Band 236, 2015, Kunstforum-Gespräche, S. 328

Botschaften der gerade jungen Generation

"Vom Großen und Ganzen".

Die Sammlung Haus N in der Gerisch-Stiftung Neumünster

Jens Rönnau im Gespräch mit dem Kieler Sammlerpaar Gunda und Peter Niemann

Die Gerisch-Stiftung zeigt die Kunstsammlung Haus N aus Kiel. Das Sammlerpaar Gunda und Peter Niemann, Mitinhaber einer Firma für Baumaschinen-Großhandel, hat in wenigen Jahren über 280 Werke internationaler Künstler zusammengetragen. Trotz vielfältiger Ausstellungsflächen in vier Häusern und Park kann nur ein kleinerer Teil gezeigt werden - in zwei Etappen.  

Da bläht sich und erschlafft im Park ein Panzer von Michael Sailstorfer. Als Objekt der Macht ist es sarkastisch gegen den Strich gebürstet wie auch das Schlagzeug aus der Karosserie eines amerikanischen Polizeiautos. Die Kieler Sammler lieben Positionen aktueller gesellschaftlicher Diskurse, auch die Fotos mit "Rosen aus Afrika" von Sven Johne - edle Sträuße - vernichtet im Taumel des Welthandels. Nebenan ließ Via Lewandowsky "Hansi" abstürzen - den Wellensittich fürs Kleinbürgerliche. Kristin Danger, Kuratorin der ersten Schau, stellte das in Kontext mit Santiago Sierras Papst-Foto mit "NO" über den Kopf oder mit der neon-schillernden Performance-Skulptur von Wu Tsang.  

Vieles in der Sammlung gibt sich spröde, wie Thorsten Brinkmanns Plüschzimmer. Auf der anderen Straßenseite werden im "Efeu-Haus" verlassene Räume mit schrundigen Tapetenresten in Dialoge mit Kunstwerken gezogen.  

Seit August mischen sechs Kuratoren mit mehr oder weniger kunstspezifischem Hintergrund die Sammlung neu auf. Schüler eines Kunst-Profilkurses etwa zeigen Werke von Zhang Hui und Alexej Meschtschanow, die Kunstjournalistin Ingeborg Wiensowski Installationen von Marguerite Humeau und Hannah Perrey. Der Kunsthistoriker Bernd Brandes-Druba zeigt Arbeiten von Piotr Nathan und Jonathan Meese, der Zebra-Maler Peter Nagel von Birgit Jensen oder Martin Assig. Gunda und Peter Niemann stellen ihre Kunstwerke gern für Ausstellungen zur Verfügung.  

***  

Jens Rönnau: Zurzeit gibt es in der Gerisch-Stiftung zwei Präsentationsabschnitte mit unterschiedlichen Kuratorenmodellen. Wie seid Ihr auf die Ausstellungsidee gekommen?  

PETER NIEMANN: Das ist einfach so gekommen. Möglicherweise hat uns Dirk Luckows Projekt mit verschiedenen Kuratoren für die Kieler Kunsthalle vor ein paar Jahren inspiriert. Wir hatten das Glück in der Gerisch-Stiftung viele neue Dinge anstiften zu können: Das nie benutzte Efeu-Haus als Galerie-Gebäude, eine zweiteilige Ausstellung, sechs fremde Kuratoren für Teil zwei. Dabei waren wir nicht nur uneigennützig. Ein ganzes zusätzliches Ausstellungshaus und eine Doppel-Show – das bedeutet ja auch unausgesprochen: Mein Gott, was haben die bloß alles für Klamotten? Ursprünglich wollten wir ja nur die großen Arbeiten zeigen - deshalb auch der Titel „Vom Großen und Ganzen“. Aber die großen Sachen sind leider zu groß: Es fehlt die riesen Kreisarbeit von Alicja Kwade - sehr schade, ein Bild von Peggy Buth oder Christian Rosa - der viel diskutierte und gehasste neue Malerstar oder Alexej Meschtschanow mit einer Installation aus 12 Waschtischkommoden.  

Nicht jeder Sammler geht so freizügig mit seinen Schätzen um wie Ihr. Warum stellt Ihr eure Kunst in diesem Umfang zur Verfügung?  

PETER NIEMANN: Es gibt viele Gründe: Wir lernen durch das Ausleihen an sich, die Arbeiten kommen plötzlich in einen neuen Kontext. Man lernt neue Leute kennen. Es freut die Künstler, es freut die Galerien, es freut die Besucher, es freut uns.  

Ihr habt eine recht umfangreiche Kunstsammlung angelegt - wie hat das angefangen?  

PETER NIEMANN: Das erste Bild habe ich mit 16 Jahren in Kiel gekauft - dann kam Jahrzehnte lang nichts: Musik war wichtiger.  

