Band 236, 2015, Titel: Wendezeiten – Deutschland in der Kunst, S. 156

Klaus Staeck

Meine Arbeit ist die Verteidigung des öffentlichen Raumes, weil sich dort Demokratie abspielt

von Maria Anna Tappeiner

Die politischen Plakate und Postkarten von Klaus Staeck sind aus der Öffentlichkeit der BRD nicht wegzudenken. Der streitbare Jurist wurde 1938 in Pulsnitz in der ehemaligen DDR geboren und kam als Autodidakt zur Kunst. Nach dem Abitur übersiedelte er in den Westen und gründete kurz nach seinem Jurastudium den ersten Produzentenverlag. Seitdem arbeitet Klaus Staeck als Grafiker, Verleger und Jurist. Anfang der 1970er Jahre begann seine satirische Auseinandersetzung mit der Politik. „Über Kunst kann man nicht abstimmen“, sagt er. Kunst sei nichts, was demokratischen Entscheidungen zugänglich ist. Daher ist er immer mehrgleisig gefahren, um finanziell unabhängig zu sein und Entscheidungen ohne Kompromisse fällen zu können. Sein bekanntestes Plakatmotiv ist bis heute Deutsche Arbeiter! Die SPD will euch eure Villen im Tessin wegnehmen, neben dem Dürermutter-Plakat Sozialfall. Darüber hinaus hat sich Klaus Staeck auch immer parteipolitisch engagiert und unter anderem mit Joseph Beuys die „Free International University“ (FIU) gegründet, eine freie Hochschule für Kreativität und interdisziplinäre Forschung, die sich Fragen einer sozialen Zukunft widmete. Sein Werk umfasst heute rund dreihundert Plakate und zahlreiche Fotos. Von 2006 bis Mai 2015 war Klaus Staeck Präsident der Akademie der Künste in Berlin.  

***  

Maria Anna Tappeiner: Auf Ihrer Website findet sich der Leitsatz „Klaus Staeck – Unterwegs in Sachen Kunst und Politik“. Welche Haltung verbirgt sich dahinter?  

KLAUS STAECK: Ich bin jemand, der ständig unterwegs ist in Sachen Kunst und Politik. Das ist der große Bogen, den ich immer zu schlagen versuche. Und das deutet zunächst einmal an, dass ich beides nicht trenne. Für mich ist nicht hier die Politik und dort die Kunst, sondern ich versuche, beides zu verbinden, ohne es zu vermischen. Beides sind autonome Bereich, und ich finde es immer spannend, wenn sich die Kunst an der Politik reibt und die Politik an der Kunst, allerdings produktiv. Das ist mein Credo, und der zweite Satz, der für mich immer hinzukommt, ist: Nichts ist erledigt. Die Themen, die ich mit meinen Mitteln anzusprechen versuche, sind erstaunlich zählebig, wenn es um Probleme geht. Es gibt Plakate, die sind dreißig, manchmal vierzig Jahre alt. Manche sind aktueller als zu der Zeit, in der sie entstanden sind. Das ist nicht unbedingt in meinem Sinne, denn ich will ja etwas verändern oder zumindest einen Beitrag dazu leisten. Von daher ist in puncto „erledigt“ oft Fehlanzeige zu vermelden, leider.  

Was können Sie zu Ihrem familiären Hintergrund sagen? Wie sind Sie großgeworden?  

