Band 198, 2009, Titel: 53. Biennale Venedig, S. 182

Michael Elmgreen & Ingar Dragset

The Collectors

Ein Gespräch von Heinz-Norbert Jocks

Das norwegisch-dänische Künstlerpaar Michael Elmgreen, 1961 in Kopenhagen geboren, und Ingar Dragset, 1969 im norwegischen Trondheim, zählt zu den international angesagtesten Künstlern der letzten Jahre. Mit ihrem medial breit angelegten Werk (Objekte, Performances, raumgreifende Installationen und Environments), das sich mit konventionellen Mustern der Raumwahrnehmung auseinandersetzt, bewegen sie sich im Grenzbereich zwischen Kunst, Architektur und Design. Mit subtiler Ironie und Leichtigkeit legen sie offen, wie sehr das Leben des Einzelnen den Kontrollmechanismen einer weißen und heterosexuell dominierten Gesellschaft unterworfen ist. Zum Publikumsmagneten wurde nun auf der Biennale der von ihnen kuratierte dänische und nordische Pavillon, den sie unter dem Motto „The Collectors“ auf ungewöhnlich-subversive Weise bespielen. Bei den Dänen steht das ganze Haus zum Verkauf. Hinter dem, was da als Memento des Immobiliendebakels inszeniert ist, verbirgt sich eine Kritik an der bürgerlichen Familie. Nebenan, bei den Skandinaviern, schwimmt hingegen im Pool ein tote Sammler, während in dessen Haus, als ging es sie nichts an, die Lover, seine Echt-Knaben, herumlungern. Da der Andrang auf die Pavillons so groß war, fand nur Michael Elmgreen die Zeit für ein Gespräch, und Heinz-Norbert Jocks ergriff die Gelegenheit.  

Wie kam es dazu, dass du zusammen mit Ingar Dragset Kurator sowohl des nordischen als auch des dänischen Pavillons geworden bist?  

Da wir gleichzeitig sowohl von dem norwegischer Kunstrat, der für den Nordischen Pavillon zuständig ist, als auch vom dem dänischen Kunstrat beauftragt wurden, dachten wir, es wäre lächerlich, zwei verschiedene, miteinander konkurrierende Ausstellungen zu machen. Hier in dem einen Pavillon eine Soloausstellung und dort in dem anderen noch eine andere Ausstellung, die wir kuratieren. Also bewegten wir die zwei Kunsträte dazu, miteinander zu kollaborieren. Mit Erfolg. Denn sie verhielten sich gar nicht so bürokratisch, wie wir vermutet hatten. Es war unsere Idee, ein großes Projekt in zwei nationalen Pavillons zu realisieren, mit nur einer Einladungskarte und mit nur einer großen Eröffnung. Es ist das erste Mal in der Geschichte der Biennale von Venedig, dass es eine solche transnationale Situation gibt, wo zwei Pavillons zu einem einzigen Projekt werden. Das ist an sich doch mehr als nur zufriedenstellend, denn diese ganze nationale Repräsentations-Scheiße hat doch wirklich nichts mit dem Stand der gegenwärtigen Gesellschaft zu tun, oder? Wir wollten dem Würgegriff der nationalen Repräsentation entkommen und statt dessen eine transnationale Nachbarschaft entwerfen.  

Warum denkst du so?  

Weil ich mich nicht als dänisch empfinde. Schon deshalb nicht, weil ich zwölf Jahre mit Ingar in Berlin gelebt habe..  

Sprichst du auch Deutsch?  

Ja, ein bisschen, doch lieber Englisch. Ingar kommt aus Norwegen, und ich aus Dänemark. Nach Berlin zog ich nach London, wo ich immer noch lebe. Die meisten unserer Freunde sind in den Staaten, in Argentinien oder Spanien, wo auch immer. Du reist herum und arbeitest nicht auf gleiche Weise mit einer nationalen Identität. Die Situation hier ist also etwas seltsam. Die Giardini sind fast so etwas wie ein künstliches Dorf, in dem jedes hier vertretene Land sein Haus bezogen hat. Sie versuchen alle den größten und schönsten Kürbis anzubauen in der Hoffnung, dafür am Ende den Goldenen Löwen zu bekommen. Das ist, wie ich finde, ein bisschen erbärmlich und völlig überholt, oder? Ich mag Kunst in solchen Konkurrenzkontexten nicht besonders.  

