Band 236, 2015, Kommentar, S. 336

Warum erst recht jetzt für Ai Weiwei?

Ein Statement von Heinz-Norbert Jocks

Plötzlich scheint alles ganz anders zu sein. Der ihn überallhin folgende, ihn umschmeichelnde Wind wohlgesonnener Meinungen und enthusiastischer, geradezu einstimmiger Zustimmung hat sich gedreht. Es ist kühl geworden, weil er die große, ihm übergestülpte oder zugewiesene Rolle des unerschrockenen Dissidenten nicht in voller Gänze, wie bei seinem Ankommen in Berlin mit Spannung erhofft, mitspielen, er- und ausfüllen möchte. Auf einmal erscheint er in den Augen einiger nicht mehr so berechenbar oder kalkulierbar und unattraktiv, mehr wie ein unfolgsamer Spielverderber. Doch was für ein merkwürdiges Spiel wird da von allen Seiten überhaupt gespielt? Und ist Ai von seinen bisher verfochtenen Ansichten und Idealen wirklich abgerückt, hat er sie verraten, wie gemutmaßt wird, oder begibt er sich als Künstler gerade, wie der FAZ-Korrespondent Mark Siemons in der Ausgabe vom 7.August 2015 bei einem Gespräch mit Ai heraushört, lediglich auf die sich selbst neuerfindende Suche „nach einem neuen Ausdruck und eine neue Kommunikation zwischen Menschen und Bevölkerungsgruppen“, mit der er seine Interventionen auf eine andere, sich noch nicht abzeichnende Weise fortsetzen will? Krempelt er sich gerade um, oder nimmt er wieder einmal eine Häutung vor? Kündigt sich da eine neue Strategie, gar eine noch nicht verstehbare Wende an, oder liegen da Resignation oder ein Zurück zu einem ganz normalen, gefahrenlosen Künstlerleben vor? Was genau haben die Erfahrungen ihn gelehrt, die er gegenüber Siemons andeutend formuliert, wo er den Lauf „der chinesischen Geschichte des vergangenen halben und sogar ganzen Jahrhunderts“ als steten „Kampf“ bezeichnet. Eine Wahrnehmung, die ihn erkennen ließ: „Du bist nicht der Erste und wirst nicht der Letzte sein. Das ist wie ein Fluss. Man hofft, man kann das verändern, aber gleichzeitig kann es den Einzelnen zerstören, Man sieht so viele Leute, junge, die eine Überzeugung oder die Imagination haben und individuelle Ansichten über die Welt, die bekommen Probleme, und einige mussten sogar ihr Leben opfern. Das ist normal. Man muss lernen, diese Art Normalität zu akzeptieren, sie zu erkennen. Man muss die beste Weise finden, wie man sich persönlich gegenüber solchen Umständen verhält, wenn man das nicht akzeptieren kann, wird man zweifellos beschädigt.“ Und als Beschädigter möchte er gewiss nicht enden. Warum sollte er auch!  

