Band 150, 2000, Titel: Zeit · Existenz · Kunst, S. 216

TONY CRAGG

Der Fußabdruck der Zeit

EIN GESPRÄCH VON HEINZ-NORBERT JOCKS

Tony Cragg, 1949 in Liverpool geboren, ist sicherlich einer der vitalsten Bildhauer unserer Zeit. Einer der mit immer neuen Bildideen und Formvorstellungen vorprescht, für Verwunderung, Verblüffung und Irritation sorgt, weil alles bei ihm wieder ganz anders ausschaut als zuvor. Dass er in anderen Kategorien wie schön und hässlich, Ordnung und Chaos denkt, ist seinen Skulpturen nicht nur anzusehen. Vielmehr zeigen sie auch, dass sie jenseits solcher Kategorien angesiedelt sind. Mehr noch, sie führen vor Augen, wie er den Koloss Marcel Duchamp, dessen Erneuerung er anerkennt, überwindet, indem er fragt, was danach und ohne ihn möglich ist. Klar, dass Cragg Zeit nie direkt thematisiert, und schön, dass sie unterschwellig durchscheint. Man sieht den Etappen seines Schaffens an, wie die Unhintergehbarkeit der Zeit und ihre Erfahrung sich künstlerisch und körperlich auswirkt. Zeugten die Anfänge noch von einer sprudelnden, ja überbordenden Spontaneität eines rotzfrechen Trotzdems, setzt sich mit zunehmender Reife der Wunsch nach Gestaltung durch, die mehr Zeit erfordert. Jede Etappe bekundet ein anderes, von der Lebenszeit geprägtes Temperament. Mehr über diesen Zeitaspekt und darüber, wie Zeit seinsmäßig empfunden wird, erfuhr Heinz-Norbert Jocks in einem aufschlussreichen Gespräch mit dem Bildhauer, der mit seinen Skulpturen die Welt und die Zeit erobert und die Zeit des Materials berücksichtigt.  

Vorbei die Kindheit

Heinz-Norbert Jocks: Wie erleben Sie das Altern mit Ihren fünfzig Jahren?  

Tony Cragg: Seit einiger Zeit stelle ich an mir körperliche Veränderungen fest. Derart, dass ich nach einem Urlaub in den Bergen, wo wir wunderbare Weitsicht hatten, so dass sich die Augen entspannen konnten, bemerkte, dass ich abends viel schlechter lesen konnte. In meiner Panik konsultierte ich einen Arzt, der mich beruhigte, es sei ganz normal, dass sich die Augenlinsen verhärteten. Wenn man um die Vierzig ist, denkt man jedoch nicht an so ruckartige Veränderungen. Gut, wir erinnern uns vielleicht, wie wir als Kinder unsere Milchzähne verloren oder später dann Weisheitszähne bekamen. Wir erinnern uns auch noch an die Veränderungen in der Pubertät und auch noch an ganz andere Dinge. Aber darauf war ich wirklich nicht gefasst. Jetzt, in meinem Alter, bemerke ich nicht nur, wie das Augenlicht schwächer wird, sondern auch innere Vorgänge. Ziehe ich Bilanz, so gibt es auch viel Positives. Zuvor war meine Grundstimmung durch den Verlust der Kindheit geprägt. Ich bereute, aus dem Garten der Kindheit vertrieben worden zu sein. Einerseits war ich ganz aufgeregt, als ich mit 21 volljährig wurde. Andererseits bedeutete die neue Freiheit ja auch Abschied. Man merkt es, wenn man plötzlich 30 ist, und man merkt es auch, wenn man 35 wird und wenn man auf die 40 zugeht. Das sind keine rein positiven Gefühle, die man dabei empfindet. Das Bedauern, dass die Kindheit vorbei ist, nagt an einem ganz schön. Irgendwann jedoch stößt man plötzlich eine Pforte auf und man betritt einen ganz anders gearteten Raum, in dem man nach vorne schaut. Seitdem verfüge ich über eine ganz andere Idee, was ich mit meiner Zeit anstelle und wie ich mit ihr umgehen kann und wie viel Zeit mir noch für alles bleibt. Im Gegensatz zu früher spüre ich eine eher positive Grundstimmung in mir; es ist nicht mehr die des Verlustes.  

Mehr vielleicht zu Ihrer neuen Vision, bitte!  

Es ist ein anderes Raumgefühl, an das ich mich ganz allmählich gewöhne. Nun ist diese Atmosphäre auch bedingt durch einen Unfall im letzten Jahr, durch den ich körperlich ein bisschen langsamer und in mich gekehrter und weniger aktiv bin. Ich bin noch dabei, mich in die neue Situation mit ihren anderen Perspektiven einzufinden. Um zu ahnen, wie schwer mir das fällt, müssen Sie wissen, dass ich mich bis vor wenigen Jahren wie ein Kind fühlte. Ich habe mich für diese Kindlichkeit geschämt und gedacht, ich müsse doch endlich so erwachsen und seriös wie die anderen werden. Diese Andersartigkeit trifft einen wie ein Blitz aus heiterem Himmel, und es fällt nicht so leicht, diese fast noch kindliche Fröhlichkeit und dieses Kindergemüt abzulegen. Vor einigen Monaten sprach ich darüber mit einer 70-jährigen Frau, die mir genau dasselbe erzählte. Es passiere irgendwann, dass sich die Zeiterwartungen änderten. Wer kümmert sich darum? Das, was hinter uns liegt, berührt uns wesentlich mehr als das, was wir erwarten oder erhoffen. Wenn wir verhindern wollen, unter der Last der Vergangenheit zu leiden, müssen wir, um die Gegenwart zu überleben, nach vorne schauen. Der nun vor mir entfaltete Raum ist jedenfalls ein bisschen strukturierter als die Vergangenheit.  

