Band 93, 1988, Gespräche mit Künstlern, S. 218

Alfonso Hüppi

Tag- und Nachtstücke

Ein Gespräch mit Doris von Drathen

DORIS v. Drathen: Nachdem Sie große Ausstellungen in wichtigen Museen, Kunstvereinen und Galerien der Schweiz, der Bundesrepublik hatten, sind Sie bereit, in einer kleinen privaten Hamburger Initiative auszustellen: In dem gerade von Ärzten und einigen Künstlern gegründeten Kunstraum und Verein »Impulse«: Bahnhofsgegend, altes Fabrikhaus, in Ateliers umgebaut, Hinterhof - warum hat Sie das interessiert, hier ein Ausstellungsangebot anzunehmen.  

ALFONSO HÜPPI: Die Leute haben mir gefallen. Da war kein Kunstmarkt-Geschiebe über Dritte, sondern Offenheit und von der Sache begeistertes Engagement. Vom Galeriebetrieb bin ich sowieso nicht so überzeugt; ich sehe ihn eher als einen - im Moment jedenfalls - nicht zu ändernden Notstand. Ich habe spontan zugesagt, und wir hatten großen Spaß, die Ausstellung einzurichten.  

DORIS v. Drathen: Sie haben einen Titel auf das Plakat gesetzt: Tag- und Nachtstücke. Da Ihre Arbeiten sonst selten Titel haben, ist das überraschend.  

ALFONSO HÜPPI: Der Titel »Tag- und Nacht-Stücke« ist zufällig entstanden; da ist mir ein Ausspruch von Meister Eckart zu Hilfe gekommen: Irgendwo schreibt er: »Wenn es uns gut geht, brauchen wir das Dunkel«, und zufällig habe ich bei Nietzsche mal gefunden: »Geht es uns schlecht, brauchen wir die Helligkeit«. Damit haben meine Bilder etwas zu tun. Gleichzeitig ist dieser Titel so schön vage, er läßt die Vorstellung von Theaterstücken zu, und tatsächlich verstehe ich manche Bilder, in denen geometrische Formen aufeinandertreffen oder geometrische auf vegetabile Formen stoßen, oftmals wie ein Theaterstück, wie eine Permanenz-Szene. Ich hatte den Eindruck, daß meine Bilder bislang mehr mit dem Tag zu tun hatten, daß es mehr Tagbilder waren, daß eigentlich jetzt erst die Dimension der Nacht dazukommt. Das sehe ich gar nicht traumatisch; in der Dunkelheit ist alles möglich, da wird das Wachstum vorbereitet.  

DORIS v. Drathen: Sie sprechen viel und gern von Meister Eckart; das ist selten, daß jemand sich in der »aktuellen Kunst« auf mittelalterliche Prediger beruft.  

ALFONSO HÜPPI: Ich habe über Jahre hin immer wieder Meister Eckart gelesen, und mich beeindruckt seine bildhafte Sprache, daß er äußerst komplizierte, auch intellektuelle Konstellationen in einem Bild darlegen kann, daß sie einem fast wie eine Plastik greifbar werden, wenn er sagt: »Soll das Auge die Farbe sehen, muß es frei sein von aller Farbe«. Das ist so plastisch und so genau - daraus könnte man eine Theorie entwickeln. Leerwerden: die täglich mediale Übung für den Künstler, die tägliche Entrümpelung der Leib- und Seelenschläuche, damit das Neue wieder hineingeht. - In diesem Satz ist alles gesagt, darin ist eine ganze Erfahrung, darin ist eine ganze Welt enthalten.  

DORIS v. Drathen: In Ihren Bildern stehen oft geometrische Formen gegen vegetabile, animaleske, manchesmal sogar erobert sich die Linie frei, in verführerisch anmutiger Dekoration, die Fläche oder den Raum. Kann diese »befreite« Linie nicht eine Gefahr werden, droht die pure Strenge da nicht aufgeweicht zu werden von gefälligem Dekor?  

