Band 230, 2014, Titel: Konflikte, S. 124

Eskapaden

Angela Stief in einer Gesprächsrunde mit Jakob Lena Knebl, Marianne Vlaschits und Katharina Thomas Zakravsky

Angela Stief: Ich finde Ihr passt gut zur Eskapade und das meine ich als Kompliment.  

KATHERINA THOMAS ZAKRAVSKY: Eine Eskapade ist eine exzessive Episode mitten im Normalen, die durch harte Schwellen vom Normalen abgesetzt ist. Wenn aber jemand einen Clown mimt und auftritt, wo schon steht „Reserviert für Clowns“, hält sich der Spaß, das Risiko und die Überraschung sehr in Grenzen. So wäre also die Ansage für die Eskapaden-Spezialisten den Clown genau an der Stelle zu machen, wo ihn keiner erwartet. Die kann auch darin bestehen, anderen zu demonstrieren, dass sie die Clowns sind. Das klingt nach Sokrates, ich weiß, aber den mag ich nicht so. Ich ziehe Diogenes, der öffentlichen Sex in der Gasse empfahl, vor.  

MARIANNE VLASCHITS: Man könnte mich durchaus als kapriziösen Menschen bezeichnen und das spiegelt sich bestimmt auch in meiner künstlerischen Arbeit wieder. Ich liebe den Exzess, die Ausschweifung, die Opulenz – und nichts so sehr wie einen guten Witz. In meinen Augen ist die Eskapade sehr positiv konnotiert, weil sie eine Störung des Systems bedeutet und Unregelmäßigkeiten sind der Ursprung des Lebens. Ohne Störungen gibt es keine Weiterentwicklung. Der Moment des Scheiterns ist viel lebendiger und menschlicher als der Moment der Perfektion.  

KATHERINA THOMAS ZAKRAVSKY: Eskapade klingt übrigens auch nach Flucht, denn in dem Wort steckt escape. Ist die Eskapade zugleich ein riskanter, wüster Auftritt und eine Art Flucht, so ließe sich daraus schließen, dass man mit einer guten Eskapade auch davon kommt – sie ist ein kleines, wildes Scharmützel, das für einen Fluchtweg sorgt. Damit sind alle pathetischen Selbstopferungen, die mit Verhaftungen und Autodestruktionen enden, nicht eskapadefähig. Man will Leichtigkeit, keinen schwerfälligen Opferkult. Eine Eskapade nach meinem Geschmack wäre eine, bei der der Eskapadist als „Escape Artist“ neben sich steht und den Ball, den jemand anderer losgetreten hat, aufnimmt und zu seinem persönlichen Irrsinn macht. Das ist klug, so wie Google durch Recherchen zu täuschen, die einen nicht interessieren, oder den Mord zu begehen, den ein anderer in Auftrag gegeben hat. In Zeiten wie diesen sollte man die eigene Agenda nicht einfach zurückverfolgen können, und kein privates Interesse bekunden – acte gratuit – wie André Gide es nannte.  

Angela Stief: Du hast einmal gesagt, dass Du eine einzige Eskapade bist. Diese Ansage halte ich allerdings für etwas übertrieben.  

KATHERINA THOMAS ZAKRAVSKY: Übertreibung ist das Handwerk der Kunst – den Trieb über sich hinaus zu treiben. Damit ist schon gesagt, dass es sich um ein paradoxes Handwerk handelt. Die Kunst als Handwerk des Maßlosen muss sich erst ihre Orte und Zeiten schaffen. Interessant ist sie aber nur darin, dass auch dieses Maßlose präzise sein muss. Das Kunstwerk ist unter den gegebenen Umständen die einzige Ausnahme, die legitim ist, das singuläre Verbrechen an einem ungeschriebenen Gesetz, das der Künstler kennen muss. Das Kunstwerk erlaubt sich also eine einmalige Maßlosigkeit in voller Kenntnis der Maße. Es ist ein Hit, ein Stunt, eine Eskapade, die nur einmal und nur unter spezifischen Umständen funktioniert. Kurzum, ich will sagen, dass ich in der Übertreibung, als Übertreibung präzise gesagt habe, was ich bin, nämlich eine einzige Eskapade.  

