Band 23, 1977, Ausstellungen: Bonn, S. 158

Die Eröffnungsrede

Klaus Honnef

Christo: Wrapped Reichstag

Einführung zur Ausstellung CHRISTO: Running Fence und Wrapped Reichstag, am 14.9.1977, im Rheinischen Landesmuseum, Bonn.

Verehrte gnädige Frau, Herr Senator, meine Damen und Herren!  

'Kunst - was ist das? ' - Diese uns Museumsleuten nachgerade so geläufige Frage stellte kürzlich ein - Museum: Die Kunsthalle in Hamburg. Doch mit der Beantwortung dieser Frage, über deren Wichtigkeit ich nicht streiten möchte, machte man es sich allzu einfach. Denn - pauschal gesagt -ist der Ansicht dieses Museums zufolge im Grunde alles Kunst. Aber eine solche Meinung ist ebenso unbefriedigend wie die, wonach alles Kunst sei, was Künstler eben bewerkstelligten. Sie erzwingt nämlich unweigerlich die Zusatzfrage, wer eigentlich als Künstler zu betrachten sei, und wer bestimme, ob jemand ein Künstler ist oder nicht. Das Spektrum der Antworten auf die Frage, was Kunst sei, läßt sich beliebig erweitern. Etwa um diejenige von Christo, dessen Ausstellungen 'Running Fence' und 'Wrapped Reichstag' wir heute eröffnen. Mike Cullen deutet sie so: Christo hege die Auffassung, daß Kunst keine Funktion haben dürfe und zitiert zum Beleg dafür zwei seiner Sätze: 'Die Chinesische Mauer ist zweckgebunden; also kein Kunstwerk. Ein Kunstwerk muß unbrauchbar sein'. Ich möchte weniger dem Aperçu Christos widersprechen, als der Auslegung Mike Cullens, und dies kurz am Werk Christos nachweisen. Mir ist kaum ein Künstler bekannt, der sich mit dem Problem der Funktion von Kunst derart intensiv und derart erfolgreich herumgeschlagen hat wie Christo. Und es ist auch meines Erachtens auch zweifelsfrei, daß ihn die Frage nach der Funktion der Kunstwerke mehr interessiert als die Allerweltsfrage, was Kunst sei. Erlauben Sie mir einen etwas kühnen Vergleich: Den großen anglo-amerikanischen Filmemacher Alfred Hitchcock hat man oft gefragt, was ihn an Verbrechen dermaßen fasziniere. Seine Erwiderung darauf ist in vielerlei Hinsicht aufschlußreich. Hitchcock sieht in dem Verbrechen einen Stein, der ins Wasser Gesellschaft geworfen wird und dort seine Kreise zieht: durch das Verbrechen kristallisieren sich Reaktionen heraus, die es vorher nicht gegeben hat, Attitüden werden offenkundig, die man für unvorstellbar gehalten hätte, Zusammenhänge werden evident, deren Vorhandensein man sich zwar bewußt ist, aber nicht der spezifischen Formen ihres Wirkens. Ähnliches gilt für die künstlerischen Projekte von Christo. Da Christo seit einigen Jahren ausschließlich Projekte realisiert, die in der Öffentlichkeit angesiedelt sind, folglich nicht in jenem sogenannten Freiraum, den man Künstlern gemeinhin noch zubilligt - dem Museum, dem Kunstverein, der kommerziellen Kunstgalerie - setzt er Reaktionen frei, schafft den Blick für verborgene Strukturen, für gesellschaftliche Strukturen und ruft - wie Karl Ruhrberg sagt - Erkenntnisprozesse hervor. Insofern hat Christos Kunst - bleiben wir einmal einfach bei diesem Terminus - sogar entlarvende Funktion. Ich meine das nicht polemisch. Ich meine das sachlich. Nehmen wir ein aktuelles Beispiel: Christos Projekt einer Umhüllung des Reichstagsgebäudes in Berlin. Salopp formuliert könnte man sagen: Indem Christo den Reichstag verhüllt, enthüllt er politische, soziale und kulturelle Zusammenhänge, die man bestenfalls ahnen konnte, über die man jedoch bislang nichts Konkretes wußte. Wie ein Archäologe Schicht um Schicht der Erde abtragen muß, ehe er zu dem vorstößt, was von vergangenen Völkern und Kulturen noch übrig geblieben ist, entfernt Christo Schicht um Schicht von Bewußtseinssträngen, offenbart Verdrängungen und Verbiegungen des Bewußtsein, hier in diesem Falle namentlich des deutschen Nationalbewußtseins, wirft die Frage nach seiner Identität auf, reflektiert das Selbstverständnis - oder umgekehrt den völligen Mangel von nationalem Selbstverständnis einer geteilten Nation, provoziert Argumente und Gegenargumente - liefert mit anderen Worten ein Anschauungsmaterial, wie es heute kaum jemand sonst vermöchte, auch nicht die viel gepriesene Gesellschaftskunde. Und noch etwas: Christo fordert prompt und unmittelbar eine eindeutige Stellungnahme heraus. Dafür oder dagegen - ein gleichgültiges Achselzucken, ein Übergehen zur Tagesordnung gibt es angesichts seiner Projekte nicht. Woran liegt das? Christos Projekte sind genau kalkuliert. Ihn interessieren nur die Projekte, die sozusagen in ein Wespennest stoßen. Nicht, daß Christo sich unbedingt Ärger aufhalsen will. Ganz im Gegenteil. Wäre er darauf aus, würde er nicht mit jener bewundernswerten Geduld immer wieder die Öffentlichkeit von der