Band 223, 2013, Titel: Urban Performance I, S. 173

Ein Denkmal als Handlungsraum

M+M über ihren Entwurf des Leipziger „Freiheits- und Einheitsdenkmals“

Das klassische Denkmal ist gewöhnlich statisch und auf Dauer angelegt. Es will der Zeit einen historischen Moment entreißen und der kollektiven Erinnerung überantworten. Das Spezifische des von M+M entworfenen Leipziger „Freiheits- und Einheitsdenkmals“ besteht darin, dass es die mit dem Denkmal beschworene Freiheit als Anspruch an die Gegenwart versteht, den es immer wieder neu und aktiv einzulösen gilt. In seiner Anlage ist der Entwurf hochgradig partizipativ, das Denkmal wird zum Handlungsraum. Die Jury gab den Entwurf von M+M im Juli 2012 als Sieger des ausgeschriebenen Wettbewerbes bekannt. Seitdem entbrannte in Leipzig eine öffentliche Debatte, die nun politisch genützt wird, um durch denkwürdige Zusatzverfahren die Realisierung des Entwurfs zu verhindern. (http://www.leipzig.de/de/buerger/politik/denkmal/index.shtml)  

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Heinz Schütz: Wer Stadtraum sagt, denkt gewöhnlich an den begehbaren und befahrbaren Raum. Neben der physikalischen verfügt der Stadtraum jedoch auch über eine symbolische Dimension. Denkmale reichen in diesen symbolischen Raum hinein. Sie setzen Erinnerungszeichen, von denen erwartet wird, dass sie die ganze Stadt angehen. Was hat das von Euch entworfene „Freiheits- und Einheitsdenkmal“ mit Leipzig zu tun?  

M+M: Das Projekt „Siebzigtausend“ bezieht sich auf die Demonstrationen1989, insbesondere auf die maßgebliche Montagsdemonstration vom 9. Oktober in Leipzig, als 70 000 Demonstranten zusammen gekommen sind und erstmals den Stadtring umrundeten. Dieses Ereignis, dass 70 000 Individuen kollektiv eine Richtung einschlagen, ist der Ausgangspunkt für unser Denkmal. Aus dem Zusammenspiel zwischen dem Einzelnen und der Ansammlung als Gruppe erwächst die politische Dimension dieses Ereignisses, insofern ist der Stadtraum für uns hier ein politisches und soziales Bezugsfeld. An diesem Punkt setzt unser Denkmalentwurf an, den wir mit dem Berliner Architekturbüro ANNABAU entwickelt haben.  

Welchen Stellenwert hatte die Leipziger Demonstration im Gesamtgefüge der Demonstrationen, die es in anderen Städten ja auch gab?  

Leipzig spielte sicher eine besondere Rolle. Ausgehend von den Friedensgebeten in der Nikolaikirche fanden hier bereits seit Anfang September Montagsdemonstrationen statt. Der Widerstand wuchs kontinuierlich, die Anzahl der Demonstranten stieg immer weiter an und das Ganze kulminierte dann am 9. Oktober. Entscheidend dabei war, dass es zu keiner Gewaltanwendung und zu keinem Waffeneinsatz kam. Angesichts der Massen ließ man die Demonstranten – trotz ursprünglicher Gewaltandrohung – marschieren und zog sich zurück. Das wird gleichzeitig auch als der Anfang vom Ende des Regimes gesehen. Unsere Arbeit bezieht sich deshalb in erster Linie auf Leipzig. Sie ist dort am Ring, auf dem die Demonstration vorbeizog, verortet und greift mit der Anzahl ihrer Podeste die Zahl der Demonstrationsteilnehmer am 9. Oktober auf. Trotzdem handelt es sich um keine einfache Abbildung des singulären Ereignisses. Grundsätzlich sind die Fragen, die unsere Arbeit aufwirft, auch auf andere Städte übertragbar: Was wurde mit der friedlichen Revolution gewonnen und wie wird das Gewonnene weitergetragen? Für welche Ziele kann aktuell die Meinungsfreiheit, aber auch die Versammlungsfreiheit eingesetzt werden? Die praktische Umsetzung von theoretischer Freiheit kann ja auch heute noch zu gesellschaftlichen Veränderungen führen.  

Dabei kommt den portablen Podesten, die zu Beginn auf den 70 000 Farbfeldern stehen und dann verteilt werden, eine entscheidende symbolische und praktische Bedeutung zu?  

