Band 224, 2013, Ausstellungen: Bonn, S. 368

Alexander Braun

Marcel Odenbach

»Papierarbeiten 1975 – 2013«

Kunstmuseum Bonn, 19.9.2013 – 5.1.2014

Wie schön, wenn auch gestandene Künstler des zeitgenössischen Kanons in ihrem Oeuvre Nischen offenbaren, die bislang so niemand wirklich auf seiner Set-Karte hatte. So gerade geschehen im Kunstmuseum Bonn. Stephan Berg und Christoph Schreier richteten dem international erfolgreichen Kölner Videokünstler Marcel Odenbach (inoffiziell zu dessen 60. Geburtstag) eine Retrospektive seiner Papierarbeiten seit Mitte der 1970er-Jahre ein. Nun darf man zweifellos auch bei einem Medienkünstler Werke auf Papier erwarten: Projektskizzen, Verworfenes, auf Reisen Notiertes. Aber eine über fast 40 Jahre währende Kontinuität aus Zeichnungen und insbesondere Collagen – letztere nicht selten mehrere Meter hoch oder lang – verblüfft durchaus. Das sind keine Aspekte am Rande von Video-Installationen, sondern ebenbürtige Hauptwerke, die Augenhöhe zu ihren Bewegt-Bilder-Brüdern beanspruchen. Dabei stammen die Frühwerke noch durchaus aus den zu erwartenden Kontexten: Gedanken eines jungen Mannes als Künstler, notiert beim Rauchen oder Kaffeetrinken. Darunter auch Anweisungen für Video-Arbeiten, die auf Grund von klammen Kassen einfach nicht zu realisieren waren. Während der 1980er-Jahre bis in die 1990er hinein werden die Papierarbeiten dann größer, autonomer, suchen in Bild und Schrift die Nähe zu den Punk-Attitüden der Zeit und lassen architektonische Einflüsse erkennen (Odenbach studierte zunächst Architektur, Kunstgeschichte und Semiotik in Aachen).  

Ab den späten 1990er-Jahren etabliert sich schließlich eine ganz eigene Form von farbigen Collagen, die Odenbach bis heute perfektioniert hat. Das Bildmotiv setzt sich aus camouflage-artig geschnittenen Papierteilen zusammen und beginnt quasi eine Hybrid-Kommunikation mit dem Betrachter auf parallelen Spuren: Da sind zum einen die Mikroinformationen, die den Schnipseln bildliche eingeschrieben sind (Odenbach collagiert und fotokopiert ausgewählte Motive, färbt diese unterschiedlich ein und benutzt sie dann als Rohmaterial für die geschnittenen Camouflage-Teile). So entsteht zum anderen das zusammengesetzte Hauptmotiv, das die Mikro-Informationen mit zunehmendem Betrachterabstand zwar optisch zu verschleifen, aber nicht zu eliminieren vermag. Dieses Prinzip – das einer Zwei-Kanal-Videoinstallation nicht unähnlich ist – fasziniert und birgt (intellektuelles) Potential jenseits der bloßen optischen Sensation, die diesen farbenfrohen Mega-Puzzlen zweifellos auch innewohnt. Die Relevanz dieser händisch verpixelten Bilder unseres gegenwärtigen (politischen) Gedächtnisses – von Freuds Wiener Couch, über Hitlers Berghof bis zur Selbstinszenierung des kongolesischen Despoten Joseph Kabila – ergibt sich zwingend aus der Frage, ob es dem Künstler gelingt, Mikro- und Makro-Struktur seiner Collagen in das richtige Gleichgewicht zu bringen. Und »richtig« meint in diesem Zusammenhang die dialektische Spannung der künstlerischen Konstruktion, die gleichermaßen differenziert, wie provozierend ausfallen darf.  

