Band 237, 2015, Ausstellungen: Bad Rothenfelde, S. 338

Susanne Düchting

Lichtsicht 5

»Projektionsbiennale«

Bad Rothenfelde, Gradierwerke, 18.9.2015 – 7.2.2016

Projektionskunst definiert sich als Erzeugung von bewegten Bildern auf Flächen und in Räumen außerhalb vom kommerziellen Kino einerseits und vom Kunst-Kontext des „white cube“ andererseits. Die Expansion der Licht-Künste ins Öffentliche und Kolossale geht einher mit der Erweiterung des optischen Vokabulars sowie dem Aufzeigen medialer Produktionsmechanismen und –bedingungen, d.h. es werden programmatisch Einblicke in das apparative Dispositiv gegeben. Im Gegensatz zum Projektionssystem Kino mit einem vor der Leinwand fixierten Besuchern, ist die Bewegung des Publikums immanenter Bestandteil der internationalen Projektionskunst in Bad Rothenfelde – denn nur wer sich nach Einbruch der Dunkelheit auf den Weg macht entlang der beiden rund 200 Jahre alten Gradierwerke, kann die Arbeiten sehen und erfahren. Zur außergewöhnlichen und weltweit wohl einmaligen Rezeptionssituation tragen zudem die Maße und die Materialbeschaffenheit der ursprünglichen Anlagen zur Salzgewinnung bei, die heute als Freiluftinhalatorien dienen: Die bis zu 11m hohen Flächen ergeben eine Länge von knapp 1km. Durch die Wände aus gestecktem Schwarzdornreisig rieseln permanent große Mengen an Salzwasser herab, weshalb die Luft feucht und salzhaltig ist und die Kalk-, Eisen- und Salzablagerungen eine unregelmäßige, rhizomatische Textur bilden. Diese besondere Atmosphäre und die netzartige Oberfläche erweisen sich als subtiler und zugleich starker Resonanzraum, was vor allem bei den ortsspezifisch generierten Arbeiten deutlich wird.  

