Band 236, 2015, Ausstellungen: Mönchengladbach, S. 269

Annelie Pohlen

Der Apfel – Eine Einführung

»(immer und immer und immer wieder)«

Museum Abteiberg, Mönchengladbach, 12.7. – 25.10.15

Nein, die Klammern um den Untertitel sind kein Versehen. Auch gibt es seitens der Kuratoren keine Erklärung zu dieser (ortho-)grafischen Titelgestaltung. Wer die Klammern zu nutzen versteht, der erlebt die Ausstellung in ihrer Mixtur aus heiterer Bescheidenheit und kreativer Komplexität im wörtlichen wie im übertragenen Sinn als Rhizom, dessen Geflecht ein weites Territorium möglicher künstlerischer und wissenschaftlich-kulturhistorischer Exkurse erobert.  

Da sind zunächst die sichtbaren Fakten, die Werke der Initiatoren, Antje Majewski und Paweł Freisler, und ihrer Künstlerkollegen Agnieszka Polska, Jimmie Durham und Piotr Życieński im Ausstellungsraum, Majewskis Baumpflanzaktion als Teil des Außenprojektes EIN AHNUNGSLOSER TRAUM VOM PARK von Markus Ambach und eine die ganze Stadt einbeziehende Pflanzung niederrheinischer Apfelsorten. In die sind 100 Paten eingebunden, je einer für eine Sorte, deren Ernte allen Mönchengladbachern zugutekommt.  

"Der Apfel als Metapher der Religions-/ Kulturgeschichte und Gegenstand der komplex verwobenen Bio- und Umweltwissenschaft erweist sich in dieser bemerkenswerten Kooperation mit Wissenschaftlern, städtischen Gruppen, Schulen und einzelnen Bürgern 'als ein unerwartet faszinierendes Sujet'." Und das erobert die Stadt und die Region und greift nicht nur der internationalen Künstlerschaft wegen mit der Fundacja Transformacja in Łódź, wo die Ausstellung unter Einbindung der dort ansässigen Initiativen zum Jahreswechsel im renommierten Museum Sztuki gastierte, über die nationalen Grenzen hinaus. Das ist mehr als die Aufreihung hier und da zufällig involvierter Partner.  

Was die hauseigene Mitteilung zu recht für sich in Anspruch nimmt, verzweigt sich über die poetischen Zeichensetzungen der Künstler und die nüchternen Ausführungen der wissenschaftlichen 'Laboranten', ökologischen Aktivisten und landwirtschaftlichen 'Produzenten' in der reflektierenden Teilnahme des Publikums zu einer – von jedem Einzelnen potentiell je anders weiter gesponnenen – globalen Erzählung über Wachstum und Leben zwischen paradiesischen Visionen und apokalyptischen Alpträumen.  

Dabei steht am Anfang dieser Geschichte nicht einmal der Apfel, sondern das Ei, genauer Paweł Freislers Konzept des Standard-Eis aus den Jahren 1966 bis 69. Über mehr als fünf Jahre steht Antje Majewski mit dem in vieler Hinsicht legendären polnischen Künstler in einem weit über die formalen Notwenigkeiten gemeinsamer Projekte hinausgreifenden Email-Kontakt. Wenn man so will, lässt sich Majewskis zentral platziertes Gemälde "The Guardian Of All Things That Are The Case", 2009, als Hommage an ihren Mitkurator lesen, der – darin grandioser Vertreter einer subtil ins fiktionale Nichts gesteigerten Konzeptkunst – auch diesmal durch Abwesenheit glänzt. In der zu bewachenden Sammlung findet sich kein Apfel, auch kein Ei, dafür aber eine Annäherung an deren perfekte Abstraktion, die Kugel.  

So wuchert "ab ovo usque ad mala" (vom Ei bis zu den Äpfeln) aus den Satiren des Horaz über römische Speisesitten und deren philosophische Überhöhung im sprichwörtlichen "vom Anfang bis zum Ende" aller vor- oder nachwissenschaftlichen Evolution in Paweł Freislers und Antje Majewskis Kommunikation eben auch in eine Einführung in das (immer und immer und immer wieder) der Kurzschlüsse zwischen den schönsten Fiktionen mit den unangenehmsten Fakten. Bei weniger präzisen Lateinkenntnissen auch jenen der Verwechslung von 'mala' und 'malum' zu einer Erzählung in Bildern vom Werden und Verfall des Apfels nach der Vertreibung aus dem Paradies.  

Etwa die von Jimmie Durhams Flaschen, seine Ernte von der Documenta 2012. Die eine ist die der gepflanzten Apfelsorte: Eine Hommage an den von den Nazis inhaftierten Priester und Apfelzüchter Korbinian Aigner. Die Erinnerung an seine Wand füllende Folge von Aquarellen klingt hier nach wie ein großes Poem über Überlebensversuche in Dachau – und andernorts auf dem Globus. Der Saft wirbt mit dem Bild eines 'Déjeuner sur l’herbe’ aus dem Garten Eden. Die Gäste unter dem paradiesischen Baum: natürlich Eva, des weiteren ein Wolf und ein Bär. Adam fehlt. Mithin kann er nicht verführt werden. In Kasachstan sollen die Bären immer die süßesten Apfel geerntet haben, weswegen Adams Nachfahren, Wissenschaftler wie Forscher, bis heute das Potential dieser Frucht erforschen.  

