Band 235, 2015, Titel: Kunsturteil, S. 114

Isabella Czarnowska, Galeristin

Isabella Czarnowska ist seit nahezu 30 Jahren als Galeristin tätig. Stationen ihrer Galerien waren Stuttgart, Köln und Berlin.
Zu den von ihr vertretenen Künstlern zählen u.a. Luc Tuymans, Alina Szapocznikow und Markus Döbeli.  

Christiane Meixner: Frau Czarnowska, Sie haben Ihre Galerie 1986 in Stuttgart gegründet und sind drei Jahre später nach Köln umgezogen. Wie hat das Ihr Programm verändert?  

ISABELLA CZARNOWSKA: Bereits in Stuttgart habe ich umfangreiche monografische Ausstellungen von Allan McCollum, Richard Prince, Louise Lawler und Barbara Bloom gezeigt. Und mit diesem Blick in die USA auf sich dort formierende Positionen bin ich nach Köln gegangen. Um dort wieder Lawler und McCollum auszustellen, diesmal mit ihren europäischen Vorgängern wie Daniel Buren und Marcel Broodthaers. 1991 hatte der polnische Bildhauer Miroslaw Balka eine große Ausstellung in der Galerie, die meisten der gezeigten Arbeiten befinden sich heute in der Sammlung der Tate Modern in London.  

Weshalb haben Sie damals gerade ihn ausgewählt?  

Es ist eine interessante Mischung, worauf wir unseren Blick richten. Wie Bezüge zu Kunst und Künstlern entstehen, dafür gibt es, glaube ich, keine Gebrauchsanweisung. Das ist etwas zutiefst Subjektives. So war mir damals klar, dass sich in New York etwas formiert – später wurde es Picture Generation genannt –, das noch nicht genug ausgestellt worden war. Weder dort noch in Deutschland. Wodurch ich es kannte, ist ein anderes Thema. Ich baute mir mein Wissen langsam und vermutlich sehr intuitiv auf. Intuition spielt eine große Rolle.  

Mit Miroslaw Balka verband mich eine Freundschaft bereits in unserer Gymnasialzeit in Otwock in Polen. Später wurde er Künstler und ich Kunsthistorikerin und Galeristin. Ich glaubte immer sehr genau zu wissen, wovon seine Kunst handelt.  

Sie haben auch Franz West oder Heimo Zobernig ausgestellt. Erst die Picture Generation, dann österreichische Konzeptkunst. Was ist Ihr roter Faden?  

Das wirkt sicherlich erst einmal disparat und wirft die Frage auf, wie ich Kunst beurteile, die ich ausstellen möchte. Ich habe mich immer für Künstler interessiert. Es ist natürlich auch möglich, die Arbeit eines Künstlers ohne die Person zu betrachten. Aber für mich spielten die Künstler immer eine zentrale Rolle. Ich gehe gerne mit ihnen um. Dass man das Werk und die Person des Künstlers in Verbindung bringt, passiert ohnehin früher oder später. Ob das eine aber das andere erklärt, ist eines der großen Geheimnisse der Kunst.  

Es gibt also auch nach fast 30 Jahren Galerietätigkeit keinen Kriterienkatalog?  

Nein, und einen solchen Katalog halte ich auch für sehr fragwürdig. Ich selbst ideologisiere nicht, und es gibt keine Maxime. So möchte ich nicht tätig sein, sondern viel offener und zufälliger. Ich hatte immer das Gefühl, dass die Kunst zu mir kommt und aktiv mit mir etwas tut. Darauf habe ich reagiert und das ist – wenn es überhaupt eines gibt – mein Kriterium. Wie sich mir etwas zeigt oder wie ein Bild oder eine Skulptur nicht aus dem Gedächtnis verschwinden, wenn ich sie einmal gesehen habe.  

Dafür muss es aber doch Parameter geben.  

Das ist insofern schwer zu beantworten, weil wir, wenn wir mit Kunst umgehen, auch mit Wissen umgehen. Kunst ist ein Ausdruck von etwas, und die Frage, ob es einem möglich ist, das zu erkennen, bedarf, glaube ich, enormer Voraussetzungen. Aber sehen Sie mir bitte nach, dass ich nicht sagen kann, welche das sind. Bildungsbürgertum ist es gewiss nicht, denn das garantiert weder freien Umgang mit Kunst noch Erkenntnisfähigkeit. Allerdings bin ich davon überzeugt, dass man sich bilden muss, um mit Kunst umzugehen.  

Hat sich ihr eigenes Urteil über die Zeit verändert?  

