Band 232, 2015, Ausstellungen: Wien, S. 276

Daniela Gregori

Landscape in my Mind

»Landschaftsfotografie heute. Von Hamish Fulton bis Andreas Gursky«

Kunstforum Wien, 11.2. – 26.4.2015

„No walk, no work“, Hamish Fultons Fotografien sind ohne ausgedehnte Wanderungen nicht denkbar. Das Abschreiten des Weges ist per se die Kunst, die Fotografie samt Text verstehen sich als dokumentarische Relikte der Reise. Entsprechend sieht sich Fulton mitnichten als klassischer Landschaftsfotograf. Klassische Landschaftsfotografie, was wäre das überhaupt? Das Kunstforum Wien geht mit der Ausstellung „Landscape in my Mind“ anhand von 17 Positionen eben jener Frage nach und folgt dabei den unterschiedlichsten Wegen zwischen dem schieren Abbild eines realen Terrains, dessen Manipulation und der reinen Konstruktion am Bildschirm. Es sind damit zudem mediale Fragestellungen, die hier vornehmlich auf großformatigen Tableaus thematisiert werden. Der Parcours der Schau allerdings ist nach einer motivischen Ordnung angelegt.  

Man begibt sich auf Expeditionen ins ewige Eis, durch Steinwüsten und in bebaute Gebiete, auf Berggipfel und hohe See, an Ufer und sonstige Zonen eines Überganges, durch Wald und über Wiesen, bist ins Dickicht des Dschungels, an anonyme Orte der Imagination und solche eines kollektiven Gedächtnisses. So sind beispielsweise zwei Arbeiten an spektakulären Drehorten von 007- Filmen entstanden. Andreas Gursky wählt, mit dem Werkblock James Bond Island, just den Blick auf jene Inselgruppe Khao Phing Kan, die der Mann mit dem goldenen Colt als Wohnsitz gewählt hat. Das pittoreske Inselgefüge wird durch digitale Bearbeitung bis hin ins Unwirkliche übersteigert, zwischen dem Grau des Meeres und jenem des Himmels ist die Horizontlinie in dieser Weltlandschaft kaum auszumachen. Es könnte sich ebenso gut um ein Nebelmeer handeln, aus denen sich einzelne Berggipfel erheben, würden da nicht vereinzelt Sandstrände von einer nahezu gleißenden Helligkeit hervorleuchten.  

Anders als Gursky, der bereits seit den frühen 1990-Jahren mit digitalen Retuschen arbeitet, verzichtet Axel Hütte, ebenfalls Vertreter der Düsseldorfer Fotoschule, gänzlich auf die nachträgliche Bearbeitung. Dennoch wirken sie bisweilen nicht minder artifiziell. Landschaften, Orte werden weniger in Hinblick auf einen dokumentatischen Charakter ins Bild gesetzt denn aus rezeptionsästhetischen Erwägungen. Hütte rekurriert vielmehr auf Seheindrücke und Bildstrukturen, die aus der Geschichte der Landschaftsmalerei vertraut sind. Zu einer nahezu abstrakten Komposition gerät hier Furka II, jene Passstraße, auf der Agent 007 Goldfinger folgt. Doch am Rande des Abgrunds blickt man nicht in die schwindelerregende Tiefe, sondern in diffuse Nebelschwaden. Ein ähnlicher Ansatz, der ebenso Thomas Struth in seinen Städtebildern eigen ist. Bereits beim Studium der Malerei bei Gerhard Richter interessierte ihm weniger der Vorgang des Malens als die Konstruktion eines Bildes oder die Verbreitung eines Themas, wie er in Interviews betont hat.. Und ob nun Düsseldorf, Paris, Lima, Shanghai oder Seoul, folgen diese Aufnahmen stets den selben Regeln, sie sind stets in der Zentralperspektive aufgenommen, stets weitestgehend menschenleer, sie zeigen lokale Eigenheiten, jedoch keinen Alltag. Sie sind, und das ist für das gesamte Oeuvre Struths symptomatisch, ohne jegliches Sentiment, ohne Übertreibung, fern jeglicher Theatralik und gänzlich ohne kritische Seitenblicke. Die Atmosphäre dieser Örtlichkeiten, hat Struth einmal erwähnt, wäre das Auswahlkriterium, wieso er auf eben jenen bestimmten Ort reagiere, ist eine Frage, die jedes Mal beantwortet werden muss.  

