Band 231, 2015, Kunstforum-Gespräche, S. 334

Ai Weiwei & Die Monotoniserung der Wahrnehmung

Heinz-Norbert Jocks berichtet von einem Vorfall in Peking und spricht mit Bao Dong, einen der maßgeblichen Kuratoren und Autoren der neuen jungen Künstlergeneration

In den westlichen Medien so präsent wie kein anderer Künstler aus China. Überall Interviews und Reportagen. Filme werden über ihn gedreht, Bücher publiziert, beinah täglich empfängt er Besucher. Unter ihnen auch PR-bewusste Politiker wie die Grüne Margarete Bause, die deutlich machen will, dass sie auf der richtigen Seite steht, indem sie nicht nur mit Wirtschaftsführern und kommunistischen Funktionären, sondern auch mit „den Opfern von Chinas Unterdrückungsapparat“ trifft. Fürwahr Ai Weiwei ist ein genialer Kommunikationskünstler und ein sein alltägliches Leben auf Twitter zur Kunst erhebender, dort alles postender Aktivist. Bei uns im Westen herrscht ungebrochen Einigkeit darüber, dass Ai „der Megastar der internationalen Kunstszene“ und „der größte in China“ ist. Alles in allem eine sich von den Autoritäten nicht einschüchtern lassende, sich wehrende „Ikone des Kampfes für Meinungsfreiheit, Menschenwürde und das Recht des Einzelnen auf individuelle Selbstentfaltung“. Und auch wenn Werke chinesischer Künstler auf Auktionen schwindelerregende Höchstpreise erzielen, so gelingt es letztlich keinem, Ai diesen Rang streitig zu machen. Mit dem, was er tut, scheint er alles in den Schatten zu stellen, als gäbe es in ganz China so gut wie keine anderen, die nicht ihr schreiendes Unbehagen am System zum Ausdruck brächten und die nicht riskierten, dafür eingesperrt zu werden. In den Augen westlicher Medien ist er fast so etwas wie ein von der Zensur malträtierter Held ohne Reisepass, der, wenn er auch sein Land nicht verlassen darf, von seinem Studio in Caochangdi aus seine Ausstellungen überall auf der Welt realisiert und der im „Schutze der weltweiten Öffentlichkeit als einer der wenigen in China zumindest bis zu einem gewissen Grad offen sagen kann, was ihm nicht gefällt.“ So die hinlängliche Meinung. Doch merkwürdig: So gut wie keiner, der über ihn berichtet, stellt sich die Frage, wie denn in China über Ai Weiwei diskutiert, wie dort seine Werke, seine Position und seine Aktionen aufgenommen werden.  

Als er im vergangenen Jahr am 23. Mai, dem Tag der Eröffnung der Ausstellung „Hans van Dijk: 5000 Names“ im UCCA, Beijing (Ullens Center for Contemporary Art ), drei seiner Werke, obwohl er sie zuvor eigens für diese Schau ausgeliehen hatte, wieder heraustragen ließ, löste diese Aktion eine sich tagelang anhaltende Diskussion nicht nur in Beijings Kunstszene unter Künstlern, Kuratoren und Galeristen, sondern auch bei seinen Usern auf Twitter aus. Was war geschehen? Nachdem Ende April desgleichen Jahres sowohl der Name als auch Werke von Ai in Shanghai aus einer von Uli Sigg initiierten Ausstellung in der Power Station of Art noch zwanzig Minuten vor der offiziellen Eröffnung entfernt worden waren und nachdem ihm zwei Monate vor seiner Inhaftierung am 3.April 2011, übrigens genau an dem Tag, da Guy Ullens einen Teil seiner Sammlung in Hongkong versteigern ließ, seine Einzelausstellung im UCCA abgesagt worden war, kam es, dass auf der per Email verschickten Pressemitteilung für die UCCA-Ausstellung zu Hans van Dijk der Name von Ai fehlte. Darin sieht dieser kein Versehen, sondern einen klaren Fall von Selbstzensur, den er Phil Tinari, dem Direktor des UCCA vorwirft. Der Katalog zur Ausstellung, von der Kuratorin Marianne Brouwer als profunde Bestandsaufnahme des Lebenswerks und von daher als Hommage an Hans van Dijk als Forscher, Möbeldesigner, Kurator, Händler, Pionier und Autor eines Lexikons zur chinesischen Gegenwartskunst angelegt, verweist hingegen namentlich auf Ai als engen Partner des Holländers. Gemeinsam hatten die Beiden dank der finanziellen Unterstützung des Sammlers Frank Uytterhaegen 1997 in Beijing den „China Art Archives and Warehouse“, einen bedeutenden experimentellen Ausstellungsraum für zeitgenössische chinesische Kunst, kurz CAAW ins Leben gerufen. Bis zu seinem Tod 2002 war van Dijk, der bereits 1986 nach China kam, um an der Universität in Nanjing Chinesisch zu studieren. eine Schlüsselfigur der zeitgenössischen Kunst.  

