Band 233, 2015, 56. Biennale Venedig – All the World's Futures: Kollateral Events, S. 586

MY EAST IS YOUR WEST

Shilpa Gupta / Rashid Rana

Kommissar: The Gujral Foundation

Ort: Palazzo Benzon, San Marco 3917

Laufzeit: bis 1.10.2015

Über zwanzig Millionen Menschen wurden 1947 nach der Teilung des vormaligen Britisch-Indien umgesiedelt, deportiert oder vertrieben. Millionen Muslime wurden vom heutigen Indien in den neu gegründeten Staat Pakistan gebracht, in umgekehrte Richtung waren Hindus und Sikhs unterwegs. Seit damals bestehen auf politischer und gesellschaftlicher Ebene Spannungen zwischen beiden Staaten. Bis heute kämpfen beide Nationen um die Grenzregion Kaschmir. Ein damals „Ostpakistan“ bezeichneter Teil im Osten Indiens erlangte 1971 unter dem Namen Bangladesch seine Unabhängigkeit. Das kleine Land ist geographisch fast gänzlich von Indien umschlossen, mehr als 200 Enklaven führen zu vielen Konflikten.  

Vor diesem geopolitischen Hintergrund findet heuer in Venedig eine der kollateralen Ausstellungen statt: „My East is your west“. Es ist ein Gemeinschaftsprojekt, in dem die indische Künstlerin Shilpa Gupta (1976, Indien) mit dem pakistanischen Künstler Rashid Rana (1968, Pakistan) ausstellt. Weder Pakistan noch Indien sind in Venedig mit Länderpavillons vertreten, ein staatliches Interesse an bildender Kunst existiert dort bisher nicht. Organisiert und finanziert ist die Ausstellung von der Gujral Foundation. Die Stiftung wurde 2008 von Feroze und Mohit Gujral gegründet. Der Ausstellungstitel entstammt einem früheren Werk von Shilpa Gupta, in Venedig bezeichnet es den Wunsch, die gemeinsame Kultur dieser Region zu betonen. Guptas Projekt für den Palazzo Benzon thematisiert mit zahlreichen Fotoarbeiten, Videos und Zeichnungen die Grenze zwischen Indien und Bangladesch. Seit vier Jahren arbeitet sie zu diesem Thema, zeigte auch auf der letzten Berlin Biennale 2014 einige Werke und hat für Venedig die neue Installation „998.9“ entwickelt. Über 3400 Kilometer lang ist der Grenzzaun rund um Bangladesch – ebenso lang ist auch die handgefertigte, weiße Stoffbahn, die in Venedig mitten im Raum liegt. Daneben steht ein kleiner Tisch, an dem ein junger Mann mit Pauspapier Linien auf den Stoff aufträgt – eine poetisch erscheinende Vereinnahmung der Grenze? „It´s about movement within the borderlands which is not restricted by the fence - both nature and people move freely,“ erklärt Gupta dazu.  

Rashid Rana bringt in seinem Beitrag Venedig und Lahore zusammen: Ein Raum des Palastes ist identisch in Lahore aufgebaut, ein Livestream-Videoübertragung ermöglicht Begegnungen in Echtzeit. Die Besucher würden so „a meditation on the liquidation of time and space“ erleben, die die vorgefassten Vorstellungen von fixen Koordinaten herausfordern, erklärte er zu seinem Projekt. Dazu zeigt Rana eine Transformation von Caravaggios berühmtem Bild „Judith und Holofernes“ (1598/99): Die Szene der Enthauptung des assyrischen Feldherrn durch die schöne Judith ist in eine riesige Videoleinwand übersetzt, die aus Hunderten von winzigen Monitoren besteht. Die Bilder stammen aus Nachrichtensendungen und Actionfilmen. Grenzen seien weitaus durchlässiger als wir meinen, kommentiert Rana sein Werk. Zwischen den Werken der beiden Künstler kommt zwar kein Dialog zustande, aber der Schritt eines gemeinsamen Auftritts ist trotzdem von hoher symbolischer Bedeutung. SBV  

www.gujralfoundation.org  

Autor
Sabine B. Vogel

* 1961, Essen, Deutschland

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Wichtige Personen in diesem Artikel
Shilpa Gupta

* 1976, Mumbai, Indien

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Rashid Rana

* 1968, Lahore, Pakistan

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