Eine Art 'Meeting point' für Wissenschaftler, Praktiker und Künstler im Zentrum bietet mit Videoaufzeichnungen und Antje Majewskis Film über “Die Freiheit der Äpfel”, 2012-15, reichlich Stoff für kreative Diskussionen zur paradiesischen Schönheit der Biodiversität wie zu den globalen Verwerfungen einer auf Gewinneffizienz gepolten Lebensmittelindustrie.  

Dass sich auch hier keine wohlfeile Larmoyanz über den apokalyptischen Sündenfall einstellt, dazu leistet Agnieszka Polskas Spaziergang durch Freislers geheimnisvollen Garten mit seinem überbordenden Reichtum an Pflanzenarten in unmittelbarer Nachbarschaft einen nicht unerheblichen Beitrag. Der zwischen Nüchternheit und Rausch schlingernde Film "The Garden", 2010, der polnischen Künstlerin, die ihrem 'heimischen' Kollegen – wie schon so vielen immer auch rätselhaften Visionären aus der Zeit der Konzeptkunst zuvor – eine wunderbar mystifizierende Hommage widmet, erweitert das Werk des Abwesenden um eine subtile Erzählung aus einer anderen Welt. Freislers 'Ernte' ist eine in Vitrinen ausgebreitete Apfelsammlung. Sie sind so schön geschrumpelt, dass man rätselt, ob solche Preziosen nun Naturprodukte am Ende ihrer Lebenszeit oder aus anderen denn natürlichen Rohstoffen gefertigte Kunstobjekte sein könnten. Es sind tatsächlich aufs Feinste ziselierte Äpfel, die sich da in unmittelbarer Nachbarschaft ihrer von Besuchern erbetenen Kopien aus dem 3D-Drucker präsentieren. Ob diese nun aus des Künstlers Garten stammen oder nicht, ob es den Garten überhaupt gibt, spielt dabei ebenso wenig eine Rolle wie die Tatsache, dass der unsichtbare Erzähler in Polskas Filmgarten nicht Paweł Freisler ist.  

In der Email-Konversation stößt man schon 2011 eher beiläufig auf diese aufschlussreiche Einschätzung: "Hör auf, mich zu fragen, ob ich oder nicht einen Garten habe. Heute habe ich keinen, morgen werde ich vielleicht einen haben.... Ich akzeptiere den Garten.... Natürlich betrifft es das Ei .... Ab ovo usque ad mala. Äpfel sind das Sujet, das Motiv meiner Arbeit in den letzten zwei Jahren. Dies ist tatsächlich ein weiterer Versuch, eine ganze neue Tradition von einem Ende und einem Anfang von Leben und Tod fortzuführen ( )." Womit die 'Konversation' zwischen den verzierten und schließlich ge- oder vertrockneten Äpfeln, den von Majewski aufs Schönste als Stillleben gemalten bedrohten Verwandten und Durhams heilsamem Saft, dessen Etiketten nicht nur den Bären, sondern auch den Wolf in Manets paradiesische Idylle einschmuggeln, viel Stoff für eine Fülle noch leerer Klammern liefern kann. Auch die von jenem göttlichen Auftrag nach der Vertreibung aus dem Paradies: Macht euch die Erde untertan. Die Erzählungen wuchern weiter in alten und neuen Mythen. Die lokalen Kulturen sind eingewoben in globale Erfindungen. "Die Freiheit der Äpfel" ist eben nicht nur ein Plädoyer für die überfällige Biodiversität, sondern eine Fallstudio über die inspirierende Freiheit der Sprechweisen im zeitlosen Dialog zwischen dem Mensch und 'seinen' Dingen.  

In solch unaufgeregten, auch heiteren Formen zur Erprobung einer anderen Grundlagenforschung gelingt es der Ausstellungspraxis im Museum Abteiberg (immer und immer und immer wieder), gesellschaftliche und künstlerische Potentiale jenseits aller eingeklammerten Kategorien zu aktivieren. Deren inspirierende Impulse wirken tiefer als alle kommunalen Appelle zur Optimierung von Besucherzahlen.  

Autor
Annelie Pohlen

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Weitere Personen
Markus Ambach

* 1963, Darmstadt, Deutschland

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Jimmie Durham

* 1949, Washington, Verein. Staaten

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Pawel Freisler

* 1942 , Warschau, Polen

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Antje Majewski

* 1968, Marl, Deutschland

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Agnieszka Polska

* 1985, Lubin, Polen

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Piotr Życieński

* , Polen

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