Was heißt das?  

Es ist nicht so, dass ich jetzt ein Programm hätte, aber ein solches ist auf einmal denkbar. Eine Vorstellung oder ein Gerüst ist da, wie ich die Lebenszeit verbringen, meine Energien und Mittel einsetzen kann. Wenn man noch etwas vorhat, so bedarf es dazu einer gewissen Überlegung und Planung, die hoffentlich nicht alle Spontaneität ausschließt. Ich habe den Eindruck, dass Bildhauer mit zunehmenden Alter wegen der größeren Einsicht in das, was sie tun, eher besser werden. Mir fallen eine Reihe von Künstlern ein, deren Reife sich auch auf ihr Arbeit ausgewirkt hat. Darunter Giacometti und Beuys. Es gibt eine Menge zu erlernen – und zwar nicht nur handwerkliche und technische Fähigkeiten. Es dauert lange, bis man über die ganze Breite von Informationen über Materialien und Arbeitsprozesse verfügt. Im Grunde ist es ein lebenslänglicher Prozess, der wohl nie aufhört. Man kann es in keinem Crashkurs lernen, sondern benötigt viel Praxis.  

Nimmt die Zeitempfindung, die Sie umschrieben haben, Einfluss auf die künstlerische Arbeit?  

Auf jeden Fall. Meine Jahrzehnte, die da entscheidend sind, haben mit den Jahrzehnten, wie wir sie zählen, nichts zu tun. Es ist ein ganz anderer Rhythmus. Von 16 bis 24 war ich völlig aus der Bahn, so disziplinlos wie unsinnig aggressiv und so unternehmungslustig wie risikosuchend. Danach, bis Mitte 30 war zwar eine Risikobereitschaft noch da, aber die Energiemuster verschoben sich. Es bestand nicht mehr die Notwendigkeit, Gesten zu machen, die ja insofern einfach sind, als man weniger Material mit sich schleppt. Um mit Materialien und der Welt gestalterischer umzugehen, dazu braucht es mehr Erfahrung. Besonders gute Jahre waren für mich zwischen 27 und 36. Ich sammelte Informationen, studierte Dinge und konzipierte mein Weltbild. Anders ausgedrückt, ich gewann ein gewisses Maß an Objektivität über mich selbst. Als Kind lebt man ja viel stärker in der eigenen Subjektivität, weil die Eltern einem die Objektivität abnehmen. Kinder gehen wohl ganz in der Innenwelt ihrer subjektiven Empfindungen auf. In der Pubertät nimmt dann der Bedarf an objektiver Betrachtungsweise derart zu, dass man ganz allmählich Verantwortung für dies und das übernimmt. Danach gewinnt das Leben immer mehr an Objektivität und an Fahrt. Man ist darauf getrimmt und bekommt auch ein stärkeres Bewusstsein dafür, wie man von anderen gesehen wird und wie man selbst handelt.  

Agierend wie eine Wühlmaus

Lässt sich sagen, auf welche Weise sich das, was Sie erzählen, auf den Umgang mit Materialien und bei der Findung von Ideen ausgewirkt hat? Und: Woran zeigt sich, dass die Spontaneität früher stärker als heute war?  

Zurückschauend auf die Entwicklung meiner Arbeit, finde ich, dass sie das, was ich sage, beinah allzu penetrant illustriert. Es ist tatsächlich so, dass die ganz frühen, während des Studiums realisierten Arbeiten das ganze Ausmaß der Spontaneität zu sehr verraten. Auf gestische Weise wirbelte ich Materialien durch die Luft und setzte meinen Körper ein, um irgendetwas mit dem Material zu bewirken. Heute ist es eine ziemlich abgegriffene Einstellung, aber in den späten 60ern und frühen 70ern war es relativ neu, dass der Künstler seinen Körper selbst als Werkzeug einsetzte und ihn in die Arbeit integrierte. Dabei wirkte ich in primärer Art und Weise und sehr direkt auf das Material ein. Ich machte sowohl Fotoarbeiten wie auch Skulpturen, die wie Symptome oder Spuren irgendwelcher Handlungen aussehen. Da war etwas los. Da hat es geknallt. Da ist etwas explodiert oder umgefallen. Zurück bleiben gemalte Überreste. Ich denke jetzt vor allem an die geschnittenen, in geometrische Formen ausgelegten Holzteile oder an jene Arbeiten, wo ich Sachen stapelte. Das Rumlaufen in der Stadt, das Suchen und Sammeln von Material und das physische Aufbauen, das war für mich so etwas wie eine Antigeste gegen die Kunsthochschule, wo ich damals arbeitete. Dass da ein Klotz dastand, das war für mich eher substantiell und Ergebnis einer Aktivität. Später, um 1983 ließ das Interesse an dieser Aktivitätsform nach. Nur werden die Stapel als solche bewertet oder in Betracht gezogen. Nachdem meine Eltern gestorben waren, setzte eine entscheidende Umbruchphase ein, wo ich weniger gestisch wie eine Wühlmaus agierte und mehr Bedarf danach verspürte, Formen zu lernen. Ich wollte etwas bauen und stärker konstruieren. Dazu gehörte, dass ich begann, die Dinge zu planen.  