Mein familiärer Hintergrund ist eigentlich völlig unspektakulär. Ich komme aus dem Kleinbürgertum. Meine Mutter hatte ein Kunstgewerbegeschäft in Bitterfeld. Mein Vater kommt aus Hinterpommern, er war ausgestattet mit einer gewissen Sturheit. Meine Mutter war die Sensible, mein Vater mehr der Zurückhaltende, der sich aber freute, wenn ich mich mit den Mächtigen dieser Welt anlegte, egal was für Konsequenzen das teilweise für mich hatte. Denn mit einem Waffenkonzern beispielsweise konnte ich mich finanziell natürlich nicht messen. Meine Mutter war eine sehr couragierte, engagierte Frau. Ich gehöre zu der Generation, die ohne Vater großgeworden ist. Das bedeutete, man musste sehr früh den Vater in der Familie ersetzen. Ich war der Älteste, und meine Mutter besprach mit mir, als ich neun, zehn Jahre alt war, die Probleme der Familie. Das hat mich leider hoffnungslos überfordert, war aber auch von Vorteil. Künstler sind ja oft Leute, die versuchen, auch ihre Kindheit zu retten. Ich hatte in diesem Sinne gar keine richtige Kindheit, und trotzdem hat man mich immer alles machen lassen. Mich hat nie jemand eingeengt oder eingeschränkt, außer die Schulverhältnisse damals in der DDR, die waren nicht auf Freiheitsentfaltung angelegt. Aber ich bin ganz zufrieden. Ich bereue nichts, außer dass ich einmal mit vier Jahren Klavierunterricht gequält wurde, weil mein Großvater als Dorfschullehrer Orgel spielte.  

Wie sind Sie zur Politik gekommen? Welche Erfahrungen haben Sie mit der DDR-Doktrin gemacht?  

Zur Politik bin ich durch die Verhältnisse gekommen. Damals in der DDR zur Schule zu gehen bedeutete, sich sehr früh entscheiden zu müssen, will ich Mitläufer sein oder versuchen, Widerstand zu leisten. Wie kann ich mich selbst retten in einem Zwangssystem, das es nun mal war. Man konnte Opportunist sein, oder man bekam Probleme. Das hat mich allerdings dann auch relativ hart gemacht, indem ich entschieden habe, nein, Mitläufer will ich nicht sein. Auch der Opportunismus ist eine Krankheit zum Tode. Ich bin weder tollkühn noch ein Revolutionär. Revolutionäre richten oft mehr Unheil an, als sie der Welt an Verbesserungen versprechen. Ich bin jemand, der seinen eignen Weg sehr früh gehen musste und das auch wollte. Das war mühsam, immer vor der Entscheidung zu stehen, dem Lehrer doch nach dem Munde zu reden, für ein noch einigermaßen gutes Abitur, um dann studieren zu können. Was mir in der DDR dann nicht gelang, denn ich wurde wegen meiner politischen Unzuverlässigkeit, wie es damals hieß, nicht zum Studium zugelassen. Mit achtzehn bin ich dann geflüchtet. Damals stieg man einfach in den Zug, fuhr in den Westen und kam nicht mehr zurück. Das machten sehr viele, meine halbe Klasse ist gegangen. Doch dann haben wir gemerkt, dass wir auch im Westen nicht gut behandelt wurden. „Was wollt ihr alle hier?“, schlug es uns oft entgegen. So war man fast gezwungen, sich zu engagieren. Ich bin dann sehr früh in die SPD eingetreten, nachdem ich mir alle Parteien angesehen hatte. Das war die Truppe, von der ich am meisten überzeugt war. Sie möchte nicht die Revolution, aber das Leben der Menschen durch Reformen erträglich machen.  

1971 haben Sie dann Ihre erste Plakataktion mit dem Titel Sozialfall zum Dürer-Jubiläumsjahr in Nürnberg gemacht. Wie kam es dazu? Welche Bedeutung hat für Sie die politische Auseinandersetzung im öffentlichen Raum?  