Die siebzigtausend Podeste, die zunächst den großen Platz bedecken, sind die mobile Komponente des Denkmals. Sie können von den Besuchern mitgenommen und wie ein kleines Rednerpodium zur Meinungsäußerung verwendet werden. Durch die Verteilung der Podeste strahlt der Platz konkret bis in die Wohnungen, in die Arbeitsplätze oder in andere öffentliche Räume Leipzigs aus – eventuell sogar über die Stadt hinaus. Gleichzeitig bleibt die Rückbindung an den Ursprungsort erhalten, denn analog zu den Podesten in sieben unterschiedlichen Farben, verbleiben siebzigtausend Bodenplatten in denselben Farben auf dem Platz. Die Farbauswahl bezieht sich ebenfalls auf die historischen Gegebenheiten des Jahres 1989. Sie greift Farbnuancen von Kleidungstücken auf, die die Demonstranten getragen haben, den Farbton der Bestuhlung im Leipziger Gewandhaus, das ja auch eine ganz zentrale Bedeutung hatte, aber auch das Grün der Reisepässe oder der Volkspolizei-Uniform. Den Farben liegt zusätzlich ein Code zugrunde, der jeder Farbe einen Buchstaben zuordnet, so dass sich aus den Farbverläufen die Begriffe „Freiheit“ und „Einheit“ entschlüsseln lassen.  

Der Farbeindruck ist eher bunt und fröhlich, ganz im Gegensatz zu dem Grau, das man allzu gerne mit der DDR in Verbindung bringt. Man denkt nicht an eine authentische Quelle.  

Die Farben sind jedoch in der Tat von historischen Fotografien abgleitet. Auf den von uns recherchierten fotografischen Dokumenten dieser Zeit waren die Kleider der Demonstranten, auch wenn sie meist im Dunkeln aufgenommen wurden, durchaus vielfarbig.  

Für die damaligen Demonstrationsteilnehmer ist die Erinnerung jedoch vor allem mit Ängsten verknüpft. Sie wussten nicht, ob sie, als sie am 9. Oktober das Haus verließen, mit Repressalien zu rechnen hatten oder ob sie unverletzt bzw. ob sie überhaupt zurückkommen würden. Diese Erfahrungen prägen die Erinnerung vieler Zeitzeugen und führen dazu, dass sich einige von ihnen mit unserem Farbfeld nicht anfreunden können. Die Farben in der subjektiven Erinnerung entsprechen offensichtlich nicht der fotografischen Erinnerung.  

Das heißt, nicht die kollektive oder subjektive Erinnerung, sondern die fotografische Überlieferung wird hier zum Maßstab?  

Uns ging es von vorneherein nicht darum, wie ein klassisches Denkmal die Vergangenheit abzubilden und womöglich die Gefühle der damaligen Zeit wiederzubeleben. Vielmehr sollte eine Brücke geschlagen werden zu den Möglichkeiten, die damals frei gesetzt wurden. Die friedliche Revolution ist so gesehen ein einmaliges und freudiges Ereignis. Der Duktus in unserer Arbeit widerspricht deshalb den klassischen Denkmälern mit ihrer häufig dunklen Massivität. Klassische Topoi der Denkmalkunst werden bei uns außer Kraft gesetzt und das irritiert natürlich enorm.  

Die Folge ist, dass das Farbfeld nicht unbedingt sofort als Denkmal wahrgenommen wird. Zumindest traditionell verbindet sich die Denkmalfunktion mit dem Anspruch, Vergangenes narrativ oder symbolisch verdichtet, sei es bildlich-figurativ oder mit Auf- und Inschriften, zu vergegenwärtigen.  

Was wir zur Verfügung stellen sind eigentlich Handlungsfelder – ausgehend von den grundsätzlichen Freiräumen, welche die friedliche Revolution eröffnet hat. Das Podest als möglicher Aktionsraum des Einzelnen und der Platz als Handlungsfeld gesellschaftlicher Art.  