Angela Stief: Jakob Lena, gilt das auch für dich? Du verwirrst mit gender bender.  

JAKOB LENA KNEBL: Indem ich meinem Gegenüber die Wahl hinsichtlich meines Geschlechts lasse, will ich einen Prozess initiieren, der Automatismen der Wahrnehmung hinterfragt. In dieser Entscheidung und Einordnung wird immer etwas sichtbar. Bei theoretischen Texten über meine Arbeit ist mir allerdings das hin und her wechseln zwischen dem weiblichen und männlichen Genus im Sinne einer performativen Textproduktion wichtig.  

Angela Stief: Katharina Thomas, vor kurzem wurdest Du zu einem Transgender. Ist das der Versuch eine flexible Identität im Jenseits des Geschlechts zu konstruieren oder ein gesellschaftspolitisches Statement?  

KATHERINA THOMAS ZAKRAVSKY: Ich habe hart gekämpft, diesen, meinen Körper zu adoptieren. Ich bin anatomisch und hormonell eine Frau mit einem erhöhten Testosteronanteil, daher ein leichter Schnurrbart, den ich schon vor Conchita Wurst hatte. Meine Mutter hat bis zu meiner Geburt damit gerechnet, dass ich ein Thomas würde. Ich habe ein politisches Statement für einen noch ausstehenden Aufstand der anderen Körper mit drei Zielen formuliert: Erstens, jede erwartete Frauenrolle zurückzuweisen, egal ob sie von Mutter, Vater, Mann, Frau, Staat, Religion oder der anonymen Medien-Markt-Gesellschaft ausgeht. Frauen werden massiv darauf trainiert, dass sie Erwartungen anderer erfüllen – auch die anderer Frauen oder eines anonymen, weiblichen Über-Ich. Das lehne ich genauso wie einen dogmatischen Feminismus ab. Nicht aber Charme, Flirt, Spiel, Erotik, Experiment, Konversation und einen fruchtbaren Konflikt. Ich zähle mich zu der Anti-Erwartungs-Fraktion, nicht zu den Verweigerern. Zweitens, zu demonstrieren, dass man / frau ein Transgender sein kann, ohne invasive, also chemische und chirurgische Methoden, die einen „falschen“ Körper an eine angeblich eindeutige weibliche oder männliche Seele angleichen. Dies ist eine Ideologie und Praxis, die ich strikt ablehne. Und drittens, Transgender als eine Möglichkeit zu verstehen, die der Menschheit lehren kann, dass es mehr als zwei Geschlechter, mehr als zwei Sexualitäten (hetero / homo) und mehr als eine legitime sexuelle Lebensform wie die monogame Ehe gibt. Als ein Stück Evidenz möchte ich auf diese unfassbare Entdeckung einer uralten Felsritzung in einer Höhle in China verweisen. Man sieht ein orgiastisches Fest, lange vor jeder heute noch bekannten Kultur oder Ethnizität mit mindestens drei klar markierten Geschlechtern: Mann, Frau, Schamane, oder, laut Text: ein bi-sexuelles. Wenn man uns Bi-Sexuelle zu Märtyrern der Diversität machen will – bitte. Es gibt kaum einen schöneren Grund für ein Martyrium. Wir werden jedenfalls lachend gehen. Denn wir werden nicht nur siegen, wir haben schon gesiegt. Der Rest besteht nur noch in Ehrenrunden drehen und lustige, charmante Streiche spielen.  

Angela Stief: Jakob Lena, Du stilisierst dich als Kunstfigur und transformierst Deinen Körper zu einem temporären Artefakt. Du suchst dir die passenden Muster für Deine Körperbemalungen in Museen und Kunstbüchern. Du verkörperst Sottsass, Mondrian und Picasso. Eine seltsame Mischung aus Referenz und Reverenz.  