Ich bin als Künstler Autodidakt, habe nie einen Tag an einer Akademie studiert. Anfangs machte ich Holzschnitte und Siebdrucke und habe kleinere Galerieausstellungen organisiert. Ich war aber sehr unzufrieden, weil ich mein politisches Engagement auf diesem Weg nicht verwirklichen konnte. Dann fing ich an, klassische Werke aus dem Steinbruch der Kunstgeschichte mit Sätzen zu unterlegen. So entstand zunächst als Grafik das Porträt der Dürermutter mit dem Satz „Würden Sie dieser Frau ein Zimmer vermieten?“. 1971 bot sich für mich in Nürnberg eine Gelegenheit, mit dem Plakat anlässlich des Dürerjubiläums an die Öffentlichkeit zu gehen. Das Original der Dürermutter hing hoch versichert in der Ausstellung. Ich habe das Motiv aus dem Museumskontext herausgenommen und wieder zurück auf die Straße gebracht. Das kam auch Dürers ursprünglicher Intention entgegen, denn seine Frau hat auf dem Nürnberger Markt seine Grafiken verkauft. Ich wusste erst gar nicht, wie das geht, einfach eine Litfaßsäule zu mieten. Aber mein Freund, der Drucker Gerhard Steidl, mit dem ich damals alles zusammen machte, hat mir geholfen. Die Leute haben sehr spontan reagiert, nicht unbedingt auf den Inhalt, aber sie wollten wissen, wer das bezahlt. Die Botschaft war ja zunächst nicht sofort erkennbar. Das Plakat warb weder für ein Produkt noch für eine Veranstaltung, sondern stellte eine direkte Frage. Es haben dann zahlreiche Leute bei der Stadt angerufen, weil sie sie für die Litfaßsäulen zuständig hielten. Schließlich wendeten sie sich an die Zeitung. Jedenfalls wusste ich jetzt, es wird wahrgenommen.  

Für mich sind die Wege in die Öffentlichkeit immer ein Thema gewesen, mein Arbeitsfeld. Wenn mich jemand fragt, wie können Sie am besten Ihre Arbeit beschreiben, dann nenne ich die Verteidigung des öffentlichen Raumes, weil sich dort Demokratie abspielt. Wo denn sonst? Privat kann jeder machen, was er will, aber Demokratie und sich friedlich streiten, das geschieht immer im öffentlichen Raum und in der Kultur.  

In welcher künstlerischen Tradition sehen Sie sich? Wer sind Ihre Vorbilder?  

Viele denken immer, ich sei von John Heartfield geprägt. In der Schule in der DDR habe ich ihn nie kennengelernt. Erst später im Westen habe ich von seinen Grafiken und Fotomontagen erfahren. Ich bin eher von der Fluxus-Bewegung geprägt, die wiederum auf Dada zurückgeht. Wolf Vostell, Dick Higgins oder wie sie alle heißen. Joseph Beuys war natürlich mein großer Lehrer. Beuys war so jemand, der mich auch gelehrt hat, wie man sich gegen große Widerstände durchsetzen kann – durch Beharrlichkeit, ja Zähigkeit, auch wenn die Leute erst mal nichts mit den Sachen anfangen können – dass man nicht rudert und nach jedem Zeitgeistwindchen Ausschau hält. Bei den Schriftstellern war es Heinrich Böll. Ich habe zwei Säulenheilige, Joseph Beuys und Heinrich Böll. Beide gehören zur Kriegsgeneration, eine Generation vor mir. Das hat mich schon geprägt. Aber Lehrer im klassischen Sinne habe ich nicht gehabt. Ich bin ein Autodidakt, der alles aufgesogen hat, der einfach immer neugierig war, bis heute. Und ich glaube, solange man neugierig ist, ist man noch nicht alt.  

Was interessiert Sie an dem Medium Plakat beziehungsweise Postkarte? Warum sind Sie bis heute bei dieser traditionellen Form der Kommunikation geblieben?  

Seit meiner ersten Plakataktion mit dem Dürermutter-Plakat in Nürnberg stand für mich fest, das ist mein künftiger Weg, politische Plakate, die in die Öffentlichkeit sollen. Nur wie bringt man sie dahin? Ich kann ja nicht ständig Litfaßsäulen mieten. Das ist viel zu teuer. Da gab es aber andere Möglichkeiten. Die List spielt eine große Rolle. Wie platziert man beispielsweise an einem Wochenende ein Plakat in einer Kleinstadt an einer Stelle, an der alle vorbeimüssen, und man weiß, am Montag wird es wieder abgerissen? Ich habe sehr früh gemerkt, dass man politisch tatsächlich eingreifen kann. Die ersten Prozesse gegen mich drehten sich 1972 um das Schriftplakat Die Reichen müssen noch reicher werden. Deshalb CDU. Innerhalb von zwei Tagen bekam ich vier Prozesse, Streitwert je zwanzigtausend Mark. Das hat mich schon erschreckt. Ich will gar nicht den Helden spielen. Inzwischen ist einundvierzig Mal versucht worden, juristisch gegen meine Arbeiten vorzugehen, zum Teil auch gegen andere. Der Prozess gegen Greenpeace dauerte neun Jahre. Im Fokus unserer Kritik standen zwei Vorstandsvorsitzende großer Konzerne. Ein Kläger ging bis zum Bundesgerichtshof, ein anderer bis zum Bundesverfassungsgericht.  