Historisches taucht in Eurer Arbeit immer wieder als fotografisches respektive filmisches Bild auf. Wie Ihr bereits erwähntet, sind die Farbfeldfarben von Fotografien abgeleitet. Für das Deutsche Historische Museum entstand vor einiger Zeit eine markante Fotobearbeitung. Auf dem Foto einer Straßenkampfszene aus der Weimarer Zeit wurden die Kämpfer entfernt und wie auf einem Tatortfoto durch Nummern ersetzt. Man könnte die Nummern auch als eine Aktionsanweisung für spätere Akteure betrachten, die die Stelle der früheren einnehmen.  

Uns ging es hier insbesondere um die Frage, wie ein geschichtliches Ereignis in die Gegenwart transportiert wird. Wird es inszeniert oder rekonstruiert? Was bleibt von Zeitzeugen, von Menschen, die irgendwann einmal gelebt haben? Und welche historische Bedeutung kommt den verbliebenen Gegenständen zu, wenn die Menschen verschwunden sind? Interessant, dass Du bei dem Berliner Bild eine Art ‚Aktionsanweisung’ entdeckst.  

In der Architekturzeitschrift „Log 27”, sprach Mechtild Widrich über das Ereignis, das bei der Eröffnung des Denkmals in Leipzig eintritt, wenn die 70 000 Podeste verteilt werden. Sie sah auch darin ein Reenactment, ein Aufleben des geschichtlichen Ereignisses mit neuen Konnotationen und Bedeutungen.  

Man könnte auch von einer demokratischen, performativen Skulptur sprechen. Im Gegensatz zu den klassischen, meist Personen bezogenen Denkmälern und den Denkmälern von politischen Führern in sozialistischen Staaten, nehmen hier nun die Leipziger Bürger deren Stelle ein.  

Die Menschen werden zum lebendigen Teil des Denkmals. Und das ist genau die Irritation. Das Denkmal funktioniert dann, wenn es belebt wird. Sei es, dass auf dem Platz, durchaus auch spontan,Veranstaltungen und Versammlungen stattfinden, sei es, dass die Podeste, wo und wie auch immer zum Einsatz kommen.  

Bei völliger Offenheit des Gebrauchs besteht allerdings durchaus die Gefahr, dass das Politische des historischen Ereignisses untergeht und nicht mehr wahrgenommen wird. Der Hedonismus hat das politische Engagement verdrängt, die Partyzone ist begehrter als der Versammlungsort.  

Es ist vorgesehen, dass direkt nach der Eröffnung von „Siebzigtausend“ Veranstaltungen durchgeführt werden können – nicht von uns, sondern von den Bürgern. Dies können politische und diskursive Veranstaltungen sein, aber z.B. auch musikalische. Gerade in Leipzig wurde ja auch die freie Musikszene unterdrückt, man denke an die Beatdemo 1965. Und was immer auch dort veranstaltet wird, so bleibt der Platz immer dem spezifischen historischen Ereignis gewidmet.  

Um eine Musikveranstaltung im erwähnten Sinn politisch zu verstehen, bedarf es des geschichtlichen Wissens, das Denkmale gewöhnlich kaum vermitteln können, man denke etwa an das Berliner Holocaust-Denkmal, es wurde durch einen Informationsbau ergänzt.  

Ihr stellt den Handlungsaspekt in den Vordergrund. Worin liegt der Unterschied, ob ich ein Podest nur wahrnehme, oder ich es mir aneigne, mit nach Hause nehme und benutze?  

Der Gebrauch des Podestes ist eine Option. Man nimmt es mit wie ein Notizbuch, das man geschenkt bekommt. Jeder muss es dann selbst mit seinem Inhalt füllen.  

Die „Buchstation“ – eine von Euch für eine Schule realisierte Architekturinstallation – funktioniert ähnlich.  

Ja, zwischen den Arbeiten gibt es eine konzeptionelle Verbindung.  

Die „Buchstation“ besteht im Wesentlichen aus einem großen Regal, in dem leere Bücher stehen. Am Anfang des Schuljahres bekommen jeder neue Schüler ein Buch überreicht und kann es benutzen, wie er will: Für Notizen oder Zeichnungen, zur Dokumentation seiner Schulzeit oder auch als Freundschaftsbuch. Dadurch entstand zwischen den Schülern von Anfang an ein reger Austausch - auch darüber, wie sie das Buch verwenden. Nimmt man bei dem Leipziger Denkmal ein Podest mit, erhält man mit ihm gleichzeitig die Möglichkeiten, die in diesem Gegenstand angelegt sind. Das materiale Bruchstück des Denkmals interagiert sozusagen mit dem Besitzer und spricht von seinen Potentialen. Das ist ähnlich wie bei den Büchern der „Buchstation.“  

Ihr stellt den individuellen Umgang mit den Podesten in den Vordergrund. In diesem Sinne funktioniert etwa auch die Speakers´ Corner: Jeder kann sich äußern, das Resultat ist Glosollalie ohne politische Wirkung, da ein gemeinsames Ziel wie etwa bei den Leipziger Demonstrationen fehlt.  

