Band 210, 2011, Titel: 54. Biennale Venedig, S. 170

Susanne Gaensheimer

Warum Gott Christoph Schlingensief ängstigte

Ein Gespräch von Heinz-Norbert Jocks

Deutschland: Christoph Schlingensief / Kommissar: Susanne Gaensheimer

Susanne Gaensheimer, 1967 in München geboren, Kunsthistorikerin und Kuratorin, studierte Kunstgeschichte in München und Hamburg. Von 1995 bis 1996 absolvierte sie das Independent Study Programme des Whitney Museum of American Art in New York. 1998 wurde sie mit dem Thema „Sexualität und Destruktion. Aspekte der Gewalt im Werke Bruce Naumans“ promoviert. 1998 bis 1999 absolvierte sie ein wissenschaftliches Volontariat an der Städtischen Galerie im Lenbachhaus in München. 1999 bis 2001 war sie Direktorin des Westfälischen Kunstvereins in Münster. Von 2001 bis 2008 leitete sie die Sammlung für Gegenwartskunst in der Städtischen Galerie im Lenbachhaus. als Nachfolgerin von Udo Kittelmann, ist sie seit 2009 Direktorin des Museums für Moderne Kunst (MMK) in Frankfurt/Main. Nun kuratierte sie den deutschen Pavillon, der ursprünglich von Christoph Schlingensief gestaltet werden sollte. Der von Gaensheimer und Schlingensiefs Witwe Aino Laberenz mit einem umfangreichen Team postum eingerichtete Pavillon erhielt den „Goldenen Löwen". Mit ihr sprach Heinz-Norbert Jocks über Ihre Neigung zu Christoph Schlingensief.  

***  

Heinz-Norbert Jocks: Eigentlich war doch absehbar, dass Schlingensief wegen seiner schweren Erkrankung an der Biennale nicht unbedingt teilnehmen können würde.  

Das kann man natürlich so sagen. Aber dann könnte man auch bei Louise Bourgeois sagen, die lade ich zu keiner Ausstellung mehr ein, weil sie 93 Jahre alt ist. Naiver Weise war es aber tatsächlich so, dass weder er noch ich wirklich daran dachten, er würde sterben. Natürlich stand die Möglichkeit im Raum, aber nicht so, dass wir sie dezidiert besprochen hätten. Wir redeten nicht darüber, was wir konkret tun würden, wenn das eintreten sollte. Und die Krankheit war für mich absolut kein Grund, ihn nicht einzuladen. Denn die Entscheidung beruhte ja auf meiner Überzeugung, und die Möglichkeit des Sterbens hat diese nicht geschmälert.  

Hatte die Tatsache, dass er so schwer krank war und das Ende auch für ihn ein Thema war, keinen Einfluss auf die Wahl? Im Sinne der letzten Möglichkeit beispielsweise?  

Nein, überhaupt nicht. Es gibt eine ganze Reihe von Gründen, warum ich Christoph Schlingensief eingeladen habe. Es war übrigens nicht meine erste Entscheidung. Ich habe lange hin- und herüberlegt, denn ich musste für mich ein paar grundsätzliche Fragen klären. Zum Beispiel: Worum geht es mir als Kuratorin bei einer Ausstellung im deutschen Pavillon? Was sehe ich da als meine Aufgabe an? Eine der ersten Fragen, mit der ich mich lange auseinandersetzte, war, ob ich mich wie Nikolaus Schafhausen über das Thema der nationalen Repräsentation hinwegsetzen und irgendeine/n Künstler/in nehmen soll. Oder möchte ich nicht doch mit einer/m Künstler/in arbeiten, der oder die in irgendeiner Weise repräsentativ für die Kunst und Kultur in Deutschland ist. Letztendlich entschied ich mich dafür.  

Warum?  