JAKOB LENA KNEBL: Der Künstler und Maler Hans Scheirl überträgt einen Entwurf, den ich anfertige und der sich auf einen historischen Künstlerheroen bezieht mit Acryl auf meinen Körper. Ein Prozedere, das bis zu vier Stunden dauert. Im Kunstkontext werde ich als Kunstfigur wahrgenommen, doch Identitätsbildung war schon immer ein Prozess der Aneignung. Ich finde die Idee, dass wir alle konstruiert sind, und die Chancen, die sich damit eröffnen, spannend. Ich beziehe mich in meiner Kunst auf Diskurse rund um das Künstlergenie und den Tod des Autors sowie auf die Debatte Original versus Kopie. Ich appliziere Ideen auf meinen Körper, da ich finde, dass Konzepte, Diskurse und Ästhetiken nichts Abstraktes darstellen. Sie zirkulieren vielmehr und müssen auf Situationen und Personen reagieren. So entsteht etwas Neues. Außerdem will ich eine Metaebene durch die Inszenierung von Paradoxien kreieren. Ich will mit meiner Kunst auch gesellschaftspolitische Themen, die mir wichtig sind, unterstützend transportieren. In diesem Sinne wähle ich meine Inhalte und formalen Entscheidungen, arbeite an und mit mir. Insofern verstehe ich mich als Mitgestalter von Visionen und Alternativen jenseits von bestehenden Normen und Konventionen.  

Angela Stief: Du behauptest mit Deiner künstlerischen Praxis der Performance und der lebenden Malerei, um nicht Body Painting zu sagen, dass Du selbst Kunst bist. Könnte man sagen, dass Dir Dein eigener Körper als Material dient? Verstehst Du ihn also als eine Art Leihkörper?  

JAKOB LENA KNEBL: Sobald ich an die Öffentlichkeit gehe und sichtbar werde, verselbstständigt sich meine Arbeit, was einem Kontrollverlust gleichkommt. Das ist auch gut so, da mein Körper nicht ich allein bin. Er nimmt die Rolle eines Stellvertreters ein. Er kann zur Kampfzone, zum Ort des Vorwurfs und der politischen Maßregelung werden. Die Idee des Leihkörpers gefällt mir genauso wie die Vorstellung, dass wir Identitäten sind, die sich ein Leben lang in Transformation befinden. Mit Aussagen wie „Ich bin von alledem nichts“ überzeichne ich diesen Gedanken. Eine der Ursachen für meinen radikalen Umgang mit Geschlecht und Körper liegt sicher in meiner persönlichen Erfahrung mit dem Tod. Ohne dieses existenzielle Erlebnis würde ich nicht wagen, auf diese Art und Weise zu arbeiten. Unausweichlich stellt sich für mich die Frage, wie wir leben wollen. Sie ist eine meiner künstlerischen Kernthemen.  

Angela Stief: Willst Du uns von diesem prägenden Lebenseinschnitt berichten?  

JAKOB LENA KNEBL: Ich habe vier Todesfälle in einem kurzen Zeitraum erlebt und keine biologische Familie mehr. Unweigerlich drängen sich dadurch „die großen Fragen“ nach der Freiheit und dem Eingehen von Risiken auf. Außerdem wurden für mich alternative Lebensmodelle und queere Ideen von Familie spannend.  

Angela Stief: Marianne, wie stellt sich für Dich das Verhältnis von Kunst, Leben und Eskapade dar? Im Happening Cockaigne d’Or hast Du einen großen historischen Saal in ein Gesamtkunstwerk verwandelt und eine ganze Nacht lang ein bacchantisches Fest inszeniert.  