Und die Postkarten? Sie haben sie schon früh von ihrer Funktion als Ansichtskarten oder ritualisierten Urlaubsgrüßen befreit und zum Träger politischer Statements gemacht.  

Die Postkarte war das kleine Format gegenüber dem Plakat. Ich habe die meisten Künstler, mit denen ich später zusammengearbeitet habe, über eine Postkarte kennengelernt und gewonnen. Wobei ich nicht bloß eine Abbildung von einer bereits existierenden Arbeit, eine Reproduktion, haben wollte, sondern die Künstler sollten eine Postkarte entwerfen. Joseph Beuys hat sofort begriffen, dass dieses Medium, wenn man Glück hat, tausendfache Verbreitung findet. Eine der begehrten Karten ist von ihm. Auf eine Karteikarte hat er den Satz geschrieben: „Wer nicht denken will, fliegt raus“, mit dem ganz kleinen Zusatz „sich selbst“. Ich weiß nicht, wie viele Hunderttausend Postkarten ich inzwischen unter die Leute gebracht habe. Die letzte mit Angela Merkel und Uli Hoeneß und dem Text „Glückwunsch Uli! Wir Steuern das schon.“ hatte allein eine Auflage von zweihunderttausend Stück. Selbst im elektronischen Zeitalter, in dem alles nur noch über das Netz zu laufen scheint, kann man mit einer Postkarte eine Erregung auslösen, die ich mir selbst nicht hatte vorstellen können. Das belegt, dass sich die Menschen doch noch als analoge Wesen verstehen.  

Was können Sie zu wiederkehrenden Symbolen, Typografien und dem Spiel mit Klischees – etwa dem deutschen Gartenzwerg, dem Hirsch oder der Bockwurst – in Ihren Arbeiten sagen?  

Ich versuche – und das ist die Chance der Satire – Klischees zu entzaubern und zu zertrümmern. Da ist der Gartenzwerg das klassische visuelle Modell. Niemand empfindet sich selbst so, aber trotzdem gibt es diese Gartenzwergarmeen, die fortwährend marschieren. Klischees sind sehr schwer zu knacken, sie sind beharrlich, überdauern Epochen und Generationen. Die Satire hat eine Chance, ihnen näherzukommen und sie über das Lachen aufzulösen. Aber nicht, um andere bloßzustellen, sondern eher altmodisch, um die Menschen zur Einsicht zu bringen. Oder sogar das Bewusstsein zu ändern. Dabei muss man auch sich selbst hinterfragen und sich in die Position anderer Menschen hineinversetzen können.  

An Ihren Plakaten und Postkarten kann man über die Jahre und Jahrzehnte auch die bundesdeutsche Politik ablesen. Dabei sind Sie sich in Ihrer Haltung politisch und formal immer treu geblieben. Gegen wen oder was kämpfen Sie in erster Linie – damals und heute?  

Ich bin jemand, der versucht, seinen Idealen treu zu bleiben. Ich versuche meine Haltung, die ich mir mühsam, aus meinem kleinbürgerlichen Milieu kommend, erarbeitet habe, zu bewahren. Das ist nicht einfach, zumal heute in einer Welt des Anything goes. Alles ist möglich, alles ist sogar gleichzeitig möglich, obwohl es sich ausschließt. Was ich wollte, war immer Veränderung, Veränderung der ungerechten Verhältnisse. Ich habe schon als Kind unter Ungerechtigkeit gelitten. Die Welt ist voller Ungerechtigkeit, sie wächst wieder. Die ungerechte Verteilung von Armut und Reichtum wird immer größer. Ich suche mit meinen künstlerisch-politischen Möglichkeiten nach einem Hebel, damit sich etwas ändert. Für mich hat sich die Satire als geeignetes Mittel erwiesen. Ich versuche, Menschen kurzfristig zu verwirren, um sie zum Denken zu bringen. Ich hoffe, dadurch kommen sie selbst zu der Erkenntnis, dass sich etwas ändern muss und sie einen bescheidenen Beitrag dazu leisten müssen, wie bescheiden er auch sein mag. Ich erwarte etwas von den Menschen und entschuldige auch nicht alles. Ich bin kein Pfarrer.  