Überraschenderweise gelingt Odenbach das am Besten in jenen Motiven, denen man in Ihrer Makro-Erscheinung am meisten misstraut: in den Werken »Die gute Stube« (2011) und »Familienfeier« (2011/12) zum Beispiel, die das Interieur von Hitlers Berghof am Obersalzberg abbilden. Frühestens seit Hannah Arendt, spätestens seit Guido Knopp weiß eine ganze Nation vom schauerlichen Reiz der heimelig spießigen Gemütlichkeit, die die Kehrseite germanischer Barbarei verkörpert. Hier erspart uns Odenbach im Subtext der konstituierenden Bildschnipsel kluger Weise den Anblick von KZ-Szenen und Leichenbergen. Stattdessen zeigt er junge deutsche Landser (die in gleichem Maße das Leid der fremden »feindlichen«, wie der eigenen deutschen Familien zu repräsentieren vermögen) und Szenen aus der Kunstgeschichte: Goya, Posada, Karikaturen des Simplicissimus. Während Goya den furchtlosen Statthalter eines generellen Aufbegehrens der Kunst gegen Despotie verkörpert, die Künstler des Simplicissimus sich dem spezifisch deutschen Faschismus mit satirischer Feder entgegenstellten, so repräsentieren die Holzschnitte des Mexikaners José Guadalupe Posada eine Vanitas-Symbolik, die den Skeletten der mitteleuropäischen Totentänze diametral entgegensteht. Allein das Aufrufen Mexikos setzt eine historische Assoziationskette in Gang, bis hin zu den kolonialen Bemühen Deutschlands und Österreichs im Süden Nordamerikas, der Erschießung von Kaiser Maximilian (von Manet in dem berühmten Gemälde porträtiert, das wiederum auf Goyas »Erschießung der Aufständischen« rekurriert), und den berüchtigten Zimmermann-Telegramm Deutschlands an Mexiko, das die USA 1917 maßgeblich veranlassten, gegen das Deutsche Reich ins Feld zu ziehen: Napoleon, Verdun und die Gebeinberge des Genozid versammeln sich hier in ihren Stellvertretern zu einem beunruhigenden Reigen auf den Polsterflächen und dem Lampenschirm von Hitlers »guter Stube«.  

Marcel Odenbach hat seine Sozialisation als »Kölscher Jung« aus dem Villenviertel Marienburg stets als Hypothek begriffen. Die Verinnerlichung der Moral der Wirtschaftswunderjahre, den Anschein über Inhalt und Wahrhaftigkeit zu stellen, sollte ihn zu einem sensiblen Seismographen der Doppelbödigkeit prädestinieren. Mitunter versagt ihm aber jener künstlerische Sinn für nötige Zwischentöne. Etwa, wenn er 1991 unter dem flapsigen Titel »Hey, Man« ein Panorama der USA entwirft. Die Stars and Stripes der US-Flagge setzen sich bei Odenbach zusammen aus einem Collage-Potpourri aus Indianerporträts und Basketballspielern, Reagan und Bush, Vietnamkrieg und Mondlandung. Das ist ein wenig zu viel Klischee für einen international agierenden deutschen Künstler im Schatten des gerade gefallenen Eisernen Vorhangs. Man stelle sich vor: ein amerikanischer Kollege von Weltrang collagiere sich ein Deutschlandbild zusammen aus Schloß Neuschwanstein und Oktoberfest, Pickelhaube und Hitler, Sauerkraut und Fußball. Ein bisschen mehr darf es dann schon sein – was aber den Genuss der sehenswerten Ausstellung im Ganzen nicht nachhaltig schmälert.  

Autor
Stephan Berg

* 1959, Freiburg, Deutschland

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Wichtige Personen in diesem Artikel
Marcel Odenbach

* 1953, Köln, Deutschland

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Weitere Personen
Hannah Arendt

* 1906, Hannover, Deutschland; † 1975 in New York, Verein. Staaten

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Alexander Braun

* 1966, Dortmund, Deutschland

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Christoph Schreier

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