Weil ich finde, dass dies das eigentliche Thema des deutschen Pavillons ist. Es ist nicht irgendein Ort, sondern dient der Repräsentation eines Landes im internationalen Kontext der Biennale. Mich darüber hinwegzusetzen, fände ich willkürlich. Folglich wollte ich mich in kritischer Weise dieser Thematik stellen und natürlich keinen Künstler zeigen, der das Thema des Nationalen affirmativ behandelt,.  

Bezogen darauf stellt sich wohl die Frage, ob es eine deutsche Identität gibt.  

Dass es so etwas gibt wie eine „nationale Identität“, lässt sich vielleicht nicht einfach abtun. Ich finde es aber viel interessanter, zu untersuchen, worauf man stößt, wenn man sich damit beschäftigt.  

Worauf nämlich?  

Das ist nicht mit einem Satz zu beantworten. Man stößt auf allerlei. Christoph Schlingensief ist für mich interessant, weil es ein Künstler meiner Generation ist. Das heißt, die von ihm behandelten sind auch meine Themen. Was die ideologische Konnotation des deutschen Pavillon betrifft, so hört die nicht mit den Nazis auf. Schlingensief widmete sich den zentralen politischen und gesellschaftlichen Themen unserer heutigen Gegenwart. Darüber hinaus fand ich sehr gut, dass er mit seinem Afrika-Projekt die gleichen Fragestellungen in einem transnationalen Kontext rückte und auf diese Weise eine Brücke schlug. Wie verhalten wir uns der Dritten Welt gegenüber? Es ging ihm beim Pavillon auch um die Themen „Exotismus“ und „Eurozentrismus“.  

Könnten Sie einmal jemandem, der nichts über Schlingensief weiß und auch nichts von ihm kennt, erklären, worum es ihm geht?  

Das ist sehr komplex, da sein Werk drei Dekaden überspannt. In seinen politischen Filmen ist es die Deutsche Geschichte, auch die Nazis. In seiner Deutschland-Trilogie behandelt er die Wiedervereinigung und den Terrorismus. Schön sind auch frühe Filme wie „Egomania“ oder „Menu Total“. „Egomania“ ist überhaupt nicht politisch. Da geht es primär um ihn selbst, die inneren und existentiellen Fragen, die ihn bewegten, wie die, ob er selbst zur Liebe fähig sei. Mit dem, was er machte, rief er in den Leuten oft negative Reaktionen hervor. Er wollte nicht bewusst provozieren, aber er hat mit dem, was er machte und sagte, in seiner Direktheit eben auch viele provoziert. Das führte irgendwann dazu, dass er darüber nachdachte, wie und wer er selbst überhaupt sei. Ein Film wie „Menu Total“ war ihm besonders wichtig und hatte für ihn eine geradezu therapeutische Funktion. Er ist wahnsinnig exzessiv und skatologisch, denn es geht um Fressen, Kotzen usw. Er spricht da von dem „inneren Drecksloch“, dem er nachspürt. Daran gefällt mir die Überlegung, dass auch ein Land einen Abgrund in sich hat. Auch Deutschland hat durch seine Geschichte ein „inneres Drecksloch“, und ich finde, dass dieser Film, in dem auch die Hitler-Figur auftritt, gut in den deutschen Pavillon passt.  

Wieso wählten Sie Schlingensief für die Biennale, wo er doch kein bildender Künstler ist?  