Da Ai Weiwei an der Gründung des CAAF maßgeblich beteiligt war, ging er mit seiner Kritik am UCCA einen Schritt weiter und warf ihm Geschichtsfälschung vor. Aus Protest zog er seine Werke ab. Doch dabei beließ er es nicht. Zwei Tage später stellte er Phil Tinari und die Kuratorin Marianne Brouwer mit vorgehaltener Kamera zur Rede, ohne eine Filmerlaubnis einzuholen. Darüber hinaus führte er Gespräche mit einigen, an der Ausstellung beteiligten Künstlern. Er wollte wissen, wie sie zu den Vorfällen stehen, und bat um ihre Solidarität. Doch nur zwei nahmen ihre Werke aus der Ausstellung. In einem öffentlichen Brief, den der 1986 geborene Künstler Yan Xing im Internet veröffentlichte, ohne selbst in der Schau involviert zu sein, verurteilte dieser ungewöhnlich scharf die Reaktion von Ai als „Marketingplan in Richtung Westen“ und als eine medienwirksame, von „Egoismus“ geleitete Aktion, die der jüngeren Generation mehr schade als nütze. Darüber hinaus prangerte er die Erwartungen des Westens an, der „keinen Künstler aus China“, sondern jemanden brauche, „der gegen China opponiert.“ Selten wurdenso krasse Töne laut. Man kann sie als zu donnerschlagartig abwehren, aber auch als provokanten Vatermordversuch eines jungen Künstlers interpretieren, der, übrigens von der gleichen Galerie vertreten wie Ai, dessen mediale Über-Präsenz als Karrierehindernis empfindet. Natürlich darf man hier nicht ausblenden, dass es auch diejenigen gibt, die sich durch Ais Uneingeschüchtertheit ermutigt fühlen. Wir sehen, alles ist erheblich komplexer als bislang dargestellt. Und wenn Yan von der Erwartung des Westens spricht, zieht dies die Frage nach sich, inwieweit nicht sogar auch China von dem Fall etwas hat. Solange Ai nicht hinter Gittern sitzt, sondern „nur“ unter Hausarrest steht, erscheint die Lage in China so widersprüchlich und uneindeutig, dass sie uns wie ein Aal immer wieder zu entgleiten droht. Ob die Tatsache, dass Ai trotz seiner Aufdeckungen immer noch auf freiem Fuß ist, sich dem verdankt, dass die westlichen Medien so einstimmig hinter ihm stehen, lässt sich anzweifeln. Ist es ihr doch bis heute nicht gelungen, den Nobelpreisträger Liu Xiaobo aus dem Gefängnis zu befreien. Auf Kritik aus dem Westen könnte die chinesische Regierung stumm entwaffnend kontern: „Was werft Ihr uns eigentlich vor? Bekommt ihr nicht mehr die Interviews, nach denen ihr verlangt, und nicht die Ausstellungen mehr, die ihr sehen wollt.“  

