Band 235, 2015, Titel: Kunsturteil, S. 28

Kunsturteil

Herausgegeben von Roland Schappert

Urteile über Kunst fällt fast jeder, der mit Kunst in Berührung kommt. Nicht nur Kritiker, Kuratoren, Sammler und Künstler, sondern auch Laien und Kulturbanausen. Einer begründeten Bewertung von Kunst, unter Angabe von eigenen Fragestellungen, Interessen oder Kriterien, kann man ausweichen, was auch oft genug der Kunstkritik vorgeworfen wird. Dem Kunsturteil lässt sich dagegen kaum entkommen, solange man nicht schweigt und jeder selbstbestimmten Betrachtung aus dem Weg geht.  

Im Essay KUNSTURTEIL verfolgt der Herausgeber Spuren auf der Suche nach Kriterien zwischen Erkenntnis und Pragmatismus im Kunstbetrieb. Der promovierte Jurist, Kunstsammler und Kunsttheoretiker Konrad Fiedler (1841–1895) trennte das subjektive, ästhetische Urteil von einem erkenntnisorientierten Kunsturteil – und lässt uns im Gefolge zumindest versuchsweise Argumente sammeln für eine Wiedererlangung „innerer Überzeugungen“ und die Einsicht, dass ein „dauernder intimer Verkehr mit den Kunstwerken“ als Alternative zur außengerichteten Bewertung taugt. Nicht das Schöne, sondern die Erkenntnis und die Suche nach Wahrheit in der Darstellung waren Fiedlers Ziel der Kunst. Ein subjektives ästhetisches Urteil war hier nicht gefragt, der Geschmack sollte außen vor bleiben.  

Wer über „Erkenntnis“ oder „Wahrheit“ in Bezug auf einzelne Kunstwerke nachdenken möchte, muss individuelle Urteile treffen. Wer ein Kunstwerk bloß erfahren oder kaufen möchte, urteilt auch. Nach welchen Kriterien wählt man aber heutzutage die Werke aus, die man weitergehend erfahren möchte oder deren Anschauung und Erkenntnismöglichkeiten vielleicht auch von persönlichem Interesse sein könnten?  

KURZ NACHGEFRAGT ist ein neues Format, welches mit einer These und knappen Fragestellungen pointierte Statements von Akteuren des Kunstbetriebs wie Sammlern, Kuratoren oder Kritikern herausfordert.  

JÖRG SCHELLER geht vom Künstler und Kritiker der Moderne aus, die beide eine transzendentale Position zur Gesellschaft einnahmen, „empirisch in diese verstrickt und sich doch von ihr abgrenzend, sie überschreitend.“ Fatal fände Scheller, „wenn der dem Individuum in der Moderne angetragene kritische Imperativ, der ohne die Möglichkeit zur Distanzierung hinfällig ist, einer umfassenden embeddedness weichen würde“ und stellt im aufkommenden Zeitalter des Dividuellen die Frage: „Verwandelt sich das im Grunde autoritär gefärbte Kunsturteil tatsächlich in ein demokratischeres, ausgewogeneres Kunstnurteil?“  

ANNETTE TIETENBERG skizziert die Geschichte der Kunstkritik in Hinblick auf rezeptionsästhetische Betrachtungsweisen und verzeichnet den Wandel von der Funktion des idealen Betrachters hin zum Ausstellungsraum als Laborsituation zur Selbstwahrnehmung der involvierten Zuschauer. „So ist für das per Mausklick auszusprechende Urteil ‚Gefällt mir’ oder ‚Gefällt mir nicht’ die Kenntnis von Kunst und Kunsttheorie nicht weiter relevant. Das Drücken des Buttons ist vielmehr das Ergebnis einer gelungenen Emotionsprogrammierung und ein Signal an die Community, distanzlos und voller Gefühl dabei gewesen zu sein.“  

ULLI SEEGERS widmet sich kritisch der Funktion und Bedeutung eines expandierten Kunstmarktes: „Grenzenlos wäre vermutlich nur die Marktmacht, würden wir aufhören uns Urteile über die Kunst zu bilden. Wir benötigen vielmehr Kriterien und Regeln für einen völlig deregulierten Markt, der nur noch die eigenen Marktgesetze als Realität anerkennt und ästhetische und ethische Werte aushöhlt.“ Sie analysiert die Situation einer affirmativ-dekorativen Kunstmarkt-Kunst „eines sich in unerträglicher Leichtigkeit selbst bespiegelnden Kunstmarktes (...), in dem es längst nicht mehr um Kunst geht, sondern um Luxusgüter, die das Zeug zum Prestigeobjekt haben“.  

