Band 93, 1988, Gespräche mit Künstlern, S. 210

Rosemarie Trockel

Endlich ahnen, nicht nur wissen

Ein Gespräch mit Doris von Drathen

Für ein Portrait-Photo hat Rosemarie Trockel die eine Gesichtshälfte völlig abgewandt, auf der anderen hat sie mit Kajal-Stift ihr Gesicht ergänzt: spöttischer Mund mit Schnurrbart, melancholisches Auge. Ein androgyner Scherz. Das Versteckspiel ist gelungen. Rosemarie Trockel schickte das Photo mit den Korrekturen zu ihrem Interview: Sie hatte zwei Drittel gestrichen und ausführlich Erzähltes, unbefangen Erklärtes, ersetzt durch statementartig geraffte Aussagen.  

Diese Vorgehensweise gehört zu ihrer Arbeitsmethode. Zeichnungen oder Aquarelle werden zerstört, wenn plötzlich etwas entstanden ist, das sie so nicht zulassen will oder kann. Die Grenze wird nachher gezogen.  

Im Atelier während der Gespräche, während der Verabredungen über Auslassungen, Kürzungen, Änderungen, tauchte immer wieder das Bild vom Gewebe der Penelope vor mir auf: Weben und Auftrennen, Weben und Auftrennen.  

Es ist still in dem Atelier. Rosemarie Trockel arbeitet in einem Hinterhaus, das früher einem Handwerksbetrieb gehörte. Von allen Fenstern schaut man auf Kölner Kirchtürme. Vor einem der Fenster lehnt eine kobalt-blaue Glasscherbe; sie hat die Form eines Kirchenschiffs mit Turm. Rosemarie Trockel war das Blau aufgefallen und die Form. Die Scherbe lehnt schon lange da; vielleicht wird irgendwann mal etwas daraus.  

Auch das gehört zur Arbeitsweise von Rosemarie Trockel: Sie sammelt, sie hortet, sie verbringt viele Stunden in der Woche in der nahegelegenen Stadtbibliothek: Irgendwann treffen sich die Kreise von Intuition und Gedankenwelt; der Zufall, der überraschende Moment ist oft ausschlaggebend für das Entstehen einer Arbeit. Solche Kreise können sich über Jahre entwickeln, können bis in die Kindheit zurückreichen, können politische oder gesellschaftliche Fragen wie etwa die Rolle der Künstlerin berühren.  

Dieser Arbeitsrhythmus paßt nicht zu journalistischen Ansprüchen, in einigen Wochen, und selbst in einigen Monaten, einen Gesprächstext abzuschließen. Ein solches Vorhaben muß hier - noch mehr als sonst - ausschnitthaft bleiben. Die Fortsetzung der Treffen ist verabredet; das vorliegende Interview ist eine erste Annäherung.  

DORIS v. Drathen: Unter Ihren neuesten Arbeiten gibt es eine Figur, die Sie in Serie drucken: Eine Frau mit dem Kopftuch russischer Bäuerinnen, die Sichel in der Hand als Emblem erhoben. In einer Skulptur taucht wiederum ein politisches Symbol auf: Auf einem Herd liegt ein Adlerkopf. Zielen diese Arbeiten tatsächlich auf eine politische Deutung?  

ROSEMARIE TROCKEL: In der ersten Arbeit, die Sie ansprechen, habe ich eine von El Lissitzky für die Weltausstellung der Pressa 1929 in Köln entworfene Figur übernommen, in deren Gesicht der Ausspruch Lenins stand: Jede Köchin muß lernen, den Staat zu regieren. Entsprechend der veränderten Lage habe ich das Zitat um den Lernprozeß verkürzt: »Jede Köchin muß den Staat regieren.«  

In der anderen Arbeit habe ich einen Gegenstand, der als Symbol für Macht gilt, auf einen Gegenstand gelegt, der als Symbol für die Frau gilt. Das Ganze soll aber eher ein »Logo-Dumping« und keine symbolistische Anbiederung sein.  

DORIS v. Drathen: Sie haben sich viel mit der Rolle der Künstlerin auseinandergesetzt; steht das Lenin-Zitat für Sie damit im Zusammenhang?  

ROSEMARIE TROCKEL: Gewiß. Vor allen Dingen die Geschichte der russischen Künstlerinnen hat mich immer sehr interessiert. Das Photo von der El-Lissitzky-Figur fiel mir in einem Buch der Stadtbibliothek in die Hände, die Stadtbibliothek ist einer meiner Lieblingsaufenthaltsorte für regnerische Nachmittage.  