Bedeutung und der Triftigkeit seiner Unternehmungen zu überzeugen - nicht zu überreden - versuchen. Christo hebt ab auf die Verfassung der Realität, visiert jene hintergründigen gesellschaftlichen Mechanismen an, die eine Gesellschaft natürlich in Gang halten. Seine Projekte projizieren, was Kunst nun immer getan hat, helle Schlaglichter auf die Realität; sie öffnen blitzartig den Blick und weiten damit vielleicht auch das Bewußtsein. Darum steht er auch einem mitunter an ihn herangetragenen Ansinnen, irgendwelche Bauwerke, zumal diejenigen, die man selbst verdrängen möchte, zu verpacken, ziemlich irritiert gegenüber. Christo ist kein Applikateur, er ist kein Verpackungskünstler, er ist keiner, der mit seinen Arbeiten eine womöglich schlechte Wirklichkeit mithilfe des schönen Scheins der Kunst zudecken will. Auf der anderen Seite heißt das jedoch nicht, daß Christos Projekte ohne ästhetische Dimension seien: Es gehört zunächst unverzichtbar zum Gelingen eines jeden Projektes, daß es verwirklicht wird, daß es Realität gewinnt. Eine Arbeit, die er nicht zu realisieren vermag, ist für ihn gescheitert. Mag sie auch die überraschendsten Auskünfte über die Zusammenhänge der Wirklichkeit zutage gefördert haben. Christo ist kein bloßer Registratur, er ist kein Soziologe, am wenigsten ein Statistiker. Seine Absicht ist es, in die Wirklichkeit - oder zumindest einen Teil davon - verändernd, gestaltend einzugreifen. The Running Fence hat die ausgewählte kalifornische Landschaft in dem Maße verändert wie es The Wrapped Reichstag Berlin tun würde. Dank der vorzüglichen Dokumentation von Wolfgang Volz wird mehr als eine schwache Ahnung von diesem berauschenden Seherlebnis vermittelt, das Running Fence augenscheinlich gewesen ist. Die ästhetische Komponente von Christos Arbeiten kann man aber nicht von der sozialen, politischen und ökonomischen trennen. Dazu sind seine Projekte schon in der Anlage zu komplex, zu wirklichkeits-verhakt. Das Ästhetische tritt erst in Kraft, wenn die politischen, sozialen und technischen Probleme gelöst sind. Und diese sind stets dann gelöst, wenn Christo sämtliche Beteiligten vom Sinn und vom Wert seines Unterfangens überzeugt hat. Ich kenne nur wenige Künstler, in deren Arbeit die Verwirklichung eines Kunstwerkes derart eng mit der praktischen Bewältigung von täglichen Realitätsfragen verbunden ist wie in Christos künstlerischem Werk. Darüber hinaus ist Christo allem äußeren Anschein zum trotz ein ungewöhnlich bescheidener Künstler. Er legt keinen Wert darauf - um Werner Spies zu paraphrasieren - eine bereits überfüllte Welt noch zusätzlich zu möblieren. Christos Projekte sind zeitunterworfen, zeitbedingt. Sie verschwinden nach kurzer Dauer wieder, lassen keine Spuren zurück es sei denn ihren dokumentarischen Niederschlag. Ihr ausschließliches Ziel ist es, die Grenzen des menschlichen Erfahrungshorizontes ein Stück weiter zu stecken, sowohl neue, nie gekannte Seherlebnisse zu evozieren und zugleich Denkprozesse, meinethalben auch Bewußtseinsprozesse, anzubahnen. Und irgendwie, ohne daß es direkt dingfest wird, haftet ihnen auch unterschwellig ein utopisches Moment an - jenen Lichtmomenten, die von einer unendlichen Freiheit, von einer Hoffnung auf eine bessere, ja schönere Welt zu künden scheinen. Auch das war Kunstwerken stets eigen. 'Kunst - was ist das?' Ich meine, Christos Werke sind Kunstwerke; und ganz gewiß nicht deshalb, weil alles Kunst sein kann. Aus diesem Grunde möchte ich energisch an die politisch Verantwortlichen appellieren, sich Christos Vorschlägen anzunehmen und den Reichstag in Berlin für vierzehn Tage zu verhüllen. Nichts könnte ein schlagenderes Bekenntnis dafür sein, daß man Kunst hierzulande auch künftig als eine Herausforderung an die Gesellschaft begreifen will; eine Herausforderung ohne die ein Gesellschaftssystem zwangsläufig vom allmählichen Erstarren befallen würde. Ich danke Ihnen.  

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Autor
Klaus Honnef

* 1939, Sowetsk, Rußland

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Wichtige Personen in diesem Artikel
Christo & Jean-Claude

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Weitere Personen
Alfred Hitchcock

* 1899, Leytonstone, Grossbritanien; † 1980 in Los Angeles, Verein. Staaten

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Karl Ruhrberg

* 1924, Wuppertal, Deutschland; † 2006 in Köln, Deutschland

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Werner Spies

* 1937, Tübingen, Deutschland

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Wolfgang Volz

* 1948, Tuttlingen, Deutschland

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