MARIANNE VLASCHITS: Das ganze Leben ist potentielle Kunst und, um es zu Kunst zu machen, muss man das Leben reduzieren und abstrahieren. Ein Kunstwerk ist immer ein versteinertes Stück Wirklichkeit. In Cockaigne d’Or wollte ich unbedingt ein ursprüngliches Karnevalsfest zum Leben erwecken. Damals habe ich mich intensiv mit Michail Bachtins kulturgeschichtlicher Abhandlung zum mittelalterlichen Karneval beschäftigt. Er erklärt anhand der Texte des französischen Schriftstellers Rabelais die Bedeutung und die Stilmittel der Groteske im Kontext der damaligen Zeit. Obszöne Gesten, Worte und Bilder haben alle eine tiefe symbolische und psychologische Bedeutung, die ursprünglich als sehr positiv und für ein ausbalanciertes Leben als wichtig erachtet wurde. Heute sind groteske Elemente vor allem negativ besetzt. Dadurch nehmen wir uns selbst die Möglichkeit, diese reiche, uralte Tradition zu entdecken und zu verstehen.  

Angela Stief: Du arbeitest also an der Installierung des zeitgenössisch Grotesken?  

MARIANNE VLASCHITS: Das Groteske war Ausdruck von Freiheit innerhalb eines repressiven Systems. Meiner Ansicht nach ist das heute noch so gültig wie vor 600 Jahren. Mir widerstrebt jede Form von Standesdünkel. Mich interessiert viel mehr die harmonische Symbiose der unterschiedlichen Gesellschaftsschichten, und das Groteske ist ein Teil davon. Jean Genet hat einmal gesagt, dass die Eleganz ihren Höhepunkt im harmonischen Zusammenspiel des Geschmacklosen erzielt – das kann man als ein Leitmotiv meiner Arbeit sehen. Mir geht es nicht darum, eine möglichst breite Masse anzusprechen. Ich möchte in jedem Lager ein interessiertes Publikum finden. Der ästhetische Kanon unserer Zeit ist in jeder Hinsicht höchst steril.  

Angela Stief: Die Eskapade findet auch im Zusammenhang mit kulturhistorischen Figuren wie Till Eulenspiegel Erwähnung. Äußerlich mimte Eulenspiegel einen Narren, an Gewitztheit und Geisteskraft war er seinen Mitmenschen jedoch überlegen. Er spottete über selbstzufriedene Bürger, ein viel zu duldsames Volk, den arroganten, bestechlichen Adel und den weltlichen Klerus. Er war bekannt dafür, dass er den anderen den Spiegel vorhielt, so dass sie ihre eigenen Unzulänglichkeiten erkennen konnten. Wenn er heute leben würde, wäre er vielleicht ein Performer auf den verschiedensten Bühnen der Welt. Inwieweit verfolgst Du in Deiner Kunst ähnlich gesinnte interaktionistische Interessen und welche Rolle spielt der Humor?  

MARIANNE VLASCHITS: Parodie ist einer der zwar schmerzhaftesten, aber auch wirkungsvollsten Wege zur Erkenntnis. Ich liebe die Parodie und verwende sie ständig, nicht nur in meiner Kunst, sondern auch privat. Hässliche Wahrheiten lassen sich viel besser ertragen, wenn sie als Witz präsentiert werden und man darüber lachen kann. Ich glaube sehr an die welterneuernde Funktion des Narren in der Gesellschaft. Und wie schon John Waters sagte: „Humor is terrorism.“  

JAKOB LENA KNEBL: Stets ist und war der Humor ein wichtiges Werkzeug für mich. Meine Vorgehensweise ist jedoch eine andere. Ich sehe mich als Trickster und wähle meine ästhetischen Strategien auch, um zum Teil schwierige Inhalte zu transportieren. Sie sollen im ersten Moment jedoch nicht erkennbar sein. Im besten Fall „fällt“ der Betrachter / Zuschauer in etwas hinein, was ich inszeniert habe …  

KATHERINA THOMAS ZAKRAVSKY: Mein liebster Star ist Benedict Cumberbatch. Während eines Foto-shootings der Band U2 auf dem roten Oscar-Teppich 2014 schlich er sich wie der weiße Hai an und „fotobombte“ die ganze Szene . Er sprang echt hoch! Das sind die Eulenspiegeleien von heute, wie ich sie liebe. Witzig, frisch, lustig, athletisch – und doch ein wenig boshaft. Von Cumberbatch stammt auch eines meiner Lebensmottos: „Keeping myself amused and everyone else confused.“  