Eines ist seit seinem Auftreten in Deutschland evident: Mit der Stärke seines andersartigen Eigensinns und der eigentlichen Paradoxie seines ostasiatischen Denkens, die seine Existenz und die Besonderheit seiner Persönlichkeit seit jeher ausmachen, scheint kaum einer wirklich gerechnet zu haben. Nur wenigen, die sich ernsthafter, da intensiver und nicht nur die Oberfläche streifend mit der so komplexen wie widersprüchlichen Lage in China, mit den inneren Verhältnissen dieses anderen, völlig unbemerkt zur zweitgrößten Wirtschaftsmacht herangereiften Landes, seiner Kultur und Geschichte, mit seiner mit der westlichen kaum vergleichbaren Art des Denkens und Handelns direkt vor Ort auseinandergesetzt haben, ist dies nicht entgangen. Seit dem steilen Aufstieg von Ai Weiwei in den Olymp der vom Markt gesegneten Weltkunst, der sich zu einem nicht unerheblichen Teil dem Sammler und Networker Uli Sigg verdankt, der die namhaftesten Kuratoren wie Harald Szeemann, Hans Ulrich Obrist oder Roger Buergel & Ruth Noack (Documenta 12) ins Land der aufgehenden Sonne holte, wird so gut wie jeder seiner Schritte, Taten und Aussagen von der westlichen Presse beobachtet, begleitet, verfolgt, affirmativ rezipiert, kommentiert und in der Regel auf westlich kategorische Weise so interpretiert, dass das, was Ai in die Welt setzt, mit etwas vergleichbar gemacht wird, obwohl es doch letztendlich unvergleichbar ist. Aus großer Ferne werden klare Urteile mit Hang zur Vereindeutlichung gefällt und vereinfachende Deutungen verbreitet, die sich aus der Nähe, aber mit Distanz betrachtet, so gewiss nicht aufrechterhalten lassen. Ich wage die These: Wenn sich derzeit deutsche Medien enttäuscht von ihrem weltberühmten Idol Ai Weiwei abwenden, so kritisieren sie, ohne es bemerken zu wollen, mehr das von ihnen mitkreierte Bild als die reale Erscheinung.  

Wie falsch oder zu eindimensional viele der Bilder von der Situation in China sind, die von Medien serialisiert werden, davon wurde ich vor mehr als zehn Jahren bei ersten Gesprächen nicht nur mit Künstlern in deren Studios regelrecht überrascht. Wider Erwarten berichteten sie offen und beinah ohne Selbstzensur von den selbsterlebten tragischen Ereignissen des Jahres 1989 bei eingeschaltetem Mikrophon. Und es wunderte mich damals, warum davon so wenig bei uns ankommt. Dagegen ist es Ai gelungen, sich überall und sogar bei jenen, die sich für Kunst gar nicht interessieren, Gehör zu verschaffen.  

Und auch jetzt, da er zunächst in Berlin, wegen einer Nachuntersuchung seiner von der Polizei ihm zugefügten Kopfverletzung mit Zwischenstopp in München, und dann in London gelandet und endlich, nach vier Jahren ohne Reisepass, sich auf freiem Fuß im Ausland befindet, hat sich dies nicht grundsätzlich geändert. Das unermüdliche Interesse an allem, was er tut, sagt und macht, ist so übergroß, dass in einigen Medien, die über ihn berichten, Bilder kursieren, die den Anschein von Privatheit erwecken. Dabei spielt sich doch alles, was wir da bloß von außen wahrnehmen, unter dem offenen Dach neugieriger Öffentlichkeit ab. Die Schwelle zwischen Inszenierung und Realität ist so f ließend, dass der Sprung ins Autofiktive nicht sehr weit ist. Natürlich hat er an seiner medialen Dauerpräsenz post Andy Warhol, jedoch auf chinesische Weise, kräftig und mit hoher Intelligenz mitgewirkt und daran subtil herumgefeilt, insofern er sein alltägliches Leben, nicht nur in seinem Istagram-Tagebuch emsig, aber doch nur auszugsweise dokumentierend, auch bloggend, zu einem wesentlichen Bestandteil dessen erklärt, was er unter zeitgenössischer Kunst versteht. In gewisser Weise hat er die Kunst um eine neue Dimension bereichert, darin ist er zweifelsohne eine Pionier- und Lichtgestalt. Kunst ist und bleibt für ihn in erster Linie eine wunderbare Ausdehnung der Kommunikation mit allen und jedem, und deshalb sind ihm die den sozialen Medien innewohnenden Megamöglichkeiten nicht nur willkommen, sondern unersetzlich. In einem Gespräch mit Sarah Thornton, zitiert in deren jüngstem Buch, äußerte er: „Das Internet hat einen neuen Künstlertypus hervorgebracht, der die sozialen Medien für seine Kunst genauso braucht wie einen Pinsel.“ Eine Hommage an die Erfindung neuer Technologien nicht nur, weil sie den Dauerkontakt zur Außenwelt auch in den unwegsamen Jahren ermöglicht haben, da Ai das eigene Land nicht verlassen, weil nicht ausreisen durfte, sondern auch, weil sie das silberne Zeitalter der massenhaften Reproduzierbarkeit auf fatale Weise beschleunigt und revolutioniert haben. Zudem haben sie ganz neue, zuvor unvorstellbare Wege sowohl der pseudodirekten, weite Entfernungen in Realzeit überspringenden, letztlich unkontrollierbaren Kommunikation als auch der allgegenwärtigen Selbstdarstellung, Selbstkonstituierung und weltweiten Selbstverbreitung erschlossen.  