Auf welche Arbeiten spielen Sie an?  

Jene ersten, die nach einem Gussmodell entstanden. Darunter Eye Bath. Spill. On the Savanna. Um sie zu realisieren, musste ich etwas über Modellbau lernen und brauchte einen im Winter nicht so überheizten Raum. Übrigens ändern sich die Zeiten, Umstände und Lebensstrukturen natürlich auch, sobald man Verantwortung für andere trägt und eine Familie gründet.  

Nun haben Sie Chemie studiert, sind also naturwissenschaftlich orientiert.  

Es wird zwar immer behauptet, es stimmt aber nicht, dass ich studierte. Ich habe ein großes, auch heute noch passioniertes Interesse an Naturwissenschaften und an der gegenwärtigen Wissenschaftstechnologie und besuchte eine stark naturwissenschaftlich ausgerichtete Schule. Eine Weile lang arbeitete ich als ein ziemlich niedriggestellter Assistent in einem biochemischen Forschungslabor, und eine Ausbildung auf höherem Niveau stand bevor.  

Sich in die Zukunft fressen

Haben Sie sich im naturwissenschaftlichen Bereich mit dem Zeitbegriff beschäftigt?  

In der Tat bin ich ganz neugierig auf Artikel oder Bücher über Zeit. Es scheint so, als bräuchte die Zeit, die eben nicht wie die anderen Dimensionen unmittelbar erfahrbar ist, nach vor eine abstrakte Darstellung. Das nun zu Ende gegangene Jahrhundert lebte im Grunde von der Entdeckung der Zeit als eine mit Energie und Masse austauschbare Dimension. Sie gab dem Jahrhundert seine besondere Qualität, und auch das angebrochene wird von ihr auf eine Weise bestimmt werden, wie wir es uns noch kaum vorstellen können. Weil wir über kein Organ zur Wahrnehmung von Zeit verfügen, staunen wir oft und sind darüber irritiert, wie ruckartig oder schleichend die Zeit fortschreitet. Die Relativitätstheorie ist für uns immer noch so unverständlich wie die Möglichkeit, nach hinten oder nach vorne zu fahren oder keine Zeit zu spüren. Auch in Zukunft werden Wissenschaftler und Physiker ihren Beitrag dazu leisten müssen, die Zeit noch mehr zu begreifen. Wir unterscheiden ja zwischen der Uhrzeit, der biologischen, der astronomischen oder auch der universellen Zeit. Von allen Zeitarten ist die biologische diejenige, die wir am ehesten mitbekommen. Ich plane auch eine Arbeit dazu. Im Grunde ist der menschliche Körper wie ein Zeitzeiger. So, wie wir gestaltet sind, ist die Zeit in ihrer Art, wie sie wirkt, und in dem, was wir mit ihr anfangen, wie ein Schlüssel. Unsere Zeitbegriffe sind auch an unserer biologischen Form orientiert. Die Idee der Vergangenheit, also der Begriff des Vergangenen verweist ja darauf, was hinter uns und passé ist. Was vergangen ist, liegt im buchstäblichen Sinne hinter unseren Vordersensoren, den Augen, also hinter den Sensoren, die uns in die Zukunft hineinriechen, hineinsehen, hineinschmecken und hineinfressen lassen. Die Zukunft ist unsere vorderste Tastatur. Da, am Gesicht, wo wir etwas gerade spüren und gerade im Begriff sind, etwas zu packen, zu schmecken, zu riechen oder zu sehen, fängt die Zukunft an. Alles, was hinter den Sensoren liegt, gehört der Vergangenheit an und ist irgendwie versteckt im Gedächtnis, unserem Erinnerungsvermögen. Diesen Sack schleppen wir hinter uns her. Wir sehen das auch an unserer Gangart. Die Vergangenheit befindet sich eindeutig hinter uns, und wir drücken unsere Sensoren in die Zukunft hinein. Um die Zukunft zu ermöglichen, suchen wir nach Beute und nach Nahrung für unsere Organe. Was im Hinterkopf sich nach hinten streckt, das ist die Ansammlung dessen, was der Vergangenheit angehört. Die Strecke, die wir gegangen sind, liegt hinter uns. Für die Gegenwart haben wir keine rechte Empfindung, weil sie immer schon vergangen ist kaum, dass wir versuchen, sie uns zu vergegenwärtigen. Die Vorstellung vom Gegenwärtigen kommt stets zu spät. Eine Definition der Gegenwart, die mir gefällt, ist ihre Beschreibung als fast chemischer Ablauf. Es ist so, wie der Photon in meiner Retina dringt und eine chemische Reaktion auslöst. Dieser kurze Impuls, diese Reaktion des Sehnervs auf Licht ist Gegenwart. Im Grunde ist es gar keine Zeit. Womöglich ist die Gegenwart so etwas wie ein biologischer Rhythmus. Vielleicht reduziert sie sich auf die kleinste Gehirnfrequenz, die man gerade eben noch wahrnimmt. Auf jeden Fall ist die Gegenwart hauchdünn. Sie ist gerade der Geschmack auf meiner Zunge. Gerade das in mein Auge eindringende Licht. Gerade die Bewegung des Blutes in seiner Bahn. Es ist alle das, aber es befindet sich in der Zeit der reduzierten Gehirnfrequenz. Zudem ist die Gegenwart das einzige Materielle. Die Vergangenheit ist nicht mehr, sie war materiell, und das interessiert mich nicht. Die Zukunft hingegen könnte materiell werden. Könnte in den materiellen Zustand der Gegenwart eintreten, aber sie ist zunächst einmal konditional. Sie liegt vielleicht irgendwann vor uns, und zwar außerhalb des Bereichs von Mund, Nase, Ohr und Tastsinn. So sehe ich den Körper als solchen. Wir fressen uns quasi in die Zukunft hinein. In den Gruben der Vergangenheit lassen wir unsere Exkremente fallen. Was nicht mehr gebraucht wird, breiten wir nicht vor uns aus; das wäre Unsinn. Wir lassen es hinter oder unter uns zurück. Um die Zeitdimensionen zu verstehen, brauchen wir nur unsere Körperfunktionen zu analysieren.  

