwänge durch Sponsoren, auf politisch motivierte Budgetkürzungen, auf ökonomische Engpässe. Biennalen müssen es schaffen, mit diesen Situationen umzugehen, neue Strategien entwickeln, flexibel reagieren. So wurde die dritte Ausgabe der Ural Industrial Biennial in Jekaterinburg mit extrem gekürztem Budget realisiert, die Moskau Biennale in einen zehntägigen Produktions- und Diskussions-Event verwandelt, und in Athen hat man die traditionelle Ausstellung durch ein Zweijahresprogramm aus Vorträgen, Workshops und anderen Events ersetzt. Es geht aber auch anders: In Budapest stellten 80 unbezahlte Kräfte in sechsmonatiger Arbeit eine OFF-Biennale auf die Beine. Die als Protest- und Gegenveranstaltung zur ungarischen Kulturpolitik ins Leben gerufene Veranstaltung war mit 140 Projekten ein großer Erfolg. In anderen Situationen müssen (und können) subtile Wege des Kuratierens gefunden werden, wie Zasha Colah am Beispiel der Arbeit des Clark House Bombay zeigte.  

Ein zentrales Format dieser Biennale-Konferenz war das „World Café“. In kleinen Gruppen wurden hier Gedanken und Vorschläge zu den wichtigsten Fragen des Symposiums gesammelt und entwickelt: Was können wir aus Katastrophen und traumatischen Erfahrungen lernen? Wie können Biennalen dazu beitragen, die Welt zu verbessern? Welche Strategien stehen dem Publikum zur Verfügung? Gibt es eine „Ethik des Kuratierens“? Das ifa wird die Ergebnisse dieser Arbeitsrunden so wie auch die Vorträge der Konferenz publizieren.  

Christchurch ist gewiss kein Hot Spot der internationalen Kunstszene. Die Stadt liegt out of focus, am „Ende der Welt“. Aber sie war ein guter Ort für diese Biennale-Konferenz, in der es nicht (wie leider häufig) um die Selbstdarstellung von Biennale-Machern ging. Nicht um die Positionierung (und Bewerbung) der eigenen Veranstaltung, nicht um die Verortung im internationalen Kunstbetrieb. Nein, diese Veranstaltung war kein Ort für Eitelkeiten, dafür war der gesetzte Themenrahmen viel zu ernst. „Curating Under Pressure“ war ein Think-Tank, in dem man voneinander lernen und gemeinsam Ideen entwickeln konnte.  

www.curating-under-pressure.com  

Autor
Susanne Boecker

* 1961, Wuppertal, Deutschland

weitere Artikel von ...

Weitere Personen
Leonhard Emmerling

weitere Artikel zu ...

Blair French

weitere Artikel zu ...

Róna Kopeczky

weitere Artikel zu ...

Azar Mahmoudian

weitere Artikel zu ...

Judy Millar

* 1957, Auckland, Australien

weitere Artikel zu ...

Elke aus dem Moore

weitere Artikel zu ...

Alisa Prudnikova

weitere Artikel zu ...

Adnan Yildiz

weitere Artikel zu ...