Auf Fotos sieht man ihn glücklich vereint mit seinem lächelnden Sohn Lao in den Armen, mal mit ihm schwimmend, mal zu Dritt mit seiner Lebensgefährtin Wang Fen. Sobald solche Augenblicke von Zeitungen aufgegriffen und nachpubliziert werden, nimmt das Ganze den ein breites Publikum erreichenden Charakter einer exklusiven Homestory an, als stünde hier einer der populärsten Hollywood-Stars im Rampenlicht. Überhäufte man ihn bis zu seinem unmittelbaren Fußkontakt mit dem Land, dem er sich eng und in besonderem Maße verbunden fühlt, - weshalb er wohl auch seine letzten, noch vor der Passrückgabe zugelassenen Ausstellungen in Beijing mit einem Goethe-Zitat an der Wand zierte-, mit unüberbietbaren Superlativen des Lobs und der Anerkennung, so ist er nun wegen eines Interviews in der ZEIT vom 12. August 2015 in eine so seltsame wie unerwartete Ungnade gefallen. Mehr noch, er wird verdächtigt, sich selbst untreu, ein anderer geworden zu sein, Sogar ein Wort wie Kapitulation ist in dem Zusammenhang gefallen. Aber wieso soll er sich jetzt auf einmal, da er ausreisen und wieder nach China zurückkehren darf, eingeschüchtert gelassen haben, wo er doch in Beijing angeblich angstfrei und scheinbar ungehemmt, wem auch immer, Rede und Antwort stand, trotz des einengenden Reiseverbots, und das, obwohl er sich regelmäßig bei der Polizei vorstellen, mit ihr reden musste und nichts ohne Absprache mit dieser unternehmen konnte? Wer ihm unterstellt, mit der KP ins Bett zu gehen, irrt sich nicht nur gewaltig. Er bemüht sich auch erst gar nicht, Ai in seiner Komplexität zu erfassen. Was also ist geschehen?  

