Band 237, 2015, Gespräche mit Künstlern, S. 254

Nan Goldin

Man hat mir mein Medium weggenommen

Ein Gespräch von Michael Stoeber

Schon als Schülerin hat sie fotografiert. Und die Kamera war dabei für sie immer ein Mittel, um mit Menschen in Kontakt zu treten. So wie mit den Drag Queens in Boston, die der jungen Nan Goldin wie Königinnen erschienen und die sie wahrhaft königlich fotografierte. Überhaupt macht sie bis heute nur Bilder von Menschen, denen sie sich nahe fühlt. Diese Verbundenheit macht es ihr möglich, nicht nur ihr Äußeres, sondern – pathetisch formuliert – auch ihre „Seelen“ zu fotografieren. Das Geheimnis der Aufnahmen von Nan Goldin liegt in der Empathie, mit der sie auf ihre Protagonisten schaut. Die teilt sich ihnen mit, lässt sie Vertrauen haben zu der Künstlerin und stiftet eine innige Gemeinschaft zwischen ihnen. Bekannt geworden ist die 1953 in Washington geborene Nan Goldin mit ihrer von Musik unterlegten Diaschau “Die Ballade von der sexuellen Abhängigkeit“, in der sie ihre „Family“ zeigt: Menschen, mit denen sie in den 1970er und 1980er Jahren in New York zusammen lebte. Auch wenn zu der Zeit Sex und Drogen in ihrem Alltag eine große Rolle spielten, ging es der Künstlerin nicht darum, ein bestimmtes Milieu oder eine Subkultur zu fotografieren. Die Hasselblad-Preisträgerin des Jahres 2007 porträtiert stets Individuen, Persönlichkeiten. Wobei sie diese quasi en passant aufnimmt, mit einem Schnappschuss, ganz selbstverständlich, und dabei so direkt und intim, wie man das bis dahin noch nicht gesehen hatte. Für ihre neue Diaschau „Scopophilia“ und die für die kestnergesellschaft entstandene Werkserie der „Saints“ hat Nan Goldin ihre Porträts mit von ihr fotografierten Gemälden aus dem Pariser Louvre gemischt. Die Allianzen, die dabei entstehen, sind höchst eindrucksvoll. Nicht nur, weil Malerei und Fotografie dabei einander sehr nahe kommen, sondern auch, weil sich Geschichte und Gegenwart berühren. Über die Zeiten hinweg scheint ein Kuss aus einem vergangenem, eine gegenwärtige Umarmung aus einer früheren zu folgen. Eine einzige, ewige und sich doch gleich bleibende Verwandlung.  

Michael Stoeber: Ihre neue Ausstellung in der hannoverschen kestnergesellschaft trägt den Titel „Scopophilia“, was wörtlich übersetzt die Liebe zum Schauen heißt. Wann haben Sie diese Liebe gelernt?  

Nan Goldin: Ich glaube, ich wurde mit ihr geboren. Ich erinnere mich daran, wie ich von meinen Eltern ermahnt wurde, Menschen nicht anzustarren; da war ich ungefähr sechs Jahre alt. Ich habe mir Menschen immer sehr genau angeschaut, auch wenn das vielleicht nicht ganz höflich war.  

Sie waren also ein sehr neugieriges Kind?  

Ja, das stimmt. Ich wollte alles sehen. Und schon als Kind fasste ich den Entschluss, mir jedes Land der Erde anzuschauen.  

Wie viele haben Sie denn bisher geschafft?  

48.  

Und wie viele bleiben da noch?  

Das ändert sich laufend. Die Zahl nimmt allerdings zu. Länder verschwinden und neue tauchen auf. Denken Sie nur an das ehemalige Jugoslawien.  

Sind Sie heute immer noch so neugierig wie als Kind?  

Ja, ganz sicher.  

Glauben Sie, dass dies für einen Künstler eine notwendige Voraussetzung ist, um Kunst zu machen?  

Das weiß ich nicht. Aber ich glaube, wenn Sie als Künstler nicht das Gefühl haben, machen zu müssen, was Sie machen, dann können Sie es auch sein lassen. Bei den wahren Künstlern, die ich in meinem Leben getroffen habe, war das jedenfalls so. Wenn ich unterrichte, sage ich meinen Studenten, ohne dieses Gefühl von Notwendigkeit sollten sie besser etwas anderes machen.  

Sie unterrichten?  