MARIANNE VLASCHITS: Der Humor hat in der Kunst ein Image-Problem. Er gilt als etwas Triviales und die Hochkultur versucht sich ja noch immer so weit wie möglich vom Pöbel zu distanzieren. Andererseits finden wahrhaft begnadete Komiker selten den Weg in die bildende Kunst, weil sie hier eben nicht die Anerkennung bekommen, die ihnen gebührt. Ich glaube, dass Humor die einzige Möglichkeit ist, diese Welt so wahrzunehmen, wie sie ist, und sie gleichzeitig zu ertragen. Ich habe schon öfters versucht, vollkommen humorfreie Kunst zu machen und bin jedes Mal gescheitert. Das Gelächter scheint eines meiner stärksten Bedürfnisse zu sein. Die Liste der Komiker, die ich schätze ist lang. Aber den wichtigsten Einfluss hatten wohl Monty Python, Gary Larson, Matt Groening, Josef Hader, John Waters, MAD und MAD TV, George Carlin, die ganzen Vertreter der Neuen Frankfurter Schule, Kamagurka, Rattelschneck, Nicolas Mahler, Helge Schneider, Andy Kaufman und auch der gute alte österreichische Humor wie zum Beispiel der von Manfred Deix, Tohuwabohu, die Band EAV und der Film Muttertag.  

Angela Stief: In Deiner Kunst beweist Du nicht nur Humor, sondern forderst Erwartungshaltungen und Verhaltensnormen gerade durch die Betonung von Genitalien heraus. Asshole Island (2008) und Testical Bird Watching the Sunset (2010) sind schöne Beispiele. Ich nehme an, dass Du immer wieder mit Reaktionen des Affronts, der Peinlichkeit und der Scham konfrontiert bist. Wie gehst Du damit um?  

MARIANNE VLASCHITS: Es ist immer wieder unterhaltsam, wie die Leute auf einzelne Arbeiten von mir reagieren. Man bekommt recht schnell den Stempel der obszön-derben Peniskünstlerin mit Schenkelklopfer-Humor aufgedrückt, wenn man sich an bestimmte Themen wagt. Scham hat viel mit Erkenntnis zu tun. Ich schäme mich meistens, wenn ich etwas als einen Teil von mir erkenne oder mich als Teil einer Sache fühle, von der ich bisher scheinbar nicht betroffen war. Scham kann sehr heilsam sein. Es gibt ja auch diese Redewendung „Ist der Ruf mal ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert“. Darum soll meine Kunst einem auch die Schamesröte ins Gesicht treiben. Wenn man nach einer Ausstellung der gleiche Mensch wie vorher ist, dann hat sie sowieso nicht funktioniert. Insofern fasse ich es als Kompliment auf, wenn meine Kunst peinlich berührt.  

Angela Stief: Euere Arbeit wirkt sehr lustvoll. Soll sie damit auch eine indirekte Kritik an einer potenziell lustfeindlichen Gesellschaft darstellen?  

JAKOB LENA KNEBL: Ich würde nicht von einer lustfeindlichen Gesellschaft sprechen. Ich schlage in meiner Arbeit auch ein alternatives Begehren im Sinne der Liebe zu den Dingen, jenseits einer Fixierung auf ein lebendiges Gegenüber vor.  

KATHERINA THOMAS ZAKRAVSKY: Die Gesellschaft befiehlt zugleich die Lust und verhindert sie. Sie ist wie jede schlechte Mutti eine Doublebind-Maschine. Sie will eine Lust, die man sich mit viel Unlust verdienen muss; doch sobald es dann Zeit für die Lust wäre, hat man keine Lust auf die Lust. Das ist leider das große Missverständnis einer Gesellschaft, die ihre Seele und ihren Körper an den verrückten Kult von Routinearbeit und Massenproduktion verpfändet hat: eine Lust, für die man zu lange wie eine Maschine oder ein Idiot hat arbeiten müssen, ist einem am Ende völlig egal und gar nicht mehr möglich. Es ist wie mit jenen „Cityboy Tradern“, die alle davon träumen, nach einem Marathon der grotesken Selbstausbeutung mit circa dreißig Jahren eine Insel oder eine Yacht zu kaufen, und dann setzt es nur noch Lust. Aber bei ihrem Lebensstil samt Drogen sind sie dann nur noch reif für die Klinik oder das Grab.  