In einem Gespräch, das ich zwei Wochen nach der Vernissage mit Ai führte, legt er seine Ansichten zur Selbstzensur dar, betonend: „Du kannst die heutige Situation nicht mit der Zeit vergleichen, als Hans und ich das CAAW aufmachten. Damals konnte man einen solchen Raum einfach schließen und dich ins Gefängnis stecken. Heute ist die Kunst für Städte wie Shanghai oder Beijing eine Art Visitenkarte. Ständig werden neue Museen gebaut. Es ist nicht mehr so gefährlich. Und wenn ich an einer Ausstellung teilnehme, kann ich keine Zensur akzeptieren. Ich trage die Verantwortung, wenn sie meine Schau schließen, und muss mich wehren. Wenn Phil meine Arbeit ohne meinen Namen zeigt, so ist das ein Kompromiss. Mit meiner Haltung verträgt sich das nicht. Denn mein Werk steht mit meinem Namen im Zusammenhang. Es handelt von meinem Leben, und das Leben ist mein Werk. Meinen Protest verstehe ich als eine Erweiterung sowohl der Ausstellung als auch der Bemühungen von Hans. Es hat doch mit dem zu tun, wonach er suchte. Er würde mein Handeln verstehen. Und die Zensur ist überall da, und jeder weiß das. Aber sie funktioniert am besten über Selbstzensur. Und ich stehe unter ständiger Kontrolle. Jetzt gerade rief mich die Polizei an. Sie wollen mich morgen um 12.30 Uhr sehen. Das ist ganz normal. Sie haben vor mir Respekt, weil ich mich zur Wehr setze.“ Warum er in den von ihm geführten Gesprächen eine Konfrontationssituation mit laufender Kamera schaffe, frage ich. Darauf Ai: „Das ist keine Konfrontation, sondern geschieht aus Gründen der Archivierung. Ich archiviere alles seit den frühen 90er Jahren. Dabei geht es um Fakten und Reflektionen über das tägliche Leben. Wenn sich einige nicht wohl fühlen, wenn ich mit ihnen spreche, so deshalb, weil sie wissen, dass ich später daraus eventuell ein Video oder eine Arbeit mache.“  

Wie kontrovers die Diskussion über Ai Weiwei in China ist, verdeutlicht ein Gespräch mit dem 1979 geborenen, unabhängigen KuratorBao Dong. Erstaunlich daran ist, wie gut ein chinesischer Autor über das in westlichen Medien Publizierte ist. Sein analytischer Blick wirft zudem auch ein anderes Licht auf Ais steilen Aufstieg zum Weltstar und lässt die Monotonisierung des von westlich Meinungsmachern in die Welt gesetzten Bildes hervortreten, das, landauf, landab wiedergekäut, sich zum langweiligen Klischee verfestigt hat. Nun ist Bao kein Linientreuer, sondern frei in der Analyse. Mit Texten zu Formen des künstlerischen Dialogs wurde er zu einem der wichtigsten Kuratoren und Kritiker der „Neuen Generation“. Zudem Autor von Künstlerbiographien. Redakteur bei LEAP, dem wichtigsten Kunstmagazin in China. Seit 2013 gehört er dem beratenden Team des A4 Contemporary Arts Center an. 2014 erhielt er das Stipendium des Asian Cultural Council (ACC) und wurde als Kandidat der Independent Vision-Curatorial Award nominiert. Bao Dong entwirft hier ein kritisches Bild von Ai Weiwei, indem er die besondere Nähe des Westens zu dem Megakünstler analytisch zu ergründen versucht.  

***  

Heinz-Norbert Jocks: Du hast wiederholt über Ai Weiwei geschrieben, aber eher kritisch.  