Der Spalt zwischen den Zeiten

Wie soll die Arbeit zum Thema "Zeit", auf die Sie eben anspielten, aussehen?  

Dazu gibt es bereits ein paar Zeichnungen. Was ich gerne machen würde, ist ein riesiger, kaum von der Stelle zu bewegbarer, etwas länglicher Stein, fast ein Fels. Am seinem schmalen Ende wäre eine menschliche Figur aus dem unregelmäßigen Klotzes herausgemeißelt. Ein zweiter Stein, vielleicht noch größer, enthielte genau das Negativ der Figur. Es käme dann darauf an, beide Teile so perfekt aneinander zu pressen, dass nur ein hauchdünner Zwischenraum bleibt. Was mich an dem Projekt reizt, sind die Genauigkeit und Perfektion, die das Ganze erfordern, wenn man eben nicht mit einem Abdruck arbeitet, sondern wirklich bildhauert, also in Stein arbeitet. Ich wüsste keinen Bildhauer, der das bisher geleistet hätte. Das heißt, hier wären Vergangenheit und Zukunft so aneinandergefügt, dass dazwischen ein winziger Spalt, ja ein kaum wahrnehmbarer Hauch bliebe, der Gegenwart heißt. Man kann diese nur von ihren Symptomen, also von der Vergangenheit mit Zukunft ablesen oder zwischen den Blöcken erahnen. Diese Bildidee fasziniert mich insofern, als sie die Fragilität der Gegenwart verdeutlichen könnte.  

Wie verstehen Sie die Relativitätstheorie?  

Die Theorie der Relativität besagt, dass Zeit, Masse und Lichtgeschwindigkeit als Konstanten austauschbar sind. Sie sagt ferner aus, dass wir uns auf unsere Vorstellung von Zeit nicht verlassen sollen. Wir haben keinen besonders großen Rahmen, um die Zeit zu beurteilen. Bezogen auf das ganze Universum ist Zeit nicht so konstant, wie angenommen. In der Nähe von Schwarzen Löchern oder bei den auf der Sonne stattfindenden Kernfusionen ist eine ganz andere Zeit wirksam, die sich aus Einsteins Formel ergibt. Das ist die Relation. Besonders gut und bildlich stellt das Steven Hawkins dar. Ein amerikanischer, an einen Rollstuhl gebundener Physiker, der auf faszinierende Weise erklärt, warum derjenige, der eine Reise per Raumschiff unternimmt, bei seiner Rückkehr anders gealtert wie derjenige, der hier geblieben ist. Und zwar deshalb, weil er mit anderen Geschwindigkeiten andere Räume durchquert hat. Er hat eine andere Zeit passiert, altert schneller, ist aber, wenn er zurückkommt, jünger. Hawkins klassisches Beispiel ist die Uhr, die Mitternacht anzeigt. Wenn der Sekundenzeiger nochmals tickt und sich mit irrer Geschwindigkeit beschleunigt, könnte uns das von der Uhr reflektierende Licht, welches das Bild von dem eine weitere Sekunde tickenden Sekundenzeiger an unser Auge weitergibt, gar nicht einholen. Das würde bedeuten, dass es mir, wenn ich vor der Uhr bewegungslos stehe, so scheint, als stünde sie. Desto schneller weg von ihr, desto langsamer ist das Ticken. Auf jeden Fall bringt Hawkins wunderbare Beispiele, die einem das Gehirn zermalmen, fängt man erst einmal an, die Finten der Relativitätstheorie zu begreifen. Ein anderer Aspekt wissenschaftlicher Wahrnehmung von Zeit hat mit der Unschärfrelation zu tun. Sie bezieht sich auf die klassische Auseinandersetzung zwischen Heisenberg, Einstein und anderen. Heisenberg beweist vor allem mathematisch, dass es, wenn die Quantentheorie als Modell stimmt, wegen der Natur der Quanten unmöglich sei, die Position von einem Elektron in der Skala innerhalb der Quanten zu spezifizieren. Das heißt – und das ist eine wichtige, sowohl wissenschaftliche wie auch philosophische Erkenntnis –, dass die ganze Relativität, weil die kleinste Einheit weder in Raum noch in Zeit zu spezifizieren ist, eine gewisse Unschärfe besitzt. Sie wirkt sich vielleicht auch auf unser Lebensgefühl aus.  