MARIANNE VLASCHITS: Lust wird sehr wohl in der Gesellschaft zelebriert – hauptsächlich jedoch eine massenkonforme, heterosexuelle und in erster Linie auf den Mann ausgerichtete Lust. In Mitteleuropa hat man irgendwie ein größeres Talent für Rausch und Eskapade. Das lässt sich jederzeit auch wieder aus dem Durchschnittseuropäer hervorlocken, wenn man weiß, welche Trigger man zu betätigen hat. Im Exzess fallen meistens alle Schranken und es herrscht, zumindest für ein paar kurze Momente, absolute Freiheit. Das sind Zustände, die ich zum Beispiel mit den Performances Sexy Magic, Just a Gigolo oder Cockaigne d’Or herzustellen versucht habe.  

KATHERINA THOMAS ZAKRAVSKY: Die Lust, die mich fasziniert, hat etwas von einem Spiel, einem Geschenk, einer leichten Kunst – vor allem verdient man sie sich nicht, man nimmt sie sich und genießt sie – als Selbstzweck.  

Angela Stief: Du hast gerade ein umfassendes Buch geschrieben, darin spielt die Lust eine zentrale Rolle.  

KATHERINA THOMAS ZAKRAVSKY: Mein neues Buch, das unter Pseudonym geschrieben ist, handelt von einem vollkommenen Player, einem „Smooth Operator“ der noblen Luxusvariante. Ein Londoner „Cityboy“ mit Punk-Attitüde, der nicht nur geldvermehrender Banker, sondern auch noch Investor und Berater ist. Seine Leidenschaft und Lust ist die Verführung. Es ist aber keine bloße Organ-Lust, sondern das Ereignis der Lust, die passiert oder die man dem anderen bereitet. Die Lust am Spiel und auch an der Macht übersteigt eine simple sexuelle Lust. Ich glaube, dass einem neue Lüste mit neuen Leuten oder Spielen neue Organe wachsen lassen. Und das ist eigentlich das einzig wirklich Großartige an der Lust, die sonst anderen Dingen wie Wissen, Liebe, Traum, Reisen, Kunst etc. weit unterlegen ist, dass sie den eigenen Organismus erweitert. Sie ist sozusagen die positive Version des Phantomschmerzes. Der trockene, harte Ausgangskörper ist der uns bekannte physische Körper, der das Aussehen einer bestimmten Tierart hat. Aber der wahre Körper, der durch seine Lüste, Schmerzen, Träume, Forschungen, Taten, Offenbarungen, Verzweiflungen gebildet wurde, ist eher wie eine einmalige Bakterie, die genau die Organellen hat, die sie durch ihre Art zu leben hat wachsen lassen.  

Angela Stief: In den Räumlichkeiten des Clubs Grelle Forelle am Wiener Donaukanal hast Du eine riesige Wandarbeit mit dem Titel If I can’t fuck, it’s not my revolution entworfen. Du feierst wilde Orgien, stilisierst in Deinen Arbeiten die Lebenslust als Mittel der Grenzüberschreitung und machst die Party zur Performance. Ist die Feier Deine Revolution?  

MARIANNE VLASCHITS: Das Wandbild zeigt eine Gruppe wütender Meermänner mit Fischschwanz, die einen Palast erstürmen und eine Revolution anzetteln wollen. Im Palast angekommen geben sie sich dann doch lieber weltlichen Gelüsten, wie auch der Liebe hin. Die Revolution wird aufgeschoben, so lange das Buffet noch nicht leer genascht ist. Es ist eine Arbeit, die man im Club-Kontext betrachten muss: Erstens ist es eine Männerwelt, weibliche DJs sind die Ausnahme. Darum feiern in dem Bild ausschließlich Fischmänner und eine Quoten-Fischfrau. Zweitens glauben viele Clubgänger, sie würden ein ausgesprochen verrücktes, alternatives Leben führen, frei von allen Zwängen. In Wahrheit bewegen sie sich nie auch nur einen Millimeter aus ihrer Komfortzone heraus. Das Bild spiegelt das ambivalente Wesen des Festes wider: Es herrscht Narrenfreiheit, aber die führt wiederum zu autistischer Dekadenz.  