BAO DONG: Erst einmal: Er ist der erste Weltstar unter den Künstlern aus China, und viele schätzen seine politische Meinung so hoch, dass sie ihm fast blind folgen. Von seinen Fans auch „Ai-Gott“ genannt, ist er für sie so etwas wie ein Führer und Meinungsmacher. Ein Problem, welches sich daraus ergibt, dass sich die westliche Öffentlichkeit beinah ausschließlich auf ihn fixiert, besteht darin, dass sie kein Auge für die aktuelle Lage der chinesischen Szene und deren Künstler hat. Die meisten haben nur von Ai gehört, und selbst dann, wenn es gar nicht um ihn geht, zieht er im Westen alle Aufmerksamkeit auf sich, zum Beispiel in Turin bei einem der Marathongespräche von Hans Ulrich Obrist, zu dem ich eingeladen war. Da kamen Fragen aus dem Publikum zu Ai, anstatt mit den anwesenden Künstlern in ein Gespräch zu kommen. Blickt man historisch zurück, so ist evident: Die allmähliche Entdeckung zeitgenössischer Kunst in China durch den Westen, die bereits in den 1990ern einsetzte, erfolgte nicht erst mit Ai. Viele Künstler, nicht vertraut mit der westlichen Kunstszene, wurden damals über Chinas Grenzen hinaus bekannt. Es scheint mir, als habe die Omnipräsenz von Ai heute zu einer bedauerlichen Verdunkelung geführt: Es ist, als wäre da eine Mauer, wie wir sie aus den finsteren Zeiten des Kalten Krieges kennen. Man nimmt die Kunst- und Kulturgeschichte der anderen Seite nicht wahr.  

Welche Position nimmt Ai als Künstler ein?  

Keine Frage, er ist ein interessanter Künstler, aber eben nicht der Einzige in China: Es gibt viele, deren Werke ich für künstlerisch höherwertiger halte. Sein Werk, eine Mischung aus Dadaismus und stilisiertem Minimalismus, ist angereichert mit traditioneller Symbolik und bespickt mit Anspielungen auf aktuelle News. Am interessantesten an seiner Kunst finde ich den Umgang mit den Medien sowie seine Strategien zur Verbreitung seiner Kunst. Dem verdankt er den Grad seiner Bekanntheit, aber natürlich auch seiner Persönlichkeit und den politischen Aspekten seiner Arbeit. Doch prangert er keineswegs als Einziger soziale Missstände an. Bereits in den 1980ern äußerten viele Künstler ihr Unbehagen, heute ist dies nicht anders. Zum Beispiel der junge Li Liao, der 2012 in einer Foxconn-Fabrik 40 Tage am Fließband arbeitete, also solange, bis er sich das dort von ihm mitproduzierte Mini iPad selber leisten konnte. Dafür musste er länger als einen Monat unter kasernenartigen Bedingungen mit strikten Regeln und Arbeitszeiten leben.  

Mir scheint die Diskussion um Ai in China anders als im Westen stärker polarisiert zu sein?  

Ja, entweder Verehrung oder Ablehnung.  

Vielleicht ein Beispiel: Was ist bei der Eröffnung der von Marianne Brouwer kuratierten Ausstellung „Hans van Dijk: 5000 Names“ im UCCA geschehen? Warum zog Ai seine Werke zurück?  