Mir gefällt, was du sagst, denn ich kenne dieses Identitätsproblem nur allzu gut. Gut, ich bin in Deutschland geboren, ohne behaupten zu können, mich dort wohl oder als Deutscher zu fühlen. Ich bin mehr bei mir, wenn ich unterwegs bin. Hast du eine Idee, warum du so bist, wie du bist, und warum du so anders denkst wie die meisten?  

Ich weiß es nicht. Ich bin von Zuhause ausgezogen, als ich sechszehn Jahre alt war. Denn meine Familie ist ein bisschen so wie die Familie im dänischen Pavillon. Ich erinnere eine unglückliche Scheidung, das Repressive, viele unterdrückende Familienstrukturen und all die Dinge, worüber nicht gesprochen werden durfte. Die Situation stand auf der Kippe. Entweder überlebe ich oder die Familie, und ich entschied mich für mein Leben. Also packte ich meine Sachen und verließ das Haus und sah meine Eltern nie wieder. Es war das erste Mal, dass ich mich irgendwie wohl fühlte.  

Fühltest du dich von da an heimatlos?  

„Home is the place you left“ [Zuhause ist der Ort, den du verlassen hast]. Das war der Titel einer früheren Ausstellung, die Ingar und ich zusammen machten.  

H.N.J.: Kennst du das Buch „Go West“ von Gert Raeithel?  

Ah, ich habe davon gehört, es aber nie gelesen.  

Darin wird die Neigung zum Unterwegssein damit erklärt, dass diejenigen, die nomadisieren, keine enge Mutterbindung erfahren haben und sich von daher an keinen Ort für länger binden können. Letztlich ist es wohl aber so, dass diejenigen, die an einem Ort verharren, Probleme mit denjenigen haben, die immer wieder erneut aufbrechen und sich keine Sorge darum machen, ob sie jetzt eine Identität haben, weil sie diese immer wieder neu fingieren. Du verstehst dich wohl mehr als einer, der immer im Dazwischen existiert, oder?  

Absolut, hinzu kommt, dass ich schwul bin. Wenn du merkst, dass du eine andere sexuelle Orientierung hast, fängst du sehr früh an, an dem, was man universelle Werte nennt, zu zweifeln. Du liest in der Schule „Romeo und Julia“, und dir wird gesagt, das sei ein Symbol für universelle Liebe, und du denkst: „,Hmm, stimmt das wirklich?“ Denn du kannst es nicht wirklich nachvollziehen. Um zu verstehen, worum es da ging, musste ich es erst in etwas anderes verwandeln und dabei an meinem Lustmechanismus anknüpfen. Aufgrund dessen fängst du an, daran zu zweifeln, dass der vorprogrammierte Lebensstil auch für dich gilt. Du musst dich davon abwenden, um glücklich zu sein, denn es hat absolut keinen Bezug zu dir. Du weißt, dass du anders bist und dass dein Leben ein anderes sein wird. Du musst deinen eigenen Rahmen erst festlegen, in dem du ein glücklicher Mensch sein kannst. Also verließ ich mein Zuhause, und noch in Dänemark traf ich Ingar, mit dem ich über zehn Jahre in einer festen Beziehung lebte. Wir waren Freunde, Lebens- und gleichzeitig Arbeitspartner in einem gemeinsamen Studio und unternahmen gemeinsame Reisen, bis wir merkten, dass unsere Beziehung eine komplette Nachbildung der bürgerlichen Kernfamilie war. Danach sagten wir uns: „Komm schon, lass uns weiter zusammen arbeiten, aber lass uns um Gotteswillen etwas anderes erleben.“ So trennten wir uns vor fünf Jahren, was unserer Arbeit wirklich gut tat. Heute sind wir die besten Freunde. Ich sehe und treffe übrigens alle meine Ex-Freunde noch. Ingar hat heute einen Freund, und ich meinen in London, und unsere Beziehungsstrukturen sind heute so verschwommen wie chaotisch, etwas seltsamer und komplizierter als die normalen. Aber sie sind freier. Ich glaube, dass ich glücklicher bin, als meine Familie es je war. Davon handelt diese Ausstellung ebenso wie von zwei verschiedenen Lebensstilen. Da ist der Lebensstil nach Art einer Junggesellenbude, wie man es von L.A. kennt, und dort der protestantisch-nordeuropäische der Nachbarn, wo sich die Eltern gerade haben scheiden lassen. Sie haben zwar ihr Bestes gegeben, um eine richtige Familie zu sein, aber es ist ihnen doch nicht gelungen. Denn sie haben Scheiße gebaut, und nun steht das Haus zum Verkauf. Das Scheitern ist irgendwie so wie das jetzige Infragestehen der alten Werte der tief in der Krise steckenden Welt. Alles ist derzeit verkäuflich.  