Können Sie Ihr Interesse an der Zeit als Dauerthema biografisch rückverfolgen? Oder äußert sich da nur der reine Wissensdurst?  

Es ist keine reine Wissensebene, auf der ich mich bewege. Nichts rein Geistiges. Das Interesse daran setzt beim Betrachten der Uhr meines Körpers ein. Spätestens, wenn man als Kind urplötzlich rechtzeitig zum Gong am frühen Morgen in der Schulbank sitzen muss, ist man gezwungen, ein Zeitbewusstsein auszubilden. Merkwürdig ist ja auch, dass Mitschüler, die nur ein oder zwei Jahre älter waren, einem fast wie andere Tierarten vorkamen. Sie sind sieben Jahre jünger als ich. Stellen Sie sich einmal vor, wie uns, wenn wir die gleiche Schule besucht hätten, diese Altersdifferenz in diesem System erschienen wäre. Denken Sie nur daran, wie von Kindern Altersunterschiede erlebt werden. Da verfügt man über ein ungeheures Zeitbewusstsein darüber, was sein wird, wenn man älter ist, und dafür, dass Zeit endet. Was für ein Schock ist es, wenn die Spielzeit in Schulzeit übergeht. Diese relative Abschätzung eigener Möglichkeiten ist, was unser Gefühl für Zeit ernährt.  

Atypisch in der Zeit

Haben Künstler einen anderen Zeitsinn als Normalbürger?  

Das bestreite ich. Der hat auch Hunger, wenn ich Hunger habe, und er muss auch schlafen, wenn ich schlafe. Es gibt zwei unterschiedliche Strukturierungen von Zeit, die jeden betrifft. Zum einen empfindet man es als geradezu körperlichen Zwang, zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort zu sein. Es ist aber auch von meiner Laune abhängig, wie ich wann wo bin. Morgens früh bin ich ein langsamer, kaum ansprechbarer oder kaum durchzudringender Mensch, vielleicht bedingt durch zu niedrigen Blutdruck. Abends bin ich fröhlich und energisch. Das ist bei jedem Menschen anders. Es sind auch Empfindungen darüber, womit man sich zusätzlich beschäftigt in der Zeit. Wer in der Schule sitzt oder auf der Arbeit ist, trägt in sich gleichzeitig immer auch andere Freuden, andere Erwartungen, andere Ideen und andere Zeiten. Ob man arbeitet oder nicht, man tut es, um ein Leben zu gestalten, an dem man sich erfreut. Jedenfalls sollte es so sein. Der Mensch ist in der Lage, Zeitabschnitte zu akzeptieren, die gar nicht so angenehm für ihn sind, um angenehme Vorteile für sich zu erzielen. Ob uns das bewusst ist oder nicht, dieser Mechanismus gilt für uns alle.  

Fällt Ihnen dazu auf sich bezogen ein Beispiel ein?  

Das gehört zum Alltag. Gelegentlich muss ich in meinem Atelier aufräumen, was mir öde und unsinnig erscheint. Aber ich tue es, um anschließend mehr Spaß an der Arbeit zu haben und für eine größere Effizienz, eine schnellere, vielleicht mit anderen Möglichkeiten. So öde Arbeitsvorgänge wie Schleifen, Schneiden oder Polieren sind Voraussetzungen dafür, dass danach etwas möglich ist, was spannender ist. Jeder Mensch sehnt sich nach Freuden, will es sich wohl ergehen lassen und tut etwas dafür, um bessere Vorraussetzungen dafür zu schaffen. Er will sich seinen Gelüsten hingeben und sich seine Wünsche erfüllen. Dass es einem gut ergeht, ist schon sehr wichtig für ein erfülltes Leben, aber dieses setzt voraus, dass man auch unerfülltere Zeiten erlebt.  

Was fällt Ihnen zum Thema der Zeitschwelle ein?  