Die Arbeit ist ja grundsätzlich auch nicht darauf angelegt, eine neue friedliche Revolution auszulösen. Grundsätzlich stellt sie jedoch – entgegen anderen Denkmälern – überhaupt einen Handlungsraum zur Verfügung, der gerade vor den historischen Hintergründen ihrer Entstehung durchaus als Anregung verstanden werden soll.  

Betrachtet man die sozialen und systemischen Implikationen des andauernden Banken- und Börsenskandals, wäre die Fortsetzung der friedlichen Revolution durchaus ein Thema. Eine andere Frage: Nach dem die Entscheidung für Euren Entwurf gefallen war, hat sich eine durchaus paradoxe Situation ergeben: Das Denkmal ist auf Partizipation angelegt und doch findet eine Debatte über Partizipationsdefizite statt. Dabei geht es um Mitbestimmung darüber, welches Denkmal überhaupt realisiert werden soll.  

Es gab im Vorfeld bereits einen lang andauernden Prozess, der zur Wettbewerbsausschreibung geführt hat, und dieser schloss alle Generationen mit ein. Die Zeitzeugen ebenso wie die junge Generation. Die hier erarbeiteten Kriterien und Meinungen flossen in einen Katalog von Anforderungen ein, d.h. bereits das Wettbewerbsprozedere nahm Partizipation sehr ernst. Dann fällte eine Jury aus Fachjuroren, aber auch aus Politikern und Zeitzeugen die eigentliche Entscheidung über den zu realisierenden Entwurf. Ob man den Einsatz einer Jury als Partizipationsdefizit bezeichnen will, sei dahin gestellt. Schlussendlich entbrannte danach aber wieder eine Diskussion, wie die Bürger noch weiter an dem Entscheidungsprozess beteiligt werden können.  

Nachdem es in den Medien rumorte, hat die Stadt Leipzig einen Blog eingerichtet, in dem über die von der Jury nominierten Arbeiten diskutiert werden konnte.  

Ja und das Ergebnis ist zweifellos äußerst spannend und ebenso verquer: Unser Denkmal will die Bürger mit einbeziehen, der städtische Blog hat sie einbezogen und viele, die sich dort äußerten, standen der Arbeit gerade kritisch und ablehnend gegenüber, weil sie keine Arbeit wollten, in die sie einbezogen werden. Derartige Erfahrungen lassen sich nicht so einfach konstruktiv auf die Arbeit übertragen. Auffallend ist die Dynamik der Meinungsbildung in Blogs, auf die die Politik ungewöhnlich stark reagiert, obwohl sich auch hier nur eine gewisse Anzahl von Leuten zu Wort melden. Häufig haben sich gerade Personen, die sich für unser Projekt begeistern, dort gar nicht geäußert. Die große Mehrheit machte sich über das Internet-Forum Luft und nutzte es, anonymisiert dazu Frust abzulassen, wobei es auch generell um die Entwicklungen nach 1989 ging.  

Wo endet die Mitbestimmung? Es ist möglich, über einen bestehenden Entwurf abzustimmen, aber im Endeffekt ist es unmöglich, dass eine halbe Million Leipziger gemeinsam einen Entwurf erarbeiten.  

Künstler wie Komar und Melamid haben bereits auf ironische Art und Weise vor Augen geführt, was passiert, wenn man Kunst nach demokratischen Meinungsumfragen realisiert.  

Der Leipziger Entwurf ist im Kontext Eurer Arbeit ein für den öffentlichen Raum bestimmtes Projekt neben anderen. Wo setzen Eure Überlegungen an, wenn es um den öffentlichen Raum geht?  

Wir gehen weniger von der Platz- oder Stadtarchitektur aus. Stattdessen halten wir nach Systemen und Strukturen Ausschau, die unser Zusammenleben eher unterschwellig bestimmen, wie z.B. das Autobahnnetz, das Körperinnere oder auch Informationssysteme.  