Kannst du kurz zusammenfassen, was Ihr hier in Venedig gemacht habt?  

M.E. Zusammen mit den eingeladenen Künstlern haben wir die Ausstellungspavillons zu Wohnhäusern umgebaut und laden die Besucher als Gäste in zwei völlig verschiedene, private Wohnsituationen ein. Ess- und Schlafzimmer, Möbel, Kamine, eine Fliegensammlung, die Bibliothek und die in beiden Haushalten hängende Kunstsammlung sollen unheimliche Geschichten über die verschiedenen fiktiven Bewohner, deren obsessive Charaktere und ihre unterschiedlichen Leben verraten. Im Grunde wollten wir uns mit der Ausstellung den Beweggründen und der Thematik des Sammelns nähern und die Psychologie hinter der Selbstdarstellung durch physische, sichtbare Objekte hinterfragen. Warum sammeln wir eigentlich obsessiv Gegenstände und umgeben uns damit im täglichen Leben?  

Ihr seid hier zwar als Kuratoren, aber ihr verhaltet Euch mehr wie Künstler, oder?  

Wir denken nicht darüber nach, ob wir gerade Kurator oder Künstler sind. Für uns ist immer wichtig, unsere Ideen und unsere Sicht auf die Gesellschaft aus unserer Rolle heraus voranzutreiben. Und das ist in Venedig nun mal die Rolle des Kurators.  

Hatten die eingeladenen Künstlerkollegen keine Angst davor, in einem Ganzen aufzugehen, das sie nicht so scharf hervortreten lässt?  

Alle, die wir gefragt haben, waren bereit, mitzumachen, obwohl sie von Anfang an akzeptieren mussten, dass ihre eigene Arbeit ein Teil der gesamten Geschichte wird und durch die Platzierung in den zwei Wohnungen auch anders interpretierbar sein kann als in einem White Cube.  

Bei der Besichtigung des nordischen Pavillons dachte ich an die schöne und andere Welt von David Hockney.  

Ja, ein bisschen David Hockney ist da drinnen, er hat uns sehr inspiriert. Wir haben zu ihm eine Hassliebesbeziehung. Einerseits ist es mir persönlich etwas zu kitschig, andererseits muss man anerkennen, dass Hockney bei der Suche nach schwulen Darstellungen auf positive Weise prägend wirkte. Über Jahrzehnte hinweg gab es ja eine Tendenz, Schwule als Opfer darzustellen, als ob es nur AIDS oder nur Schwul-Bashing gäbe oder als ob Schwulsein immer nur beinhaltet, von der Gesellschaft ausgeschlossen, also Außenseiter zu sein. Dass darauf aufmerksam gemacht wird, ist ebenso wichtig wie, dass positive Bilder vom schwulen Leben im Umlauf sind. Und da war Herr Hockney sicherlich einer derjenigen, die für einen fröhlichen, promisken und hedonistischen Lebensstil warb, was ich begrüße.  

Während des Schlenderns durch das großräumige Haus hatte ich das Gefühl, Glück und Unglück lägen nahe beieinander. So schön es sein mag, darin zu leben, so sehr verliert man sich darin. Man findet nicht wirklich zu sich.  