Darüber zu reden, fällt mir schwer, weil ich ziemlich atypisch in der Zeit reagiere. Es ist nichts, was ich konstruiere. Ich weiß nur, dass, wenn andere Kinder Kricket spielten, ich mit meinem Leben etwas anderes machen musste. Zu der Zeit, als ich abends studierte, gingen alle anderen nach Hause. Für mich war das die beste Zeit zu arbeiten. Jeder hat seinen eigenen Zeitrhythmus. Ich merke das auch bei meinen Studenten. Da gibt es einige, die am liebsten in der vorlesungsfreien Zeit arbeiten, statt während des regulären Semesterbetriebs. Um ihre Frage kurz zu beantworten, muss ich gestehen, dass ich nicht in Begriffen wie Zeitschwelle denke.  

Gedankensprung, nun bedingen die neuen Technologien einen anderen Zeitbegriff.  

Das Zeitverständnis ist ein anderes, aber das ist nicht unbedingt eine qualitative andere Zeit. Die Technologien bedingen eine Verkürzung von Zeit. Es ist eine Beobachtung, die jeder machen kann. Irgendwann schrieb man sehr ungern Briefe, weil es eine so langwierige Sache ist. Der Brief musste erst einmal geschrieben, dann abgeschickt werden und benötigte eine gewisse Zeit, bis er bei seinem Empfänger im Briefkasten landete. Bis dieser geantwortet hatte und sein Brief uns erreichte, verging wieder viel Zeit. Trotz besser Transportmittel und trotz des Luftwegs. Mit dem Fax, dank dem sich meist kurze Briefe von nicht unbedingt großer literarischer Qualität überallhin in Sekundenschnelle befördern lassen, kam ein gewisses nostalgisches Schwärmen für das Briefeschreiben auf. Noch schneller ist die E-mail, die in Verbund mit den neuen Kommunikationsmitteln wie Handy auf den Markt kam. Damit verbindet sich die pausenlose Verfügbarkeit und die Rund-um-die-Uhr-Erreichbarkeit, überall und nirgends. Die Frage, die sich mir dabei stellt, ist die, ob dies wirklich eine qualitative Verbesserung darstellt. Nun helfen mir diese Technologien nicht unmittelbar bei meiner Arbeit. Aber dafür erweisen sie sich in anderen Bereichen scheinbar als ganz praktisch. Wenn jemand in Japan ein Bild von einer meiner Arbeit aus meinem Atelier haben will, so war es früher viel umständlicher, seinem Wunsch nachzukommen. Ich musste einen Film kaufen, ihn in die Kamera legen, entwickeln und ein Print herstellen und per Kurier an den Bestimmungsort befördern lassen. Mit den heutigen Digitaltechnologien verkürzt sich der Weg auf ungeheure Weise. Ein Bild lässt sich digital in den Computer per E-mail verschicken. Innerhalb von einer halben oder maximal zwei Minuten ist alles erledigt. Das ist eine durch die Technologien ermöglichte Verdichtung von Zeit. Nur frage ich mich allen Ernstes, ob das überhaupt ein qualitativer Unterschied ist. Mag sein, dass man weniger ungeduldig ist. Gewiss ist es so, dass alles schneller geht, aber die nächsten Probleme kommen, ja rasen dafür auch um so schneller auf einen zu. Die in den letzten Jahren aufgekommene Beschleunigung, die mit Schnelllebigkeit einhergeht, wird wohl in den kommenden Jahren noch einen Zahn mehr zulegen. Keine Frage! Besonders krass wirkt sich der Einbruch neuer Technologien in den Finanzwelten aus. Ein riesiges, kaum bedachtes Problem stellt ja dar, dass die mit den schnellsten Maschinen ausgerüsteten Profis, weil sie immer schneller reagieren können, auch immer geschwinder die allergrößten Profite machen. Während wir hier plaudernd sitzen, darauf ungeduldig hoffend, dass am Ende des Monats unser Geld auf unser Konto überwiesen ist, werden wir ausgebeutet und in Millisekundenschnelle ausgeraubt. Das, gewiss keine künstlerischen Probleme, prägen das moderne Leben.  

Symptome der Lebenszeit

Zurück zu Ihrer Arbeit: Gibt es Arbeiten, wo Zeit direkt oder indirekt thematisiert wird?  

Bis auf das Vorhaben, von dem ich berichtete, keine. Über die im Grunde unfassbare Zeit als Künstler zu reflektieren, ist etwas, was ich mich bisher nicht traute, in Angriff zu nehmen. Wenn Sie die Gestik des Anfangs nehmen, so zeigt sich da am ehesten, dass meine Arbeiten und Zeichnungen, die ich hinterlasse, bis heute so etwas wie Zeitzeugen, ja wie Symptome der von mir durchlebten Lebenszeit sind. Seit langem ist mir bewusst, dass das so sein könnte, ja dass das fast automatisch so läuft. Insofern muss ich es auch gar nicht groß zum Thema machen.  

Man sieht den Arbeiten an, zu welcher Zeit sie entstanden. Offensichtlich verhält es sich so, dass sich zu einer bestimmten Zeit eine bestimmte Ästhetik und ein bestimmter, von der eigenen Generation bewirkter und von einer anderen provozierter oder angestoßener Umgang mit Materialien herausgebildet hat.  