Sie sind scheinbar selbstverständliche, aber auch bestimmende Teile unseres Alltagslebens. Diese oft hermetischen Systeme und Netzwerke versuchen wir– teils mit Techniken der Assimilation – subtil zu infiltrieren, Nischen in sie einzufügen und sie als Orte heutiger Öffentlichkeit zu outen. Wir machen dabei mit Fachleuten, die allein in diesen abgeschlossenen Systemen etwas ausrichten können, gemeinsame Sache. In diesem Sinne ermöglicht unsere Projekt „Autobahnschleife“ dem Autofahrer die Möglichkeit, an einem ausgesuchten Abschnitt der Autobahn von ihr abzufahren, eine 360-Grad-Kurve zu beschreiben, um danach wieder auf die Schnellstraße zurückzukehren. Mit „Abgabe/Eingabe“ sind wir in den menschlichen Körper eingedrungen durch den Einbau einer signierten Hüftprothese und durch das Spenden von Samen und Blut. In die neoliberalen „Schweizer Monatshefte“ „implantierten“ wir eine eigene Zeitung mit der Rede von Johannes Paul II zur Heiligsprechung des erzkonservativen „Opus Dei“ Gründers Josemaría Escrivá. Das hatte allerdings zur Folge, dass die Zeitung im Auftrag der Geldgeber eingestampft wurde.  

Eine ähnliche, von uns herausgegebene Zeitung mit der Rede Bushs zur Festnahme von Saddam Hussein vertrieben wir dann exklusiv über einen eigens reaktivierten alten Kiosk.  

„Dance with me, Germany“ griff den medialen Hype um einen jungen türkischen Straftäter, „Mehmet“ genannt, auf. Mit einem Film, der im öffentlichen Raum vorgeführt wurde, habt Ihr die Debatte aus den Medien heraus in die Münchner Stadtteile zurückgeführt.  

Wir haben inzwischen mehrfach erlebt, was geschieht, wenn die Auseinandersetzung der Medien mit einem kritischen Thema wieder in einen realen Raum übertragen wird: man bekommt leicht große Schwierigkeiten. Für „Dance with me, Germany“, eine Art Wanderkino mit mehreren Leinwänden, haben wir ein Aufführungsverbot in Neuperlach erhalten, da die örtlichen Politiker annahmen, wir wollten dem Jugendlichen in seiner alten Heimat ein Denkmal setzen.  

„Call Sciopero“ („Streikaufruf“) greift Bilder aus der Filmwelt auf.  

Wir beziehen uns hier auf einen sehr kurzen Ausschnitt aus Antonionis Film „Rote Wüste“, in dem mit einem Fiat 600 zum Streik aufgerufen wird. Das Fahrzeug wirkt im Italien der sechzigerjahre als Streikfahrzeug authentisch. Wir haben genau den gleichen Seicento gefunden, ihn als Streikfahrzeug - mit Megafonen und Dachgepäckträger - rekonstruiert und sind dann mit ihm durch Essen gefahren. Dann haben wir mit dem Text aus Antonionis Film vor den großen Firmen zum Streik aufgerufen. Das war eine Don Quijoterie. Es war ein Zeitsprung, bei dem Ideologien und Utopien aus einer anderen Zeit heraus in die Gegenwart und aus dem Film in die Realität übertragen wurden. Was uns interessiert sind die Bilder mit und in denen man lebt. Wir sind Kino- und Filmfreaks, die Filmbilder rücken ganz nah an unsere Lebensrealität heran und erzeugen eine Melange aus Wirklichkeits- und Bilderlebnissen. Wo geht das eine in das andere über? Wie wirkt sich die filmische oder dokumentarische Darstellung auf unsere Wirklichkeit aus? Mehmet oder Johannes Paul nehmen in den Nachrichten fiktive Züge an. Wie verbindet man sie wieder mit der Wirklichkeit, aus der diese Bilder stammen, wie holt man sie physisch herüber aus der Medienrealität, aus der sie kommen, in unsere Wirklichkeit?  

Da sind wir wieder beim Leipziger Denkmal gelandet.  

Ja, wir kennen die Geschichtsereignisse aus den Medien, aus der Fotografie, aus der historischen Berichterstattung, aber was passiert, wenn man sie wieder auf dem Platz ins Leben ruft?  

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