Ich habe das nie so gesehen. Für mich ist er ein Künstler, der in den verschiedensten Medien arbeitete. Davon habe ich mir auch eine besonders spannende Herangehensweise an den Pavillon erhofft, denn dieser hat eine so belastete Rezeptionsgeschichte, auch dadurch, dass wir alle immer alles gesehen haben. Es wurde zu oft rezipiert und kritisiert. Für die bildende Kunst ist es ziemlich schwierig, mit dem Gebäude unbefangen umzugehen. Es lag mir auch daran, einen Künstler einzuladen, der einen freieren Zugang hat, und Christoph schien mir da sehr geeignet zu sein, weil er den einzelnen Institutionen wie Film, Theater, Oper und Kunst gegenüber immer sehr kritisch eingestellt war. Er hat die Mechanismen, die diese Institutionen prägen, sofort durchschaut und hinterfragt. Nehmen wir die Figur des Kurators! Ich wäre mit Sicherheit auch nicht mit einem blauen Auge davon gekommen, wenn er alles noch selbst erlebt und gemacht hätte. Er war jemand, der sehr rasch Situationen analysierte, all die Eitelkeiten erkannte, die da im Spiele waren, und über ein ganz sicheres Qualitätsurteil verfügte. Über die Performancekunst machte er sich immer lustig, weil er, aus dem Theater kommend, einen hohen Anspruch an die Performance, das Darstellen hatte. In der Kunst wirkt da doch manches recht lapidar. Mir sagt auch sein spezieller Humor zu. Nie brühernst, machte er alles mit Charme und Witz. Sowohl seine Theater- als auch seine Operninszenierungen und auch die Filme bringen einen wirklich zum Lachen. Das ist nicht nur provokativ und hart, sondern auch amüsant.  

Lässt sich seine Form des subversiven Humors beschreiben?  

Schlingensief war ein Künstler, der Verhaltensweisen überzeichnete oder zugespitzt darstellte. Bei seinem letzten Stück „Via Intolleranza II“ konnte man gleichzeitig lachen und heulen, weil es wahr und bitter und zugleich sehr witzig ist. Dazu ein Beispiel: Da zerschneiden seine afrikanischen Freunde auf der Bühne das Papier, um etwas zu bauen, und dann geht er hin und sagt: „Hey, das ist Papier! Seht Ihr das nicht?“ Daraufhin erklärt er den Afrikanern, was Papier ist, und zwar in genau der patronisierenden Art und Weise, wie man sich vorstellt, dass ein Westler, der glaubt, die Zivilisation für sich gepachtet zu haben, zu einem spricht, von dem er denkt, dass er unzivilisiert ist. Das war sehr komisch, ist aber zutiefst ernst, weil es den Punkt genauestens trifft. So geht er auch in Filmen wie dem „Deutschen Kettensägenmassaker“ und „Terror 2000“ vor.  

Was wollen Sie mit der Ausstellung erreichen?  

Ich will vor allem seine Arbeit in einem internationalen Kontext zeigen. Das klingt, als hätte ich einen niedrigen Anspruch. Aber das ist tatsächlich mein primäres Ziel. Zusammen mit Aino Laberenz und anderen engen Mitarbeitern von Christoph hatten wir dann lange überlegt, ob wir seine Ideen, die er für den Pavillon entwickelt hatte, nach seinen Vorstellungen umsetzen sollen. Wir entschieden uns aber dagegen, weil wir fanden, dass wir das ohne ihn nicht zu Ende bringen können. Die Idee war dann, sein Werk zu zeigen, aber natürlich nicht in seiner Gänze. Dazu hätte es einer zwei- oder dreijährigen Recherche bedurft. Zudem ist der Pavillon zu klein und das Werk zu umfangreich. Es geht überhaupt nicht. Jetzt, neun Monate nach seinem Tod finde ich es wichtig, die diversen Aspekte und die Vielschichtigkeit seines Werks darzustellen. Dabei spielen verschiedene Themen eine große Rolle. Bewusst entschieden wir uns für die Bühneninstallation seines Fluxusoratoriums „Die Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“. Zum einen, weil es eines seiner persönlichsten Stücke ist, in dem er über seine Krankheit ebenso arbeitet wie über seinen Glauben und seinen Zweifel daran. Es geht aber auch noch um ganz andere Themen wie seine Beschäftigung mit Beuys, Fluxus und Wagner. Ich hoffe, dass man sich sein Werk aufgrund dieser Präsentation einmal genauer ansieht, damit man erkennt, wie unglaublich ernsthaft Schlingensief als Künstler war.  

Das hätte ich gerne etwas genauer und detaillierter. Könnten Sie das einmal so ausführen, dass sich jemand, der die Arbeit überhaupt nicht kennt, da besser hineinversetzen kann?  

