Band 180, 2006, Ausstellungen: Wien, S. 361

Ursula Maria Probst

Black, Brown,White

»Fotografie aus Südafrika« Die imaginierte Gemeinschaft

Kunsthalle Wien, Halle 2, 24.2. - 18.6.2006

Trotz demokratischer Wahlen und dem Ende der Apartheid 1994 befindet sich Südafrika nach wie vor innenpolitisch in einer Krisensituation: Existentielle Not und dadurch ausgelöste Gewalt und Kriminalität sowie eine steigende AIDS-Problematik splitten die Bevölkerung in Barakenghettos und abgeriegelte finanzkräftige Stadtviertel an der Peripherie von Johannesburg. Im drastischen Gegensatz zur politischen Rhetorik einer "Rainbow Nation" befindet sich die Alltagsrealität. In der Ausstellung "Black, Brown, White. Fotografie aus Südafrika" befasst man sich allerdings nicht mit dem gegenwärtigen gesellschaftspolitischen Konfliktpotential, sondern begibt sich mit 160 Fotoarbeiten und zwei Videoinstallationen von südafrikanischen KünstlerInnen unterschiedlicher Generationen wie Omar Badsha, David Goldblatt, Pieter Hugo, Zwelethu Mthethwa, Andrew Tshabangu und Jo Ractliffe auf die Spurensuche nach fünfzig Jahren südafrikanischer Geschichte und spannt so einen Bogen zur Gegenwart. Susan Sontags Appell nach einer Ethik des Sehens gewinnt erneut an Relevanz, wenn es darum geht, sich von den spektakulären Bildereignissen der Massenmedien zu distanzieren.  

Als Zeitzeuge hat der Fotograf David Goldblatt als 18-jähriger im Jahr 1948 den fatalen Sieg der National Party und das Präludium zur Apartheid Gesetzgebung miterlebt. 1989 gründete David Goldblatt den Market Photography Workshop in Johannesburg als Initiative gegen die Apartheid. David Goldblatt gilt nicht nur als einer der wichtigsten fotografischen Chronisten der Geschichte Südafrikas, sondern verfolgt als Künstler eine Ästhetik des "Unspektakulären". Wie bereits Okwui Enwezor, der David Goldblatt zur Teilnahme an der Documenta 11 einlud, betonte, verfügen die Fotografien von David Goldblatt über eine politische Dimension, die sich leicht verflüchtigt und einem gerade deswegen zum Zeugen von Veränderungen machen. In seiner Serie "Kwa Ndebele (Commmuters)" fotografierte David Goldblatt in Bussen, welche die schwarzen Arbeitskräfte in vielstündigen täglichen Fahrten aus ländlichen Gemeinden in die Großstädte und in die Minen rund um Johannesburg transportierten. In der Serie "Municipal Officials" (1966-2004) ist es die sterile Innenausstattung der Macht in den Büros der Verwaltung vor und nach dem Umbruch im Jahr 1994, die er schonungslos seziert. Erneut wird der Ort des Dazwischen oder "die Falte" wie es Jacques Derrida nannte zu einer Option, um die Befindlichkeit der Kulturen Südafrikas aufzuspüren. Ein Spannungsfeld zwischen dem politischen Register der Repräsentation, der Fotografie als Dokumentation und der subjektiven Interpretation gelangt unmittelbar zum Ausdruck. Omar Badsha schafft durch seine stark von Gemütsregungen durchdrungenen Fotografien einen Zugang zu den rituellen und kulturellen Praktiken, aber auch zu der Gettoisierung der indischen Bevölkerung in Südafrika. Zwelethu Mthethwa widmet sich in seinen Fotografien über die Bewohner von Paarl, einer ärmlichen Siedlung sechzig Kilometer östlich von Kapstadt dem Elend der Marginalisierten und zeigt wie sich die Barakenbewohner trotz ihrer Armut eigene Mikrowelten schaffen. In Pieter Hugos Porträts von AIDS-Toten wird die südafrikanische HIV-Problematik gegenwärtig. In der Videoinstallation von Thando Mama "We are afraid" (2003) durchläuft man einen dunklen Korridor. Aus Lautsprechern dröhnt ein Stimmengewirr aus dem man die Worte "We are afraid" heraushört, am Ende des Korridors befindet sich ein elektrostatisch flimmernder Monitor. Thando Mama verhandelt in seiner beklemmenden Installation nicht nur die Problematik vom Verschleiß medialer Bilder, auch das grundlegende Daseinsgefühl, das mit dem "Authentischen" verknüpft wird, droht zu verschwimmen. Die Konturen des Gesichtes eines Mannes - ein Selbstporträt des Künstlers Thando Mama - werden erkennbar und verschwinden wieder in flackernden Lichtzeilen. Thando Mama produzierte das Video "We are afraid" 2003 während des US-Bombardments im Irak und zeichnete Thando Mama, We are afraid, 2003, Videostill. Courtesy Thando Mama  

mit der Videokamera die Licht- und Schattenspiele nach, die das TV-Gerät während der Berichterstattung auf sein Gesicht warf. Als These verfolgt die Ausstellung "Black, Brown, White" die Behauptung eines sich veränderten Status des fotografischen Blickes. Die Rauminstallation von Berni Searle "About to forget" (2005) stellt den Status des fotografischen Abbildes völlig infrage indem die Künstlerin Cut-Outs von Familienfotos auf rotes Krepppapier überträgt und durch warmes Wasser einem Prozess der Auflösung unterwirft. "About to forget" befasst sich mit dem sozialen Geflecht der Familie unter dem Aspekt religiöser Differenzen, ethnischer Klassifikationen und der Auflösung traditioneller Bindungen und zeigt auf, wie sich die Konturen verwischen und die Identitäten floaten. Die Fotografin Jo Ractliffe bezeichnet ihr ästhetisches Programm als eine Offenbarung des Abwesenden. Für ihre Serie "Diana" (2004) nahm sie mit einer billigen Wegwerfkamera spontan Fotos auf, die sich sich auf die Dinge konzentrieren, die an ihr vorüberziehen, während sie auf der Straße unterwegs ist wie aufgepfählte Puppenköpfe und mit Revolvern spielende Kinder. Das transkulturelle Konzept, welches die Kunsthalle durch den Ausstellungstitel "Black, Brown, White" zu vermitteln sucht, stößt sich an Rahmenbedingungen, die sich zwar im Wandel befinden, ins Bild treten allerdings sich überlagernde Kulturen, die sich erneut durch ihre Differenzen und durch die Schaffung territorialer Verankerungen charakterisieren. Die intensivierte Beschäftigung mit Identitäten und Lebensformen als mediale, historisch oder ökonomisch bedingte Konfigurationen bleibt vom Alltag überschattet.  

Autor
Ursula Maria Probst

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Weitere Personen
Omar Badsha

* 1945, Durban, Südafrika

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David Goldblatt

* 1930, Randfontein, Südafrika

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Pieter Hugo

* 1976, Johannesburg, Südafrika

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Thando Mama

* 1977, Südafrika

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Zwelethu Mthethwa

* 1960, Durban, Südafrika

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Jo Ratcliffe

* , Südafrika

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Andrew Tshabangu

* 1966, Südafrika

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