Das Ursprungsthema der Kunst wird hier unter der Überschrift „Vom Schatten zum Selfie“ (Kurator: Peter Weibel) in bildmächtigen Projektionen von Künstlern aus aller Welt (Neuseeland, Südafrika, Israel, Japan, GB, USA, Deutschland) verhandelt. Die Bilder von Lebewesen – seien es Menschen oder Tiere -, haben allesamt einen deutlichen Welt-Bezug, Künstler-Selbstporträts findet man nicht. Man sieht zeitgenössische Themen vom Artensterben bis zur Generierung, Speicherung, Erinnerung und zu dem Umgang mit Bildern und Daten (des Einzelnen und durch Dritte) im analogen und virtuellen Umfeld, wobei die Vermessungen des Makro- und Mikro-Kosmos auf aktuellen Verfahren aus Wissenschaft und Kunst beruhen; zudem weisen die Arbeiten intermediale und interkulturelle Strategien auf. So zeigt die Werkreihe „Video-Porträts“ (seit 2004) von Robert Wilson Aufnahmen von Künstlern, Sportlern, anonymen Personen, Wissenschaftlern und Tieren. Diese wirken zunächst wie private Aufnahmen, beruhen aber auf öffentlichen, medialen Inszenierungsstereotypen. Für „Marathon der Tiere“ (2015) transformiert und abstrahiert rosalie Bilder, die in der Hochgeschwindigkeits-Röntgenvideoanlage der Universität Jena entstanden sind. Die Datenströme werden zu einem dynamischen Bilderfluss, der in einem spannungsreichen Dialog mit der Komposition „Spin Loop“ von Ludger Brümmer steht. Auch Ryoji Ikeda bezieht sich in „the radar [bad rothenfelde]“ (2015) auf die Referenzsysteme Wissenschaft und Technik, indem er den Informations- und Datenfluss aus der Kartierung eines Sternenbildes in minimalistischer Ästhetik und kühler Klangatmosphäre wahrnehmbar macht. Mit „Feuerwall“ (2015) fragt Holger Förterer, wie mit globaler Datenüberwachung, digitalem Vergessen und persönlichem Erinnern umgegangen wird. Über eine App werden eigene Fotos vom smartphone auf die virtuelle Feuerwand übertragen, wo sie in einer Art Autodafé überdimensional groß und theatralisch verbrennen – was durchaus ambivalente Empfindungen auslöst. Zugleich werden die Bilddateien unwiederbringlich auch auf dem smartphone gelöscht. Eyal Gevers „Water Dancer“ (2015), auf Basis einer Tanzperformance zu „Over grown“ von AMP entstanden, ist das Ergebnis neuester 3D-Simulationstechnik: ein androgyner, fluider Körper wird auf eine Wasserfontäne projiziert und zerfließt, je dynamischer die Tanzbewegung ist – je ruhiger, umso mehr nimmt er Gestalt an. Daniel Crooks zeigt die Stadt Melbourne in zeitlichen und räumlichen Parallel-Welten, auf deren labyrinthische Struktur schon der Titel „A Garden of Parallel Paths“ (2012) als Referenz an Borges Kurzgeschichte „Der Garten der Pfade, die sich verzweigen“ verweist. Das Spiel mit Perspektiven und Schatten treibt auch Tim Otto Roth in „sterea skia“ (2015): Wie würden wir sehen, wenn die Erde nicht von einer Sonne, sondern von zwei verschiedenfarbigen Sonnen beschienen würde? Explizit interaktiv sind zwei andere Arbeiten. Bei „Aspect (White)“ (2015) der Künstlergruppe Random International werden die Schatten der Besucher auf eine Wandfläche geworfen. Algorithmen überlagern diese „Bilder“ mit geometrischen Mustern, lassen sie verschwinden und wieder auftauchen – und nur wer sich im Lichtschein bewegt, sorgt dafür, dass die poetische Flüchtigkeit seines Schattenbildes etwas verzögert wird. Die audiovisuelle interaktive Installation „Lasact“ (2013) der Künstlergruppe um Alexander Rechberg wird mittels einer Web-Applikation von einem oder mehreren Besuchern gesteuert. Je mehr sich daran beteiligen, desto harmonischer werden die Linienmuster. Diese performative „crowd-art“-Arbeit generiert nicht nur spielerisch Kunst, sondern bedient auch die Lust am flüchtigen Schein. Die multimediale Collage „More Sweetly Play The Dance“ (2015) von William Kentridge zeigt einen langen Zug von Menschen (Musiker einer Brass-Band, Tänzer, Sekretärinnen, Minenarbeiter, Kranke, Demonstranten etc.), Skeletten und Gegenständen, die allesamt mit Tätigkeiten beschäftigt sind oder etwas aufführen. Die hochkomplexe Arbeit ist politisches Statement zur Apartheid, weckt aber auch Assoziationen an mittelalterliche Totentänze, Prozessionen, Paraden und Flüchtlingsströme. Die diesjährige „Lichtsicht-Projektionsbiennale“ zeigt das aktuelle Spektrum einer autonomen Projektionskunst auf der Höhe ihrer künstlerischen und technischen Entwicklung, zugleich transformiert sie auf poetische Weise die einstmals bedeutende technische Innovation des Gradierwerkes.  

Lichtsicht 5, Peter Weibel, Idis Hartmann, 128 S., 104 Abb., Kehrer Verlag, zum Subskriptionspreis 29,90€, Buchhandelspreis 34,90€.  

Autor
Susanne Düchting

* 1967, Deutschland

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Wichtige Personen in diesem Artikel
Peter Weibel

* 1944, Odessa, Ukraine

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Weitere Personen
Daniel J. Becker

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Ludger Brümmer

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Daniel Crooks

* 1973, Hastings,, Neuseeland

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Ryoji Ikeda

* 1966, Gifu, Japan

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Random International

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William Kentridge

* 1955, Johannesburg, Südafrika

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Michael König

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David Murmann

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Alexander Rechberg

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Adrian Rennerz

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Rosalie

* 1953, Gemmrigheim, Deutschland

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Tim Otto Roth

* 1974 , Oppenau, Deutschland

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Robert Wilson

* 1941, Waco, Verein. Staaten

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Biennalen
Projektionsbiennale Bad Rothenfelde

D – Bad Rothenfelde

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