Dazu postete er im Internet ein Statement. Er bezichtigte das UCCA der Verfälschung der zeitgenössischen Kunstgeschichte, weil sein Name als Freund und Mitstreiter von Van Dijks ausradiert worden sei, und erhob den Vorwurf, es habe sich dem politischen Druck gebeugt und Selbstzensur geübt. Außerdem stellte Ai einen Zusammenhang mit der von der Regierung veranlassten Streichung seines Namens bei der Ausstellung zur chinesischen Gegenwartskunst im Power Station of Art, Ende April 2014. Als ich ein paar Tage nach der Eröffnung die Ausstellung über Hans van Dijk im UCCA besuchte, stieß ich dort gleich mehrfach auf Ais Namen. Eigentlicher Streitpunkt zwischen ihm und Phil Tinari, dem Direktor, bezieht sich auf die Pressemitteilung, in der er nicht erwähnt ist. Für Tinari ist es nur ein Pressetext, bei dem aus Gründen der Kürze auf Informationen verzichtet wurde. Nun ist dort nicht nur Ai nicht aufgeführt, auch andere Künstler und Mitstreiter von Hans van Dijk fehlen. Vielleicht war es eine Panne, aber keine Selbstzensur. Und selbst wenn, so fände ist dies für ein so exponiertes Haus verzeihlich. Sowohl in China als auch in andern Ländern, wo Kunstinstitutionen der Kontrolle einer Staatsmacht unterstehen, gibt es Gegebenheiten, die sich nicht leugnen lassen. Dass sich von Ai drei Werke in der Ausstellung befanden, lässt sich vor dem Hintergrund, dass er und seine Kunst ein sensibles Thema sind, als Akt der Unterstützung von Ai und als Anerkennung seiner Bedeutung für die Kunstgeschichte werten. Meines Erachtens hat er das Malheur des UCCA größer gemacht, als es ist. Er ging noch einen Schritt weiter, als er andere Künstler bat, ihre Werke ebenfalls abzuziehen. Und als Wang Xingwei seinem Wunsch nicht nachkam, wurde dieser von Ai verbal attackiert und von dessen Anhängern zudem beschimpft. Mehr wie ein Populist vorgehend, missachtete Ai damit die Grundregeln des Liberalismus. Damit verliert er in meinen Augen als Sprachrohr der Demokratie innerhalb der chinesischen Gesellschaft an Glaubwürdigkeit. Eine solche Aktion beruht, so sehe ich es, auf einer Strategie künstlerischer Propaganda. Und es war nicht das erste Mal, dass er sich ihrer bediente. Die Übertreibung eines Ereignisses wie das Fehlen seines Namens auf der Presseerklärung ist Mittel seiner Kunst. Dabei interessiert ihn nicht, ob die Opfer wie Phil Tinari damit einverstanden sind, zum Bestandteil seines Werks zu werden. Aus der Ausstellung hat er eine Farce gemacht.  

Wofür steht Ai Weiwei?  

Für ein allgemeines Symptom innerhalb der zeitgenössischen chinesischen Kunstszene. Egal, wie du zu ihm stehst, ob du ihn kennst, oder nicht, man kann sich der Debatte um „Ai Weiwei“ nicht entziehen.  

Wie verlief sein Weg?  

Nach seiner Rückkehr aus den Vereinigten Staaten 1993 erst als Mitherausgeber verschiedener Publikationen und Mitbegründer von Galerieräumen aktiv, machte er sich mit seinem Einsatz für die zeitgenössische Kunst einen Namen. Ein Höhepunkt war die „Fuck Off“-Ausstellung, eine der berühmtesten zur zeitgenössischen Kunst in der Eastlink Galerie sowie in einem Lagerhaus in der 1133 Westen Suzhou River Road. Übrigens parallel zur Shanghai Biennale, als Ausdruck des Misstrauens gegenüber der offiziellen Kunstpolitik. Nach der Jahrtausendwende mit Öffnung der Wirtschaft bekam Ai mehr Beachtung als Künstler und Architekt. Von dem Moment an, da die Entwicklung des Internets sich beschleunigte und die Social-Media-Plattformen wie Blogs, Weibo oder Twitter sich durchsetzten, fanden seine Ansichten und Aktionen rasch Verbreitung. Er wurde zu einer öffentlichen Figur, ja ein Aktivist. Internationale Anerkennung als Künstler erlangte er 2007 auf der documenta durch die Projekte „Fairytale“ und „Template“ und 2008, im Jahr der Olympischen Spiele, durch den mit den Architekten Herzog & de Meuron gemeinsam realisierten Entwurf des National Stadiums, des sogenannten „Vogelnests“. Seine Position in der Öffentlichkeit als Aktivist verstärkte sich durch den Gebrauch der Medien, durch Dokumentarfilme und seine Ermittlungen. Die Diskussion über ihn nahm 2009 weiter Fahrt durch die Ausstellung „So Sorry“ im Haus der Kunst. Ausschlaggebend dafür war nicht, wie einflussreich das Museum im Vergleich zur Tate war, sondern, dass Ai seine künstlerische Praxis dahingegen veränderte, dass er eine direkte Verbindung zwischen der Kunst und sozialen und politischen Ereignissen herstellte. Als berührendste Arbeit erwies sich der bunte Vorhang aus 9000 Schulranzen, mit dem er die Fassade des Hauses der Kunst verkleidet hatte. Darauf stand in chinesischen Schriftzeichen der von einer Mutter über ihre bei dem Sichuan-Erdbeben ums Leben gekommene Tochter gesprochene Satz:„Sieben Jahre lang lebte sie glücklich in dieser Welt“. Ganz gleich, ob Ais Nachforschungen dazu beitrugen, die sich hinter dem Einsturz des Schulschlafsaals verbergende Korruption ans Licht zu bringen, alles in allem wirkte die Aussage der Mutter viel stärker als die Installation. Dass Ai durch die Schau in München innerhalb Europas noch bekannter wurde, lag nicht an der künstlerischen Leistung. Was zählte, drückt sich in seinem von der Wochenzeitschrift „Die Zeit“ zitierten Satz aus: „Als Künstler kann ich nicht anders als politisch aktiv sein.“. Einen Monat zuvor, als Auftakt zu allem, wurde das durch Ai von sich nach dem Konflikt mit der Polizei in Chengdu gepostete Foto durch einen Artikel in „The Mirror“ gehypt. Dabei hob der Autor hervor, dass Ai die neuen Technologien als Werkzeug des Widerstands gegen die Regierung einsetze.  