Es ist eine Art von Fallbeispielhaus aus der Mitte des letzten Jahrhunderts, in dem verschiedene Lebensformen erprobt wurden. Die neue futuristische Art zu leben hat etwas von Austin Powers, was einerseits reizend ist. Aber andererseits macht es einen nicht wirklich so glücklich, in einen großen, offenen Raum ohne Wände oder Privatsphäre zu leben. Viele richten sich so ein, um modern zu sein. Mister B, unser in die Jahre gekommener Sammler, der in diesem Haus gelebt hat, treibt jetzt als Leiche, mit seinem Gesicht nach unten, im Swimmingpool, während die jungen Männer immer noch im Haus herumhängen, als sei nichts geschehen. Mister B. war nicht nur ein Sammler von Designermöbeln und zeitgenössischen, schwul-bezogenen Kunstwerken, er sammelte auch die von seinen Ex- Lover getragene Unterwäsche und deren Badehosen. So hängt auch diese Sammlung hinter Glas an der Wand. Ja, er hatte wohl ziemlich viel Spaß im Leben, aber vielleicht hatte er auch zu viel Durchblick und deshalb Selbstmord begangen. Es könnte aber auch sein, dass einer von den jungen Typen ihn umgebracht hat, weil es ihm nicht länger mehr passte, dass der Herr des Hauses so eingebildet war. Vielleicht setzte er seinem Leben auch ein Ende, weil er bereits zu viel vom guten Leben erlebt hat und nichts mehr erwartete und dabei das Gefühl hatte, jetzt schon ein besseres Leben als jene bürgerlichen Familienväter gehabt zu haben, die nichts in ihrem Leben verwirklicht, stattdessen ein striktes Kernfamilienleben gelebt haben. Wir wissen nicht genau, was passiert ist. Es bleibt in der Schwebe.  

Ihr erzählt im Grunde zwei Geschichten, und Mister B. ist eine fiktionale Figur, die für einen anderen Lebensstil steht.  

Und die andere ist die Familie, die, da sie zerbrochen ist, ihr Haus zum Verkauf anbietet. Auf diese Weise wollten wir die Geschichte zweier unterschiedlicher Lebensstile erzählen und damit auch zwei diverse Arten zu sammeln vorstellen. Mister B sammelt vor allem Kunst, die seine eigene sexuelle Identität widerspiegelt. Er tut, was er tut, aus Leidenschaft, wohingegen die Familie eher Sachen sammelt, weil sie Ordnung in ihr Leben bringen will. Darum sammelt sie auch all diese Fliegen, die fixiert und mit Namen und Nummern versehen werden. Ebenso trägt sie für ihre Küche von überallher Weimarer Porzellan zusammen. Die Differenz der Lebensstile drückt sich in der unterschiedlichen Art des Sammelns aus.  

Was ist noch anders an Eurer Arbeit hier in Venedig?  

Dass wir mit einem Konzept arbeiten, in das von der Architektur der Pavillons, den Arbeiten der eingeladenen Künstler bis zum Katalog alles gleichberechtigt eingeht. Wir sagen nicht, dass andere Kuratoren das noch nie gemacht haben, aber das Ergebnis unterscheidet sich sehr von dem, was man sonst auf der Biennale oder anderswo sieht.  

Nun muss ich gestehen, nicht viele Eurer Werke zu kennen, und deshalb meine Bitte um einen kurzen Einblick in Euer bisheriges künstlerisches Tun.  

Wir haben verschiedene Arten von Arbeiten gemacht. Zum Beispiel ein voll ausgerüstetes Prada-Boutique mit Schuhen und Handtaschen in der Mitte der Wüste von Texas, genannt Prada Marfa, es ist zwar immer geschlossen, aber immerhin ein Prada-Boutique in Originalgröße wenn auch am Ende der Welt. Von uns ist auch das Mahnmal der Küssenden für die homosexuellen Opfer, gegenüber dem Holocaust Mahnmal von Peter Eisenman im Berliner Tiergarten. Das war letztes Jahr.  

Worum ging es Euch bei dem Mahnmal?  

