Band 236, 2015, Ausstellungen: Hamburg, S. 249

Jens Asthoff

Günther Förg

»Wandmalerei«

Deichtorhallen, Halle für aktuelle Kunst, Hamburg, 31.7.–25.10.2015

Es ist die erste Ausstellung, die den Fokus ausschließlich auf Günther Förgs Wandmalerei legt. Naturgemäß ein ambitioniertes Projekt: eine Rückschau immerhin auf 35 Jahre Werkgeschichte, die – zusammen mit dem neu erschienenen Gesamtverzeichnis der Wandarbeiten – die erste Bestandsaufnahme dieses Teils von Förgs Œuvre darstellt. Nicht zuletzt ist sie auch eine Würdigung des im Dezember 2013 verstorbenen Künstlers, der vor seinem frühen Tod an ersten Planungen zu dieser Ausstellung noch beteiligt war. Doch eine solche Schau, die ja nicht etwa als Dokumentation antritt, stellt ihrem künstlerischen Anspruch nach auch Neuland dar – etwa was Fragen betrifft wie die nach dem Verhältnis von „Original“ und Nachschaffung, überhaupt die nach einer Wiederholbarkeit solcher Wandmalereien jenseits ihres ursprünglichen Raumbezugs. Auch hatte Förg zu Lebzeiten nie mehrere Wandbilder zusammen gezeigt, wie es hier der Fall ist, sondern stets einzelne, spezifisch auf den Raum hin gedachte Ensembles realisiert. Zwar hat er alle von ihm geschaffenen Wandmalereien sorgfältig dokumentiert – das umfassende Werkverzeichnis gibt Faksimiles sämtlicher mit Datum, Foto und teils handschriftlichen Eintragungen versehenen Archivseiten wieder –, doch hatte Förg sie so gut wie nie wiederholt ausgeführt. Ausnahmen waren selten, etwa „wenn eine historische Ausstellung rekonstruiert werden sollte“, so Förgs Nachlassverwalter Michael Neff in einer E-Mail an den Autor, doch „zumeist hat er, wenn er angefragt wurde, eine neue Wandmalerei für den Ort und die Situation entwickelt.“ So stand die erste zusammenhängende Präsentation von Förgs Wandarbeiten vor völlig neuen Fragestellungen. Dies umso mehr, da der Künstler, der das Projekt zu Lebzeiten ausdrücklich begrüßt hatte, in Details der Ausführung nicht mehr involviert sein konnte. Laut Neff hat Förg immerhin „ungefähr benannt, welche Wandmalereien er dort zeigen wollte.“ Zu solchen und ähnlichen Fragen mussten die Kuratoren im Sinne des Künstlers Entscheidungen treffen, ohne sich im Einzelnen noch auf ihn berufen zu können. Damit stellte die Schau durchaus ein Wagnis dar – das im Resultat so überzeugend wie eindrucksvoll ausfällt. Hier hat sicher auch die enge Zusammenarbeit mit Förgs langjährigem Assistent und heutigen Nachlassverwalter Michael Neff, der Mitherausgeber des Werkkataloges ist, entscheidend zum Gelingen beigetragen.  

In der Ausstellung wurde die stattliche Anzahl von 26 Wandbildern aus Förgs gesamter Schaffenszeit realisiert. Diese Auswahl aus insgesamt rund 140 Werken ist formal eingefasst durch die Präsentation sowohl der ersten Arbeit von 1978 als auch des letzten Werks von 2013. Die Anordnung, für die eigens eine komplexe Ausstellungsarchitektur mit separaten Räumen, langen Fluchten und verschiedenen Durchblicken entworfen wurde, ist aber nicht etwa chronologisch angelegt, sondern entfaltet sich als visuelle Logik komponierter Übergänge. Bei einem Künstler wie Förg, der mit seinen Wandarbeiten ausdrücklich übers Tafelbild hinausgehen wollte, hätte solch eine Meta-Komposition aus eigenen Werken wohl die eigentliche Herausforderung und mit Sicherheit eine genuin künstlerische Aufgabe dargestellt. Das ließ sich naturgemäß nicht mehr realisieren, doch den Kuratoren und Neff, die nun entscheiden mussten, sind hier durchweg schlüssige Abfolgen gelungen.  