Nein, seit dem Jahr 2000 nicht mehr. Davor war ich in Harvard, als sie dort noch eine Abteilung für zeitgenössische Kunst hatten. Und für einige Lehraufträge war ich auch in Yale und an europäischen Universitäten.  

Ein Schlüsselbegriff für das Verständnis Ihrer Ausstellung in der kestnergesellschaft scheint mir der Begriff der Metamorphose zu sein. Ist er nicht selbstreferentiell? Trifft er nicht für jede Form von Kunst zu?  

Über Kunst im Allgemeinen kann und mag ich nicht mehr sprechen. Ausgenommen darüber, dass wahre Künstler Kunst machen müssen, um am Leben zu bleiben. Es ist nicht gerade die leichteste Sache der Welt, ein Künstler zu sein. Schon gar nicht 40 Jahre lang. Es scheint mir einfacher, für eine so lange Zeit bei McDonald`s denn als Künstler zu arbeiten.  

Haben Sie den Eindruck, dass es für Sie als Künstlerin in den letzten Jahren schwieriger geworden ist?  

Entschieden. Mein Name ist zwar so etwas wie eine Ikone, aber wirtschaftlich wirkt sich das für mich nicht groß aus. Ich bin zwar sehr populär bei jungen Menschen und genieße das auch. Und hoffentlich habe ich durch mein Werk dazu beigetragen, dass sich heute kein Teenager mehr umbringt, nur weil er schwul ist. Insofern ist meine künstlerische Arbeit auch sehr politisch. Das war sie schon immer, von Anfang an. Im Übrigen glaube ich, dass es im Wesen der Kunst liegt, politisch zu sein. Daher denke ich nicht, dass mein Werk selbstreferentiell ist. Allerdings ist „Scopophilia“ insofern selbstreferentiell, als dem Werk der Mythos von Pygmalion und Galatea zugrunde liegt. Mir scheint, ich habe selbst einen Pygmalion-Komplex. Ich möchte Menschen helfen, die zu werden, die sie sind. Dass sie sich zu sich selbst bekennen, zu ihrer Sexualität, ihrer Herkunft, ihren Überzeugungen, zu was auch immer. Ein Freund von mir nannte sich Paul. Ich sagte ihm, das sei nicht sein richtiger Name. Und einige Zeit später ließ er sich wieder Pavel nennen, was sein Geburtsname ist.  

Glauben Sie, dass Namen Einfluss haben auf unsere Identitätsvorstellung?  

Vielleicht. Mir ist dabei wichtig, dass Menschen lernen, sich zu sich selbst zu bekennen. Insofern ist „Scopophilia“ selbstreferentiell. Wenn Sie die den Bildern zugrunde liegenden Mythen lesen, werden Sie feststellen, dass in ihnen alles über uns Menschen steht. Haben Sie die Diaschau in der Ausstellung gesehen?  

Ja, faszinierend.  

Danke. Wissen Sie, ich war fast zehn Jahre lang bis auf die letzten drei so gut wie nicht im Blickpunkt der Öffentlichkeit. Ich hatte unglücklicherweise einen Vertrag unterzeichnet, der es mir verbot, elf Jahre lang ein Buch zu veröffentlichen. Das ist nun Gott sei Dank vorbei. Daher wissen nur diejenigen, wie sich mein Werk entwickelt hat, die auch meine Ausstellungen gesehen haben. Für die Rezeption von Fotografie ist das Buch ein ganz wichtiges Medium.  

Mit wem hatten Sie diesen Vertrag?  

Teil der neuen Vereinbarung ist, darüber Stillschweigen zu bewahren. Aber ich kann Ihnen versichern, dieser Verleger hat für lange Zeit mein Leben ruiniert.  

In „Scopophilia“, in der Diaschau wie in den Bildgittern und Diptychen, zeigen Sie Aufnahmen, die Sie von Gemälden und Skulpturen im Louvre gemacht haben, zusammen mit alten und neuen Fotografien ihrer Liebhaber, Freunde und Bekannten, die Sie auch als Ihre „Familie“ bezeichnen. Diese Gegenüberstellungen sind mehr durch Ähnlichkeiten als durch Unterschiede bestimmt. Man hat als Betrachter den Eindruck, dass die Darstellung von Glück und Unglück, Lust und Schmerz durch die Jahrhunderte mehr oder weniger dieselben Ausdrucksformen kennt. Das ist sehr eindrucksvoll.  