GUNDA NIEMANN: Das erste wesentliche Bild unserer Sammlung haben wir 2000 von Birgit Jensen bei Kunst & Co in Flensburg gekauft. Eigentlich war das ein Geschenk von Peter an mich. Zuletzt hing es immer in der Firma. Jetzt hat Peter Nagel es als Kurator ausgesucht für seine Räume bei der Gerisch-Ausstellung. Anschließend wird es zu unserem Sohn Moritz in die Wohnung kommen.  

Peter, Du bist auch selbst künstlerisch aktiv, hast in der Weserburg, im Mannheimer Kunstverein oder der Kunsthalle zu Kiel ausgestellt - spielt dein eigenes Kunstmachen eine Rolle im Zugang zu anderen Künstlern?  

PETER NIEMANN: Dadurch kann ich natürlich viele Dinge einschätzen - von Technik bis Strategie. Aber ich habe nie aus einer handwerklichen Faszination das gekauft, was ich selber nicht kann. Ich mache immer noch gerne Kunst - es bringt Spaß und zwingt zur Auseinandersetzung. Das Gefühl nach der Fertigstellung eines Kunstwerks ist sehr gut. Aber insgesamt fehlt mir die Zeit zum kontinuierlichen Dranbleiben – ich suche da zurzeit nicht die Öffentlichkeit. Kunst kaufen geht schneller als Kunst machen.  

Wir kennen uns seit ein paar Jahrzehnten über deine Kunst. Irgendwann hatte ich mal den Eindruck, dass Du einen Schalter umgelegt hast und mehr vom Macher zum Sammler geworden bist. Wie ist das passiert?  

PETER NIEMANN: Wenn man Sammler ist, ist es immer doof auch Kunst selbst zu machen. Da könnten sich schnell Dinge vermischen, die nicht zusammen gehören. Selbst ausstellen ist außerdem oft auch ziemlich schrecklich. Ich kam mir immer vor wie ein benutzter Clown, der den Abend für ziemlich doofe Leute gestaltet, die zu allem Überfluss nicht mal den Wein bezahlen, den sie reichlich trinken.  

Unter anderem hast Du dich mit virtuellen Museumsideen befasst, etwa mit denen von Peter Porzner. Was reizt dich daran?  

PETER NIEMANN: Im Grunde ist es immer das gleiche Interesse: Es geht um neue Denkansätze. Das Finden von Neuem ist ein persönlicher Fortschritt, weil es eine Horizonterweiterung ist.  

Gibt es Mentoren, die dich auf den Weg gebracht haben?  

PETER NIEMANN: Meine Schulen waren: Bis heute von Karin Thomas, das Kunstforum ab Band 100, Kontext Kunst von Peter Weibel und Hans-Werner Schmidt, der Kunsthallendirektor in Kiel war.  

Gunda, war es Peter, der dich mit der Kunst angesteckt hat?  

GUNDA NIEMANN: Wir hatten uns schon immer beide für Kunst, Musik und Kultur interessiert, schon bevor Peter und ich uns kannten. In das Sammeln sind wir eigentlich so reingewachsen.  

PETER NIEMANN: Aber die Intensität war nicht vorauszusehen, die ist mit den Jahren gekommen.  

Wie entscheidet Ihr euch für ein Werk - darf jeder seinen Vorstellungen freien Lauf lassen?  

GUNDA NIEMANN: Peter ist spontaner, ich bin bedächtiger. Wir reden darüber und kaufen zusammen. Aber wenn einer unbedingt etwas haben will, dann wird das auch gekauft.  

PETER NIEMANN: Es gibt einen stillschweigenden Konsens.  

Kauft Ihr ausschließlich in Galerien?  

GUNDA NIEMANN: Grundsätzlich ja - es sei denn, der Künstler hat keine Galerie. Manches kaufen wir auch aus den Semesterausstellungen der Kunsthochschulen in Hamburg, Kiel oder Berlin.  

Warum sammelt Ihr?  

GUNDA NIEMANN: Ich weiß es nicht ganz genau. Es bringt Spaß - das reicht doch.  

Habt Ihr ein Sammlungskonzept?  

GUNDA NIEMANN: Nein, eigentlich nicht.  

PETER NIEMANN: Ein Konzept zu haben, ist nach dessen Fertigstellung einengend und unkreativ.  

Aber ein Konzept wäre Eure Heftreihe "Texte zur Welt - wie sie ist und wie sie sein sollte". Werden die immer gemeinsam mit den Künstlern entwickelt - oder haltet Ihr euch da ganz raus?  

PETER NIEMANN: Die Konditionen sind: Das DIN A 4 Schulheftdesign außen ist fix. Innen können sie machen, was sie wollen – nicht nur Künstler, auch Schriftsteller, Fotografen, Philosophen. Die Macher bekommen so viele Hefte wie sie brauchen, die Sammlung deckt die Kosten.  