Von der Kunstwelt vor allem in Deutschland als die große und unverwechselbare Stimme des Widerstands gefeiert, bezeichnete man ihn noch vor sechs Jahren in der gleichen Wochenzeitung, die jetzt eine Welle der Enttäuschung und des Unbehagens ausgelöst hat, als „den gefährlichsten Dissidenten der Welt, der wie kein anderer chinesischer Künstler in seinem Land gegen das Unrecht kämpft“. Dass dies eine werbewirksame Behauptung ist, die einer wahren Überprüfung nie und nimmer standhalten würde und fälschlicherweise den Eindruck erweckt, als wäre Ai unter den bildenden Künstlern der so einzigartige wie einsame Radikale in der Revolte, den man in den unüberblickbaren Weiten von China auftreiben und entdecken kann und auf den sich die Presse so einseitig und ausschließlich fokussiert und regelrecht gestürzt und so mit Verve und Nachdruck berufen hat, dass sich der Name, nicht nur zu einem aufmerksamkeitserregenden Label geworden, auch zu einer imaginären Betonmauer verfestigt hat, hinter der alle anderen Künstler aus China, wenn nicht verschwinden, so doch aber erheblich kleiner und unbedeutender erscheinen. So, als gäbe es einen so geradlinigen, Schmerzen auf sich nehmenden Performancekünstler wie den in Beijing lebenden He Yunchang nicht. Dieser hatte 2010 seinen ihm besonders nahestehenden Freundeskreis dazu eingeladen, an einer alles andere als sanften, weil physisch nur schwer zumutbaren Aktion teilzunehmen. Er ließ diese nach Aufklärung über mögliche Folgen des gutvorbereiteten Eingriffs „demokratisch“ darüber abstimmen, ob er ohne jegliche Narkose einen Ein-Meter-langen Schnitt mit Skalpell an seinem Körper in ihrer Anwesenheit vornehmen lassen soll. Eine kleine Mehrheit stimmte für die Operation und damit für die prompte Realisierung des fotografisch wie filmisch dokumentierten Kunstwerks „One Meter Democracy“. Der gleiche Künstler hatte aus Solidarität mit seinem alten Freund Weiwei während der 81 Tage, da dieser nach seiner Verhaftung am 3.April 2011 am Pekinger Flughafen an einem unbekannten Ort festgehalten wurde, sich in einer Gruppe von hundert Frauen, alle ohne Ausnahme nackt, ablichten lassen. Dabei war das entblößte Geschlecht aller Beteiligten mit dem Konterfei von Ai Weiwei verdeckt. Das Kunstmagazin Monopol veröffentlichte am 22.11.2011 dieses mit Ai solidarisierende Protestbild ohne Nennung des Künstlers. Dieser wurde lediglich als einer der vielen Fans tituliert, die ihre Sympathie mit Ai auf Weibo posteten, ohne sich überhaupt der Frage auszusetzen, wie es einem ganz normalen Fan gelingen soll, hundert Frauen dazu zu bewegen, sich für Ai vor der Kamera auszuziehen.  

Bis dato galt der Weltstar als der „gute Mensch von Sichuan“ (Süddeutsche Zeitung), als Stellvertreter „von allen Eingesperrten und Verfolgten“, als „das gute Gewissen Chinas“ oder, geradezu besitzergreifend, als „unser Lieblingschinese“ (FAZ). Alles in allem als eine unankratzbare Symbolfigur ohne jegliche Angst, die sich weder maßregeln, noch den Mund verbieten lässt und tagtäglich Besuch aus der ganzen Welt empfängt. Dabei fragte niemand ernsthaft nach, wieso dies überhaupt möglich sein kann. Über die schiere Freude darüber, dass man ihn zu einem Interview realiter treffen konnte, schien man zu vergessen, dass man doch einem sogenannten „Regimekritiker“ gegenübersaß. Und keiner erhob irgendwelche Zweifel an der Authentizität dessen, was er von sich gab. Warum auch? Sprach er ja doch offenbar so Heikles aus oder an, das man zu hören sich gewünscht hatte. Aber wieso konnte er das wagen? Wie hoch war das Risiko für ihn wirklich?  

Doch jetzt, nach dem in der ZEIT veröffentlichten, von Angela Köckritz und Miao Zhang geführten, eine Kettenreaktion des Unmuts oder der Irritation auslösenden, dabei als das „kontroverseste“ bezeichnete Interview „Kein Grund zu weinen“, jetzt, da die Existenz von Ai nach Jahren körperlicher Abwesenheit physisch zum Anfassen nahe ist, kommt Enttäuschung auf. Darüber, dass er scheinbar anders spricht als früher. Dass er Relativierungen vornimmt, wie sie sich für einen wahren Dissidenten, als der er Weltberühmtheit erlangte, nicht geziemen. Ja, man bezichtigt ihn, alles zuvor von ihm Gesagte zurückzunehmen und die von ihm kritisierte Macht in Schutz zu nehmen, und mutmaßt, dass an der Reiseerlaubnis von Ai verschwiegene Verhaltensauflagen geknüpft sind. Dabei hat er doch nichts anderes als das ausgesprochen, was sich auch der so unangefochtene Alt-Kanzler Helmut Schmidt erlaubt hat, nämlich darauf hinzuweisen, dass sich die Verhältnisse nicht nur seit der mörderischen Kulturrevolution, sondern auch nach dem grausigen Massaker auf dem Platz des himmlischen Friedens in China sichtlich gewandelt, mit dem, was war, nicht verwechselbar sind, da sie sich bis zu einem gewissen Grad verbessert haben. Dabei leugnet Ai keineswegs, dass das Land von der Freiheit und dem Recht auf Individualismus, wie er es sich erträumt, noch Lichtjahre weit entfernt ist. Scheinbar hatte man sich von seinem Wiederauftritt im Westen mehr versprochen und gewünscht, dass er zu einem heftigen Verbalschlag ausholt.  