Ja, das ist wahr. Danke, dass Sie es so sehen und formulieren. Im Louvre habe ich mich wirklich in die Gesichter der Werke dort verliebt. Ich hatte die einzigartige Möglichkeit, in diesem großartigen Museum ungestört von den üblichen Besucherströmen zu fotografieren.  

Neben den Werken von „Scopophilia“ zeigen Sie noch die neue Bildreihe der „Saints“, in der sie jeweils einem Porträt Ihrer Freunde ein Gemäldeporträt aus dem Louvre zuordnen. Der Kontext schafft Bedeutung. Ihre Freunde, die früher eher als soziale Außenseiter wahrgenommen wurden wirken durch den Zusammenhang geradezu geadelt. Ist das auch eine Hommage?  

Das ist genau das richtige Wort. Ich denke, mein gesamtes Werk lässt sich als Hommage verstehen. Vielleicht wird das in den „Saints“ am Deutlichsten. Dabei bin ich nicht eingebildet genug, um zu glauben, dass sich meine Bilder auf der Höhe der Renaissancemalerei bewegen. Sicher nicht. Aber ich finde die Ähnlichkeiten zwischen den unterschiedlichen Werken wirklich überwältigend. Meine Freunde und ich wurden von der Gesellschaft immer als Außenseiter betrachtet, und das sind wir bis heute. Ich funktioniere nicht sehr gut in der so genannten normalen Welt und habe das auch nicht vor. Wir wurden von ihr marginalisiert, aber wir fühlten uns nicht so. Wir hatten nicht den Ehrgeiz so zu sein wie sie. Wir hatten unsere eigene Welt, und wir waren die Welt füreinander. Für uns waren die anderen die Randfiguren, nicht wir. Und so ist es auch heute noch. Leider sind viele meiner engen Freunde schon gestorben. In der Ausstellung gibt es ein Bildgitter mit dem Titel „Missing“. Früher hieß es „Positive“, weil es an Aids erkrankte Menschen zeigt, die mir nahe standen. Da sie inzwischen nicht mehr am Leben sind, habe ich den Titel geändert.  

Es gibt ein anderes Bildgitter in der Ausstellung, das Selbstporträts von Ihnen zeigt, die zwischen 1989 und 2006 entstanden. Eines Ihrer berühmtesten Selbstporträts stammt aus dem Jahre 1984. Es zeigt Sie als von Ihrem damaligen Liebhaber Brian übel misshandelte Frau. Wie weit haben Sie sich von dieser Frau entfernt?  

Ich hoffe, ganz stark.  

Wie sehen Sie sich heute?  

Das sollten Sie andere Menschen fragen, wie sie mich sehen. Ich glaube, ich habe einen sehr schlechten Ruf.  

Inwiefern?  

Als jemand, der sehr schwierig ist. Mit dem schwer umzugehen ist. Jedenfalls redete man früher in der Kunstwelt so über mich. Als das von Ihnen erwähnte Foto entstand, gab es viele Drogen in meinem Leben und in dem meines Liebhabers. Die Atmosphäre war von Gewalt durchtränkt, und ich hatte unglaublich viel Wut in mir. Die habe ich heute nicht mehr.  

Spielen Drogen immer noch eine Rolle in Ihrem Leben?  

Die Drogen, die heute populär sind, sind nicht die, die wir früher genommen haben. Sie sind viel gefährlicher. Oft verwandeln sie ihre Konsumenten in Zombies. Sie machen mir Angst. Aber auch zu den Drogen der Vergangenheit will ich nicht mehr zurück.  

Haben Drogen Ihnen geholfen, eine bessere Künstlerin zu sein?  

Das habe ich damals jedenfalls geglaubt. Wenn man sie nimmt und dann mit ihnen aufhört, hat man eine unglaubliche Furcht, seine künstlerische Kreativität zu verlieren. Diese Furcht hat mich so lange terrorisiert, bis ich meine Sucht überwunden hatte. Drogen haben einen wahnsinnig selbstbezüglichen Effekt. Sie werden zur wichtigsten Sache auf der Welt, wenn man sie regelmäßig konsumiert. Man nimmt sie und will sofort weitere haben. Das ist Kapitalismus in Reinkultur. Nehmen Sie nur Kokain. Sie schnupfen es und denken dabei schon an die nächste Dosis. Aber am Ende hat alles keinerlei Bedeutung.  