Im Hauptraum des Pavillons haben wir die Bühne seines Stücks „Die Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“ rekonstruiert. Er nannte das ein Fluxus-Oratorium, weil er sich da nicht nur mit seiner Krankheit, sondern auch mit Joseph Beuys und der Fluxusbewegung beschäftigt hat. Er schrieb das 2008 bei der Ruhr-Triennale uraufgeführte Stück kurz nach seiner Lungenoperation und nach seiner Chemotherapie. Als Bühne rekonstruierte er seine Oberhausener Kirche, in der er viele Jahre als Kind Ministrant war. Sie hat ihn sein Leben lang begleitet. Zum Schluss fand dort auch die Trauerfeier statt. Vor der Kulisse seiner Kirche thematisiert er diverse Themen. Neben der Angst vor dem Sterben auch das Ringen mit dem Tod und die Hoffnung. Nach der Chemotherapie war er wieder voller Zuversicht. Ganz stark kommt auch das Martyrium seines leiblichen Daseins zur Sprache, also das, was Joseph Beuys Leidwesen nannte. Über der Bühne ist ein Triptychon mit drei Filmprojektionen zu sehen, und an den Wänden befinden sich zwölf 16mm Projektoren. Dort laufen die Fluxus-Filme. Das Filmtriptychon ist ein Zusammenschnitt ganz unterschiedlicher Dinge. Dort sieht man neben alten Filmen aus der Kindheit, in denen man ihn mit seinen Eltern erlebt, auch späte, von ihm selbst gedrehte Filme, in denen u.a. sowohl er selbst als auch jemand anderes als Joseph Beuys auftritt. Außerdem gibt es Texte aus der Bibel und Zitate von Joseph Beuys. Zudem auch einen Film, den er nie zuvor gezeigt und damals gemacht hat, als er den Film „Freaks“ von Tod Browning als Oper inszenieren sollte. Für diesen Zweck drehte er in Schwarzweiß eine Kreuzigung mit einem körperlich behinderten, durch Contergan geschädigten jungen Mann, der von Kleinwüchsigen gemartert wird. Dazu hört man liturgischen Gesang. Aufgrund der Darstellung und der Musik entwickelt man ein ungeheuer starkes Mitgefühl. Man sieht, was das Martyrium des körperlichen Daseins eigentlich bedeutet, stärker als in jeder Kreuzigungsszene des 15.Jahrhunderts. Der Zusammenschnitt enthält außerdem Szenen aus seiner Parsifal-Inszenierung wie die Hasenverwesung, die Alexander Kluge damals für ihn gemacht hat. Am Ende dieser Sequenz, dem Höhepunkt der Verwesung, hört man parallel dazu das Erlösungslied aus dem Parsifal und sieht auf den Außentafeln des Triptychon eine Geburt, ein Kind tritt aus dem Körper heraus. Das ist sehr bewegend, ohne pathetisch zu sein. Das gelingt ihm durch seinen ganz bestimmten, einzigartigen Stil.  

Wie war sein Verhältnis zu Beuys?  

Das kann ich Ihnen nicht eindeutig beantworten. Ich weiß von ihm, dass er sich intensiv mit Joseph Beuys auch im Sinne eines Abgleichs beschäftigte und dass er mit ihm ähnlich wie mit allen anderen Autoritäten wie Gott oder Staat rang. Dieses Ringen fand in sehr zerstörerischer Form statt. Die Szene, in der er, verkleidet als Joseph Beuys, die Fett-Ecke in einer exzessiven Performance nachmacht, ist deshalb doppelbödig. Zwar wird deutlich, wie sehr er sich identifiziert. Evident ist aber auch, wie heftig er damit ringt. Er sucht nach einer Haltung dazu. In der Auseinandersetzung mit Gott und seinem Glauben gibt es immer auch Momente von Blasphemie.  