ALFONSO HÜPPI: Sie sind gerade von der freien Linie zu der »befreiten« Linie übergegangen, das ist mir neu, aber das paßt mir ganz gut, also befreit vom Gegenstand, eine Linie, die nicht den Zwang hat, etwas ganz Bestimmtes abzubilden, sondern sich selbst als direkte Ausdrucksmöglichkeit bewegt, wie jemand vielleicht gestikuliert oder tanzt oder hüpft oder daher-schlurft. So hat die Linie ja auch die Möglichkeit, jede psychische Erregung unmittelbar, gerade in der Zeichnung wiederzugeben, in der Art und Weise, in der Geschwindigkeit, im Duktus, im Druck, das weiß man ja zum Beispiel von den Graphologen, wenn sie die Handschrift deuten, wie wichtig allein der Druck ist. Die Unbefangenheit der freien Linie gegenüber ist in den südlichen Ländern viel größer als hier. Schon in Frankreich ist das so. Ich denke mir, das kommt aus der Tradition, aus den Verbindungen zu Nordafrika, wo die Arabeske eine große Rolle spielt. Picasso oder Matisse etwa haben die Arabeske ja ohne Scheu benutzt. Während vielleicht in Deutschland das weniger geliebt worden ist oder doch immer mit dem Ruch des rein Dekorativen behaftet ist. Das Dekorative muß ja nicht unbedingt minderwertig sein; warum sollte ich nicht die Linie in eine dekorative Bewegung versetzen, um sie dann vielleicht unmittelbar in etwas Konstruktives überzuführen. Darin kann eine ungeheure Spannung sein, in diesem spielerischen, rein mit sich selbst beschäftigten Umgang, der dann auch einen jähen Bruch provoziert.  

DORIS v. Drathen: In welchem Zusammenhang stehen diese beiden Formensprachen zueinander; warum interessiert Sie das Zusammenspiel?  

ALFONSO HÜPPI: Vor Jahren haben Dieter Roth, Franz Eggenschwiler und ich eine Gemeinschaftsausstellung gemacht und Telefonzeichnungen gezeigt. Gerade bei diesem Projekt wird das eigentlich ziemlich deutlich. Über Jahre habe ich Zeichnungen, die während meiner Telefoniererei entstanden sind, gesammelt. Solche Zeichnungen macht eigentlich jedermann. Und dieses manische Füllen von Buchstaben oder die ständige Wiederholung eines Kreises oder eines Quadrates ist einfach eine Abfuhr von nervöser Energie, und da kommt ja auch die Arabeske mit der größten Selbstverständlichkeit daher, das Kreisen um sich selbst, das Über-das-Blatt-Laufen, hin und herirren; und es ist dann interessant zu beobachten: Während ich selbst spreche, bin ich der Automation verhaftet, während der andere spricht, habe ich mehr Energie frei und kann wieder bewußt in die Zeichnung eingreifen, es kann also sein, daß dieses Herumkrakeln plötzlich durch einen willkürlichen Eingriff gestört wird, daß ich ein Rechteck zeichne oder ein Rund, und es dann erweitere in irgendeiner konstruktiven Weise. Dieses Eingreifen in die Linie ist einfach der Moment, wo das Bewußtsein, die Reflexion einbricht in ein vegetabiles, wachstum-ähnliches Geschehen; die plötzliche Verstandesreaktion provoziert wiederum einen neuen Zug in der Zeichnung, das löst ja etwas aus, das ist wie beim Schachspielen, das provoziert vielleicht wieder ein Zurückgehen oder ein Aufnehmen oder ein Dagegenlaufen. Vielleicht kann man das ungefähr so beschreiben, wenn Vegetabiles und Geometrisches sich treffen.  

