Band 235, 2015, Titel: Kunsturteil, S. 116

Yilmaz Dziewior, Museumsdirektor

Yilmaz Dziewior studierte Kunstgeschichte in Bonn und London. Von 2001 bis 2008 war er Direktor des Hamburger Kunstvereins, ab 2009 leitete er das Kunsthaus Bregenz.
Seit Februar 2015 ist er Direktor am Museum Ludwig, Köln.
 

Christiane Meixner: Herr Dziewior, kann man über Kunst urteilen?  

YILMAZ DZIEWIOR: Ich glaube, man kann. So wie man permanent Urteile fällt seit der Kindheit. In der Kunst macht das jeder. Ich tue das auch, bin mir für mich aber meiner subjektiven Position bewusst. Und darüber, dass sich Urteile ändern können.  

Was geschieht dann?  

Ich merke, dass eine Position oder ein Werk, das ich einmal sehr geschätzt habe, mit der Zeit oder im Kontext des übrigen entstandenen Werks für mich nicht mehr dieselbe Relevanz besitzt. Umgekehrt mache ich die Erfahrung, dass sich eine Arbeit, die anfangs mit einem eher negativen Urteil besetzt ist, über die Zeit und die Auseinandersetzung wendet. Dass man sie dann positiv bewertet oder sogar besonders schätzt, weil sie einen nicht mehr losgelassen hat.  

Entwickelt man darüber neue Kriterien?  

Das ist ja schon ein Schritt weiter. Ich würde erst einmal festzulegen versuchen, nach welchen Kriterien ich überhaupt Urteile fälle. Das sind, denke ich, eine ganze Reihe. Ich bin mir bewusst, dass es so etwas wie eine Tageskondition gibt. Aber ich glaube auch, dass die Kriterien nicht nebulös oder zufällig sind, sondern viel mit der eigenen Person zu tun haben. Wie man aufgewachsen ist und sozialisiert wurde. Welche Fragestellungen einen beschäftigen. Das sind Kriterien, die man sich über die Zeit aneignet.  

Ist das die unveränderliche Basis?  

Kriterien können sich ändern, wie man sich als Mensch in andere Richtungen entwickelt. Und natürlich durch Wissensaneignung. Das ist ein entscheidendes Kriterium: Je mehr ich gesehen und gelesen habe, desto besser kann ich das Einzelne einordnen und Kriterien entwickeln. Theoretische Konzepte im Allgemeinen spielen eine große Rolle, nicht zuletzt als Abgrenzungsmechanismus. Wenn etwas zeitbedingt heftig diskutiert wird, tritt häufig auch der Reflex ein, dass man sich davon distanziert. So wie aktuell die Diskussion um die Post Internet Generation, in der immer ein ironischer Unterton mitschwingt: Ach, die also. Das ist letztlich auch eine theoretische Diskussion, die diese Positionen definiert und einzukreisen versucht. Im Positiven bekommt diese vermeintliche Generation oder Formierung dadurch Aufmerksamkeit. Andererseits sagt man damit: Okay, das haben wir jetzt verstanden, weil man Sachen abhaken und zum nächsten will. Eine theoretische oder kunsttheoretische Diskussion bringt immer beide widerstrebenden Mechanismen in Stellung. Dann kommt die eigene Sozialisierung ins Spiel.  

Welche Sozialisierung haben Sie durchlaufen?  

Die sogenannte Kontextkunst, die ich eher kontextreflexiv nennen würde, hat meine Auseinandersetzung mit der zeitgenössischen Kunst schon sehr geprägt. Diskussionen ebenso wie das Magazin „Texte zur Kunst“, das den Diskurs seit Anfang der neunziger Jahre mitbestimmt hat. Ich hoffe allerdings, dass ich gleichzeitig die nötige Distanz habe, um mich nicht von einer Theoriebildung vereinnahmen zu lassen. Das wäre mein eigener Anspruch an mich.  

Wie wichtig ist das Urteil anderer?  

Sehr wichtig. Vor allem das von Autoren, deren Texte man schätzt. Das ist ja ein bekanntes Phänomen, dass Kontextualisierung in einem meinungsbildenden Diskurs sehr stark wirkt. Wenn ich sehe, dass ein bestimmter Autor über einen Künstler geschrieben hat, den ich noch nicht kenne, aber grundsätzlich die Texte oder Künstler schätze, mit denen dieser Autor sich beschäftigt, dann schaue ich mit einem anderen Blick darauf.  

Als Direktor eines Museums wirken Sie ebenfalls auf andere ein: auf Besucher, Kritiker, Kuratoren. Wie gehen Sie damit um?  