Andy Warhol und auch Anton Corbijn haben einmal von sich gesagt, dass sie mit dem Fotografieren angefangen haben, weil es ihnen dabei half, ihre Schüchternheit zu überwinden. Die Kamera war eine Art Legitimation, um Kontakt mit Menschen aufzunehmen, die sie interessierten. Wie war das bei Ihnen?  

Aber das ist ja genau meine Geschichte. Ich habe gerade heute Morgen darüber nachgedacht. Die Kamera hat mich nie von den Menschen entfernt, die ich fotografierte, sondern sie hat sie mir immer nahe gebracht. Sie hat mir einen Grund geliefert, da zu sein, wo ich sein wollte, und mit den Menschen zusammen zu sein, mit denen ich zusammen sein wollte. Sie hat mir geholfen, meine Hemmungen zu überwinden. In den 1970er Jahren – da war ich wirklich sehr schüchtern – hat mir die Kamera dabei geholfen, Menschen kennen zu lernen. In der Regel lerne ich erst jemanden kennen und fotografiere ihn dann. Aber damals war es häufig umgekehrt. Corbijn schüchtern? Das überrascht mich wirklich. Ich mag schüchterne Menschen.  

Sie haben bereits als Schülerin einer im Geist von Summerhill geführten Schule angefangen zu fotografieren. Aufgefallen sind Sie dabei mit Ihren Porträtbildern der Drag Queens von Boston. Was hat Sie an ihnen gereizt?  

Ich habe mich einfach in sie verliebt in jeder erdenklichen Weise. Sie waren die schönsten Menschen, die ich in meinem Leben gesehen hatte. Ich habe mit ihnen zusammen gelebt. Sie bildeten eine Welt für sich. Dabei war ihr Leben nicht einfach. Sie fanden keine Arbeit und konnten tagsüber kaum aus dem Haus gehen aus Angst, attackiert zu werden. Aber sie hatten eine wundervolle Ästhetik. Ein enger Freund von mir, der zu ihnen gehörte, wusste schon mit 18 Jahren, wer Fortuny war. Ich habe in meinem Leben nur wenige Menschen getroffen, die überhaupt wussten, wer Mariano Fortuny war und dass er als erster Seide plissiert und wunderbare Kleider entworfen hat. Mit diesem Freund hatte ich einen großartigen geistigen Austausch. Wir waren neugierig, und wir lernten voneinander.  

Hat Sie vielleicht auch gereizt, dass die Drag Queens in der Überwindung von Geschlechtergrenzen kompletter zu sein scheinen als Heterosexuelle?  

Sie meinen als Einheit von anima und animus? Das ist sehr idealistisch gesehen. Sehr viele von denen, die ich kannte, wollten am Liebsten als Frauen leben. Andere richteten sich in dem ein, was sie die graue Zone nannten. Ein Bereich zwischen Mann und Frau, in dem sie zwischen unterschiedlichen sexuellen Identitäten hin und her wechselten, wozu sehr viel Kraft und Mut gehört.  

Berühmt geworden sind Sie als Künstlerin mit der Diaschau „Die Ballade von der sexuellen Hörigkeit“, für die Sie Aufnahmen Ihrer Freunde und Liebhaber zu Sequenzen bündelten und mit Musik unterlegten, sodass die Bilder eine filmische und narrative Qualität bekamen.  

Das ist richtig. Der erste, der das so sah, war der bedeutende Filmkritiker der New Yorker Village Voice, J. Hoberman. Er schrieb über die Ballade in diesem Sinn und unterstützte mich sehr. Sie ist dann nicht nur in Museen, sondern auch auf Filmfestivals vorgestellt worden. Nachdem ich sie zuvor in Clubs und Bars gezeigt hatte, wurde sie 1985 auf der Whitney Biennale zum ersten Mal in einem Kunstkontext präsentiert.  

Will Ihr von Bertolt Brecht ausgeliehener Titel der Ballade sagen, dass Glück und Unglück unseres Leben von unserer Sexualität abhängen?  

(Lächelt) Überhaupt nicht. Wäre das wahr, müsste es mir ausgesprochen schlecht gehen. Der Titel meint, dass Sie sich sexuell mit einem Menschen wunderbar verstehen können, der ansonsten in jeder Hinsicht der falsche Partner für Sie ist. Die Ballade handelt im Wesentlichen von Beziehungen zwischen Männern und Frauen. Aber ich habe in ihr als positive Alternative auch die Beziehungen von Schwulen und Lesbierinnen thematisiert, vor allem in der Version, die ich letzthin für die Tate Modern zusammengestellt habe. In der Ballade geht es um die feine Grenze zwischen Hörigkeit und Autonomie. Und darum, dass Männer und Frauen eigentlich nicht zusammen passen.  