Der Tagesspiegel fasst den sich von der Presse mitangestifteten Unmut zusammen, wenn man dort am 16.August das “Schiefgehen“ der Tage mit Ai Weiwei nach seiner Ankunft „im Zeitraffer“ Revue passieren lässt. Der Ai, der dort spreche, sei nicht der Bestellte und nicht so systemkritisch, wie man ihn bisher gesehen hatte, „weil er Sachen okay findet, die nicht ok sind“, und er benehme sich auch sonst nicht so „wie ein Chinese mit mitteleuropäischen Werten“. Er verteidige „willkürliche Inhaftierungen“, äußere gar Verständnis für den chinesischen Staat, zeige sich „gemäßigt und altersmilde“ und entspreche „auch sonst nicht den Schablonen, die man sich in den Jahren seines Ausreiseverbots gebastelt hat.“ Dabei werden auch hier die ins Falsche gewendeten Verkürzungen nicht hinterfragt, sondern als Ausgangspunkt für die eigene Attacke genutzt. Weiter heißt es da: „Seine Geschäftsmodell basierte am Ende ganz auf seiner Glaubwürdigkeit als staatlich geprüfter Dissident“, und diese stünde nun auf dem Spiel. Doch damit immer noch nicht genug der zum widersinndigen Dolchstoß ausholenden Kritik seitens des zweiköpfigen Autorenteams, das sein Gesamtbild vom „irrsinnigen Erfolg“ des Meisters aus China zu der Behauptung zuspitzt, dessen Ruhm verdanke sich letztendlich dem, dass „seine in den Westen verschifften Werke“ dort als „politische Schmuggelware“ eingeschleust wurden. So schön diese mit der Sphäre der Illegalität aufgepäppelte Metapher auch klingen mag, sie sitzt doch einer die eigenen Argumente stützen sollende Verkennung auf, insofern sie nicht mitbedenkt, dass der Transport der Werke nicht an den chinesischen Behörden vorbei erfolgte, vielmehr von diesen geduldet wurde. Zum Finale der sich steigernden Abrechnung, die sich als Entzauberung geriert, wird schließlich noch schlussgefolgert, dass, wenn man das Politische vom Künstlerischen abziehe, eine Kunst hervortrete, die sich weder als „bedeutend“, geschweige als „herausragend“ erweise. Diese im Westlichen so beliebte Spaltung oder Auseinanderdividierung, die dichotomisch hier den Künstler und dort den Pseudodissidenten platziert, um Ai ad absurdum zu führen, dehomogenisiert dessen mit der Zeit gewandelte Kunstauffassung.  