Welches war eigentlich das erste soziale Ereignis, worauf Ai Weiwei künstlerisch Bezug nahm?  

Der Fall Yang Jia im Jahre 2008. Yang war ein junger Mann, der, weil ihm die Polizei angeblich ein Unrecht angetan hatte, in seiner Wut sechs Polizisten auf der Station getötet hatte. Dieser Vorfall löste eine große Welle der Reaktion in der chinesischen Öffentlichkeit aus. Es gab sogar Leute, die seinen Einsatz von Gewalt für eine Heldentat hielten. Er wurde zur Todesstrafe verurteilt. Egal, wie wir zu alldem stehen, auf jeden Fall traten die Probleme innerhalb der chinesischen Gesellschaft zutage, einschließlich die Gewalttendenz im Internet. In seiner Blog-Post drückte Ai seine Enttäuschung über die chinesische Gesellschaft aus. Im Vergleich mit dem Ereignis, worauf seine Arbeit „Very Yao“ aus 150 Fahrrädern der Marke „Forever“ Bezug nimmt, erscheint diese zu flach und nicht besonders tiefschürfend. Von seiner Machart her unterscheidet es sich nicht sehr von den aufgetürmten Türen und Fenstern in Kassel. Als Titel seiner Arbeit verwendete Ai Yang Jias persönliche Blog ID, und auf Fahrräder griff er zurück, weil ein solches in Yangs Geschichte eine gewisse Rolle spielte.  

Wie politisch ist Ai?  

Sicherlich ist er kein Rebell, wenn er auch zuvor den Mittelfinger gegen den Tiananmen (und auch gegen das Weiße Haus) erhoben hat. Mit dieser Anti-System-Haltung fand er als Künstler keine Beachtung. Erst mit dem Fokus auf China zog er die Aufmerksamkeit des Westens auf sich. Aber gewiss ist seine Position nicht vergleichbar mit der programmatischen eines Bürgerrechtlers wie des zu elf Jahren Haft verurteilten Nobelpreisträgers Liu Xiaobo oder der anderen politischen Aktivisten, die nach Übersee exilierten. Seine politische Agenda ist nicht klar. Was er tut, zielt auf bestimmte gesellschaftliche Ereignisse, ohne dass er dabei eine fundamentale Kritik am politischen System übt. Er ist so etwas wie ein Aktivist in taktvoller Übereinstimmung mit dem bestehenden System und dessen Gesetzen. So kann er China erneut in heikle Situationen bringen, ohne der Regierung einen hinreichenden Grund zu liefern, im Namen der Politik zurückzuschlagen. Genau danach hat der Westen gesucht. Man möchte China in eine schwierige Lage versetzen, aber keine direkten Zusammenstöße. Dafür liefert Ai dem Westen ein perfektes Szenario.  

Warum sollte der Westen das wollen?  