Das größte kulturelle Kapital, über das meine Kollegen und ich verfügen, ist Glaubwürdigkeit. Ich denke nicht, dass ich als Einzelperson einen großen Einfluss habe, aber ich bin mir bewusst, dass wir durch die Positionen, die wir besetzen, viel in die Waagschale werfen. Jeder einzelne von uns steht für alles, was er oder sie mitbringt – etwa welche Künstler wir über die Jahre verfolgt und mit Ausstellungen begleitet haben. Da positioniert man sich dann doch deutlich. Ich glaube an den Einfluss der Kunstkritik, auch wenn das immer wieder hinterfragt wird. Das gleiche gilt meiner Ansicht nach für Kunstvermittler, also für Kuratoren und Direktoren von Institutionen. Hier kommt ins Spiel, dass man sich stärker von Eigeninteressen wie beispielsweise bei einer ökonomisch orientierten Galerie lösen kann – auch wenn wir wissen, dass es vollkommene Objektivität nicht gibt. Trotzdem unterstellt man Museumsleuten eine größere Interesselosigkeit als jemandem aus dem ökonomischen Sektor, der im Kunstmarkt agiert.  

Können Sie die Kriterien benennen, nach denen Sie Kunst auswählen und ausstellen?  

So eindeutig kann ich die Frage nicht beantworten. Das empfinde ich auch als positiv, weil eine klare Antwort auf ein bestimmtes Muster hinausliefe – was ich uninteressant fände. Ich bin ja gerade in diesem Bereich tätig, weil hier mehr Unwägbarkeiten ins Spiel kommen als in Bereichen mit klaren Kriterienkatalogen. Ich kann nur subjektiv benennen, was mir momentan wichtig ist. Eine einfache Erläuterung wäre, dass ich mich rückblickend häufig für Künstler interessiere, die den Kunstkontext bewusst reflektieren, analysieren und sich in ein Verhältnis dazu setzen. Oft über eine Analyse des Systems, in dem sie sich selbst bewegen.  

Wer steht beispielhaft dafür?  

Unter anderem Andrea Fraser, Louise Lawler, Hans Haacke oder Cildo Meireles – eine ganze Reihe von Institutionen reflektierenden Künstlern also. Wenn ich aber schaue, wer mich noch interessiert, dann ist das Michael Krebber. Da würde man erst einmal hinterfragen, wie sich diese Checkliste, die ich eben aufgestellt habe, auf ihn übertragen lässt. Ein anderes Moment ist, ebenfalls sehr vereinfacht, ein interdisziplinärer Ansatz. Das dritte sind Positionen, die sich mit kultureller Identität auseinandersetzen. Es gibt aber keinen Automatismus. Wenn ein Künstler diese Kriterien erfüllt, würde ich sagen, dass mein Interesse erst einmal größer ist. Wenn es aber zu nichts führt und nicht den Mehrwert hat, den ich nur in der Kunst finde, dann interessiert es mich auch nicht.  

Geht es Ihnen auch darum, das Urteil der Ausstellungsbesucher zu schärfen?  

Das kann ich so eindeutig nicht mit ja beantworten. Ich glaube nicht, dass ich einen missionarischen Impetus habe. Ich würde mich schon freuen, wenn die Themen, mit denen man sich beschäftigt, auch das Publikum unterhalten. Sie unterhalten mich nicht nur mit einer formalen Ästhetik und haben nicht nur visuellen Einfluss auf mich, sondern auch intellektuell und kognitiv. Ich kann hoffen, dass das bei anderen auch so ist, aber ich habe keine bestimmte Botschaft.  

Gerade Künstler wie Andrea Fraser oder Hans Haacke versuchen doch, Strukturen offen zu legen und zu sensibilisieren...  

Dem stimme ich zu, aber ich glaube, meine Verhaltenheit diesem Anspruch gegenüber resultiert daraus, dass es nicht der alleinige Grund für die Kunst von Andrea Fraser ist. Es dreht sich auch um diese Schärfung, weil sie das umtreibt. Das Interessante an ihr ist jedoch, dass es nie dabei endet, sondern dass so viele andere Faktoren mit hineinspielen: Humor und Unterhaltung zum Beispiel, die dann auch in meiner Praxis ein Teil der Arbeit sind. Ich fände es auch vermessen, zu sagen: Ja, ich möchte, dass das Publikum wacher durchs Leben geht, nachdem es die Ausstellung gesehen hat.  

Autor
Christiane Meixner

* 1966, Köln, Deutschland

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Wichtige Personen in diesem Artikel
Yilmaz Dziewior

* 1964, Bonn, Deutschland

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