So findet sich das Remake von Förgs allererster Wandarbeit, der „Wandmalerei Günzach, Wohnung Herbert Kopp, Bergstraße 4, Günzach“ (1978) nicht etwa am Anfang, sondern im Kernbereich der Ausstellung. Über dieses Werk berichtet Förg selbst (1997 im Gespräch mit Siegfried Gohr), dass er den Impuls zur Wandmalerei durch eine Ausstellung von Blinky Palermo erhielt, die er 1978 in der Münchner Galerie Friederich gesehen hatte. Noch im selben Jahr realisierte er das erste eigene Wandbild in der Küche eines Freundes. Ausgehend vom gegebenen Raum ging es um kompositorisch möglichst einfache Grundentscheidungen: Auf nur einer der Wände nahm er mittig eine vertikale Teilung vor, trug links rote Farbe auf, die rechte Hälfte, wo die Wand von einer Tür durchbrochen war, beließ er weiß. Förg, der zu dieser Zeit noch an der Münchner Akademie studierte, führte bereits kurz darauf eine zweite Wandarbeit in der eigenen, frisch renovierten und noch leeren Wohnung aus: „Wandmalerei München, Wohnung Günther Förg, Richelstraße 4, München“ (1978) erlebt in den Deichtorhallen nun ebenfalls die Wiederaufführung: mittige Teilung, linke Seite weiß, rechts rapsgelb (RAL 1021).  

Die künstlerisch-kuratorische Präzision der Schau ist durch genaue malerisch-technische Entscheidungen mit bedingt. Die Neuinszenierung der Werke wurde strikt nach den von Förg seinerzeit gewählten Materialien und der jeweiligen Art des Farbauftrags vorgenommen. So ist die oben genannte erste Arbeit zugleich die einzige, die mit der Malerrolle ausgeführt wurde, während alle anderen mit dem Quast im Kreuzschlag realisiert sind, was die monochromen Flächen ungleich lebendiger pulsieren lässt. Förg, der im Studium sein Geld teils als Maler vulgo Anstreicher verdiente, erwarb auf diesem Gebiet Praxis und Fachwissen, das er gezielt in die künstlerische Arbeit einfließen ließ. Und während in der Ausstellung für frühe Arbeiten dem Original entsprechend Binderfarbe verwendet wurde, sind spätere Werke wie beispielsweise Förgs letzte „Wandmalerei Köln, Ausstellung Galerie Gisela Capitain, Sankt-Apern-Straße 26, Köln“ (2013) mit den erheblich dichter pigmentierten KT-Farben hergestellt; bei letzterem Werk in den Tönen KT 43.3 (Rose) und KT 43.21 (Coquelicot).  

Eine Ausstellung von Förg ohne Förg, das war ein Wagnis – und es ist geglückt. Die Übersetzung der Werke ins große Format der Deichtorhallen, die bisher nie gesehenen Konfrontationen im Raum: Das wirkt nirgends schwer oder pathetisch, sondern fördert in großem Stil genau jene Klarheit zutage, mit der Förg selbst seinerzeit die raumgliedernde und architektonische Wirkung der Farbe beschworen hat – und sie in all ihrer Wirkungsmacht dabei ins Leichte aufhob.  

Publikationen: „Günther Förg: Wandmalerei 1978–2013“, Michael Neff (Hg.), 392 S., Essay von Max Wechsler, 98 Euro; „Katalogband zur Ausstellung“, Deichtorhallen Hamburg & Michael Neff (Hg.), 24 S., Vorwort Dirk Luckow, 48 Euro  

Autor
Wichtige Personen in diesem Artikel
Günther Förg

* 1952, Füssen, Deutschland; † 2013 in Freiburg im Breisgau, Deutschland

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Weitere Personen
Siegfried Gohr

* 1949

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Michael Neff

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Blinky Palermo

* 1943, Leipzig, Deutschland; † 1977 in Kurumba, Malediven

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