M.E: In erster Linie um ein Bild von Intimität und Zärtlichkeit, und nicht einfach nur um repräsentative Bilder. Es kann immer nur ein Besucher zur Zeit durch die kleine Öffnung des Quaders schauen, um die Videoprojektion zu sehen. Entweder sie oder er wird dann dem Bild zweier Personen in einem „Ewigen Kuss“ gegenübergestellt: Einer 3-Minuten Kuss-Szene, die so in einer Endlosschlaufe montiert ist, dass sie endlos wirkt. Wir wollten keinen Wechsel der Szenen. Hätten wir ein solches Konzept gehabt, dann hätten wir uns Gedanken über verschiedene lesbische und schwule Trends, Stile und Präferenzen machen müssen, um niemandem zu nahe zu treten. Um nicht beschuldigt zu werden, irgendjemanden ausgeschlossen zu haben. Jedoch glauben wir nicht an diese Art oberflächliche Einbeziehung. Alt, jung, langhaarig, kurzhaarig, "butch"‚ "camp", männlich, weiblich.  

Was interessiert Euch in Eurer Arbeit grundsätzlich?  

Was wir vor allem mögen, sind Verschiebungen einer Realität in eine andere. Hier für Venedig verlegten wir die intime Realität von Privathäusern im Kontext des sehr großen Biennale-Spektakels. So rückten wir die private, intime Sphäre in die Öffentlichkeit. Eine ebensolche Verschiebung stellt das vorhin erwähnte Prada-Boutique mit dem grünen Regal und dem Logo mitten in der Wüste von Texas dar. Wir stellten es dort auf, wo es keinen wirklichen Bezug mehr hatte, am Rande des langen, durch die Wüste gebauten Highway 90, wo die Leute fahren und fahren. In der endlosen Weite gibt es nicht einmal eine Tankstelle, auch keinen Ort, wo man etwas essen kann. Einfach nichts, und dann plötzlich sehen diejenigen, die da durchrasen, am Horizont ein kleines Licht. Sobald sie den Lichtpunkt erreicht haben, stellen sie fest, es ist ein Prada-Boutique, in dem hochhackige Schuhe und Handtaschen verkauft werden. Dass sie mitten in der Wüste, also dort, wo sie nicht damit rechnen, plötzlich darauf stoßen, veranlasst sie vielleicht, darüber nachzudenken, was ein Prada-Boutique ist und was Wüste bedeutet?  

Wie lautet deine Antwort?  

Ich stelle nur dumme Fragen, ohne Antworten parat zu haben. Sobald du eine Antwort gibst, ist es schon nicht mehr wahr.  

Was für eine Beziehung hast du zur Wahrheit?  

Ich denke jetzt an die Thesen in der Schule, an das ganze Rechtssystem, die Regierungen und die Zeitungen, wir glauben doch nicht an all diese Scheiße, oder? Solange die Fragen offen sind, bleibt die Schönheit erhalten. Wer alle Antworten hat, kann in seinem Leben von nichts mehr überrascht werden.  

Übrigens ärgere ich mich gerade, dass ich Eure Arbeit zu wenig kannte, als ich an dem Kunstforum-Band „Der homoerotische Blick“ arbeitete. Weißt du davon?  

Nein. Aber apropos Homosexualität, dazu fallen mir die vielen Debatten ein, die über homosexuelle Identität anlässlich unseres Mahnmals geführt wurden. Plötzlich glaubte man, unser Mahnmal sei ein Symbol, das jede Form von homosexueller Identität in einen einzigen Kunstwerk vereine. Das ist nach meinem Dafürhalten absolutes Geschwafel, denn es kann von vornherein gar nicht funktionieren. Denn wir Schwulen sind so verschieden wie alle Heterosexuellen auch, mehr oder weniger. Folglich kann gar nicht von einem homosexuellen Symbol die Rede sein. Während der Debatte wurde sichtbar, wie wenig öffentliche Erscheinung wir sogar in einer Stadt wie Berlin haben, in der fast ein Zehntel der Bevölkerung schwul ist. Es gibt keine schwulen Symbole in der Öffentlichkeit. Du hast die Clubs und kannst dich nackt im Park legen. Du kannst, was auch immer tun, aber du findest keine öffentliche Queer-Skulptur. Du suchst vergeblich nach schwulen Häusern. Es gibt so gut wie keine urbanen Strukturen, die sich um schwule Männer kümmern. Wir dringen in die heterosexuellen Strukturen ein und eröffnen unsere Nachtclubs, unsere totty bars oder unsere Saunen. Aber du hast keine an den homosexuellen Anteil der Bevölkerung adressierte Einrichtung. Dabei sind wir keine kleine Minderheit, Wenn irgendeine andere Gesellschaftsgruppe sich in der gleichen Situation wie wir befände und weder eine angemessene Repräsentation noch eine entsprechende Betreuung in der urbanen Landschaft hätte, so würde es einen Aufschrei der Entrüstung geben. Insofern war es eine interessante Erfahrung, dieses Mahnmal zu machen. So fingen wir an, über viele damit verknüpfte Themen nachzudenken.  