Und dieses Anstoßen und Reagieren bestimmt auch meinen Arbeitsrhythmus: Ich suche immer irgendeinen Anlaß - wie einen Stein ins Wasser werfen - und versuche dann darauf zu reagieren.  

DORIS v. Drathen: Gibt es in Ihrer Arbeit verschiedene Phasen, wechseln Geometrie und freie Arabeske sich wie Vorlieben ab, oder entstehen sie immer nebeneinander, gehen sie auseinander hervor?  

ALFONSO HÜPPI: Beim Katalogmachen ist mir aufgefallen, daß es in meiner Arbeit mehr oder weniger deutlich drei Abschnitte gibt, die sich jeweils über mehrere Jahre hinziehen. Der erste war mehr bewegt von pflanzlichem Wachstum und war eigentlich immer mit dem Rund zugange, und in der nächsten Phase waren es ganz offensichtlich das Rechteck und der Würfel, und in einer dritten Phase wurde dieser Würfel zerstört mit Hilfe der Malerei, aber auch mechanisch, und da entstanden diese Entwürfelungen, wo der Würfel dann auseinanderfällt, in große Papiere oder Fetzen übergeht, und durch die Überschneidung der Seiten des Würfels entstanden die Dreiecke. Diese Beobachtung provozierte dann eine Periode, in der eigentlich das Dreieck beherrschend war.  

Der Kreis, das Rechteck, das Dreieck sind Grundzeichen, Zeichen, die nicht weiter zu reduzieren sind und mich auch deshalb interessieren. Diese drei Grundzeichen haben in unserem Sprachbereich ganz bestimmte Bedeutungen, sprachliche wie emotionale, die auch in der Schrift wiederzufinden sind, und die man eigentlich tagtäglich auf der Straße erkennt, auch in der Natur; im Gesicht, am ganzen Körper des Menschen. Aus solchen Beobachtungen heraus sind eigentlich die neueren Bilder entstanden, die eher synthetisch sind - ich habe diese drei Grundformen genommen und sie wie in einem Stilleben in das Bild gestellt: Und dann eeht der Tanz los - wer ist gegen wen, wer setzt sich durch, das Rund oder das Dreieck, oder ist eine Harmonie gesucht, oder wie in dem langen, schmalen Bild: Wie weit kann ich sie voneinander trennen, und trotzdem haben die Formen und Zeichen noch miteinander zu tun und ergeben eine Situation. Diese Bilder gehen eher von einem bewußten Akt aus, weniger von einem emotionalen Bedürfnis, dem ich einfach so den Lauf lasse, und da ist es dann fast umgekehrt - wenn ich wie ein Vorsatztäter herangehe, erlaube ich mir dann später wieder, nachzugeben, dem, was offenbar doch aus meinem Unterbewußten heraus soll oder will.  

DORIS v. Drathen: Es fällt auf, daß Sie immer wieder eine Brücke schlagen zwischen Schrift, Sprache und zeichnerischen Formen.  

ALFONSO HÜPPI: Ich war eine Zeitlang an der Hamburger Hochschule für bildende Künste Lehrer für Schrift und habe mich mit den Zeichen beschäftigt, nicht nur mit den Schriftzeichen, sondern eben auch mit den Ausdrucksmöglichkeiten einer schrägen Linie, einer geraden oder einer senkrechten, da gibt es dann interessante Verbindungen zur Sprache. In der Runenschrift beispielsweise führt eine Linie von links unten nach rechts oben, das ist der Bar-Strich; die Linie, die von links unten nach rechts oben geht, ist ja die aufsteigende Linie, die für unser Gefühl die Tendenz hat, sich aufzurichten in die Senkrechte, und der Begriff ist ja auch positiv: eß-bar, trink-bar, etwa. Der andere Strich, von rechts unten nach links oben, dagegen ist der Balg-Strich, der hat negative Bedeutung auch in der Sprache, etwa: Wechselbalg, sich balgen; diese Linie hat die Tendenz zur Horizontalen. Und so gibt es vielerlei Verbindungen: Solche Einflüsse treffen ganz unmittelbar auf uns ein, wenn ich etwa ein Haus oder einen Wolkenkratzer anschaue, da beeinflußt mich doch, abgesehen von der Masse, die ungeheure Senkrechte, die da ist, ganz egal, ob ich etwas von Kunst verstehe oder nicht. Und diese einfachen Dinge liegen in uns drin, da brauche ich nichts dazu zu tun. Ich bin kein Psychologe, der das eingehend untersucht hat, aber ich nehme an, diese Beobachtungen sind auch weitgehend in die physiologischen Zusammenhänge verwickelt, weil sie ja auf jedermann zutreffen.  