Warum?  

Ich glaube, dass heterosexuelle Männer und Frauen in unterschiedlichen Welten leben und ein völlig anderes Wirklichkeitsverständnis haben. Dass sie verschieden funktionieren und kommunizieren. Ich finde, Männer sind sehr furchtsam und von Ängsten beherrscht. Wahrscheinlich, weil sie immer wieder im Wettbewerbsgeist erzogen werden. Sogar die Größe ihres Penis vermag sie zu erschüttern. Ihre Angst vor Frauen hat wohl mit ihren Müttern zu tun. Der Horror vor der Vagina.  

Ihrer Meinung nach funktioniert also Freundschaft zwischen Männern und Frauen, ...  

Ja.  

... während Sexualität eine Beziehung zum Problem macht. Verstehe ich das richtig?  

Nein. Das kann man nicht generell sagen. Es ist eher so, dass ich ein Problem für die Männer bin, weil viele von ihnen Angst vor starken Frauen haben.  

Und sind Männer auch ein Problem für Sie?  

Ich weiß nicht. Ich hatte schon lange keine sexuelle Beziehung mehr mit einem Mann.  

Vermissen Sie das?  

(Schweigen) Ich weiß nicht. Das kann ich nicht beantworten. Schon als Kind habe ich mich immer in Gesichter verliebt. Das Geschlecht war mir eigentlich egal. Das lässt ein weites Spektrum zu. Das Problem ist nur, als ältere Frau hat man in unserer Gesellschaft keine oder kaum noch Anziehungskraft für Männer. Dabei fühle ich mich im Inneren oft ganz jung. Susan Sontag hat mir in diesem Zusammenhang einmal gesagt: Man hat sich selbst gegenüber kein Alter und kein Geschlecht. Wohl wahr. Manchmal fühle ich mich wie ein Mann, dann wieder wie eine Frau, und meistens habe ich gar kein Geschlechtsgefühl. Als mein Vater schon über neunzig Jahre alt war, habe ich ihn einmal gefragt, wie alt er sich fühle. Als sei er zwölf Jahre alt, hat er mir geantwortet. Ich fühle mich gegenwärtig wie eine 39-Jährige. Ich fühle mich nicht so alt wie ich bin. Ich weiß gar nicht, wie es dazu kommen konnte. Es ergibt irgendwie keinen Sinn.  

Als Sie seinerzeit die Ballade zeigten, waren viele Betrachter zugleich fasziniert und schockiert. Sie waren es, weil Sie Dinge öffentlich machten, die für sie in die Privatsphäre gehörten. Was hat Sie dazu gebracht, das Private öffentlich zu machen?  

Ich dachte mir, dass man die falschen Dinge im Privaten ließ. Die guten Dinge im Leben wie Sexualität wurden wenig thematisiert, während schlimme Dinge wie alle Arten von Verbrechen immer wieder gezeigt und auch noch verherrlicht wurden. Ich habe nicht dieselbe Vorstellung vom Privaten wie andere. Denken Sie beispielsweise an diejenigen, die nach Indien reisen und dort Bilder von Menschen machen, die sie als exotisch empfinden. Sie dokumentieren ganz selbstverständlich die Sitten und Gebräuche eines fremden Stammes. Ich hatte meinen eigenen Stamm, meine „Familie“. Das waren Menschen, die ich liebte und mit denen ich lebte. Ich wollte zeigen, wie wir waren. Die erste Aufnahme, die ich machte, als ich 15 Jahre alt war, zeigt David Armstrong. Er hat mich mit den Drag Queens von Boston bekannt gemacht. Er war schwul und ist letztes Jahr im November gestorben. David war mein bester Freund, und ich vermisse ihn jeden Tag.  

Ihre Art zu fotografieren, die offen ausgestellte Intimität Ihrer Bilder, hat einen enormen Einfluss auf Fotografen wie Jürgen Teller und Wolfgang Tillmans gehabt. Haben Sie sich irgendwann einmal vorgestellt, dass Ihre Bilder stilbildend für andere werden könnten?  

