Band 237, 2015, Ausstellungen: Frankfurt am Main, S. 358

Maria Anna Tappeiner

William Forsythe

»The Fact of Matter«

MMK 1 Museum für Moderne Kunst, Frankfurt am Main, 17.10.2015 – 31.01.2016

Entweder man kann tanzen, oder man kann es nicht“, sagt William Forsythe. Mit Tanz haben seine „Choreographic Objects“, die jetzt erstmals als größere Werkschau im MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main zu sehen sind, nichts zu tun, denn das Publikum „zirkuliert um Ideen“, so Forsythe, „die Besucher müssen sich bewegen, oder die Arbeiten entfalten sich nicht.“ William Forsythe hat in den letzten Jahrzehnten einen einzigartigen tänzerischen Kosmos geschaffen und Generationen von Tänzern und Choreografen geprägt. Der gebürtige New Yorker ist vor allem für seine richtungsweisenden Ballettchoreografien und experimentellen Tanztheaterstücke bekannt, doch seit den 1990er Jahren schafft er auch raumbezogene Installationen, die er „Choreographic Objects“ nennt und die den Besucher selbst zum Akteur werden lassen. Eine frühe Arbeit ist „White Bouncy Castle“, eine weiße Hüpfburg, die erstmals 1997 in London gezeigt wurde: ein freier, choreografischer Raum, bei dem es keine Zuschauer, sondern nur Teilnehmer gibt. Die Ausstellung im MMK zeigt nach verschiedenen Einzelpräsentationen nun die Hauptwerke von Forsythes bildnerischem Werk der vergangenen 20 Jahre und wirft einen programmatischen Blick auf die Grenzbereiche zwischen bildender Kunst und Choreografie. Mit seinen Rauminstallationen erweitert der Künstler die Erfahrungsräume von Choreografie und stellt die Körperwahrnehmung jedes Einzelnen ins Zentrum.  

In der Eingangshalle des Museums erwartet den Besucher die interaktive Arbeit „City of Abstracts“ (2000). Die von einer kleinen Kamera aufgenommen Besucher finden sich zeitversetzt und gemorpht auf einer großen Videoleinwand wieder. Durch ihre absichtlichen oder auch zufälligen Bewegungen entsteht eine unvorhergesehene Choreografie, die zum Ausprobieren einlädt. Ähnlich spielerisch und partizipativ angelegt ist die Rauminstallation „Nowhere and Everywhere at the Same Time, No. 3“ (2015). Der Ausstellungsbesucher bewegt sich durch einen Raum programmierter Pendel, die an langen Schnüren befestigt durch den Raum schwingen. Die Vorgabe des Künstlers besagt, den Kontakt mit den Pendeln zu vermeiden. Auf diese Weise entsteht eine Art Tanz des Ausweichens, der unserer Wahrnehmung und unseren Reflexen geschuldet ist. Bereits der Titel der Ausstellung „The Fact of Matter“ ist eine Wortumstellung, eine erste programmatische Bewegung. Die Dinge, Materialen, aber auch wir als Materie stehen im Zentrum, das sind die Fakten. In der gleichnamigen Arbeit von 2009 ist der Besucher aufgefordert, einen Parcours aus hängenden Ringen zu durchqueren, ohne den Boden zu berühren. Spätestens wenn man schaukelnd in den Seilen hängt, spürt man das Gewicht des eigenen Körpers, gepaart mit dem Gefühl der Anstrengung, bisweilen Hilflosigkeit, weiter voranzukommen. Ein anderer Raum ist mit einem schwebenden Kubus ausgefüllt, sodass nur eine Raumhöhe von circa 70 cm bleibt, was die Möglichkeiten, den Raum zu durchqueren, erheblich einschränkt. Was auf den ersten Blick leicht und spielerisch erscheint, entpuppt sich bald als physische, manchmal auch psychische Herausforderung: Die Grenzen des eigenen Körpers, das Gefühl von Schwerkraft oder auch der Verlust von Bewegungsfreiheit führen zu existentiellen Körpererfahrungen. Für Forsythe ist ein choreografisches Objekt „von seinem Wesen her offen für eine ganze Palette von phänomenologischen Erfahrungen, da es den Körper als Ganzes zwingt, ständig die Signale seiner Umgebung zu lesen.“  

Daneben interessiert sich Forsythe seit Jahren für die Analyse und wissenschaftliche Erforschung von Choreografie. Das Video „Lectures from Improvisation Technologies“ (1994) ist ein Schlüsselwerk in der Ausstellung und zeigt die Grammatik des choreografischen und bildnerischen Denkens Forsythes. In dem 1994 in Zusammenarbeit mit dem ZKM Karlsruhe entstandenen Lehrfilm für Tänzer analysiert Forsythe sein Bewegungsrepertoire und macht mithilfe von grafischen Animationen die Bewegungsabläufe des Körpers, seine Geometrie, sichtbar. Dies führte Forsythe zur Entwicklung von digitalen Tanzpartituren, die 2009 im Rahmen des interdisziplinären Forschungsprojekts und der Onlineplattform „Motion Bank“, einem Notationssystem für Tanz, weiterentwickelt wurden.  

Die performativen, raumbezogenen und filmischen Arbeiten Forsythes verbinden sich in der Ausstellung mit Hauptwerken aus der Sammlung des MMK, Werken von Teresa Margolles, Bruce Nauman, Santiago Sierra oder Rosemarie Trockel. In den oftmals minimalistisch und konzeptuellen Arbeiten ergeben sich viele gemeinsame Themen und Korrespondenzen, wie etwa die Bewegung des Körpers im Raum, die Hand als Werkzeug, die Linie als Grundform oder auch das Thema Sterblichkeit. Forsythe interessiert sich für die DNA von Choreografie, für Bewegung im Raum und unterschiedlichste Formen von Körperwahrnehmung, seien sie minimal wie unsere fortwährende Bewegung durch Atmung oder maximal durch den Kraftaufwand beispielsweise, eine schwere Tür zu öffnen. Durch einfache Handlungsanweisungen des Künstlers entstehen Partituren und Bewegungsabläufe, die uns auf uns selbst zurückwerfen. Dabei fällt auf: Der Ideen- und Bewegungsraum des Körpers ist beinahe grenzenlos. Forsythe gibt uns die richtigen Werkzeuge, um sie zum Vorschein zu bringen.  

Autor
Maria Anna Tappeiner

* 1968, Wiesbaden, Deutschland

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Wichtige Personen in diesem Artikel
William Forsythe

* 1949, New York, Verein. Staaten

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Weitere Personen
Teresa Margolles

* 1963, Culicán, Mexiko

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Bruce Nauman

* 1941, Fort Wayne, Verein. Staaten

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Santiago Sierra

* 1966, Madrid, Spanien

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Rosemarie Trockel

* 1952, Schwerte, Deutschland

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