Das ist ja, was ich im Grunde sagte. Man handelt im besten Wissen und mit bestem Gewissen in einem bestimmten Zeitraum, und die Produkte, die man macht, sind nur in der Zeit möglich, wo sie verwirklicht werden. Wenn man Glück hat, sind sie entweder in der Zeit ganz neu oder stehen in einer wichtigen Relation zur Zeit und haben insofern etwas in der Zeit auf Einfluss nehmende Weise zu sagen. Daraus darüber hinaus noch ein Thema zu machen, finde ich schwierig. Die Lebenszeit wird eh in der von einem gemachten Kunst abgelegt. Meinen eigenen Arbeiten von vor zwanzig Jahren sehe ich den damaligen Wissens- und Könnenstand und alles an, was ich in der Zeit erreicht habe. Womöglich verfüge ich heute über ein größeres Maß an Objektivität und sehe, was ich als 19-Jähriger, als 29-Jähriger oder 39-Jähriger gemacht habe, mit mehr Distanz und mit objektiveren Augen. Ich verstehe auch heute noch, warum das so war und was mich dazu bewog, es so und nicht anders zu machen.  

Woran liegt es, dass vergangene Kunst uns heute nicht nur als ein Zeugnis der Vergangenheit erscheint?  

Weil sie in der Zeit, wo sie entstand, eine Sache genau auf den Punkt traf. Es ist ausgesprochen selten, dass etwas ganz frei und neu in der Welt ist. Aber es gibt Momente im Leben von Künstlern, Wissenschaftlern oder Philosophen, wo sie zu Einsichten und Ansichten in der Lage sind, die absolut neu in der Zeit sind. Dank der gebündelten Erfahrungen der Menschheit kommt dann etwas Richtiges zusammen. Es geht nicht um Originalität, sondern um die Markierung dessen, wo wir Menschen angelangt sind. Die künstlerischen Resultate bleiben als feste Fußabdrucke in der Zeit zurück. Wer historisch zurückschaut, stößt auf den Fußabdruck im Sand der Zeit als der Weg seines Ganges. Es ist auch überlebenswichtig, dass wir in unserem Gedächtnis die Dinge abspeichern, um zurückschauen zu können, denn es gibt uns ein Gefühl und eine Vorstellung dafür, wie wir zu unseren heutigen Erkenntnissen gekommen und in den heutigen Zustand getreten sind. Es wäre ein Irrglaube und Irrwitz anzunehmen, dass das, was man gerade denkt oder macht, einem Leerraum entspränge. Es kommt aus der Fülle der Erfahrungen von uns Menschen. Jeder, der irgendwann vielleicht etwas Originelles leistet, erkennt als erster, dass nichts ohne die Wissensgeschichte und ohne den kollektiven Erfahrungsschatz möglich ist. Jemand wie Newton wusste, warum er sagte, dass das, was er sah, sich ihm nur zeigte, weil er das Privileg hatte, auf den Schulter von noch größeren Männern zu stehen. Man sieht also nicht nur nach vorne, sondern muss, um die Gesamtrelation nicht aus den Augen zu verlieren, auch nach hinten schauen. Wenn man nach hinten schaut, erstreckt sich vor einem die für uns relevante Vergangenheit als eine riesige und weite, kaum überschaubare Landschaft. Um den Raum der Vergangenheit zu überblicken, benötigt man Koordinationspunkte, und das sind jene Punkte, wo die Ideen, Formvorstellungen und Konzepte vorformuliert sind, an denen man anknüpft.  

Also wenn man wie Sie als Bildhauer arbeitet, so gehört dazu, dass man sich nicht nur handwerklichen Fähigkeiten aneignet. Mit diesen verfügt man nicht nur über die Zeit, in der man das Handwerk gelernt und den Kunstsinn entwickelt hat, sondern auch über die gestaute Zeit der Kunstgeschichte, die das erst ermöglicht.  

So ist es. In meinem Atelier frage ich mich immer wieder, warum keiner vor mir das gemacht hat, was ich gerade realisiere, und stelle dann wieder fest, dass die Bildhauer der Vergangenheit in der Zeit und aufgrund derselben dazu nicht in der Lage waren. Man war einfach noch nicht so weit, etwas zu tun, was mir so selbstverständlich wie konsequent erscheint. Das hört sich überheblich an. Aber so ist das. Andere Bildhauer, die nachrücken, werden noch interessantere Dinge als wir machen, weil sie schon allein deshalb besser sein werden, weil sie noch mehr Informationen gesammelt haben. Jeder lebt in den Grenzen des eigenen Könnens und des Wissens seiner Zeit. Das definiert uns, und wir müssen das akzeptieren. So, wie wir in Relation zur Vergangenheit stehen, so wird unser Schaffen von anderen bewertet und gesehen werden. Für den Bildhauer spielt auch eine Rolle, dass man ein bisschen mit der Zeit spielt. Man macht Dinge, die über die eigene Lebenszeit hinausragen, wenn man uns das ganze Zeug nicht mit ins Grab packt. Die Rede von der Selbstverewigung ist zwar eine romantische Idee, aber eine schöne. Es ist ganz charakteristisch für die Bildhauerei und entspricht ihren objektiven Bedingungen, dass sie, wenn sie gelungen ist, über die biologische Zeit des Künstlers hinaus weiterexistiert. Schon allein aufgrund des Materials, das verwendet wird. Stein, Bronze, Holz oder Plastik hält halt länger als der menschliche Körper. Schon deshalb muss man sich als Bildhauer fragen, ob das, was man macht, notwendig und auf Dauer den Augen der Menschen zumutbar ist.  