Chinas Wirtschaft wuchs mit der Globalisierung zwar schnell an. Aber das politische System blieb weitgehend unverändert. Zwar setzte auf wirtschaftlicher Ebene eine Aufholjagd mit dem Westen ein, aber das politische System glich sich dem westlichen nicht an. Es blieb anders. Während der Olympischen Spiele in Peking und aufgrund einer Reihe anderer Ereignisse, durch die sich China exponierte, erschien dieses Land der westlichen Öffentlichkeit plötzlich als ein unbekannter Riese, dem man mit Bewunderung und Skepsis begegnete. Es schien wie ein Wunder, dass ein Land wie China, das über ein Jahrhundert in seiner Entwicklung zurücklag, von jetzt auf gleich so immens aufgeholt hatte. Um sich den mächtigen ökonomischen Sprung nach vorn kleinzureden, suchte man nach Beweisen, dass China in vielerlei Hinsicht immer noch nicht auf gleicher Höhe mit dem Westen ist. Und Ai Weiwei lieferte sie. Die westliche Öffentlichkeit interessiert sich weniger für den Kontext seiner Arbeit als für deren Verweise auf die Fehlerhaftigkeit des Systems. Wie traurig und tragisch die verheerenden Folgen des Erdbebens in China auch sind, dem Westen sind sie vor allem Anlass, das nicht-demokratische politische System dafür verantwortlich zu machen. Zudem gilt es als Zeichen des Rückschritts, andere Werte als westliche zu vertreten.  

Wie ist die politische Stimmung in China?  

Insofern die chinesische Gesellschaft von einem autoritären Kapitalismus regiert wird, gibt es Unzufriedenheit sowohl auf dem linken als auch auf dem rechten Flügel. Die einen sehen die durch die kapitalistischen Ideale verursachte Ungleichheit in der Gesellschaft und die anderen den Mangel an Freiheit, weil es zu diktatorisch ist. Die Mehrheit im Westen macht sich von der Komplexität der Situation in China nur ein oberflächliches Bild.  

Siehst du da eine Verbindung zu Ai Weiwei?  

Hinsichtlich dieses Oberflächeneindrucks sind seine Kunst, einschließlich seine Person, eine Ikone des zeitgenössischen Chinas. Er versieht seine Werke mit leicht erkennbaren chinesischen Symbolen, benutzt Keramik, Porzellan, Teeblätter, wertvolles Holz, traditionelle Möbel, Fahrräder oder die Karte von China, außerdem die Köpfe der zwölf Tierkreiszeichen in einer für jeden zugänglichen Weise, und im Rahmen einer Museumshow wird es zudem auf intellektueller Ebene nachvollziehbar.  

Inwieweit ist Ai ein chinesischer Künstler?  

Ja, eine ironische Wahrheit ist, dass ein Künstler wie er nur im heutigen China existieren kann. Besonders im Hinblick auf seine arbeitsintensiven Werke. Denke nur an die hundert Millionen detailgetreuen Sonnenblumenkerne aus Porzellan, die den gesamten Boden der Turbinenhalle bei seiner Show in London, in der Tate Moderne 10 cm hoch bedeckte. Ein solches Werk zu realisieren, wäre in anderen Ländern unmöglich. All die Samen wurden von 1600 Fabrikarbeitern in 30 Stufen betrieblicher Abläufe im Laufe von zwei Jahren hergestellt. Alles in allem ein Wunder, made in China. Gleichzeitig kamen Gesundheitsbedenken auf. Es hieß, die Samen könnten giftige Partikel enthalten. Alles in allem bediente sich Ai bei der Herstellung der Vorteile der chinesischen Produktionsbedingungen. Ästhetisch betrachtet, repräsentiert das Werk sowohl den kollektiven Geist als auch die im Laufe von zwei Dekaden gestiegene Produktionskapazität eines menschrechtsverletzenden Kapitalismus.  

Autor
Heinz-Norbert Jocks

* 1955, Düsseldorf, Deutschland

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Marianne Brouwer

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Ai Weiwei

* 1957, Peking, Volksrep. China

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