Angela Stief: Katharina Thomas, Du hast Deine theoretische Arbeit, eine politische Doktrin, mit Aufstand der Larven betitelt. Darin beschäftigst Du dich mit dem kulturellen Phänomen des urbanen Schamanismus, dessen Vertreter Du als Power-Nerds bezeichnest. Das sind junge Menschen, die einer gleichermaßen obsessiven und eskapistischen Lebensweise nachgehen, am Rande des bestehenden Systems leben, und es dennoch übertrumpfen. Sind diese Figuren nicht zu unpolitisch, um etwas zu verändern?  

KATHERINA THOMAS ZAKRAVSKY: Hier geht einiges durcheinander, das nur ich zusammenführe – aber das ist eben das Vorrecht der Personal-Union. Denn Schamanen und Nerds haben schon eine mögliche Durchschnittsmenge, doch so groß ist sie nicht. Jedenfalls nicht in Europa, wo man ja darauf beharrt, dass spirituelle Themen nur etwas für Esoteriker sind, die notorisch schlecht gekleidet sind, notorisch schlecht schreiben und, anders als die Nerds, auch zumeist weder Ahnung von Mathematik, Physik, Biologie noch profunde Kenntnisse des amerikanischen Science-Fiction-Kinos und der besten US-TV-Serien haben. Dennoch haben diese Kreise etwas gemeinsam: Sie sind kluge, gebildete, kreative Teilnehmer der Gesellschaft und dennoch nicht daran interessiert, sich ein ordentliches Stück der Welt zu nehmen. Sie überlassen die Welt denen, die sie beanspruchen, weil sie mit diesen Leuten weder sprechen wollen noch können. Bevor sie sich mit diesen entsetzlichen Geldmenschen, Schulmeistern und Parteifunktionären herumstreiten, gehen sie lieber in ihr Zimmer und machen die Tür hinter sich zu. Oder sie gehen auf eine Lichtung und tanzen.  

Angela Stief: Die Eskapaden gehen mit Subversion und Veränderung einher. Etwas gerät außer Kontrolle und läuft aus dem Ruder. Was würdest Du am liebsten umstürzen?  

JAKOB LENA KNEBL: Politisch bin ich für die freie Namenswahl, das bedingungslose Grundeinkommen, eine grundlegende Bildungsreform, die Möglichkeit mehr Menschen heiraten zu dürfen und für das Recht auf Selbstzerstörung! Rechte Strömungen würde ich gerne mit den Methoden des Tricksters umstürzen.  

MARIANNE VLASCHITS: Ich träume davon, sämtliche religiösen und ideologischen Fundamentalisten auf einer tropischen Insel zu versammeln, ihre Kleider zu verbrennen, mit Ecstasy und LSD versetzte Erdbeerbowle auszuschenken, und dann der Natur einfach freien Lauf zu lassen. Wer danach nicht zur Räson gekommen ist, der war wenigstens einmal im Leben auf einer guten Party.  

Biografische Daten

Jakob Lena Knebl, geb. 1970 in Baden (Österreich). Die/der KünstlerIn lebt und arbeitet in Wien. Studium des Modedesigns an der Universität für Angewandte Kunst Wien bei Raf Simons sowie der textuellen Malerei an der Akademie der bildenden Künste Wien bei Heimo Zobernig. Knebls Arbeiten und Performances waren zuletzt unter anderem in folgenden Ausstellungen zu sehen: There are more things, Tiroler Künstlerschaft, Innsbruck; Look at me, Centre of Contemporary Art, Torun, Polen; Sculpture me, Kunstraum Niederösterreich, Wien; Schwule Sau, Morzinplatz, KÖR, Wien; An eye on a Disposition of a Cloud, Salzburger Kunstverein; Erfinde dich selbst, Kunstverein Wolfsburg; The only performances that make it all the way, Künstlerhaus Graz; Wiener Glut, KIT, Düsseldorf; Reflecting Fashion, MUMOK, Wien.