Nein. Und wenn die Ballade 2001 nicht in Form eines Paperbacks erschienen wäre, was noch Teil meines Vertrags mit Aperture war, wäre das auch nie passiert. Die ursprüngliche Hardcover-Ausgabe war so teuer, dass sie sich niemand leisten konnte, und mit ihr allein wäre die Ballade damals wahrscheinlich in Schönheit gestorben und am Strand von London verramscht worden.  

Das wird mit dem Ausstellungskatalog von „Scopophilia“ sicher nicht passieren. Dessen Produktion liegt in den bewährten Händen von Gerhard Steidl, den die Künstler für seine Bücher hoch schätzen.  

Ja, Steidl muss man einfach verehren. Weil er liebt, was er tut, und weil er dabei kompromisslos auf Qualität achtet. Er wird auch die Diaschau als Buch präsentieren. Es erscheint am Ende dieses Jahres zu Weihnachten.  

Im Soundtrack Ihrer Diaschau „Scopophilia“ hört man eine fabelhafte Sängerin in lateinischer Sprache Auszüge aus den „Metamorphosen“ des Ovid singen. Und Sie erzählen von Ihren Begegnungen mit den Bildern und Mythen im Louvre. Welcher ist Ihr Lieblingsmythos?  

Ich liebe die Erzählung des blinden Sehers Teiresias, den die Götter zur Strafe in eine Frau verwandeln, weil er zwei Schlangen beim Liebesakt gestört und die weibliche Schlange getötet hat. Sieben Jahre später soll er als Frau erneut ein Schlangenpaar bei der Vereinigung unterbrochen und die männliche Schlange getötet haben. Worauf er wieder in einen Mann verwandelt wird. Gefragt, was besser sei, der Orgasmus einer Frau oder der eines Mannes, antwortet er: „Der weibliche Orgasmus ist zehn Mal besser.“ Ich liebe diesen Mythos.  

Es wird gesagt, dass die Freiheit der Selbstdarstellung in Ihren Bildern in gewisser Weise Entblößungsstrategien der sozialen Medien im Internet vorweg genommen hat. Was sagen Sie dazu?  

Ich empfinde die sozialen Medien als äußerst schrecklich. Ich habe zwar über eine solche Verbindung schon einmal nachgedacht, aber bisher noch nie öffentlich darüber gesprochen. Am Ende glaube ich nicht, dass meine Bilder dafür so wichtig waren. Ich glaube eher, dass sie einen Blickwechsel in der Fotografie angeregt haben. Und darauf bin ich stolz.  

Sie haben stets gesagt, dass die Technik Sie beim Fotografieren wenig interessiert und dass es Ihnen um die Suche nach Wahrheit geht. Hat die digitale Bildentwicklung diese Wahrheitssuche in irgendeiner Weise beeinflusst?  

Ja, weil sie mir mein Medium weggenommen hat. Mein Medium ist die analoge Fotografie in Cibachrometechnik. Das ist heute vorbei. Der Druck vollzieht sich inzwischen weitgehend digital, und das tut mir wirklich weh. Es ist der Horror. Ich fühle mich wie eine Musikerin, der man ihre Musik weggenommen hat.  

Das klingt äußerst dramatisch. Für den Betrachter teilt sich das indes nicht mit. „Scopophilia“, obwohl eine digitalisierte Bildfolge, ist äußerst eindrucksvoll. Was sehen Sie, wenn Sie das Werk anschauen?  

Dann vergesse ich die Technik und sehe eine Liebesgeschichte, die sich im Wesentlichen um eine einzige Frau dreht. Ich sehe, wie prominent das ist. Und wie prominent das war, als ich die Bilder machte. Und ich liebe die Musik, die im Louvre aufgenommen wurde. Sie ist ganz wunderbar. Die Ballade anzuschauen ist hart für mich. So viele Menschen, die darin vorkommen, sind inzwischen gestorben. „Scopophilia“ dagegen berührt mich in ganz anderer Weise sehr.  

Letzte Frage. Was ist schwieriger zu fotografieren, Lust oder Schmerz?  

Ich bemühe mich um beides. Und ich glaube nicht, dass ein einziges Bild von einem Menschen je seine ganze Wahrheit zum Ausdruck bringen könnte.  

Redaktion und Übersetzung Michael Stoeber

Der sehr schöne Katalog der Ausstellung „Diving For Pearls“ ist inzwischen erschienen, Texte von Lotte Dinse, Nan Goldin, Glenn O´Brien, Verlag Steidl, 208 Seiten, 30,00 Euro in der kestnergesellschaft.