Er benutze „Fotografie als bilderzeugendes Mittel“, wird Jörg Sasse in der begleitenden Publikation zitiert und man könnte dies als zentrale Idee der von Florian Steininger kuratierten Ausstellung verstehen. Auch Sasse perfektioniert seit gut zwei Jahrzehnten das Erstellen seiner Werke am Computer. Ausgangspunkt seiner Arbeiten sind Amateurfotografien, die vorerst ohne Idee einer konkreten Lösung zu höchst artifiziellen Landschaften komponiert werden und er kokettiert hierbei vielfach mit den Klischeevorstellungen von Landschaftsfotografie. So schleppt die alte Dampflok eine Ladung Panzer durch das Gebirge, in einer in Farbstreifen angelegten Uferlandschaft bleibt das Auge an einer Gruppe pinker Flamingos hängen und überwältigt gleitet der Blick über eine Gipfellandschaft, die aus dem Nebelmeer aufzutauchen scheint. Auch der Düsseldorfer Kollege Thomas Ruff hat im letzten Jahrzehnt seine Kamera nicht mehr benutzt. Er nutzt ausschließlich Material, das er im Netz findet und weiter verarbeitet. Es lässt durchaus auch keinen Zweifel daran, denn den Mars zum Beispiel hat bislang noch niemand betreten und die Bilder wurden von der NASA in hoher Auflösung ins Netzgestellt. Copyright gilt für die Gerätschaften, die jene Kraterlandschaften aufgenommen und zur Erde geschickt haben, nicht.  

Die enorme Bandbreite des in der zeitgenössischen Landschaftsfotografie lassen sich womöglich anhand der beiden österreichischen Künstlerinnen Margherita Spiluttini und Julie Monaco beschreiben. Spiluttini interessiert sich, wie sie es nennt „für Tatsachen“ und hält unsentimental wie prägnant menschliche Eingriffe in der alpinen Landschaft fest. Diese Architekturen wirken in der Landschaft nie als Eindringlinge, in der Weite des Areals sind sie schlicht das, was sie sind: Teil der Landschaft, der Topografie, des Lebensraumes, Teil einer gestalteten Welt. Demgegenüber entstehen die in dunkelsten Schwarztönen gehaltenen, dramatischen Inszenierungen von Berg- und bewegen Wellenformationen ausschließlich anhand eines Computerprogrammes. Hyperreallistische, übersteigerte Hybride, verstörend wie wildromantisch.  

Als „Seelenarbeit“ bezeichnete der 2010 verstorbene Balthasar Burkhard sein Tun. Der Fotograf verzichtete auf Bildbearbeitung, wie auf das Beschneiden der Aufnahmen, selbst große Formate druckte er selbst und nach eigenen Angaben, hatte immer er zuerst eines Vorstellung des Bildes, bevor er sich auf die Reise machte um die Idee zu realisieren, meist entstand dabei nur eine einzige Aufnahme. Im großflächigen Allover von Flachbauten und Transportwegen von Los Angeles, erscheint das Zentrum der Stadt mit seinen Skyscrapern als kleines Eiland, ein distanzierter Blick nicht nur wegen der Perspektive aus der Luft.  

Ob nun der Künstler der Stimmung eines Naturereignis oder einem speziellen urbanen Prospekt hinterherreist oder den Vorstellungen eines bestimmten Bildaufbaues, ob die Werke die reale lokale Situation abbilden oder digital überarbeitet und verfremdet werden, aus vorhandenen Material montiert werden oder überhaupt nur am Bildschirm entstehen, erscheint beinahe einerlei angesichts der sorgsam inszenieren und konstruierten Bildwelten von „Landscape in my Mind“. Landschaft stiftet Identität und zeichnet als solche weniger das Bild einer externen Welt als jene Wahrnehmung, die sich durch den Rezepienten manifestiert, so die im Katalog zitierte These des schwedischen Kulturwissenschaftlers Orvar Löfgren. „Die wahre Landschaft ist im Kopf“, formuliert dieser und eben das trifft es absolut.  

Autor
Daniela Gregori

* 1969, Klagenfurt, Österreich

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Weitere Personen
Sonja Braas

* 1968, Siegen, Deutschland

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Balthasar Burkhard

* 1944, Bern, Schweiz

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Hamish Fulton

* 1946, London, Grossbritanien

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Andreas Gursky

* 1955, Leipzig, Deutschland

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Axel Hütte

* 1951, Essen, Deutschland

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Julie Monaco

* 1973, Wien, Österreich

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Jörg Sasse

* 1962, Bad Salzuflen, Deutschland

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Florian Steininger

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Thomas Struth

* 1954, Geldern, Deutschland

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