Würden Sie ihn als Anarchisten bezeichnen?  

Wenn, dann war er ein gläubiger Anarchist. Bezogen auf seinen Glauben und seine katholische Prägung war er nicht unabhängig.  

Werner Schroeter, der ebenfalls an Krebs starb, konnte gut Abschied nehmen, weil er an Gott glaubte. Darüber sprachen wir zu meiner Verwunderung ein paar Monate vor seinem Tod in Paris.  

Da hatte er Glück. Denn Schlingensief hatte große Angst vor dem Sterben unter anderem deshalb, weil er an einen strafenden Gott glaubte und Angst vor ihm hatte.  

Ein Unterschied zwischen beiden war, dass Schroeter die Erkrankung nicht an die große Glocke hing, während Schlingensief und auch Jörg Immendorf das stark nach außen kehrten. Man spürte daran, dass sie ein Problem mit dem Sterben hatten. Man stemmte sich laut gegen den Tod, weil man ihn am liebsten vertrieben hätte.  

Ich glaube, Schlingensief hatte weniger Angst vor dem Tod als vor der Strafe Gottes. Er hatte dieses fast naive katholische Bild. Er glaubte daran.  

Seltsam ist, dass er sich davon trotz seiner kritischen Potenz nicht emanzipieren konnte.  

Deswegen musste er ja die ganze Kritik und Blasphemie immer wieder aufrollen. In dem Versuch, eine Position zu finden, alles immer wieder zu hinterfragen und zu zerstören, steckte ein Versuch der Befreiung.  

Finden Sie das nicht irritierend? Wer sich so dagegen stemmt, bleibt doch im Bann des Kritisierten.  

Ich verstehe das gut. Ich komme auch aus einem katholischen Elternhaus in München und merke, wenn auch nicht in dieser extremen Form, wie bestimmte Glaubensätze einen nicht in Frieden lassen. Nehmen Sie nur die Frage der Schuld! Man wächst einfach auf in dem Bewusstsein des Schuldseins. Dazu gibt es in meiner Sicht keine Alternative.  

Klingt da Ihre Affinität zu Schlingensief als Kuratorin an?  

Vielleicht, aber das stand nicht im Vordergrund, überhaupt nicht. Denn die Stücke, in denen es um seinen Glauben geht, kannte ich noch gar nicht so gut, als ich ihn eingeladen hatte. Aber womöglich gab es eine unbewusste Ahnung. Für mich ist es eine absolute Wohltat, seine Werke zu sehen. Sie wirken auf mich fast so kathartisch wie die von Paul McCarthy oder Andreas Hofer. Wenn jemand die Abgründe nach oben holt, hat das etwas Befreiendes.  

Sie sollten die „Gottesvergiftung“ von Tilmann Moser lesen. Spielen Sie mit dem, was Sie machen, auf den von Beuys bespielten Deutschen Pavillon an?  

Nein, es hat damit überhaupt nichts zu tun. Die Bezüge zu Beuys sind einfach Teil der Bühneninstallation. Wir haben sie komplett so, wie sie war, in den Pavillon gebaut. Natürlich modifizierten wir sie räumlich, denn Schlingensief hatte sie ja ursprünglich in einer Duisburger Turbinenhalle aufgebaut. Das war etwas vollkommen anderes. Nun verwendeten wir nicht jedes Requisit, aber die wichtigsten Dinge wie die Beuys-Ecke mussten hinein.  

Jetzt repräsentiert der Deutsche Pavillon die deutsche Kultur an einem von der internationalen Öffentlichkeit wahrgenommenen Ort. Was wollen Sie mit dem deutschen Betrag der Welt über den Stand der deutschen Kultur sagen?  