Die Chinesen etwa schreiben nicht nur von rechts nach links, sondern auch von oben nach unten, also zum Nabel hin, nach innen hin, und die Araber von rechts nach links, während wir nach verschiedenen Schriftrichtungswechseln schließlich immer von links nach rechts schreiben, immer von innen weg, immer nach außen, immer in die Aggression; und diesen Charakter haben wir auch, wir sind aggressiv und drängen nach außen, in unserer Schrift kommt das ganz deutlich zum Ausdruck. Dieses Bewußtsein begleitet mich schon in meiner Arbeit. Und dann in anderer Weise, habe ich, was die Sprache angeht, immer versucht, die Wörter aus den Bildern zu entlassen, weil bei dem jedenfalls, was ich machen will, ich es nicht dulden kann, wenn ein Wort eine Form oder einen Inhalt einfach ein für allemal festlegt, wenn da eben steht, »Haus« oder »Baum«, dann ist es ein Haus oder Baum, aber vielleicht ist es nur baumartig oder hausartig - und das ist ein großer Unterschied. Indem ich es aber auf einen Begriff bringe, ist es arretiert und wird ihm die Möglichkeit, die Möglichkeit, die in der Form liegt, durch den Begriff genommen; also, das wäre vielleicht mein anderes Verhältnis zur Sprache.  

DORIS v. Drathen: Deshalb hat Peter Bichsel einmal davon gesprochen, daß Ihre Bilder »schweigen«.  

ALFONSO HÜPPI: Es ist schön, mit den Bildern zu schweigen. Ich denke, was ich mit Hilfe des Wortes aus dem Bild herauslösen kann, das soll ich auch herauslösen, wir sind schließlich nicht so naiv, daß wir der Sprache nicht mächtig wären, aber ich bin der Meinung, das Eigentliche bleibt wortlos im Bild, und das macht das Bild aus. Aber, daß man darüber reden soll, und daß man alles, was die Sprache transportieren kann, auch transportiert, daß man das Bild befreit, mit Hilfe der Sprache, in die es verwickelt ist, damit es seinen eigentlichen Glanz wiederfindet, das ist absolut notwendig. Die Kunsttheorie oder ein Reflektieren über Kunst kann die Reinheit des Bildes zum Vorschein bringen.  

DORIS v. Drathen: Was meinen Sie damit: »Reinheit« des Bildes, gibt es für Sie so etwas wie ein höchstes Ziel in der Kunst; können Sie das definieren?  

ALFONSO HÜPPI: Ja, mit aller Vorsicht, ich möchte das sowieso nicht dogmatisch festlegen, man kann - so denke ich - dann nur in Metaphern reden, wie der Titel der Ausstellung in dem kleinen Hamburger Kunstraum eben »Tag- und Nachtstücke« heißt.  

So kann ich mir denken, das reinste Bild wäre das Bild, was mit dem Urbild identisch ist. Meister Eckart spricht von der Wortlosigkeit des Wortes oder von der Bildlosigkeit des Bildes - das Urbild ist noch vor dem Bild, und - wie soll ich das sagen? - es ist, obwohl es ein Bild ist, nicht sichtbar, und trotzdem, wenn das Bild mit dem Urbild identisch wird, dann würde ich von Reinheit des Bildes sprechen, oder wie Eckart sagt: Die Bilder sind nackt.  