DORIS v. Drathen: Warum haben Sie die Figur in Serie produziert?  

ROSEMARIE TROCKEL: Wie in den Kleidern und Strickbildern geht es auch hier einerseits um die Entwertung vermeintlich sinnentleerter Symbole, andererseits aber um den Versuch einer Sinngebung auf diesem Weg. Im Zentrum stehen dabei die Signifikanten des Weiblichen, kulturell minderwertiger Materialien und Fertigkeiten wie Wolle und Stricken. Die Serie hat für mich die Aussage - wiederum eine Aussage von vielen möglichen - daß in unserer heutigen schnellebigen Zeit jede Wichtigkeit im Prinzip immer nur in ein Muster paßt. Und das mache ich unmittelbar sichtbar, indem ich dem Symbol einen seriellen Charakter gebe, so daß es zu einem Muster wird, einem Muster allerdings, das dann wieder für ein Symbol steht.  

DORIS v. Drathen: Verbinden Sie mit diesen Arbeiten den Anspruch, eine gesellschaftliche Wirkung zu haben, in dem Sinne, daß Sie Muster und Konventionen offenlegen, vielleicht sogar einreißen wollen?  

ROSEMARIE TROCKEL: Die Kunst arbeitet an der Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln. Aber direkte Veränderung durch Kunst ist wohl eher ein Märchen, an das es sich zu glauben lohnt. Man muß auf dem Vorschein der Kunst verharren. Es ist immer ein Balanceakt zwischen Ablehnung und Zustimmung. Aber die Hoffnung ist mir noch nicht abhanden gekommen.  

DORIS v. Drathen: Welche Rolle spielen die Materialien in Ihrer Arbeit?  

ROSEMARIE TROCKEL: Ganz eindeutig kann ich sagen, daß ich im Prinzip an Materialien weniger interessiert bin. Warum ich zu den Strickbildern gekommen bin, hat einen ganz anderen Hintergrund: Das ist auch wieder eine Annäherung an den Themenkreis »Geschichte der Künstlerin«; die Frage etwa interessiert mich, warum früher oft Ausstellungen von Künstlerinnen schlecht waren, warum sie Materialien nehmen aus Heim- und Herdbereich usw.  

Deshalb das typische und sehr belastete Material: Wolle. Ich will wissen, ob das negative Klischee überwunden werden kann, wenn der handwerkliche Aspekt aus dem ganzen Komplex herausfällt, wenn das Strickmuster vom Computer gesteuert entsteht. Ich wollte wissen, woran es liegt, daß eine Arbeit früher und heute oft von Frauen als peinlich eingestuft wird, ob das von der Umgehensweise mit dem Material abhängt, oder ob das wirklich an dem Material liegt.  

Es haben sich neue Beobachtungen ergeben: Während ich mich für die Strickarbeiten mit traditionellen wie aktuellen Mustern auseinandergesetzt habe, wie sie von Frauenzeitungen angeboten werden, so zum Beispiel ein Schottenmuster, das auch wieder eindeutig belegt ist, begann für mich eine Sicht auf das Phänomen Muster. Oft sah ich Muster, mit denen ich mich auseinandergesetzt hatte, auf der Straße wieder und fand eine merkwürdige klassenspezifische Zuordnung dieser Muster. Das möchte ich noch weiter verfolgen: Die Wollarbeiten machen aber nur einen kleinen Teil meiner Arbeit aus, die ich mal stärker und mal weniger verfolge.  

DORIS v. Drathen: In der Galerie Monika Sprüth zeigen Sie zur Zeit überlange schwarze Strümpfe: hinter Glas, die Füße in dieselbe Richtung zeigend, zwei Meter lang; gegenüber das gleiche Bild in Weiß. Mich hat diese Arbeit spontan an irgendein Märchen erinnert, ja vielleicht an das Märchen von dem Brei, der immer weiter kocht, über den Rand des Kochtopfs hinaus, sich in die Küche, ins Haus, in die Straße, in die Stadt hinein ausbreitet, weil irgend jemand die Formel vergessen hat, wie der Wunderbrci zum Aufhören zu bringen ist.  