Biografische Daten

Angela Stief, geb. 1974 in Augsburg. Lebt und arbeitet in Wien und Berlin. Studium der Kunstgeschichte und Philosophie an der Universität Wien. Von 2002–2013 war sie Kuratorin an der Kunsthalle Wien und realisierte Gruppenausstellungen mit begleitenden Publikationen wie POWER UP – Female Pop Art, 2010, Videorama. Kunstclips aus Österreich, 2009, Traum und Trauma. Werke aus der Sammlung Dakis Joannou, 2007 und Einzelausstellungen mit Künstlern wie Leigh Bowery, Urs Fischer, Nathalie Djurberg, Julian Rosefeldt sowie Gert & Uwe Tobias. Seit 2003 nimmt sie Lehraufträge über Kunsttheorie und kuratorische Praxis im In- und Ausland wahr. Aktuell arbeitet sie an einem Buch über Leigh Bowery (Piet Meyer Verlag, 2014) und bereitet zusammen mit Klaus Ferentschik eine Ausstellung über Friedrich Schröder Sonnenstern vor.

Biografische Daten

Marianne Vlaschits, geb. 1983 in Wien. Lebt und arbeitet in Wien. 2005-2010 Studium an der Akademie der bildenden Künste, Wien und der Slade School of Fine Art, London. Stipendiatin des Bundesministeriums für Kunst und Kultur Österreich, des Österreichischen Rundfunks, des Watermill Centers, New York und der Sofie und Emmanuel Fohn Stiftung. Ausstellungen unter anderem in der Kunsthalle Wien, der Galerie im Taxispalais, Innsbruck, dem Salzburger Kunstverein, sowie in zahlreichen alternativen Projekträumen, unter anderem Open Source Gallery, New York, STYX Projects, London / Berlin und Global Talks, Stockholm. Ihre Arbeiten befinden sich in der Bundeskunstsammlung Österreich, der Sammlung der Stadt Wien, der Lenikus Sammlung sowie der Nile Sunset Annex Collection in Kairo (etc.).

Biografische Daten

Katherina Thomas Zakravsky, Sozial- und Wissenschaftstheoretiker, Performer, Theater- und Tanzschaffende, Konzept-Künstlerin, Schriftsteller, Entwickler. Derzeit wohnhaft in Wien. Studium der Philosophie unter anderem bei Hans-Dieter Bahr, Michael Benedikt und Richard Heinrich. 1998 Dissertation zu Immanuel Kants Theorie der Universität, Universität als Prozess. Langjährige Lehrtätigkeit bis 2011, zuletzt zu Ethik und Technik am Institut für Philosophie an der Universität Wien. Seit 1994 post-brechtsches Theater (unter anderem mit dem Stadttheater Wien, Anne Mertin / Fred Büchel). Seit 1998 aktiv in der Wiener Tanz- und Performanceszene tätig (TQW, Liquid Loft, Pathosbüro mit Daniel Aschwanden etc.); 1999–2004 Solo-Serie Faun-Montagen. Seit 2008 Studien und Projekte zu Biopolitik, planetare Gesellschaft, Wissenschaftskultur, Neurokultur, Queerness, Pornografie, Science Fiction, Nerd-, Pop- und Fankultur. 2013 Spiel-Show Salon Imaginaire mit Andrea Hubin zum Salon der Angst, Kunsthalle Wien. Letzte Publikation: Omega Surfing. Zu Biopolitik, Science Fiction und Pornografie, Löcker 2012.

Autor
Angela Stief

* 1974, Augsburg, Deutschland

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Wichtige Personen in diesem Artikel
Jakob Lena Knebl

* 1970, Österreich

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* 1983 , Wien, Österreich

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Katherina Thomas Zakravsky

* , Österreich

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