GUNDA NIEMANN: Die Heftreihe bringt Nähe zu interessanten Leuten und Themen, zu den Autoren und den Beschenkten - "Texte zur Welt" kann man nicht kaufen, man bekommt sie geschenkt. Das Projekt strengt den Kopf an, lässt uns selbst kreativ sein, weil wir zwangsläufig in die Gestaltung der Hefte eingebunden sind. Unsere nächsten Hefte, wenn es denn klappt, kommen von dem Philosophen Markus Steinweg, den jungen Künstlern Daniel Keller, James Bridle, einem burmesischen Mönch und von burmesischen Journalisten - so etwas bereichert das Leben. Wenn man in einer kleineren Stadt mit wenig Umland lebt, muss man sich seine Teaserpoints selbst besorgen.  

Wie wichtig ist euch der direkte Kontakt zu den Künstlern? Ist der immer die Regel?  

PETER NIEMANN: Wer meint, dass Künstler eine besondere Spezies sind, hat eine Meise und versucht sich oft durch seine Nähe zu dieser Spezies in diese Spezies einzuschleichen. Aber wer Spaß an Kunst hat, findet natürlich Künstler interessant. Ich nutze sie auch als Akku. Die Welt der Kunst ist für uns interessant.  

Wenn es Ausstellungen aus eurer Sammlung gibt: Bezieht Ihr die Künstler da ein?  

GUNDA NIEMANN: Nicht immer - aber auf jeden Fall, wenn es sehr spezielle Situationen sind, etwa als wir 2014 den Panzer von Sailstorfer bei dir im Kieler Flandernbunker gezeigt haben.  

Ihr seid oft unterwegs in Sachen Ausstellungen und Treffen von Künstlern und Kunstmittlern - habt ihr Lieblingsorte?  

GUNDA NIEMANN: Das ist eindeutig Berlin. Unsere ganze Sammlung ist auf Berlin und die internationale Kunstszene dort bezogen.  

Eine Reihe von Werken befinden sich im Bürogebäude eurer Firma - den Eingangsbereich könnte man fast mit einem Museum für moderne Kunst verwechseln. Wie sind die Reaktionen von Kunden und Mitarbeitern?  

PETER NIEMANN: Nun, ich glaube, dass man nicht verstört sein muss. Das anzunehmen, wäre arrogant. Aber aus der großen Bahnhofsuhr von Alicja Kwade, wurde regelmäßig der Stecker rausgezogen, so dass man die verstreichenden Sekunden nicht mehr hören konnte. Time is money - sollte wohl nicht sein.  

Gibt es eigentlich viele Menschen in Schleswig-Holstein, die in eurer Richtung sammeln?  

GUNDA NIEMANN: Ich fürchte: nein. Wir kennen keinen - und leiden.  

Habt Ihr Pläne, wie es mit eurer Sammlung weitergehen soll? Gibt es neue Schwerpunkte oder Präsentationsmodelle?  

PETER NIEMANN: Ich habe das Gefühl, dass sich der Charakter der Sammlung gerade ändert. Haben wir bisher Dinge gesammelt, die uns ästhetisch oder inhaltlich verwundert haben, sind die letzten gekauften Arbeiten - Wu Tsang, Hannah Perry, Fee Kürten, James Bridle - Botschaften der gerade jungen Generation. Das mag mit unserer Weigerung zu tun haben, alt zu werden, aber ich glaube eher, dass es mit der Suche nach Neuem zu tun hat. War unsere Sammlung bisher eher konventionell, ohne dass wir die üblichen Verdächtigen gekauft haben, so dreht sie sich jetzt in eine Generationenabbildung. Da spielt die Computerisierung unserer Welt natürlich eine große Rolle.  

www.gerisch-stiftung.de  

Autor
Wichtige Personen in diesem Artikel
Peter Niemann

* 1957, Kiel, Deutschland

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Weitere Personen
Martin Assig

* 1959, Schwelm, Deutschland

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James Bridle

* 1980, London, Grossbritanien

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Peggy Buth

* 1971, Berlin, Deutschland

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Marguerite Humeau

* 1986, Frankreich

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Birgit Jensen

* 1957, Würzburg, Deutschland

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Sven Johne

* 1976, Bergen auf Rügen, Deutschland

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Alicja Kwade

* 1979, Kattowitz, Deutschland

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Via Lewandowsky

* 1963, Dresden, Deutschland

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Dirk Luckow

* 1958, Hamburg, Deutschland

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Jonathan Meese

* 1970, Tokio, Japan

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Peter Nagel

* 1941, Kiel, Deutschland

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Michael Sailstorfer

* 1979, Velden, Deutschland

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Hans-Werner Schmidt

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Santiago Sierra

* 1966, Madrid, Spanien

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Karin Thomas

* 1941, Köln, Deutschland

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Wu Tsang

* 1982 , Massachusetts, Verein. Staaten

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Peter Weibel

* 1944, Odessa, Ukraine

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