Lass uns noch einmal auf Eure Arbeit hier in Venedig zurückkommen. Ihr lasst lebende Modelle auftreten, die zum, in Anführungszeichen, „Kunstwerk“ gehören. Übertreibe ich mit meiner Interpretation, wenn ich dabei an die „Living Sculptures“ von Gilbert & George denke?  

Ja, das ist in der Tat eine Tradition. Sie haben eine großartige Arbeit für uns gemacht.  

Aber Eure Living Sculptures sind deutlich hübscher!  

(Lacht) Es handelt sich dabei um eine zeitgenössische Version.  

Als Besucher dieses von jungen Männern bewohnten Wohnraums kommt man sich wie ein Voyeur vor, der sich dabei ertappt, in der Intimität anderer zu wühlen.  

Ja, das ganze Publikum, das eintritt, sind ungeladene Gäste, sie gehen und schleichen in diesen privaten Häusern herum. Aber die Jungen, die da sitzen oder liegen, haben sie nicht eingeladen und sie ignorieren, dass da Fremde sind. Aber sie sind dennoch da und schauen sich da um wie Leute, die ohne Erlaubnis in das Haus eines Nachbars hineinspazieren und sich schamlos umsehen.  

Warum habt Ihr Euch mit der Frage des Voyeurismus befasst ?  

Weil es die Situation ist, die wir hier in Venedig haben. Leute kommen, um zu schauen. Aber das Komische ist, dass wir Darsteller, sogar nackte, in dieser Kulisse auftreten lassen, aber die eigentlichen Darsteller sind das Publikum, die nicht eingeladenen Gäste. Du siehst ihnen quasi dabei zu, wie sie sich bewegen, wie sie schauen, wie neugierig und beunruhigt sie plötzlich sind, wie sie schmunzeln, lachen oder sich ertappt fühlen .  

Vielleicht entdeckt der eine oder andere Mann gar, dass er sich von seinem Geschlecht angezogen fühlt.  

(Lacht) Möglich ist es alles.  

Nun sind im Nordischen Pavillon nicht nur Werke von homosexuellen Künstlern zu sehen.  

Genau. Tatsächlich haben wir viele heterosexuelle Künstler wie beispielsweise Guillaume Bijl, von dem wir ein wunderbares kleines Werk zeigen. Ein Vogelnest mit zwei Poolkugeln, eine weiße und eine rote. Es heißt „Sorry“. Wenn Guillaume Bijl auch kein homosexueller Künstler ist, so bekommt seine Arbeit in diesem Kontext irgendwie einen anderen Inhalt oder eine andere Bedeutung. Es wird ihm durch das rote Ei im Nest etwas hinzugefügt. Außerdem ist da noch Jonathan Monk, der den großen Kreis gemacht hat. Diesen Chromring außerhalb des Pavillons, das in diesem Zusammenhang ein bisschen wie ein Sexspielzeug für schwule Männer ausschaut, ja wie ein überdimensionierter cock ring. (Lacht) Es ist ein Hinweis auf den Mann-Kreis von Leonardo Da Vinci, der wiederum vielleicht auf einen cock ring anspielt, wir wissen es nicht. Es macht jedenfalls Spaß, eine Situationen zu schaffen, in der heterosexuelle Arbeiten einer Queer Lesart unterworfen werden. Umgekehrt können auch unsere Werke, die schwul sind, heterosexuelle Konnotationen haben und von einem heterosexuellen Publikum anders gelesen und verstanden werden. Das genau ist das Wunderbare an visueller Kunst, dass es möglich ist, deine eigenen Begierden und Lesarten auf etwas zu projizieren. Plötzlich wird daraus etwas anderes. Es wechselt seine Identität.  