Es gibt eine Feigheit, die sich oft als Toleranz tarnt. Es gibt für alles Grenzen. So muss man gegen Rechtsradikalismus etwas tun. Gerade wir Deutschen wissen, dass dieser Virus zu einer gefährlichen Krankheit werden kann. Da kann man nicht nur zusehen und sagen: Wird schon irgendwie gut gehen, die werden sich schon wieder fangen. Nein, es gibt einen verfestigten Rechtsradikalismus, auch bei jungen Leuten, vor dem man nicht in Angst erstarren muss, der aber für unser Zusammenleben gefährlich werden kann.  

Wenn man sich Ihre Plakat- und Postkartenmotive anschaut, hat man den Eindruck, dass es früher noch klarere Fronten und Gegner gab, zum Beispiel wetterten Sie gegen Franz Josef Strauß oder die Springer-Presse. Wie ist es mit den Feindbildern von heute? Gibt es noch diese Schlagkraft?  

Die Leute denken immer, man bräuchte Feindbilder. Für mich gibt es in der Demokratie, solange man sich nicht außerhalb der Gesellschaft stellt, keine Feinde, sondern nur Gegner. Dennoch ist es ein Kampf, der stattfindet. Viele Leute drücken sich davor, gehen lieber den opportunistischen Weg. Gleichzeitig haben viele jedoch gar keine Möglichkeiten, sich zu wehren, zum Beispiel Menschen in Zeitarbeit, die bei nächster Gelegenheit wieder auf der Straße stehen. Vor denen habe ich mehr Respekt als vor einem Theorieschwafler, der als Universitätsprofessor seine Pension sicher hat.  

Ich habe gelernt, dass die Möglichkeiten für Veränderungen begrenzt sind. Dennoch lohnt der Versuch, und deshalb streite ich so vehement für die Demokratie, für den Erhalt der Demokratie, die ja stets gefährdet ist. Momentan herrscht eine etwas breiige Situation. Man hat Mühe, den Nebel zu lichten. Wo ist der Ausgang aus der Nebelkammer? Für viele Leute wird sie auch zur Bleikammer, da sie aus ihrem selbst gebauten Haus nicht mehr herausfinden.  

Wenn Sie auf Strauß anspielen: Er war jemand, in dem sich viel bündelte, gegen das man war. Da war man sich schnell einig. Das ist jetzt anders. Trotzdem bin ich froh, dass es solche Figuren heute nicht mehr gibt. Sie waren fast alle Angehörige einer Generation, die noch den Krieg miterlebt hatten, Gefangenschaft. Das waren völlig andere Lebensläufe. Dann kamen die, die ich Angehörige der Intercity-Köfferchen-Generation nenne. Die regen sich auf, wenn der Zug zehn Minuten Verspätung hat. Dabei gerät man in Gefahr, nicht mehr zu wissen, was bewahrenswert ist und was es zu verteidigen gilt. Denn etwas bloß zu erhalten ist immer schwieriger, als für etwas zu kämpfen.  

Was denken Sie über die Occupy-Bewegung, die ja erst einmal einen nicht zielgerichteten Protest verfolgte? Das passt auch zu diesem Im-Nebel-stochern, von dem Sie eben gesprochen haben. Einerseits geht es so nicht weiter, andererseits weiß keiner, wohin es gehen soll. Das war doch in den 1970er, 1980er Jahren anders, oder?  