ROSEMARIE TROCKEL: Das ist sonderbar; tatsächlich ging mir dieses Märchen vor einiger Zeit im Kopf herum, aber nur als vage Erinnerung. Ja, der Wahnsinn als perpetuum mobile.  

Dazu eine wahre Geschichte: Als ich ungefähr siebzehn Jahre alt war, arbeitete ich eine Zeitlang in den Bethel-Heimstätten. Da gab es eine Frau, die strickte und strickte und konnte nicht mehr aufhören, alles wurde ellenlang. An diese Begebenheit erinnerte ich mich, als ich an den »Strümpfen« arbeitete.  

DORIS v. Drathen: In Ihren Skulpturen fällt eine Übereinstimmung auf zwischen Köpfen und Krügen, zwischen Vasen und Menschen; gibt es für Sie eine Verbindung zwischen Mensch und Gefäß im Sinn antiker Tradition?  

ROSEMARIE TROCKEL:: Die Vase ist für mich die simpelste Form von Innen und Außen. Das Innen und Außen ist, was den Menschen ausmacht - ganz einfach - ganz existenziell - ganz kompliziert.  

Die verschiedenen Erscheinungsformen von Welten, die sich innen abspielen oder außen, lösen sich formal immer wieder anders.  

Meine Skulpturen haben wenig formale Ähnlichkeiten: der Ofen, die Muschelskulptur, die Gefäße, die Köpfe - sie sind durch Zeit und Zufall entstanden; da gibt es nicht so etwas wie ein Erkennungszeichen, aber doch haben sie alle eine verwandtschaftliche Verbindung, eine ähnliche Aura. Ich glaube, es ist das lange Machen, die Zeit, der langsame Entstehungsprozeß, der sie prägt; sie haben - vielleicht könnte ich das so sagen - eine Aura von Zeitlosigkeit. Ich arbeite nie in Variation, formales Weitergehen reizt mich nicht. Jede Skulptur ist ein in sich geschlossener Kreis. Als grobes Ganzes, als weiten Bogen, könnte ich das so formulieren: Meine Skulpturen füllen jede für sich ein Loch; das Loch des Nicht-Geläufigen, des Unbekannten; das Finden von Löchern, das interessiert mich.  

DORIS v. Drathen: Die Urnen hätten also nicht etwas mit Tod zu tun?  

ROSEMARIE TROCKEL: Doch gewiß - Tod aber als Kontrapunkt (tatsächlich im musikalischen Sinn, als ständige »Begleitung« verstanden) zum Leben, als das, was das Leben bestimmt.  

DORIS v. Drathen: Ihre Aquarelle sehen für mich aus wie schnell hingesetzte Momentaufnahmen aus einer Innenwelt. In der Galerie Ascan Crone haben wir uns über betende Figuren unterhalten, die immer wieder auftauchen, etwa über den betenden Narren. Sie erzählten spontan, daß Sie katholisch aufgewachsen seien, bei den Nonnen zur Schule gingen. Wie gehen Sie heute mit der Religion um?  

ROSEMARIE TROCKEL: Ich würde das anders formulieren und fragen: Wie ging die Religion mit mir um?  

Religiosität stellt sich für mich nicht in institutionellem Sinn (wie in der Kindheit), sondern in der ganz einfachen Fragwürdigkeit der Existenz: Woher kommen wir, wohin gehen wir? Die kritische Auseinandersetzung mit der Kirche interessiert mich, aber die religiösen Dinge liegen doch ganz woanders, viel tiefer und sind eigentlich unabhängig von der Kirche. Das ist für mich das, was den Menschen ausmacht.  

In diesem Zusammenhang ist auch der Affe zu sehen. Mich interessiert immer wieder der Mensch, woher er kommt, seine Entwicklungsgeschichte. Viele Skulpturen rühren immer wieder aus der Zeit meiner intensiven Beschäftigung mit der Anthropologie, daher das wiederkehrende Motiv von Knochen und Schädeln. Der Affe beschäftigt mich aber als Menschenimitator, als Nachahmer überhaupt.  

Tiere sind für mich sehr wichtig. Tiere sind immer auch Götter.  

DORIS v. Drathen: Wer Sie beobachtet, mit welcher nervlichen Anspannung Sie den Gießer, den Tischler, den Drucker immer wieder besuchen, bis eine Arbeit fertig ist, welchen Streß Sie empfinden in der Wartezeit, der weiß, wie wichtig Ihnen die Präzision ist; und dennoch ist es in vielen Ihrer Arbeiten so, daß der Zufall eine große Rolle spielt.  