DIRK BOLL ist der Meinung, dass heutzutage „der Marktwert von Kunst als ein Faktor im Kanonisierungsprozess allgemein anerkannt“ wird, und gelangt zu der Überzeugung: „Die umfassende Transparenz, die mit dem Internet ins Marktgeschehen Einzug gehalten hat, verschafft dieser Entwicklung eine geradezu basisdemokratische Grundlage und macht ihr Auftreten zudem dauerhaft.“ Er beschäftigt sich mit Kriterien zur Werterfassung von Kunstwerken und dem Zusammenhang von Marktpreis und Kunsturteil im gesellschaftlichen Wandel.  

LUDWIG SEYFARTH vertritt die provokante These: „Das (Neo-)Konzeptuelle ist der International Style unserer Zeit, mittlerweile genauso akademisch wie vor fünfzig Jahren das modernistische Bauen.“ Während in der Regel Geschmacksurteile das Konzeptuelle klassifizieren und positiv bewerten, sei das, was „heute als Konzeptkunst bezeichnet wird (...) eben oft eine Art ‚Referenzkunst’, die sich weniger konzeptueller Vorgehensweisen als konzeptueller Formen bedient und diese clever ‚recycelt’.“  

CHRISTIANE MEIXNER und RAIMAR STANGE führten insgesamt siebzehn Interviews mit unterschiedlichsten Protagonisten der zeitgenössischen Kunstwelt und stellten substantielle Fragen zur persönlichen Auseinandersetzung und Beurteilung von Kunst sowie nach Kriterien.  

WOLFGANG ULLRICH sieht das für die Moderne typische Kunsturteil in den Hintergrund getreten. Denn mittlerweile seien „Sammler, Kuratoren und Vermittler (...) an die Stelle von Kunstschriftstellern, Kunstwissenschaftlern und Kunstkritikern getreten“. Das Geld der Sammler als stiller Urteilsersatz und Demonstrationsmittel von Reichtum sowie die „atmosphärisch-praktische Nachempfindung“ zeitgenössischer Kunst stellen allgemeine Erfahrungsweisen dar, nachdem die Selbstbehauptungsversuche aufgegeben wurden, sich die Kunst, die anderen gehört, zumindest intellektuell anzueignen.  

THOMAS BECKER beschäftigt sich in seiner philosophisch-ästhetischen Untersuchung sowie unter soziologischen Gesichtspunkten mit der Codierung durch Geschmackswahl seit der Konzeptkunst als „nicht-diskursives Statement einer Unterscheidungskraft“. „Als Follower bestätigt man einen bestimmten Geschmack und zielt mit dem Ansammeln von Followern des eigenen Geschmacks auf die Legitimation seiner Subjektivität.“  

EMMANUEL MIR beschreibt den Vorgang der „Artification“ als „Definitions- und Statustransformationen eines Artefakts oder einer kulturellen Praxis von der populären/naiven/profanen Phase bis zum Erreichen der höheren Weihen einer kulturellen Bestätigung“. Er bezieht sich hierbei u. a. auf gegenwärtige Entwicklungen der Protestbewegungen und Urban Art.  

Das subjektive GESCHMACKSURTEIL als Resultat eines formalen Geschmacksempfindens lässt im Sinne Immanuel Kants keine historischen Entwicklungen und Veränderungen zu und tut sich prinzipiell schwer mit dem Erfassen des Neuen und mit einem vergeblichen Vergleichen auch des Unvergleichbaren. Trotzdem hat der Begriff seit dem 18. Jahrhundert eine eigenartige Karriere gemacht, die ein wenig näher zu beleuchten lohnt.  

JOACHIM ODY verfolgt die Geschichte der elektronischen Musik zwischen Clubkultur und avantgardistischem Klangexperiment in der Tradition der Neuen Musik. Er stellt die Frage, inwieweit Innovation und Ausdifferenzierung, Radikalität und Publikumsgeschmack Kriterien der Beurteilung sein können.  

Autor
Roland Schappert

* 1965, Köln, Deutschland

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