Von der Zeit bewegt

Apropos Zeit und Tradition, mir kommt gerade die Erinnerung an einen von den Amerikanern, die nach dem Abwurf der Atombombe auf Hiroshima Japan aufsuchten, gedrehten Film. Sie nahmen alles, was sie sahen, mit der Kamera auf, wobei ihnen das Festgehaltene vorkam wie die exotischen Handlungen von fremden Lebewesen auf einem anderen Stern. Alles erschien ihnen wohl deshalb so seltsam, weil sie weder etwas über die fremde Kultur noch etwas über deren Traditionen wussten und auch deren Zeitsinn nicht kannten und nachempfinden konnten. Da sie von Grund auf nichts verstanden, was sich ihrem Auge zeigte, wirkten die japanische Lebensform und deren Art, Häuser zu bauen, so befremdlich wie die Weltwunder aus anderer Zeit.  

Das ist ein starkes, mit Pathos beladenes, auch sehr packendes Bild. Es ist mir in einem wenn auch kleineren Rahmen vertraut. Ich erlebe die Bildhauerei, die eine ständige Umwälzung von Material betreibt, als eine einzigartige Lernmethode. Ich finde, es sollte mehr als nur eine Selbstverständlichkeit sein, solche Zeitgegenüberstellungen zu erleben.  

Ist Zeit eigentlich direkter darstellbar in der Kunst?  

Das tut sie per se.  

Fallen Ihnen Beispiele von Künstlern ein, die auf für Sie interessante Weise Zeit thematisieren?  

Auf jeden Fall Opalka und On Kawara. Doch ich muss gestehen, ich finde das zu kompliziert. Weder führe ich ein Tagebuch, noch will ich es. Das entspricht nicht meiner Art, Zeit zu dokumentieren oder festzuhalten. Zufriedenstellend finde ich das Thema der Zeit nirgends gelöst.  

Wie verhalten sich Zeit und Kunst zueinander?  

Keine Ahnung, ob das Ihre Frage beantwortet. Um die Zeit am Anfang des letzten Jahrhunderts zu charakterisieren, spricht man von den verrückten Jahren. Da kultivierten Künstler wie Alfred Jarry zeitgleich mit den neuen wissenschaftlichen Errungenschaften und Erkenntnissen einen recht bewussten Umgang mit Zeit. In der damaligen Kunst wie dem Kubismus des jungen Picasso spiegelt sich auch die Relativität wider. Auch bei den Futuristen spielt sie eine ausgeprägte Rolle. Da, wo sich etwas bewegt, manifestiert sich immer Zeit. Sowohl Malerei wie auch Bildhauerei, die Bewegung in sich haben, thematisieren sie auf ihre jeweilige Weise. Bewegung ist ja stets eine Mischung aus Masse und Zeit. Alles, was sich bewegt – und nichts bewegt sich nicht –, benötigt Zeit, damit es sich bewegt, denn sonst hat man keine Geschwindigkeiten. Dieser Zusammenhang rückte durch den Kubismus, durch Alfred Jarry und den Dadaismus stärker ins Bewusstsein. Jedenfalls kam die momentane Feststellung der Gegenwart im Surrealismus zum Vorschein und in der fast aktionistischen, tachistischen Malerei zum Tragen. Die Literaten, die unbewusst und so schnell etwas niederschrieben, dass sie keine Zeit mehr hatten, zu reflektieren, schufen vor allem Produkte der Gegenwart. Diese Gestik wurde von den Popkünstlern ganz selbstverständlich übernommen. Sie verdeutlichten ebenfalls eine andere Zeit und hatten keinen Abstand zum Thema und ihrer eigenen Zeit. Es entsprach dem Zeitgefühl der Pop-art, dass sie vor allem schilderte, was gerade im Moment geschah und darauf reagierte. Während das passierte, gewann der Film immer mehr an Einfluss auf unser Kulturleben. Die beweglichen Bilder korporierten mehr und mehr in die Zeit. Die Arte povera ist hingegen eine Kunstrichtung, die auch die sich in den Materialien hineingefressenen Spuren der Zeit darlegen. Ihr ging nicht mehr nur um neue Materialien, sondern um die ganz unterschiedlichen Zustände bekannter Materialien, die eine feinere Gliederung der Zeit bis hin zur Jetztzeit spüren lassen. Wie Sie sehen, kommt keine Kunst ohne Zeit aus, und von daher wird sie sich immer wieder anders manifestieren. Auch in meiner Kunst, die sich von Zeit zu Zeit hoffentlich ändert.  

Autor
Heinz-Norbert Jocks

* 1955, Düsseldorf, Deutschland

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Wichtige Personen in diesem Artikel
Antony Cragg

* 1949, Liverpool, Grossbritanien

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