Band 39, 1980, Titel: Idylle oder Itensität, S. 198

Manfred Seckinger

Theater, Geld, Politik

Wenn Gott nicht existiert, dann ist alles erlaubt. Unter diesem Motto könnten Italiens Kulturmacher angetreten sein, ihr Land in Besitz zu nehmen.  

Italiens Künstler scheinen die Lust an der Suche nach Gott verloren zu haben. Wenn die Religion nicht tot ist, so schläft sie, gerade in Italien. Und weil Italiener im Grunde ihrer Seele doch recht gläubige Menschen sind, helfen sie sich mit einer Ersatzreligion, die dann Marxismus heißt oder Faschismus. Der Marxismus, eine im Prinzip ganzheitliche Doktrin, soll Mensch und Geist in aller Freiheit zu philosophischen oder wissenschaftlichen Erkenntnissen fuhren. So jedenfalls sieht es Dario Fo, der schwerarbeitende Tausendsassa des politisierten Tespiskarrens, der nahe den proletarischen Stadtvierteln Mailands seine Theatertruppe "La Comune" ständig unter Dampf hält.  

Anders interpretiert, könnte die Entwicklung der Kulturszene Italiens auch das Opfer ermüdender politischer Querelen sein. Denn, wo Politik, hier wie dort, zum Selbstzweck wird, Politiker als einzige Qualifikation nur das Streben zur Macht erkennen lassen, müssen sich Intellektuelle, kritische Bürger in die Opposition flüchten.  

Und weil gemeiniglich Künstler kritische Menschen sind, oft Zeit genug haben, nachzudenken, Begonnenes auszudiskutieren, stehen diese häufiger im linken Lager als anderswo.  

Freilich versäumte es bislang die Democrazia cristiana sich bei den Intellektuellen Italiens anzubiedern. Jahrelang galt zum Beispiel die Interessenaufteilung, den Christdemokraten gehört die Mailänder Messe und die Untergrundbahn, den Sozialisten die Scala und das Piccolo Teatro.  

Auch wenn Mailands offizielles Kulturleben fest in der Macht einer linken Kultur-Mafia zu sein scheint, so ist diese doch so elitär geblieben wie einst. Den einzigen Widerstand artikulieren die Ultra-Linken, die Kunst und Theater mit dem Volke und für das Volk machen möchten. Seit gut zehn Jahren, seit der Studentenrevolte 1968, hat sich Mailand gewandelt. Die Lust am Reichtum, der fabulöse Luxus der frühen 60er Jahre, gibt es nicht mehr. Die jetzt anhaltende wirtschaftliche Krise läßt alljährlich 20 000 bis 60 000 Menschen abwandern. Parallel dazu wächst Rom wieder in die Rolle der Hauptstadt hinein, auch im kulturellen Bereich. Was in der oberitalienischen Alt-Metropole bleibt, ist eben die Scala, von linken Gremien geleitet, hoch subventioniert, oder Giorgio Strehlers Piccolo Teatro. Beide sind inzwischen zur kulturaristokratischen Institution geworden, die auch mit wenigen Sondervorstellungen für Metaller oder Schüler, für Rentner oder Arbeitslose keine wirkliche Teilnahme der Bevölkerung umliegender Schlafstädte geschweige denn des angrenzenden Hinterlandes erreicht.  

Was für Mailand gilt, gilt auch in etwa für den Rest Italiens. Sich ändernde Strukturen sorgen für die Mobilität der Künstler.  

Während sich Funktionäre der christlichen Parteien um Sitz und Mandat in Gemeinderäten oder Provinzregierungen bemühen, umwerben die italienischen Kommunisten Professoren. Inzwischen ist es der KPI gelungen, alle Ausschüsse, die das Geistesleben, die Kultur Italiens, wenn man so will, kontrollieren, in ihren Einflußbereich zu bekommen. So ist auch klar zu erkennen, daß Künstler, denen es in unserer Gesellschaft eben auch um den gefüllten Kühlschrank geht, sich dem öffnen, der die Aufträge gibt, oder gut dotierte Kulturpreise verteilt, oder Kunstspektakel abhält.  

Zum Beispiel werden Experimentier-Theater subventioniert, wenn sie einen denkbar einfachen Nachweis ihrer Experimentierfreude bringen: 30 Tage Proben im Jahr bei 30 Aufführungen genügen.  

Staatliche Zuschüsse erhalten etwa 70 solcher Versuchsbühnen. Sie bekamen in der vergangenen Saison 78/79 gut eineinhalb Millionen Mark. Interessant zu wissen, die Subventionen gehen nur an die Theaterleitungen. Daß die Zuschußgeber, die ja vorgeben, marxistisch-kommunistisch zu denken, die Mittel nicht kollektiv verteilen, stört die Mitglieder der Ensembles. Das Schlagwort von der Auto-Avant-Garde entstand. Den Regisseuren wurde der Krieg erklärt. Die Schauspieler verlangen nach experimentellen Theatern ohne Regisseure.  

Erste Konsequenzen aus dem Streit der Kulturalternativen zog Carlo Quartucci. Er lebte jahrelang in einem LKW, den er zur Theaterbühne machte. Mit seinem "Camion" fuhr er in die Vorstädte von Rom, beschäftigte dort Mütter und Kinder aus den übervollen Wohnsilos, inszenierte Spiele für alle und ging mit seinem Auto, oder ähnlichen Fahrzeugen auf eine Tournee. Ihm gelingt, was andere nicht wollen oder können. Er widersteht den Weisungsbemühungen politischer Geldgeber.  

Kultur in Italien ist billiger als die Kultur in der Bundesrepublik. In Italien legt niemand Wert auf leinengebundene Literatur. Der Paperback zum halben Preis reicht aus. Wer in Rom einen Pinkas Zuckermann hören wollte, muß genauso viel bezahlen wie für den Klavierabend einer Nachwuchskünstlerin aus den Abruzzen. Italien verfügt aber über kein einziges namhaftes Sinfonie-Orchester. Es heißt, die Musiker seien undiszipliniert, kämen ständig zu spät, würden sich in den Konzerten laut unterhalten und dabei ihre Butterbrote verzehren (siehe Fellini, Die Orchesterprobe). Von Streiks gar nicht zu reden. Die Billigkultur hat natürlich auch Nachteile. Für eine Mark Eintritt ins Forum Romanum oder in die Galleria Borghese können nicht auch noch Museumswächter engagiert werden. Also blüht der Kunstdiebstahl. Aber das erregt Ausländer eher als Italiener selbst, die ja in einem Lande leben, das ein einziges Museum ist.  

Autor
Manfred Seckinger

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Jannis Kounellis

* 1936, Piräus, Griechenland

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