In erster Linie möchte ich ein internationales Publikum mit dem Werk von Schlingensief vertraut machen. Mir liegt daran, dass seine Bilder in den Kanon der bildenden Kunst eingehen. Man muss endlich erkennen, dass man um diese Bilder nicht herumkommt. Sie sind ungeheuer wichtig und sollten Teil unseres kollektiven Bildgedächtnisses werden. Vor allem die Filmbilder zeugen von einer großen visuellen Kraft. Schon allein die Kameraführung und die Farben, und wie er mit den Filmformaten umgeht. Bei den 16mm Filmen wie „Menu Total“ oder „100 Jahre Adolf Hitler“ hat er ganz bewusst mit der Grobkörnigkeit des Materials gespielt. Er liebte diese spezifische Schwarzweißästhetik, die fast etwas vom deutschen Expressionismus, etwas Abstraktes hat. Das alles wurde im Bereich der Kunst immer nur peripher wahrgenommen. Klar kennt man seine Filme im deutschsprachigen, allerdings nicht so sehr im internationalen Raum, und gerade deswegen wollte ich sie hier zeigen. Mir liegt aber auch daran, dass man sowohl seinen Film- als auch den Bildern seiner Theaterfilme auch bei uns einen höheren Stellenwert einräumt. Was wir hier zeigen, ist allerdings nur ein minimaler Ausschnitt, eine erste Kostprobe. Und wenn seine Werke rückwirkend etwas über den Zustand der Kunst und Kultur in Deutschland aussagen, dann ist das nur gut.  

Was ist durch die Einbeziehung von Schlingensief in den Kontext der Bildenden Kunst gewonnen?  

Wenn die Kunst – wie im Rahmen dieser ganzen Diskussion darum, ob Schlingensief ein bildender Künstler war oder nicht - vorgibt, vom Film nicht fundamental beeinflusst zu sein, so ist das eine völlig falsche Sicht und naiv. Gerade der Film ist eines der absolut fetischisierten Nachbarmedien in der Gegenwartskunst und von zentraler Bedeutung. Man beschäftigte sich jahrelang mit Alfred Hitchcock oder Rainer Werner Fassbinder, und da muss man sich eben auch mit Schlingensief befassen. Die Kunst besteht nicht nur aus Malerei oder Skulptur.  

Welche Aspekte treten nach vorn, wenn man einen Blick auf Schlingensief im Kontext der Kunst wirft?  

Mich stört dieser Hang zur Abgrenzung. Wenn „Mea Culpa“ am Burgtheater aufgeführt wird, so ist das selbstverständlich Theater, und trotzdem sehe ich da Bilder und Zusammenhänge, die meinen visuellen, geistigen und gesellschaftskritischen Horizont insgesamt und damit auch meine Auffassung der bildenden Kunst erweitern. Das gilt auch für Musik und Film. Auch in der Kunst sind längst bewegte Bilder eingeflossen. Die ganzen 80er Jahre waren von Film und Video geprägt.  

Kannten Sie Schlingensief bereits vor Ihrer Entscheidung?  

Sein Werk kenne ich schon lange, aber persönlich hatte ich ihn noch nicht kennen gelernt. Ich hatte zum Schluss noch drei Personen, über die ich für den Pavillon nachdachte und die ich noch einmal treffen wollte. So besuchte ich auch ihn. Das war das erste Mal, dass wir uns persönlich kennenlernten Wir sind über drei Stunden zusammengesessen, und am Ende lud ich ihn ein.  

Wie erlebten Sie ihn?  

Er war nicht gut in Form und brauchte sehr lange, um sich gesprächsfertig zu machen, und fragte mich, ob ich eine Stunde später kommen könnte. Dann tranken wir Tee und sprachen, wobei er im Reden eine unglaubliche Lebendigkeit und Präsenz entwickelte. Nachdem wir lange über anderes gesprochen hatten, redeten wir schließlich allgemein über die Biennale. Was er über den Pavillon sagte und wie er ihn sah, überzeugte mich. Dabei redete er eher vor allem darüber, was er in den letzten Jahren nicht gut fand. Über Monumentalität sprachen wir ebenso wie darüber, dass man den Ort einmal anders nützen müsste, anstatt sich darin selbst zu monumentalisieren. Vor allem der Ort war unser Thema.  