DORIS v. Drathen: Es gehört im Kunstbetrieb zum guten Ton, daran zu glauben, daß unsere Zeit keine Wertbegriffe für die Kunst hätte. Ohne Wertesystem kommt aber niemand von uns aus; wie würden Sie Ihre Kriterien definieren?  

ALFONSO HÜPPI: Es fällt mir schwer, allgemein, ohne konkretes Beispiel zu formulieren; ich würde - glaube ich - nach diesem Urbild forschen; was ist eigentlich der Grund dieses Bildes; und daran würde ich auch die Mittel messen, zum Beispiel die Ökonomie des Bildes, ist es geschwätzig oder ist es wirklich auf den Punkt gebracht, das kann ich aber eigentlich nur sagen, wenn ich auch auf den Grund des Bildes überhaupt stoße, auf den ursprünglichen Willen, warum dieses Bild erscheinen will oder muß. Wenn ich diesen Grund verpasse, habe ich keine Kriterien, dann habe ich ja nur die äußeren Kriterien des Geschmacks zum Beispiel. Das verachte ich keineswegs, wenn jemand eine passende Krawatte trägt, ist mir das recht, oder wenn irgend etwas hübsch ist, ist es mir auch recht, nur betrifft das eben die reine Oberfläche, es ist angenehm, wenn etwas geschmackvoll ist, aber darüber hinaus ist es bedeutungslos.  

DORIS v. Drathen: Ist das auch der Anspruch, den Sie für Ihre eigene Arbeit haben?  

ALFONSO HÜPPI: Nun kann ich ein Bild nicht ablösen aus dem Zusammenhang; für jemanden, der jetzt eins meiner Bilder irgendwo sieht oder irgendwo kauft, ist es ein anderes Bild als für mich; für mich kommt es ja aus einer langen Kette, und die Kette wird wieder weiter geführt. Das Maß, woran ich messe, ist selbstverständlich auch das Bild, das vorher dagewesen ist und das Bild, das danach kommen wird. Aber ein Kriterium liegt gewiß in der eigenen Person, ob dieses Gefühl der vollkommenen Übereinstimmung sich einstellt.  

Und das andere ist der Versuch, mit sich zu Rate zu gehen, was ist hier passiert, welche Mittel verwende ich, in welcher Weise sind sie eingesetzt, welche Quantitäten haben sie. Zum Beispiel dieses Bild mit dem Kreis, dem Quadrat, dem Dreieck und der Schlange; daran habe ich ziemlich lange gearbeitet. Als es fertig war, war es sehr schön - aber letzten Endes dachte ich, es ist auch nicht mehr als gelungen; das Wesentliche fehlte, es war mir aber längere Zeit nicht so klar, was denn das Wesentliche sei. Allmählich dämmerte mir, daß ihm der Widerspruch fehlte, daß es nur in sich selbst zufrieden war, aber daß die eigentliche Fragestellung, die ln-Fragestellung der Sache selbst, in dem Bild nicht enthalten war. Und ich dachte im Vergleich mit den drei geometrischen Formen: Hier hat alles seine Festigkeit, seine Richtigkeit, aber es fehlte im Grunde die Arabeske, die freie Linie, die den ganz anderen Anspruch der Kunst behauptet; daraus wurde die Schlange.  

Es ist doch immer wieder der dialektische Prozeß des Spruchs und Widerspruchs, ohne den ein Bild nie interessant sein kann.  

DORIS v. Drathen: Wie stark interessiert Sie die Tradition, wie genau meinen Sie, die Tradition kennen zu müssen, um etwas Neues machen zu können, haben Sie Lieblingskünstler, gab es Vorbilder?  