Das Buch „Scopophilia“, ebenfalls bei Steidl, ist in Vorbereitung.

Biografische Daten

Nan Goldin
Geboren 1953 in Washington, D.C. Studium an der School of the Museum of Fine Arts/Tufts University, Boston. 1989 Camera Austria Preis für zeitgenössische Fotografie der Stadt Graz. 1994 Brandeis Fotopreis. 2002 Erster Preis der PHotoEspaña. 2007 Hasselblad Foundation International Award für Fotografie. Lebt und arbeitet in Berlin, New York und Paris.
Einzelausstellungen
2015 kestnergesellschaft, Hannover. 2013 Matthew Marks Gallery, Los Angeles. 2012 Museu de Arte Moderna, Rio de Janeiro. 2011Matthew Marks Gallery, New York. 2010 Nederlands Fotomuseum, Rotterdam; Louvre Museum, Paris; Berlinische Galerie, Berlin. 2009 C/O Berlin. 2008 Museum of Contemporary Art Kiasma, Helsinki. 2007 Hasselblad Center, Göteborg; The Museum of Fine Arts, Houston; BALTIC Centre for Contemporary Art, Gateshead; Matthew Marks Gallery, New York. 2006 Matthew Marks Gallery, New York. 2005 Palmer Museum of Art, University Park, PA; Pennsylvania Academy of the Fine Arts, Philadelphia; RISD Museum, Providence; Guido Costa Projects, Turin; Monika Sprüth/Philomene Magers, München. 2004 La Chapelle de la Salpêtrière, Paris. 2003 Musée d’Art Contemporain de Montréal, Montreal; Matthew Marks Gallery, New York. 2001 Centre Georges Pompidou, Paris; Whitechapel Gallery, London; Reina Sofía, Madrid; Fundação de Serralves, Porto; Castello di Rivoli, Turin; Ujazdowski Castle, Warschau; Matthew Marks Gallery, New York.
Gruppenausstellungen (Auswahl):
2015 Irish Museum of Modern Art, Dublin; The Museum of Contemporary Art, Los Angeles; Whitney Museum of American Art, New York; Triennale der Photographie, Kunsthalle Hamburg; 21er Haus, Österreichische Galerie Belvedere, Wien; University of Michigan Museum of Art, Ann Arbor; Royal Hibernian Academy, Dublin. 2014 Galerie Rudolfinum, Prag; Museum of Contemporary Art, Chicago; Fondation Cartier pour l'art contemporain, Paris; Modern Art Museum of Fort Worth; Stiftung Stadtmuseum Berlin, Berlin; The Museum of Fine Arts, Houston; The Leslie-Lohman Museum of Gay and Lesbian Art, New Yor; Portland Museum of Art. 2013 New Museum, New York; Tate Liverpool; Schirn Kunsthalle, Frankfurt; Lentos Kunstmuseum, Linz; Milwaukee Art Museum; Mori Art Museum, Tokio; Whitney Museum of American Art, New York; Museum of Contemporary Art, Los Angeles. 2012 Fotomuseum Winterthur, Zürich; Collection Lambert, Avignon; Museum of Contemporary Art, Chicago; Walker Art Center, Minneapolis; Institute of Contemporary Art, Boston; Tate Liverpool; Louisiana Museum of Modern Art, Kopenhagen; The Metropolitan Museum of Art, New York. 2011 Mumbai City Museum, Mumbai; National Gallery of Art, Bangalore; National Gallery of Modern Art, Neu-Delhi; Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg; Philadelphia Museum of Art; University of Texas, Austin; Museum Villa Stuck, München; San Giorgio Maggiore, Venedig; International Center of Photography; New York Elgiz Museum of Contemporary Art, Istanbul.

Autor
Michael Stoeber

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Wichtige Personen in diesem Artikel
Nan Goldin

* 1953, Washington, Verein. Staaten

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Weitere Personen
Bertolt Brecht

* 1898, Augsburg, Deutschland; † 1956 in Berlin, Deutschland

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Anton Corbijn

* 1955, Niederlande

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Mariano Fortuny

* 1871, Granada, Italien; † 1949 in Venedig), Italien

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Andy Warhol

* 1928, Pittsburgh, Verein. Staaten; † 1987 in New York, Verein. Staaten

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