Die Occupy-Bewegung, die ich mit großem Interesse beobachte, hat kurzfristig unsere Lebensform, die ich, um es ganz deutlich zu sagen, für ein Todesmodell halte, in Frage gestellt. Wenn alle Menschen auf der Erde so leben würden, wie wir jetzt leben, bräuchten wir über den Klimawandel und all so etwas nicht mehr zu reden. Der Kapitalismus fördert diese Lebenseinstellung, indem er ständig behauptet, auf stetiges Wachstum angewiesen zu sein. In meiner Kindheit gab es ein Unkrautvernichtungsmittel namens Unkraut-Ex. Seine Wirkung bestand darin, dass sich das Unkraut zu Tode wuchs und keine Samen mehr entwickeln konnte. Ich vergleiche unsere Situation oft damit. Unsere Gesellschaften explodieren und implodieren gleichzeitig. Dieser Entwicklung ist mit ein paar künstlerischen Interventionen nicht beizukommen. Was mich heute so zornig macht: Wir wissen fast alles, wir beschreiben alles, wir wissen auch um die Zerstörungskraft, und doch ändert sich fast nichts.  

Von 1968 an bis in die 1980er Jahre haben Sie regelmäßig mit Joseph Beuys zusammengearbeitet. Wie haben Sie die politische Arbeit von Beuys erlebt? Und wie gestaltete sich Ihre Zusammenarbeit?  

Joseph Beuys hat ab einem bestimmten Lebensabschnitt seine ganze Arbeit auch politisch verstanden. Zunächst nicht direkt im parteipolitischen Sinne, sondern indem er an die Veränderbarkeit der Menschen und der Verhältnisse glaubte. Er traute jedem Menschen die Fähigkeit zu, seine eigene Kreativität zu leben. So verstand er auch seinen berühmten Satz „Jeder Mensch ist ein Künstler“. Was mich an ihm fasziniert hat, zeigt sich am besten in einer seiner Postkarten, die ich verlegt habe: „Ich bin auf der Suche nach dem Dümmsten.“ Er suchte keinen Dummen, sondern denjenigen, der am wenigsten indoktriniert war, um es so zu übersetzen. Beuys konnte eine Stunde mit jemandem reden, bei dem ich nach kurzer Zeit resigniert hätte. Beuys nicht, der hatte einen Glauben an die Menschheit, wie ich es bisher nur bei wenigen Menschen erlebt habe, fast mit einem missionarischen Drang, aber nicht im religiösen, sondern im weltlichen Sinne. Er war voll Hoffnung, dass die Menschheit sich seinen Vorstellungen anschließen würde. Beuys war einer der geduldigsten Menschen, aber auch einer der zähesten, die ich kennengelernt habe. Ich habe von ihm gelernt, nicht aufzugeben, auch wenn eine scheinbare Mehrheit für obsolet erklärt, was man tut. Ich habe aber auch mit keinem Menschen so viel gelacht wie mit Beuys. Er bleibt für mich einer der wichtigsten Anreger und Bezugspersonen, obwohl ich vieles ganz anders mache und auch andere Vorstellungen von der Veränderbarkeit habe. Für mich bleibt eher die Mühsal des Kampfes im Weinberg des Herrn.  

Autor
Maria Anna Tappeiner

* 1968, Wiesbaden, Deutschland

weitere Artikel von ...

Wichtige Personen in diesem Artikel
Klaus Staeck

* 1938, Pulsnitz, Deutschland

weitere Artikel zu ...

Weitere Personen
Joseph Beuys

* 1921, Krefeld, Deutschland; † 1986 in Düsseldorf, Deutschland

weitere Artikel zu ...

Heinrich Böll

* 1917, Köln, Deutschland; † 1985 in Kreuzau-Langenbroich, Deutschland

weitere Artikel zu ...

John Heartfield

* 1891, Berlin, Deutschland; † 1968 in Berlin, Deutschland

weitere Artikel zu ...

Dick Higgins

* 1938, Cambridge, Grossbritanien; † 1998 in Quebec, Kanada

weitere Artikel zu ...

Angela Merkel

weitere Artikel zu ...

Wolf Vostell

* 1932, Leverkusen, Deutschland; † 1998 in Berlin, Deutschland

weitere Artikel zu ...