Man kann sie bejahen oder verneinen, aber nicht derart zerpflücken, will man ihr gerecht werden. Mag sein, dass sich die verschiedenen Facetten dessen, was Ai unter seinem Begriff der Kunst subsumiert, nicht synthetisieren lassen, weil das Eine womöglich nicht das widerspiegelt, was er mit dem anderen zum Ausdruck bringt. Um das herauszufinden, müsste man den Blick auf sein Gesamttun vertiefen. Es kann sein, dass er als Künstler laufend unauflösbare, sich westlicher Logik entziehende Widersprüche hervorbringt, die sich als existentieller Ausdruck seiner Persönlichkeitsstruktur verstehen lassen. Alles in allem scheint es mir, als werde Ai an dem westlichen Bild eines Systemkritikers gemessen und als exemplifiziere man an ihm Deutungsmuster, die auf Exilanten wie Wolf Biermann oder Alexander Solschenizyn zutreffen mögen. Aber die Situation, in der Ai auch kulturell verortet ist, ist schon deshalb eine vollkommen andere und zu berücksichtigende, weil westliche Strategien sich von ostasiatischen völlig unterscheiden. Zudem haben wir es wohl oder komplizierend mit einem bastardisierten Denken zu tun, insofern die Erfahrungen in Amerika nicht spurlos an ihm vorübergezogen sind. Das erschwert dessen Einschätzung um einige Grade zusätzlich.  

Nein, Ai hat sich nicht zu einem Leisetreter gewandelt. Er ist kein wesentlich anderer als der, der er vor seiner Abreise war, nur will man nicht sehen, dass man aus ihm einen Helden gezaubert hat, der er nie war und der er wohl auch nicht sein will. Man tut so, als könne man nicht wissen, dass es je nach der Kultur, der jemand angehört, und je nach den verschiedenen Menschen, die diese hervorbringt, auch verschiedene Arten von Mut gibt. Wie André Gide ist auch Ai Weiwei vorsichtig, er wägt, wie dieser es tat, ab, ehe er etwas tut, aber anders, nicht auf westliche, sondern auf ostasiatische Weise. Er geht immer nur so weit, wie es die Potentialität des Augenblicks ihm erlaubt, dabei das Ziel im Visier bewahrend, das er erreichen will, ohne sein Leben außerhalb des Gefängnisses zu gefährden. Wie die Kunst Gides „einen Kompromiss schließen wollte zwischen Risiko und Norm“, darin „sich protestantisches Gesetz und Nonkonformismus des Homosexuellen vereinten“, so Jean-Pauls Sartre in seinem Nachruf auf den von ihm gegen die Meute der Totengräber verteidigten Schriftsteller, so versucht Ai Weiwei das Gleichmaß zu bewahren zwischen dem, was jetzt möglich ist, ohne sich zu gefährden, und der Freiheit, die es am Ende zu erreichen gilt. Bertolt Brechts bedeutender Satz: „Unglücklich das Land, das Helden nötig hat“ ließe sich hier umformulieren in: Was für ein Land, das, nach Helden in der Fremde, statt bei sich gierend, über den von ihnen Inthronisierten herfallen, sobald dieser doch nicht so wie von ihnen wahrgelogen pariert. Peter Weibel sieht in diesem Blick auf Ai, so in einem Gespräch mit mir, einen problematischen Versuch, von eigenen Missständen abzulenken. Für ihn ist er weder „Dissident noch Märtyrer, sondern ein bei Duchamp in die Lehre gegangener Künstler mit Dandy-Zügen“. Er vergleicht ihn mit dem zu seiner Zeit die Mode bestimmenden Krawattenerfinder, der den König derart zu kritisieren wagte, dass er ihm in aller Öffentlichkeit zurechtwies, die von ihm getragene Krawatte ließe sich nicht mit der Farbe seiner Hose kombinieren, woraufhin dieser ihn unverzüglich abservierte.  

Autor
Heinz-Norbert Jocks

* 1955, Düsseldorf, Deutschland

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Wichtige Personen in diesem Artikel
Ai Weiwei

* 1957, Peking, Volksrep. China

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Weitere Personen
Ruth Noack

* 1964

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Helmut Schmidt

* 1918, Hamburg, Deutschland

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Mark Siemons

* 1959, Mainz, Deutschland

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Harald Szeemann

* 1933, Bern, Schweiz; † 2005 in Tegna, Schweiz

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Andy Warhol

* 1928, Pittsburgh, Verein. Staaten; † 1987 in New York, Verein. Staaten

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Peter Weibel

* 1944, Odessa, Ukraine

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He Yunchang

* 1967, Yun Nan, Volksrep. China

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