ROSEMARIE TROCKEL: Ich bin natürlich daran interessiert, daß eine Arbeit der Vorstellung möglichst nahe kommt; das heißt auch in der Ausführung. Aber bis es zu einer Arbeit kommt, spielt der Zufall eine große Rolle, obwohl auch der Zufall nur eine Definition für das ist, was wir nicht kennen. So gesehen ist das Finden von Zufällen eine aufregende Sache.  

DORIS v. Drathen: Sie haben - und das unterscheidet Sie von vielen anderen Künstlern - neben der Kunst ausgeprägt theoretische Studien gemacht: Anthropologie, Soziologie, Theologie und Mathematik. Wie wirkt sich das aus: Sind Sie auch innerhalb der Kunst an Theorien interessiert, haben Sie theoretische Wertbegriffe?  

ROSEMARIE TROCKEL: Wenn ich darauf kurz antworte, muß ein Mißverständnis entstehen, die Diskussion um einen Kunstbegriff ist ein großes Thema. Trotzdem vielleicht nur soviel: Bei allen Kunsttheorien denke ich immer wieder, mich interessiert das alles gar nicht so sehr. Ich habe mich immer auch mit Theorien der Anthropologie, der Soziologie, der Wissenschaftstheorie auseinandergesetzt, mich hat die Geschichte dieser Theorien interessiert, zu beobachten, daß im Lauf von kaum mehr als einem Jahrhundert jede Theorie überholt ist: Das einzige, was ich tun kann, denk' ich mir, ist, daß ich meine Vorstellung von Welt oder Kunst - das ist identisch für mich - mit was immer für kuriosen Dingen versuche zu erarbeiten.  

Aber generell haben Theorien immer etwas Unsympathisches. Auch könnte ein theoretischer Gedanke nie unabhängig von uns existieren: Das ist seine Schwäche.  

Außerdem verbrauchen sie sich schnell, sie sind vielleicht hilfreich in der Annäherung an Kunst.  

Und außerdem: Es macht einen großen Unterschied, ob man etwas ohne Liebe oder mit Liebe betrachtet, ich entscheide mich für das letztere.  

Das Motto der neuen New Yorker Ausstellung im Museum of Modern Art heißt denn auch: »Endlich ahnen, nicht nur wissen«.  

Biografische Daten

Rosemarie Trockel 1952 geboren in Schwerte 1974-78 Studium der Malerei an der Werkkunstschule Köln. Lebt und arbeitet in Köln. Einzelausstellungen 1983 Galerie Monika Sprüth, Köln - Galerie Magers, Bonn 1984 Galerie Monika Sprüth, Köln - Galerie Ascan Crone, Hamburg - Stampa, Basel 1985 "Perspektiven", ART '85 Basel - Rheinisches Landesmuseum, Bonn, 1986 Galerie Friedrich, Bern; 1987 Galerie Tanit, München; 1987 Galerie Ascan Crone, Hamburg; 1988 Museum of Modern Art, New York Gruppenausstellungen 1982 "Circolo artistico", Bologna - Gal. d'arte moderna, Copparo -Ausstellung "Maria-Hilf", Köln - "Licht bricht sich in den oberen Ferstern" Im Klapperhof 33, Köln -1983 Galerie Ascan Crone, Hamburg - 1984 "Kunstlandschaft", Kunstverein Lübeck (Kat.) - "Bella Figura", Wilhelm Lehm-bruck Museum, Duisburg - Museum van Bommel-van Dam, Venlo (Kat.) - "Arbeiten auf Papier", Galerie Barbara Jandrig, Krefeld - "Une selection de la collection particulière de Joshua Gessel", Halle sud, Genève (Kat.) -1985 "Kunst mit Eigensinn", Museum für Moderne Kunst, Wien (Kat.) -"Trockel, Semmer, Koether", La Grande Serre, Rouen (Kat.) - "Herbstsalon", Museum Ludwig Köln (Kat.) - 1987 Tate Gallery, London; 1987 Galerie Monika Sprüth, Köln.

Autor
Doris von Drathen

* 1950, Hamburg, Deutschland

weitere Artikel von ...

Wichtige Personen in diesem Artikel
Rosemarie Trockel

* 1952, Schwerte, Deutschland

weitere Artikel zu ...