Seit wann verfolgt Schlingensief Sie?  

Schon seit den frühen 90er Jahren in München. Da war ich viel im Werkstattkino. Ich habe mich schon immer sehr für Film interessiert, wenn ich auch Kunstgeschichte studierte. Damals sah ich seine Filme zum ersten Mal. Aber auch seine anderen Arbeiten haben mich über all die Jahre irgendwie begleitet.  

Es geht Ihnen offenbar nicht um einen rein kunsthistorischen Blick.  

Das mag so sein. Wenn ich keinen inneren Bezug zu der Arbeit eines Künstlers herstellen kann, so ist es für mich völlig unmöglich, mit ihm zu arbeiten. Da muss etwas sein, was mich anspricht. Schon seit Jahren interessieren mich auch total gegensätzliche Künstler wie Liam Gillick oder Sarah Morris. Ausschlaggebend für meine endgültige Entscheidung war der Wunsch, dass jemand an diesem Ort etwas anderes macht, dass er ihn verwandelt und zersetzt. Dass da ein Geschehen stattfindet, welches das Gebäude in sich zusammenfallen lässt. Das ist natürlich etwas übertrieben formuliert, aber es war klar, dass es seinem Charakter zuwiderlief, sich an dem Ort selbst zu monumentalisieren. Mir lag an dem sozialen Gedanken, der bei ihm in den letzten Jahren immer wichtiger geworden war. Ich wollte keinen durchgestylten Pavillon, sondern einen Künstler, der keine Angst vor diesem Ort hat. Seine Direktheit, Radikalität und Aufsässigkeit gefielen mir. Das entspricht vielleicht auch ein bisschen meiner inneren Haltung. Mich würde es nicht interessieren, mit jemandem zu arbeiten, der keine eigene Position hat, da kann ich auch gleich ins Kaufhaus gehen, um dort Poster für den Pavillon zu kaufen.  

www.deutscher-pavillon.org  

Autor
Heinz-Norbert Jocks

* 1955, Düsseldorf, Deutschland

weitere Artikel von ...

Wichtige Personen in diesem Artikel
Susanne Gaensheimer

* 1967, München, Deutschland

weitere Artikel zu ...

Joseph Beuys

* 1921, Krefeld, Deutschland; † 1986 in Düsseldorf, Deutschland

weitere Artikel zu ...

Aino Laberenz

* 1981, Turku, Finnland

weitere Artikel zu ...

Christoph Schlingensief

* 1960, Oberhausen, Deutschland; † 2010 in Berlin, Deutschland

weitere Artikel zu ...

Weitere Personen
Louise Bourgeois

* 1911, Paris, Frankreich; † 2010 in New York, Verein. Staaten

weitere Artikel zu ...

Rainer Werner Fassbinder

* 1945, Bad Wörishofen, Deutschland; † 1982 in München, Deutschland

weitere Artikel zu ...

Liam Gillick

* 1964, Aylesbury, Grossbritanien

weitere Artikel zu ...

Alfred Hitchcock

* 1899, Leytonstone, Grossbritanien; † 1980 in Los Angeles, Verein. Staaten

weitere Artikel zu ...

Andreas Hofer

* 1963, München, Deutschland

weitere Artikel zu ...

Udo Kittelmann

* 1958 , Düsseldorf, Deutschland

weitere Artikel zu ...

Alexander Kluge

* 1932, Halberstadt, Deutschland

weitere Artikel zu ...

Paul McCarthy

* 1945, Salt Lake City, Verein. Staaten

weitere Artikel zu ...

Sarah Morris

* 1967, London, Grossbritanien

weitere Artikel zu ...

Bruce Nauman

* 1941, Fort Wayne, Verein. Staaten

weitere Artikel zu ...

Werner Schroeter

* 1945, Georgenthal, Deutschland

weitere Artikel zu ...

Biennalen
Biennale Venedig

I – Italien

weitere Artikel zu ...