ALFONSO HÜPPI: Masaccio, zum Beispiel, ohne, daß ich behaupten könnte, er sei mein Vorbild.  

Vielleicht gibt es da einen Unterschied zwischen deutschen und schweizer Künstlern; mir ist immer aufgefallen, daß hier in Deutschland unter den Künstlern der Anspruch verbreitet ist, dieses oder jenes fortzuführen, Nachfolger zu sein von Dürer, von Turner oder von wem weiß ich, überhaupt eine Nachfolge anzutreten.  

Bei den Schweizer Künstlern, also wenn ich an Gia-cometti oder an Tinguely denke, an Luginbühl, an Thomkins, an Spoerri, an Dieter Roth auch, dann ist dieser Anspruch merkwürdigerweise nicht da. Das hat sicher auch mit den politischen Strukturen zu tun: Größe als Vorbild kommt in einem Kleinstaat nicht vor. Tinguely würde sich wahrscheinlich auf Wölfli berufen, das war ein Irrer in der Instalt im Dalhölzli bei Bern, der war sein Dürer.  

Ich fühle mich nicht als Fortführer von irgend etwas. Allerdings - gehe ich von den Methoden aus - sind für mich ganz eindeutig Léger, Hans Arp, Matisse, Paul Klee die Väter: Das waren die stärksten direkten Beeinflussungen, als das Bewußtsein einsetzte, daß es überhaupt Kunst gibt, daß zwischen Kunst und NichtKunst ein Unterschied besteht. Dies ist ein intellektueller Akt, den man irgendwann in der Jugend vollzieht. Später folgt die umgekehrte Schwierigkeit, den Gegenstand wieder genauso kunstlos zu sehen wie früher, seine objektive Gestalt mit dem subjektiven Symbol wieder zu vereinen.  

DORIS v. Drathen: Wenn Sie von Matisse, Klee, Léger sprechen als von den Künstlern, die Sie besonders schätzen, können Sie für deren Bilder sagen, sie hätten das Streben nach dem »Urbild« erfüllt? Fällt eigentlich »Urbild« und Abstraktion für Sie zusammen?  

ALFONSO HÜPPI: Ich weiß nicht, wie ich den Begriff Abstraktion fassen soll, den müßten wir jetzt definieren. In gewissem Sinn ist jedes Bild eine Abstraktion, sonst wäre es ja mit der Realität identisch, wer sich ein Bild macht, läßt weg. Selbst ein naturalistisch gemalter Baum ist im gewissen Sinn eine Abstraktion. Aber für mich sind die Bilder von Matisse oder Léger annäherungsweise durchaus Beispiele dafür, daß die Übereinstimmung gefunden ist zwischen Bild und Urbild, das kann ich aber nicht beweisen, das ist mehr eine Sache des Gefühls, da reicht die Theorie nicht hin, und Meister Eckart ist ja auch kein Theoretiker; er ist Mystiker.  

Diese Übereinstimmung findet im Dunkel statt, und nicht in der Helligkeit, deswegen kann man sie mit dem Intellekt nicht genau ausleuchten. Jedenfalls ich kann das nicht.  

Ich muß aber bei Matisse nicht dasselbe bewundern wie bei Léger. Bei Léger hat mich fasziniert, mit welcher unmittelbaren, proletarischen Kraft er seine Sache ins Bild gesetzt hat, und wie rabiat er Form und Farbe getrennt hat, oder bei Matisse ist es diese wunderbare Sinnlichkeit und der freie Umgang mit der Farbe und der Form. Oder bei Picasso ist es für einen jungen Maler, genauso wie für mich heute immer wieder überraschend, was sich der erlaubt, was sich der herausnimmt, da brauche ich gar nicht sein Schüler zu sein, ich muß nur sein Bild anschauen, dann steckt er schon an und macht Mut, Ängste abzulegen und die eigene Freiheit zu wagen. Diesen freiheitlichen, wagemutigen Umgang mit Methoden und Mitteln sehe ich bei den Amerikanern am stärksten.  