Nicht bei einem einzigen Künstler, den ich gezeigt habe. Allerdings ist die treibende Kraft einer Galerie sozusagen die Reaktion auf die Gegenwart und damit auf das Unabgesicherte. Was ist das, was in einem Raum zu sehen ist und wofür es noch keine intellektuelle Absicherung gibt? Das hat mich immer interessiert. Es ist wie ein Wettlauf mit dem Zeitgeist und den Strömungen, hat aber auch etwas Spielerisches.  

Die Reaktionen darauf sind ja auch Beurteilungen. Wie beeinflusst das Ihre eigene Meinung zu den Werken, die Sie ausstellen?  

Kritik gibt es in diesem Metier immer. Die kritische Auseinandersetzung ist Teil der Tätigkeit von Künstlern und Galeristen. Kritik wird jedoch sehr häufig in diesem Metier mit narzisstischer Abfuhr verwechselt. Die Fähigkeit zur Kritik ist jedoch etwas ganz anderes und zutiefst literarisches.  

Der Verkauf von Kunst wird doch früher oder später für eine Galerie auch zur existenziellen Frage.  

Das beeinflusst meinen Bezug zu den Künstlern keineswegs. Die Arbeit eines Galeristen hat sehr viel mit Nachhaltigkeit, mit Wiederholung zu tun. Wenn nichts verkauft wird, heißt das überhaupt nicht, dass man falsch liegt. Die meisten Galerien, die ich kenne, funktionieren vermutlich nach demselben Prinzip: Zu einer Zeit ist etwas gut verkäuflich, das andere aber nicht. Und von dem, was sich gerade gut verkauft, wird der Rest getragen.  

Dann urteilen die Käufer?  

Es liegt in der Natur der Sache. Gleichzeitig wird in der Öffentlichkeit unendlich überbewertet, was ein Sammler und was eine Sammlung ist. Dabei qualifiziert einen die Lust, sich mit Kunst zu umgeben, nicht als Sammler. Eine Sammlung ist etwas Definiertes. Das andere ist eine Art von Lust in der bürgerlichen Kultur, sich Bilder an die Wand zu hängen und Skulpturen in den Raum zu stellen. Der Begriff ist komplett überstrapaziert.  

Ist ein ästhetisches Urteil kein Mittel der Annäherung? Geschmack spielt doch auch eine Rolle.  

Urteil ist in der Sprache der Philosophie ja immer schon Erkenntnis. Ich möchte jetzt nicht philosophische Termini bemühen, aber wenn sich Urteil zum Geschmacksurteil verengt, fühle ich mich sofort genötigt, Marcel Duchamp zu zitieren: „Geschmack ist ein Produkt der Langeweile.“ Geschmack heißt vereinzelte Betrachtung und scheint ein ästhetisches Urteil zu sein, wogegen Ästhetik ein Bestandteil von Kunst ist, aber nicht der einzige Faktor. Vieles andere bleibt ausgeklammert. Wenn ich mich zum Beispiel mit Luc Tuymans beschäftige, beschäftige ich mich mit der Tradition der flämischen Malerei seit Jan van Eyck. Andernfalls kann ich faszinierend finden, was ich da sehe, aber ich kann es niemals vertiefen, und es erschließt sich mir nicht.  

Wenn Ihnen das Geschmacksurteil zu subjektiv ist, was lässt Sie dann als Galeristin die eine Kunst ausstellen und andere nicht?  

Eine interessante Frage ist doch, inwiefern das eine, das ausgestellt ist, auch das andere repräsentiert. Ich würde sagen, dass mich die Protagonisten interessieren und nicht die Epigonen. Das ist ein knallhartes Kriterium. Geschmack als Phänomen hat mich nie interessiert. Geschmack als ästhetisches Urteil ist – auch wenn ich mich wiederhole – ein Produkt der Langeweile. Es kann sehr schön sein, sich irgendwelchen Oberflächenstrukturen zu nähern, aber es reicht nicht aus, um mit Kunst umzugehen. Ob es jemandem gefällt oder ihn interessiert, ist ein Unterschied. Ich höre selten jemanden sagen: Oh, das ist interessant! Da kann ich einsteigen. Bei der Aussage „gefällt mir“ ist das Thema vorbei.  

Autor
Christiane Meixner

* 1966, Köln, Deutschland

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Isabella Czarnowska

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Weitere Personen
Marcel Duchamp

* 1887, Blainville-Crevon, Frankreich; † 1968 in Neuilly-sur-Seine, Frankreich

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Jan van Eyck

* 1390, Maaseik, Belgien; † 1441 in Brügge, Belgien

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Luc Tuymans

* 1958, Mortsel, Belgien

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Franz West

* 1947, Wien, Österreich

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Heimo Zobernig

* 1958, Mauthen, Österreich

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