Nun ist Eure Arbeit sehr narrativ. Was für eine Beziehung hast du zur Literatur?  

Nun, wir können lesen und schreiben. Ich fing als Dichter an und habe wie Ingar keine Künstlerausbildung. Er kommt vom Theater, und ich von der Dichtung. Wir haben zusammen angefangen, Kunst zu machen, ohne je irgendwelche jugendlichen Feuchtträume gehabt zu haben, visuelle Künstler zu werden.  

Welche Schriftsteller liegen dir am Herzen?  

Viele. Frank O’Hara ist so wunderbar Jemand wie George Perec ist ein beunruhigender Romancier. Ich mag auch Bret Easton Ellis. Eine Spur findet man von ihm auch in dem Haus.  

Wo sind du die Verbindung zwischen Kunst und Poesie?  

Mir liegt daran, zu kommunizieren, es ist wie das Treffen zwischen einen Publikum und etwas Traurigem. Wir entwarfen auch Bühnenbilder für Opern und machten echte Architektur. Ich bin nicht so interessiert in eine Form von Spezialisierung und Hierarchisierung. Die Zerlegung von etwas Komplexem in verschiedenen Fachbereiche ist mir zuwider.  

Das passt zu dem, was du zuvor über deine kulturelle Identität sagtest. Wie du zwischen diversen Ländern und Kulturen wechselst, so springst du wohl auch zwischen den Medien.  

Genau so verhält es sich.  

Du magst es nicht, auf etwas festgelegt zu werden.  

Ja, ich mag keinerlei Fixierungen und Klassifizierungen. Auch die schwule Identität heute hat sich in etwas anderes gewandelt, als es vor zwei Jahrzehnten noch der Fall war. Es gibt neue Weisen, schwul zu sein, und ich hasse Leute, die mich, weil ich schwul bin, auf eine bestimmte Rolle festlegen. So war ich einmal richtig verärgert und verstimmt, als der Interviewer von dem holländischen Schwulenmagazin Butt plötzlich über rice queens sprach, weil ich zufällig mit meinem chinesisch-malaiischen Freund zusammen war, und ich sagte, was für eine Scheiße redest du da. Ich war so aufgebracht, dass wir das Interview abbrechen mussten. Mir sind diese klassischen Ansichten über Schwule und sämtliche Schachteln und Kategorien zuwider, in die man das schwule Leben packt. Sie haben auch auf ihre Weise etwas Unterdrückendes. Darüber muss man dringend reflektieren, finde ich. Ich will weder mich noch meinen Freund und auch nicht meine Freunde mit derartigen Stereotypen abstempeln lassen. Wir alle leben unser Leben auf komplexe Weise. Ich gehe genau so oft, weil ich Musik mag, in heterosexuelle Clubs. Aber ich unterdrücke dort nicht mein schwules Auftreten und Verhalten. Ich gehe nicht so oft in schwule Lokale, weil sie dort diese stereotype schwule Musik spielen, was nicht wirklich meinem Geschmack entspricht. Aber lass es uns hierbei erst einmal bewenden, die Zeit drängt. Ich muss noch zu einem anderen Termin. Du kannst mir, wenn du magst, gerne noch weitere Fragen schicken, auf die ich dann per Email antworte.  

Wenn ich noch etwas wissen will, nehme ich das Angebot gerne an. Kann ich alles, was du gesagt hast, veröffentlichen, oder gibt es etwas, das ich herausstreichen soll?  

Nein, es ist alles für die Öffentlichkeit. Ich bin eine öffentliche Person.  

Übersetzt aus dem Englischen: Alexandra Skwara

Autor
Heinz-Norbert Jocks

* 1955, Düsseldorf, Deutschland

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Wichtige Personen in diesem Artikel
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Weitere Personen
Guillaume Bijl

* 1946, Antwerpen, Belgien

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David Hockney

* 1937, Bradford, Grossbritanien

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Jonathan Monk

* 1969, Leicester, Grossbritanien

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Biennalen
Biennale Venedig

I – Italien

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