DORIS v. Drathen: Wen anerkennen Sie am meisten unter den Zeitgenossen?  

ALFONSO HÜPPI: Beeindruckt hat mich immer am al-lerstärksten Dieter Roth - das ist ungeheuer, was der riskiert; und ich meine nicht jetzt einfach nur als Künstler, sondern was er überhaupt als Mensch insgesamt riskiert, das ist atemberaubend; und ich denke auch, daß er das eben auch für uns riskiert, daß er sich zur Verfügung stellt, und bis zur äußersten Grenze vordringt, wo es auch jeden Moment passieren könnte, daß er daran zugrunde geht - das ist ein Beispiel von einem Künstler, der bis zur Grenze geht, wie es auch Beuys getan hat.  

DORIS v. Drathen: Sehen Sie Affinitäten mit anderen Künstlern, die mit geometrischen Formen umgehen?  

ALFONSO HÜPPI: Wenn die Perfektion erreicht ist, ist mein Interesse dahin, wenn in einer Form die Grenze erreicht ist, wo eigentlich die konkrete Kunst ansetzt, daß ein Kreis wirklich nichts anderes ist als ein Kreis, da ist dann die Grenze erreicht, wo - am liebsten würde ich sagen - wo meine Zuständigkeit aufhört. Damit greife ich Max-Bill und die Konkreten nicht an, aber ich will sagen: Ich bin da nicht mehr zuständig, da komme ich auf ein Gebiet, das andere kompetent und mit großer Energie und großem Ernst untersucht haben. Die stoßen zu Formen vor, die keine Wiederkehr mehr zulassen. Ich benutze die geometrische Form nur als Wegmarken. Der Gedanke Nietzsches von der ewigen Wiederkehr liegt mir näher als der pochende Vers von Brecht: »Es gibt keine Wiederkehr.« Geometrie als Mittel des Wiederkennens: Das finden Sie in jeder mittelmeerischen Kunst.  

DORIS v. Drathen: Sie arbeiten seit 1974 an der Kunstakademie in Düsseldorf, was wollen, was können Sie Ihren Studenten vermitteln.  

ALFONSO HÜPPI: Ich versuche, herauszufinden, was sich ausdrücken will, schließlich geht es dann darum, die entsprechenden Mittel und Methoden zu klären, viel mehr kann ich nicht tun: Gemeinsam den Punkt finden, von dem aus alles möglich ist. Verfehlt ihn der junge Künstler, hat er alles verfehlt. Es ist ein Spiel, mal nah dran, mal weit weg vom Gegenstand, mehr eine Frage des Klimas als eine Frage der Theorie. Die einen Lehrer verstehen sich als Leuchttürme, die anderen als Schuhlöffel - ich glaube das letztere ist realistischer.  

DORIS v. Drathen: Sie unterrichten, Sie stellen aus, Sie stehen ständig mit Ihrer Kunst und einem Publikum im Diskurs. Gibt es für Sie so etwas wie eine erhoffte Wirkung, oder - ohne moralischen Anspruch gesagt - würden Sie Ihren Bildern so etwas wie eine gesellschaftliche Rolle, gar einer Aufgabe zuordnen?  

ALFONSO HÜPPI: Vielleicht kennen Sie das von der Literatur: Es gibt Bücher, da lesen Sie eine Seite, und Sie vertrauen sich diesem Schriftsteller ohne weiteres an; auch wenn die nächste Seite vielleicht nicht mehr so gut ist, es macht Ihnen nichts aus, Sie vertrauen sich seiner Sprache an; und Sie bekommen ein anderes Buch in die Hand, und Sie vertrauen sich dem genauso spontan nicht an. Ich denke, es ist erstrebenswert, Bilder zu malen, denen sich die Menschen anvertrauen, in die sie sich irgendwo bergen können. Trotz solcher Überlegungen denke ich, für den Künstler ist es wie für vielleicht den Philosophen: Der philosophiert ja nicht für die anderen in erster Linie, sondern für sich selbst, er muß sich selbst klare Gedanken schaffen, so wie der Künstler für sich selbst ein klares Bild schaffen muß, ehe er glaubt, er könne den anderen etwas vormalen.  

Wenn wir von der gesellschaftlichen Rolle der Kunst sprechen, denke ich an die Etrusker, für mich ist das die höchste Möglichkeit der Kunst, daß sie auch angesichts des Todes erst recht die Heiterkeit bewahrt. Das ist auch für mich persönlich die höchste, erstrebenswerteste Form der Kunst. Und wenn man sich das Gegenteil ansieht, also unsere Friedhöfe, unsere Kapellen, wo die Toten weggeschafft werden, dann merkt man, was für eine elende und traurige Kultur das ist, wie wir versagen angesichts dieser letzten Ekstasen. Deswegen fühle ich mich so wohl in der etruskischen Kunst, weil sie hier eben nicht versagt, sondern ihre höchste Potenz erreicht.  

Meine ganze Erfahrung geht dahin, daß jemand, der das Heitere als das Erstrebenswerte darzustellen vermag, viel Dunkelheit überwunden hat.  

Biografische Daten

Alfonso HÜPPI geboren 1935 in Freiburg/Br. Jugend, Schule und Lehrzeit in der Schweiz. Studium der Schrift und Bildhauerei. Dozent an der Staatlichen Hochschule für Bildende Künste in Hamburg 1961-64. Mitarbeiter der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden 1964-68. Seit 1974 Professor für Malerei an der Staatlichen Kunst-akademie Düsseldorf. Wohnung und Atelier in Baden-Baden. Einzelausstellungen in Galerien (Auswahl) Galerie Parnass, Wuppertal 1963. Galleria il Canale, Venedig 1965. Galerie Handschin, Basel 1967/70/76/82/83. Galerie Schmela, Düsseldorf 1970/81. Galerie Denise Réne und Hans Mayer, Düsseldorf 1971. Galerie Klein, Bonn 1972/75. Galerie Medici, Solothurn 1972/76/78/83/85. Galerie Renée Ziegler, Zürich 1977. Galerie Anton Meier, Genf 1982 . Galerie Senatore, Stuttgart 1983. Galleria Henze, Art 85, Basel. 1986 Galerie Medici, Solothurn; 1987 Galerie Littmann, Basel; 1987 Impulse Ve. Hamburg Einzelausstellungen in Museen und Kunstvereinen Staatliche Kunsthalle Baden-Baden, Gesellschaft der Freunde junger Kunst, 1964. Badischer Kunstverein Karlsruhe 1970. Museum Folkwang Essen 1971. Kunsthalle Bern 1973. Kunsthalle Basel 1974. Städtisches Museum Schloß Morsbroich Leverkusen 1974. Griffelkunst Hamburg 1974. Städtisches Museum Ulm 1974. Staatliche Kunsthalle Baden-Baden 1978. Museum der Stadt Solothurn Kunstverein 1979. Kunstmuseum Winterthur Kunstverein 1979. Städtische Galerie Ravensburg 1979. Telefonzeichnungen (mit Dieter Rot und Franz Eggenschwiler) Kunstverein Karlsruhe, Museum Chur 1980. Kunstmuseum Bern, Kunstverein Düsseldorf Städtische Kunsthalle 1981. Institut für Moderne Kunst Nürnberg 1981. Städtisches Museum Freiburg, Augustinermuseum 1981. Forum Kunst Rottweil 1983.

Autor
Doris von Drathen

* 1950, Hamburg, Deutschland

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Wichtige Personen in diesem Artikel
Alfonso Hüppi

* 1935, Freiburg, Deutschland

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